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04.02.2026, 10:35 Uhr
Philtrat
Text & Debatte

Eine Reflexion über Joana Osmans Sachbuch „Frieden. Eine reale Utopie“

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© Illustration von Bilal Safiou

Geschichten begleiten uns ein Leben lang. Amalia Rohrer hat für das Münchner Studierendenmagazin philtrat ein Gespräch mit der Autorin Joana Osman über deren neues Sachbuch Frieden. Eine reale Utopie geführt. Die daraus entstandene, hier vorliegende Reflexion zeigt: Erzählen ist essentiell für unser Zusammenleben. Und paradoxerweise kann es auch helfen, aus festgefahrenen Narrativen auszubrechen. 

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Joana Osman, 1982 in München geboren, ist Schriftstellerin, hat es zu ihrem Beruf und ihrer Aufgabe gemacht, Geschichten zu erzählen. Sie ist Tochter einer Deutschen und eines Palästinensers. Ihr Vater, zu dem Zeitpunkt noch ein Kind, floh mit seiner Familie im ersten arabisch-israelischen Krieg, während der Nakba nach Deutschland. Daher befindet Osman sich in einer besonderen Position. Sie steht emotional sehr nah am Konfliktgeschehen im Nahen Osten, hat Verwandtschaft im Libanon, trägt die Traumata ihrer Vorfahren mit sich und ist doch nicht unmittelbar betroffen. Aus dieser Position heraus hat sie ihr erstes Sachbuch Frieden. Eine reale Utopie veröffentlicht, in dem sie fordert: „Wir müssen über Frieden sprechen, denn wenn wir nicht über Frieden sprechen, hat der Krieg gewonnen.“  

In ihrem Sachbuch wird deutlich, dass Joana Osman auch in einem politischen Kontext, zumindest passagenweise, als kreative Romanautorin spricht. In unserem gemeinsamen Gespräch sagt sie: „Für mich ist Schreiben immer Therapie.” Was durchaus Sinn ergibt, wenn man bedenkt, dass sie bereits ihre Familiengeschichte in Romanform verarbeitet hat. Auf die Frage nach der Motivation für ihren zweiten Roman, sagt sie: „Ich wollte meinem Sohn nicht den unausgepackten Rucksack vererben.“

Sie verarbeitete das Trauma ihrer Vorfahren nicht nur für sich selbst, sondern auch für ihr Kind. Und es stellte sich heraus, dass dieser Rucksack nicht nur diffuse Angst und schweres Trauma enthielt, sondern auch eine Geschichte. Aus der Verantwortung, die sie der Nachwelt gegenüber verspürt, spricht auch ein Sendungsbewusstsein. Im Gespräch erzählt sie eine kurze Anekdote. Als sie 2003 ihr Englisch-Abitur schrieb, widmete sie sich der Essay-Frage: Has literature the power to change society? und beantwortete sie mit einem klaren Ja! Genau zwischen diesen beiden Dimensionen – dem Privaten, Persönlichen und dem Politischen – bewegt sich ihr literarisches Schreiben. Und außerdem das Erzählen von Geschichten als solches. 

Frieden geht in Massenproduktion

Im Rahmen ihrer zehnjährigen Friedensarbeit, insbesondere im Nahen Osten, ist Joana Osman Zeugin der Macht des Erzählens geworden. Zusammen mit der von ihr co-gegründeten Peace Factory organisierte sie Gesprächsrunden zwischen Palästinenser*innen, Israelis, Iraner*innen und vielen weiteren Nationalitäten und Ethnien. Hier wurden trotz der komplexen Differenzen persönliche Erlebnisse geteilt. Viele erzählten von Gewalt, Hass und Wut auf „den Feind“ oder „die Anderen“. Joana Osman reflektiert: „Wenn du mit deiner eigenen persönlichen Erfahrung die persönlichen Erfahrungen eines Anderen hörst, suchst du automatisch nach Gemeinsamkeiten.“ Ohne damit unterschiedlichste Gewalterfahrungen zu verharmlosen oder zu generalisieren, birgt die Entdeckung der Gemeinsamkeiten, über nationale und religiöse Grenzen hinweg, ein Potential für Identifikation und nicht zuletzt für ein besseres Verständnis. 

