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„SIE“. Eine Erzähung von Noemi Schneider

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Bild von Gordon Johnson auf Pixabay

Noemi Schneider ist Autorin, Filmemacherin und Journalistin. Die 1982 geborene Münchnerin schreibt für Erwachsene sowie Kinder und arbeitet seit 2008 als freie Autorin für Film, Funk und Print, u.a. für Deutschlandfunk Kultur. 2021 war Noemi Schneider Stipendiatin des Deutschen Studienzentrums in Venedig. 2023 wurde sie zusammen mit den Illustratoren für das Bilderbuch Ludwig und das Nashorn mit dem „Luchs des Monats“ ausgezeichnet. Der folgende Text ist eine (Meta-)Erzählung über die Liebe und was es heißt, Liebe zu „erben“.

*

Kann man Liebe erben? Ich denke schon. Die Liebe zu ihr habe ich von meinem Vater geerbt, der sich als Student in sie verliebte.

An unsere allererste Begegnung kann ich mich nicht erinnern, denn damals befand ich mich noch im Bauch meiner Mutter – meine Eltern verbrachten ihre Flitterwochen bei ihr. Das war im Januar 1982. 

Sie zu lieben bedeutet, sie zu teilen. Sie ist nicht exklusiv.

Am schönsten ist sie im Januar, aber das habe ich erst später erfahren.

Als ich meine Augen zum ersten Mal aufschlug, sah ich ihr Porträt in unserem Wohnzimmer. Es hängt immer noch dort. Mein Vater erzählte mir alles über sie.

Ihre große Liebe, sagte er, sei das Meer. Sie habe einen exquisiten Geschmack und Stil, sei zerbrechlich und stark zugleich, in jeder Hinsicht außergewöhnlich und sehr aufgeschlossen. Obwohl sie verheiratet sei, habe sie viele Liebhaber aller Geschlechter aus der ganzen Welt. Sie liebe Musik, Kunst, Literatur, Architektur und Film, könne ausgezeichnet rudern, sei eine begabte Sängerin, und ihre Schönheit sei so überwältigend, dass manche Menschen darüber vollkommen verrückt würden. Am liebsten bespiegele sie sich selbst und bade im Licht. 

Ihr Name gehörte zu den Wörtern, die ich als erstes lernte. Sieben vielversprechende Buchstaben. Und auch nach 43 Jahren haben diese sieben Buchstaben nichts von ihrem Zauber verloren. Die Sehnsucht nach ihr wurde ein Teil meiner Kindheit. Heute weiß ich, dass die Sehnsucht nach ihr ein Teil von ihr ist. 

Am verrücktesten ist sie im Februar, aber das habe ich erst später erfahren.

Liebe zu erben heißt, sich nicht von sich aus zu verlieben, sondern die Liebe eines anderen zu übernehmen. Und deshalb fängt man irgendwann damit an, sie in Frage zu stellen. Mein Soziologieprofessor hat immer gesagt, wenn man nach dem Grund einer Liebesbeziehung fragt, ist sie vorbei und so war es auch bei uns.

Am charmantesten ist sie im März, aber das habe ich erst später erfahren.

Als ich alt genug war, brachte mich mein Vater zu ihr. Es war irgendwann im August, Ende der 1980er-Jahre und unerträglich heiß. Als sie erschien, sie taucht nie auf, sie erscheint, auftauchen ist viel zu gewöhnlich, und sie ist das Gegenteil von gewöhnlich, als sie also zum ersten Mal vor mir erschien, fühlte es sich seltsam vertraut und zugleich surreal an. Dieses Gefühl ihr gegenüber hat sich nie geändert. 

Sie zu lieben heißt, über die eigene Vorstellungskraft hinauszugehen.

Am überraschendsten ist sie im April, aber das habe ich erst später erfahren.

