Mareike Eissing: „Kaltwalzwerk“

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(c) Mareike Eissing

„Woher kommt diese Hitze im Gehirn, das unbedingte Gefühl, schreiben zu wollen, zu müssen? Was baut sich in unseren Köpfen auf, wenn der Cursor in einem noch leeren Dokument blinkt oder wir auf eine eng bedruckte Seite starren?“ In dem von Milena Adam und Thomas Lang geleiteten Seminar „Magmakammer des Schreibens“ der Bayerischen Akademie des Schreibens hat es gebrodelt. Das Literaturportal Bayern stellt die Texterzeugnisse, die dabei ausgespuckt wurden, vor.

Mareike Eissing, geboren 1999 in Bonn, studiert Germanistik, Kommunikationswissenschaften und European Economic Studies in Bamberg. Stets ist sie auf der Suche nach neuen Welten, die sie ergründen kann.

*

 

»Kaltwalzwerk, Warmwalzwerk, Stahlwalzwerk«, das würde Zana Schwind später auf einem Ausstellungscontainer lesen. Noch war sie mit den Öffentlichen unterwegs ins Zentrum von Eisenhüttenstadt. Als Regisseurin der Zukunft musste sie sich klimabewusst zeigen. Zanas erster Gedanke nach ihrer Ankunft war »Provinzbahnhof« gewesen. Ihr zweiter: »Das ist doch keine Stadt«. Ihr dritter: »Vorher sollte man sich immer etwas auf Google ansehen.« Ihr vierter Gedanke wurde von dem Bimmeln der Bahnübergangsschranke übertönt. Nach zwanzig Minuten kam die Busverkehr Oder-Spree GmbH. Zana kaufte ein Ticket und der Fahrer, dessen Enkel in der ersten Reihe herumturnte, schenkte ihr ein Karamellbonbon.

Sie sah aus dem Fenster, doch viel war es nicht, was da an ihr vorbeizog. Zana Schwind musste sich konzentrieren, um diese Leere als »belebend« zu empfinden. Es war ihr Job, aus dem Nichts etwas Utopisches entstehen zu lassen. Bis vor ein paar Wochen war sie dafür bekannt und vor allem geschätzt gewesen.

Seitdem war jedoch einiges passiert. Unter anderem hatten radikale Aktivistinnen ihre Wohnung in Charlottenburg mit Farbbeuteln attackiert. Dazu hatten sie »Run the World (Girls)« von Beyoncé aufgedreht und sich mit Spraydosen an ihrem SUV vergangen. Das Geheul der Alarmanlage hatte sie gar nicht interessiert. Auch eine wilde Zana Schwind im Morgenmantel, die versucht hatte, mit einem Feuerlöscher vom Balkon aus auf die Vermummten in ihrem Vorgarten zu zielen, hatte nichts weiter bewirkt – bis auf eine Schlagzeile in der BILD.

Als endlich die Polizei eingetroffen war, konnte die Beamten bloß noch Beweismaterial sicherstellen: Einige BHs in der Hecke. Frontscheibe beschmiert mit »Eurozentrische Cis-Sau«. Was die Hausfassade betraf: überströmt mit roter Farbe. Zana Schwind erklärte den Polizisten, dass es wahrscheinlich Menstruationsblut darstellen sollte.

»Und Sie sind sich sicher, Frau Schwind, dass es sich nicht um eine ¾ wie nennt sich das doch gleich in ihren Kreisen...«

»Sie meinen Performance.«

»Exakt ¾ Performance ¾ handeln könnte?«

»Ja, da bin ich sicher. Ich erstatte Anzeige.«

»Und Sie sagten, Sie sind Künstlerin.«

»Regisseurin. Nicht Künstlerin.«

»Und so etwas ist in Ihrem Bereich, Frau Schwind ... nicht gewissermaßen Normalität?«

»Auf den Bühnen meiner Berliner Kollegen zweifellos, ja. In meinem Vorgarten aber nicht! Haben Sie sich umgesehen?« Sie fuchtelte mit ihren Armen in Richtung Gartenhecke, Haus und SUV, bevor sie den Gürtel ihres Morgenmantels enger schnürte.

»Und damit bitte ich Sie, Polizist soundso, meine Anzeige ernst zu nehmen! Das war Hausfriedensbruch, Sachbeschädigung und Nötigung! Aber eins sag‘ ich Ihnen: Radikalismus lasse ich mir nicht bieten.«

Der Polizist notierte, dachte nach. Schaute kurz zu seinem Kollegen, der gerade dabei war, einen BH einzutüten, gab sich dann einen Ruck und fragte mit gesenkter Stimme: »Wie kommt man als Regisseurin denn zu sowas?« Zana Schwind sah auf seine gerunzelte Stirn und schüttelte kaum merklich den Kopf.