Unsere narrative Welt

Der Neurologe und Literaturwissenschaftler Fritz Breithaupt erklärt in seinem Buch Das narrative Gehirn. Was unsere Neuronen erzählen, weshalb Erzählungen innerhalb des sozialen Zusammenlebens überhaupt von Bedeutung sind. Er geht der Frage nach, inwiefern wir Menschen narrative Lebewesen sind, unsere Umwelt und uns selbst in narrativen Strukturen, also Strukturen, die einer erzähbaren Logik folgen, begreifen. 

Einige Grundüberlegungen sind dabei besonders interessant. Zum Beispiel konstruieren wir uns und unsere Mitmenschen gerne in binären Rollen, wie Held und Rivale, Liebende und Geliebter, Freund und Feind oder Opfer und Täter. Während uns diese Sichtweise dabei hilft, Unbekannte besser einzuschätzen und Vorhersagen über ihr Handeln zu tätigen, besteht die Gefahr, dass wir dabei die Menschen hinter den abstrakten Rollen vergessen. Um dem entgegenzutreten, hat unser Gehirn aber ein Ass im Ärmel: die Multiversionalität. Diese beinhaltet, dass von dem erwarteten Verlauf einer Episode immer mehrere Versionen existieren. Auch die Rollenverteilungen können sich also verschieben. 

Hinzu kommt etwas, das man beinahe als Fehlprogrammierung unseres Gehirns bezeichnen könnte. Neutral betrachtet erscheint der Umstand nämlich seltsam, dass unser Gehirn nicht vollständig zwischen Selbsterlebtem und durch Erzählung Vermitteltem unterscheiden kann. Tatsächlich werden im Körper die gleichen Hormone ausgeschüttet, unabhängig davon, ob wir von etwas selbst betroffen sind – in unserem eigenen Film spielen – oder nur den Film eines Anderen ansehen. 

Wovon unser Gehirn erzählt 

Für uns hat das verschiedene Folgen: Zunächst können wir Narrative, die unseren politischen Alltag prägen, immer neu denken. Denn zu jeder von uns erzählten oder herbeigewünschten Fassung einer Episode können wir auch einen alternativen Verlauf imaginieren. „Es kann immer auch anders kommen“, schreibt Breithaupt.

Da unser Gehirn keinen eindeutigen Unterschied zwischen Erzählung und eigener Erfahrung macht, können wir über das Zuhören einen Punkt der echten Empathie erreichen. In den Worten Fritz Breithaupts „verdoppeln [wir] unser Leben“, da die Erfahrungen eines Anderen „zumindest in einem bestimmten Maße meine eigenen Erfahrungen werden“ können. Jemand, den man zuvor als Feind eingeordnet hat, kann nun zum Freund werden. Joana Osman bringt es auf den Punkt: „Indem wir einander dazu ermutigen, unsere persönliche Geschichte zu erzählen, machen wir die Menschen hinter dem Label, hinter dem Feindbild sichtbar.“ 

Und zu guter Letzt erlaubt uns die Multiversionalität von Narrationen, auch Unterschiede auszuhalten. Breithaupt hält fest: „Narrationen [kommen] immer im Plural. Zu jeder Narration gibt es eine Gegennarration.“ 

Zwischenmenschliche Kommunikation ist also von Narrationen bestimmt und darin liegt ihr großes Potential. Nicht nur im Kleinen, auch im Großen ist unser politisches Miteinander von Erzählstrukturen geprägt, die uns im besten Fall einen und mobilisieren und im schlimmsten Fall ausgrenzen, polarisieren und zur Gewalt treiben. Während unser kategorisches Denken von diesen Narrativen befeuert wird, verbirgt sich in ihm auch die Möglichkeit, alles wieder umzuwerfen. Das von Joana Osman geforderte Gegennarrativ kann mithilfe unserer Erzähl- und Denkstrukturen verschiedene Perspektiven vereinen: Wir sind angehalten eine Vision von Frieden und Demokratie zu entwickeln, „nicht in eine Problemtrance zu verfallen“, wie Joana Osman in unserem Gespräch betont.

Mit unseren menschlichen Fähigkeiten sind wir in der Lage und dazu aufgerufen, unsere ganz eigene, vielperspektivische und pluralistische Geschichte zu erzählen und in ihr frei und friedlich zu leben. 

 

Dieser Artikel erschien in der 37. Ausgabe der philtrat unter dem Titel „Erzähl mir vom Frieden!“.

Externe Links:

Website von Joana Osman