Was sie damals für mich so besonders machte, weiß ich heute, war die Liebe meines Vaters. Es war nicht sie. Ich kannte sie ja gar nicht. Ihre Schönheit faszinierte mich zwar, aber um ehrlich zu sein, interessieren sich 5-Jährige nicht so sehr für Schönheit, sondern für Eiscreme. Von unserer ersten Begegnung habe ich nur Bruchstücke in Erinnerung: Straßenhändler, die kleine Soldaten, Panzer, Handtaschen und Souvenirs verkauften, Tauben, Möwen, die Kühle im Inneren der Kirchen, Musik, endlose Spaziergänge in der Hitze und das beste Eis, das ich je gegessen habe.

Die Zeit mit ihr, lernte ich schnell, ist immer begrenzt. Sie wieder verlassen zu müssen, ist Teil der Liebe zu ihr. Der schlimmste Teil. Der Beste ist, zu wissen, dass man sie wiedersehen wird. 

Am unbeständigsten ist sie im Mai, aber das habe ich erst später erfahren.

Von da an besuchten wir sie ein- oder zweimal im Sommer. Die Tage mit ihr waren immer gleich und doch anders – so wie sie. Schon damals hatte ich das Gefühl, dass ich nie genug von ihr bekommen würde. Aber, um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen. Sie übt nicht auf jeden dieselbe Wirkung aus. Es gibt Leute, die sie nicht mögen. Sie halten sie für überbewertet, betrügerisch, eitel, unpraktisch und egoistisch. Aber für Romantikerinnen wie mich ist sie toxisch.

Am angenehmsten ist sie im Juni, aber das habe ich erst später erfahren.

In meinen Zwanzigern fuhr ich mit einer Freundin für eine ganze Woche zu ihr. Zum ersten Mal verbrachten wir Nächte und Tage zusammen. Ich muss zugeben, die Nächte waren erstaunlich langweilig und still. Früher war es genau umgekehrt, erzählte sie mir. Tagsüber schlief sie und nachts gab es Bälle, Vergnügungen aller Art und Empfänge. 

Es war eine herrliche Juniwoche Ende der 2000er-Jahre, aber etwas fehlte, jemand fehlte und ich lernte das vielleicht Wichtigste über sie:

Sie (ver)ändert sich nicht. Alles um mich herum hingegen veränderte sich in rasender Geschwindigkeit. Bis heute bin ich mir nicht sicher, ob das frustrierend oder beruhigend ist. Damals fand ich es eher deprimierend. Mein Vater war bereits erkrankt und hatte damit aufgehört, sie zu besuchen. Er behauptete, er habe das Interesse an ihr verloren, aber ich glaubte ihm kein Wort. 

Sie zu lieben heißt, sich bewusst zu sein, dass man vor ihr sterben wird.

Im Juli ist sie am unerträglichsten, aber das habe ich erst später erfahren.

Nachdem mein Vater im November gestorben war, besuchten meine Mutter und ich sie ein paar Jahre lang, rund um seinen Todestag, für ein Wochenende. Diese Pilgerfahrt erwies sich als ziemlich anstrengend. Sie, schön und charmant, wie immer, war beschäftigt, wie immer, und hatte keine Zeit, meinen Vater zu betrauern. Trauer liegt ihr nicht. Meine Mutter und ich vermissten meinen Vater und versuchten ihn, so gut es ging, zu ersetzen, aber es gelang uns nicht. Nach ein paar Jahren hörten wir auf, sie zu besuchen und ich vermisste sie kein bisschen. Damals vermisste ich sie nie. Ich wusste nicht, wie es sich anfühlen würde, sie zu vermissen. Heute weiß ich es. 

Im August ist sie magisch, aber das habe ich erst später erfahren.

In den darauffolgenden Jahren reiste ich um die ganze Welt und fand nicht, wonach ich suchte. Ende der 2010er-Jahre besuchte ich sie erneut, gemeinsam mit einer Freundin. Ich hatte schlimme Rückenschmerzen und tat fünf Tage lang so, als ob es mir gut ginge. Etwas fehlte, jemand fehlte. Von dieser Reise sind mir nur Schmerzen in Erinnerung.

Am glamourösesten ist sie im September, aber das habe ich erst später erfahren.