»Haben Sie, was Sie von mir brauchen?«

Er nickte. Sogleich drehte sie sich um und stapfte zurück zu dem dunklen Haus. Erst als sie den spitzen Kies spürte, bemerkte sie ihre nackten Füße. Bei der Treppe angekommen, überlegte sie es sich doch anders.

»Öffnen Sie eine Zeitung und blättern Sie zum Feuilleton. Oder für Ihre Altersgruppe: Gehen Sie auf Twitter. Da finden Sie« ¾ sie drehte sich zu dem Beamten um und beschrieb mit ihren Armen einen weiten Kreis ¾, »alles. Alles über meine Inszenierung, eurozentrische Logik, stereotype Haltung. Und Sie werden sehr übles Zeug über meine Person lesen. Dinge, die ich nicht einmal selbst über mich wusste. Viel Vergnügen bei der Lektüre und gute Nacht, die Herren.«

Damit ging sie ins Haus und schloss schwungvoll die Tür. Erst als sie sah, wie das Polizeiauto kiesknirschend das Grundstück verließ, knipste sie das Flurlicht an.

Während Zana Schwind versunken über den bunten Stoffbezug streichelte, sprang die Anzeige im Bus von einer Haltestation zur nächsten. Niemand betätigte den Halteknopf. Nur um aus Berlin wegzukommen hatte sie dem Intendanten aus Eisenhüttenstadt zugesagt, sich für das Friedrich-Wolf-Theater eine Inszenierung auszudenken. Schien so, als hätte Ansgar Grahn keine andere Regie finden können. Das sprach nicht gerade für das Theater. Der Name Zana Schwind gehörte zu einer der aktuell unbeliebtesten Personen in der gesamten deutschsprachigen Theaterszene. Sie dachte an den dicklichen Kater ihrer Mutter. Eines Tages würde die Achtzigjährige über das Tier stolpern und sich das Genick brechen. Zana hätte ihn mitnehmen sollen. Als sie sich umsah, merkte sie, dass der Bus bis auf einen Rollstuhlfahrer leer war.

Seit dem Vorfall mit den BHs und den roten Farbbeuteln lebte sie im Schatten, wenn man das so sagen kann. Am Tag darauf war sie auf unbestimmte Zeit zu ihrer Mutter nach Bayern gezogen. Dort versuchte sie, den Shitstorm weitestgehend offline über sich ergehen zu lassen. Todesdrohungen prasselten auf ihre Postfächer ein. Medien berichteten über den »blutigen Vorgarten-Anschlag». Die Theater- und Kulturszene echauffierte sich weiterhin über ihre Inszenierung, manche Meinungsführer lobten den Anschlag gar als »performativen Akt der Dekonstruktion«.

Zana Schwind zog unterdessen ihr strammes Tagesprogramm durch. So, wie sie es sonst auch tat, aber nicht in Berlin, sondern bei ihrer Mutter auf dem Land. Fünf Uhr dreißig: sieben Kilometer um den nebelverhangenen Dorfweiher, anschließend Workout auf der Terrasse. Kurzer Plausch über den Zaun mit dem blumengießenden Nachbarn. Marmeladenbrot und Pfefferminztee auf der Küchentheke. Nachrichten, Feuilleton, Theaterstücke. Chatverläufe, Nachtkritiken, Nachgespräche. E-Mails. Beim Telefonieren ging sie im Wohnzimmer ihrer Mutter auf und ab, ohne auf den Kater zu treten. Wenn jemand den Vorfall ansprach, legte sie auf. Wer sie dazu anschrieb, der wurde blockiert. Es gab aus ihrer Sicht nichts zu erklären. Die immergleiche Tagesroutine stärkte sie. Ebenso wie die Vorstellung, ihre Autorschaft schwebe unter einem Fallschirm der Göttin Minerva über Berlin. Ein Schirm für ihre Gedanken gegen die Stöße des Lebens, das wäre schön.

