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24.04.2026, 11:21 Uhr
Thomas Lang
Spektakula

Eröffnungsabend der 33. Ingolstädter Literaturtage 2026

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Raphaëlle Red im Gespräch mit Jonas Lüscher © Literaturportal Bayern

Seit 1995 sind die Ingolstädter Literaturtage ein fester Bestandteil des öffentlichen Lebens in der Donaustadt. Neben etablierten Schriftstellerinnen und Schriftstellern wie Büchnerpreisträgerin Ursula Krechel oder Daniela Dröscher liest am Eröffnungsabend die aus Frankreich stammende Debütautorin Raphaëlle Red.

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Das Georgianum, Gebäude der ehemaligen Hochschule Ingolstadts vom Ende des 15. Jahrhunderts, ist derzeit wegen einer Sanierung von einem Bauzaun fast umstellt. Zwischen daran befestigten bedruckten Planen mit Schwarzweißfotos von einem älteren Zustand des Gebäudes springt einem ein buntes Bild von Mary Shelley entgegen, die hier ihren unseligen Dr. Frankenstein aus Leichenteilen ein künstliches Wesen erschaffen ließ. Von solchen Verruchtheiten ist im Ingolstadt unserer Tage freilich nichts mehr zu spüren. Auch in dem alten Collegium herrscht heute eine fast nüchterne Aufgeräumtheit.

Der Kulturreferent der Stadt Ingolstadt, Marc Grandmontagne, nutzt die Gelegenheit, um angesichts des finanziellen Drucks, den das nachlassende Geschäft des hier ansässigen Autobauers auch und gerade für die Kultur bedeutet, der mehr oder weniger jedoch auf ganz Deutschland lastet, in einer engagierten Ansprache für die Bedeutsamkeit des literarischen und sonstigen kulturellen Lebens für die Gesellschaft hinzuweisen. Sie lesen dieses Grußwort hier.

Gast des Eröffnungsabends ist Raphaëlle Red. Die Autorin mit väterlicherseits togoischen Wurzeln wurde 1997 in Paris geboren und ist in Berlin aufgewachsen. Ihren Debütroman Adikou schrieb sie auf Französisch, er erschien 2024 sowohl in Frankreich als auch, in der deutschen Fassung, hierzulande. Red sagt, dass es ihr lieber gewesen sei, das Buch in enger Abstimmung mit ihr von jemand anderem übersetzen zu lassen. Nach sechs Jahren Arbeit an dem Text habe sie sich anderen Dingen zuwenden wollen, die ihr näherlägen als die 20-jährige Protagonistin Adikou. Laut dem Rowohlt Verlag handelt es sich bei dem Debüt um eine „Road-Novel über die Nachleben der Vergangenheit und darüber, was es bedeutet, zur eigenen Sprache zu finden“.

Moderator Jonas Lüscher, ein schweizerisch-deutscher Schriftsteller und Essayist, lebt seit vielen Jahren in München. Seine Roman Kraft gewann 2017 den Schweizer Buchpreis, und für Verzauberte Vorbestimmung erhielt er 2025 unter anderem den Wilhelm-Raabe-Literaturpreis sowie den Marieluise-Fleißer-Preis. Er fragt Red gleich nach ihren literarischen Vorbildern aus der Beat-Generation – Jack Kerouac, Allen Ginsberg und weiteren. Red spricht darüber, dass diese bei aller Rebellion schließlich doch Privilegien genossen hätten. Was mit dem Begriff der Freiheit geschieht, wenn eine nicht weiß und männlich ist, gehört zu den Fragen ihres Romans.

Gefühle und Geister

Ein weiterer Teil des Gesprächs dreht sich um das Gefühl der Wut. Die junge Protagonistin Adikou ist offenbar sehr wütend. Ihr Roman, so Red, frage: Was kann die Wut? Was ist das für eine Energie? Mit diesem und noch anderen Themen begleiten die Leserinnern und Leser Adikou u.a. nach New York und nach Ghana. Die Müdigkeit schildert sie als Kehrseite der Wut. Jonas Lüscher fragt auch nach der Bauweise des Textes und bemerkt, dass es sich trotz mancher biografischen Parallelen zwischen Autorin und Hauptfigur eindeutig nicht um einen autofiktionalen Text, sondern um einen Roman handele.

Raphaëlle Red, die Sozialwissenschaften in Paris aber auch literarisches Schreiben studierte und in drei Sprachen (neben Französisch und Deutsch noch Englisch) schreiben kann, hat eigentlich immer kluge Antworten und Überlegungen zu den Fragen ihres Kollegen. In ihrer herzgewinnenden, statt wütenden eher souveränen Art wirkt sie dennoch mehr wie eine Suchende und Fragende, nie wie eine Belehrende.

Der zweite Teil Ihrer Lesung erzählt von der Reise der Protagonistin nach Afrika auf der Suche nach dem abwesenden Vater. Red klärt kurz darüber auf, dass die einstige deutsche Kolonie Togo nach einer kurzen demokratischen Phase seit Mitte der 1960er-Jahre bis heute von einem Diktator und nun dessen Sohn beherrscht wird.

Im Roman selbst jedoch geht es schnell um den togoischen Vater als eine Geist-Erscheinung. Wie sehr er sich als (literarische) Figur manifestiert, bleibt offen. Er könnte ein Fiebertraum der Protagonistin sein. Aber wenn der Wunsch groß genug ist, so legt der Text nahe, wird ein „Geist“ auch real. Real bedeutet, dass die Sehnsucht nach der Erscheinung, evtl. der Spuk im Kopf, sich derart verdichtet und so stark wird, dass sie das Leben der Hauptfigur beeinflusst. Red spricht in diesem Kontext auch von einem Phantomschmerz, den das Fehlen des Vaters bei Adikou auslöse.

Neben einige klugen Beobachtungen äußert sich die junge Autorin auch zur Frage, was eigentlich Multikulturalität bedeute. Bei ihr gehe man davon aus, dass sie als schwarze Person mit Wurzeln in Afrika und Frankreich von unterschiedlichen Kulturen beeinflusst sei. Die Frage stelle sich aber, ob etwa ein Paar mit unterschiedlichen sozialen Herkünften nicht ebenso als multikulturell angesehen werden müsse.

Die sehr gut besuchte Lesung aus Adikou von Raphaëlle Red bildet einen gelungenen Auftakt zu den diesjährigen Ingolstädter Literaturtagen. Bis zum 28. April bleibt die Autostadt weiter eine Literaturstadt. Alte Häsinnen und Hasen, darunter so illustre Namen wie Ursula Krechel oder Daniela Dröscher, wechseln sich mit Newcomerinnen und Newcomern ab. Neben klassischen Lesungen wird es solche mit Musik oder performativen Elementen geben.