Im Sommer 2021 erhielt ich ein dreimonatiges Künstlerstipendium der deutschen Regierung, das mich zu ihr zurückbrachte. Es war ein sehr heißer und unerträglich schwüler Freitag Anfang Juli. Der Zug hatte Verspätung. Ein Freund holte mich vom Bahnhof ab. Ich war furchtbar nervös, weil ich in weniger als zehn Minuten bei der Künstlerresidenz sein musste, bevor die Sekretärin sich ins Wochenende verabschiedete. Der Freund schleppte meinen schweren Koffer, während wir Google Maps hinterherrannten, um unser Ziel schweißüberströmt, aber rechtzeitig zu erreichen. Die Sekretärin führte mich kurz herum, händigte mir die Schlüssel aus und verschwand. Mein Freund und ich tranken einen Aperitivo in der Abendsonne auf einem großen Platz in der Nähe, dessen Name ich damals noch nicht kannte. Ich fühlte mich seltsam glücklich und berauscht, denn ich wusste, dass ich die nächsten drei Monate bei ihr verbringen würde und endlich die Gelegenheit haben würde, sie besser kennenzulernen. Wir gingen in ein schickes Restaurant, saßen am Wasser und sprachen über die Ehe und die Kunst. Nachdem wir bezahlt hatten, fing es leicht zu tröpfeln an. Innerhalb weniger Minuten verdunkelte sich der Himmel, es begann zu donnern, und plötzlich brachen Wassermassen aus den Wolken hervor, die die steinernen Gassen innerhalb weniger Minuten überfluteten. Wir rannten durch den strömenden Regen und suchten Schutz unter dem Dach einer Kirche, deren Namen ich damals noch nicht kannte und erreichten, bis auf die Haut durchnässt, die Wohnung, in der ich die nächsten drei Monate verbringen würde. 

Sie zu lieben bedeutet, immer auf das Unerwartete vorbereitet zu sein.

Am romantischsten ist sie im Oktober, aber das habe ich erst später erfahren.

In jenem Sommer begriff ich, dass ich so gut wie nichts über sie wusste, obwohl ich sie seit fast vierzig Jahren kannte. Wir fingen bei null an, saßen stundenlang unter ihrem Lieblingsmaulbeerbaum, plauderten, kicherten oder schwiegen, und plötzlich fehlte überhaupt nichts mehr.

Ich versprach ihr, niemandem zu verraten, wo sie war. Und das tat ich auch nicht. Mein Wissen über sie teilte ich zu Beginn noch großzügig mit Freunden und Bekannten, die mich besuchten. Aber ich lernte schnell, dass es sehr ermüdend ist und viel zu viel Zeit kostet, meine Liebe zu ihr, Menschen zu vermitteln, die zu faul sind, um sich über sie zu informieren, zu faul, sie zu entdecken, Menschen die ihr keine Achtung und keinen Respekt entgegenbringen, sondern nur Pins auf Google Maps setzen wollen, Menschen, deren erste Priorität, essen! ist und die zweite, Selfies machen, Menschen, die nur von ihr profitieren wollen, weil sie selbst weder Stil noch Geschmack besitzen.

Man kann eine Menge über sie lernen aber nicht, sie zu lieben, begriff ich.

Am geheimnisvollsten ist sie im November.

In jenem Sommer lernte ich viele ihrer Liebhaberinnen und Liebhaber kennen. Wir verstanden uns blendend. Alle waren außergewöhnlich klug, witzig und inspirierend, genauso wie sie. Und zum ersten Mal in meinem Leben fühlte ich mich nicht mehr allein.

Fast jeden Abend in jenem Sommer saßen wir gemeinsam auf einer großen Terrasse, tranken Prosecco, sprachen miteinander und schwärmten von ihr, während der Mond ihre Gestalt belichtete und die Perseiden funkelnde Lichtschweife vom Himmel auf die verspiegelte Wasseroberfläche des großen Canals warfen. In einer dieser Nächte habe ich mein Herz an sie verloren, ein für alle Mal. 

Am poetischsten ist sie im Dezember.

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Eine englische Fassung des Textes finden Sie hier.

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