Sie hatte den Kater mit dem Fuß beiseitegeschoben und sich aufs Sofa gelegt, den Siebenkäs von Jean Paul in der Rechten, eine kalte Cola light in der Linken. Es musste das dickste Reclam auf dem Markt sein und es war genau die Art von Lektüre, die sie brauchte. Dass ein zweihundert Jahre alter Text noch immer eine solche Wucht entfalten konnte. Noch immer eine einsame Seele zu rühren vermochte, wenn er ihr gegenüber trat wie ein unverhoffter Freund. Welche Prozesse die Lektüre jedes Mal in Gang setzte, wie es ihr Denken für die Utopie öffnete. Es miaute zwischen ihren Zehen. Sie hob das Buch an und schaute in ein undurchdringliches Augenpaar. »Weißt du was das Problem ist«, sagte sie zu dem Kater und tippte auf das Reclamheft. »Der da ist ein Mann, du auch, und ich bin eine Frau.«

 

Im Bus versuchte sie das Geruckel auszublenden. Wenn sie so die Augen schloss und ihren Kopf am Polster ruhen ließ, konnte sie spüren, wie die schlaffe, verkümmerte Hand der Stadt über ihr lag. Das musste am Schlafmangel liegen. Trotzdem war sie jeden Morgen um halb Sechs um den Dorfweiher gelaufen. Gehorsam hatte sie die Trillerpfeife mitgenommen – ihre Mutter wurde nie müde, jeden Abend inständig darum zu bitten. Falls der komische Typ aus dem Dorf doch mal ... sie wisse schon.

In der Fensterscheibe des Busses konnte Zana ihr Spiegelbild sehen. Ihre Züge waren gealtert, bemerkte sie. Das Botox in der Zornesfalte war trotzdem keine gute Idee gewesen. Gerne würde sie jetzt ihre Stirn runzeln. Sie betrachtete ihre Hände. Waren die auch erschlafft, wie die Stadt? Dieses Eisenhüttenstadt? Sanft zeichnete sie ihre Augenringe auf der Scheibe nach. Nächste Woche würde sie fünfzig werden.

Als sich die Bustüren zur Lindenallee schmatzend öffneten, stieg sie aus. Der kleine Enkel des Busfahrers winkte ihr noch hinterher. Vor ihr strahlte das buttergelbe Friedrich-Wolf-Theater in der Sonne, sechs kantige, klinisch-weiße Säulen markierten die Front. Beinahe hätte sie den Intendanten übersehen, der schnellen Schrittes auf sie zugelaufen kam.

»Frau Schwind, ich grüße Sie!« Der Händedruck von Ansgar Grahn glich einem schweißigen Schraubstock.

»Wie schön, Sie endlich persönlich hier bei uns in Hütte begrüßen zu dürfen. Mal was anderes als die Hektik der Großstadt, nicht wahr?« Er lächelte befangen. »Bevor sie über diese Stadt urteilen, lassen Sie mich kurz ausholen. Ich habe da etwas für Sie vorbereitet.« Er holte einen Zettel aus seiner Hosentasche, während Zana ihm die Stufen hinauf zum Theater folgte.

«Ich bin ja Franke, wie Sie. Kann mich da gut reinversetzen, was Sie erst mal denken. Osten, DDR, Plattenbau...«

»Dann überzeugen Sie mich mal vom Gegenteil, lieber Herr Grahn!» Zana schenkte ihm ein kühles Lächeln, während Ansgar Grahn ihr die Tür zum Foyer aufhielt. Dort setzte er sich seine in die Stirn geschobene Hornbrille auf die Nase und begann, in tragendem Ton vorzulesen.

»In den Farben rotbraungrau schimmert der Glanz dieser Stadt, die den Eisenerz nicht nur im Herzen, sondern auch in ihrem Namen trägt, verhüttet und verziert. In der Glut des sozialistischen Arbeitertraums geschaffen, treibt Eisenhüttenstadt seit 1953 am östlichen Rand der Republik sein Unwesen.« Sie musterte den Intendanten, wie er Luft holte und sich sein Bauch unter dem weißen Leinenhemd wölbte.

»Blickt man die Hauptstraße entlang, gießen sich die Umrisse des fünften Hochofens breitschultrig in den Sonnenuntergang hinein, zu den Füßen des Stahlwerks eine glückliche Planstadt, überquellend von Jugend, Gemeinschaft und Kultur. Bis zum Mauerfall, da hat die Leute dann nichts mehr hier gehalten. Aus dem Staub gemacht haben sie sich. Doch mit Leere kommt immer auch Neues zum Vorschein.« Er zwinkerte verschmitzt. Dann faltete er den Zettel zusammen und steckte ihn wieder in die Hosentasche.

 »Das war der poetische Teil, nun zu den Fakten, Frau Schwind. Stahlwerk, verdammt wichtig. Wohnkomplexe, wichtig. Manche aber inzwischen gesprengt. Viel renovierter Neoklassizismus, aber sowas muss ich Ihnen ja nicht sagen. Turmlos, keine Kirchen. Aber größtes Flächendenkmal Deutschlands, ganz klar.« Grahn machte eine energische Handbewegung.

»So viel zur Stadt, nun zum Theater. Sie trinken doch sicher Bier? Kommen Sie, kommen Sie, ich zeige Ihnen die Büros.«