Rezension zu Joana Osmans Roman „Wenn wir vom Fliegen träumen“
Joana Osmans Roman Wenn wir vom Fliegen träumen (Penguin 2026) gehört zu den wichtigen Neuerscheinungen des Frühjahrs. Günter Keil hat das Werk der vielbeachteten Autorin für das Literaturportal Bayern gelesen.
*
„Es war nicht zum Aushalten, ehrlich.“ Bereits auf den ersten Seiten macht die Ich-Erzählerin klar, wie sterbenslangweilig ihr die namenlose Kleinstadt vorkommt, in der sie mit ihrer besten Freundin Liz feststeckt. Beide sind 16, und am liebsten würden sie sofort abhauen, irgendwohin, wo es mehr zu sehen und vor allem zu erleben gibt. Denn eigentlich, meint Jette, aus deren Perspektive Joana Osman ihren Plot entfaltet, sei ihr Geburtsort nur ein Dorf. „Aber keines mit Bauernhöfen und Kühen und dem ganzen anderen malerischen Zeugs, mit dem die Tourismusbehörde Werbung macht, sondern einfach nur eine Ansammlung von Einfamilienhäusern mit gepflegten Vorgärten, die direkt an der Bahnlinie lagen.“ Eine Zumutung für die beiden Teenager, das leuchtet ein, und Osman gelingt es von Beginn an mit spielerischer Leichtigkeit, den Ton von Liz und Jette authentisch einzufangen. Dass sich die Jugendlichen mit den für sie trostlosen Umständen nicht abfinden werden, schimmert sogleich durch. Denn Osman baut von der ersten Zeile an eine Art fröhlicher Spannung auf. Irgendetwas muss passieren, spüren die Mädchen. Und siehe da, irgendetwas wird passieren.
Bis jedoch blaue Prachtlibellen durch die Luft schweben, Sinnfragen auf Mauern gesprüht werden, Frösche aufmüpfig Straßen blockieren, und sich endlich wieder Lebensfreude unter den Menschen ausbreitet, vergeht noch etwas Zeit. Diese verbringen Liz und Jette oft mit Jack; nach der Schule hängen sie gemeinsam ab, und die Mädchen staunen über den nur etwas älteren Jungen, der meist grübelt und schweigt, sich gelegentlich jedoch sehr reflektiert äußert. Beim ersten Kennenlernen fragt ihn Liz, ob sein Name an Jack the Ripper angelehnt sei, woraufhin er antwortet: „Eher wie Jack Kerouac. Ich bin gewissermaßen On the Road. So wie ihr übrigen auch.“ Jacks philosophischen Sprüche und seine wohltuende Ausstrahlung führen dazu, dass Jette und Liz ihn als Gott betrachten, und er selbst bestätigt das. Biblische Wunder vollbringt Jack zwar nicht, aber er trägt mit Hilfe der beiden Mädchen dazu bei, dass die Kleinstadt eine wundersame Verwandlung durchmacht. Zunächst mit Blumen, die die Teenager vom Friedhof klauen und überall verteilen, später mit weiteren Aktionen. Dass Joana Osman Jack ohne weitere Begründung als Gott einführt, ist ein gutes Beispiel für die souveräne Art der Schriftstellerin, keine ausschweifenden Erklärungen für die Welt der Jugendlichen abzugeben. Stattdessen vertraut sie auf ihre überzeugend reduzierte Form. Auf nur 160 Seiten erzählt sie von den großen Lebensfragen, die nicht nur Jette, Liz und Jack umtreiben, sondern viele Bewohner*innen der Kleinstadt - und vermutlich viele Lesenden.
Bist du wer du sein willst? Wovor hast du Angst? Was wäre wenn? Diese und viele weitere Fragen sprühen die drei Teenager an Wände und Mauern der Kleinstadt, um ihre Mitmenschen zum Nachdenken anzuregen. Und tatsächlich, die Bewohner*innen kommen über die Sinnfragen ins Gespräch miteinander, werden offener, blicken erstmals über den Dorfrand, den Gartenzaun und den Kirchturm hinaus. Was die Erwachsenen allerdings überhaupt nicht in Ordnung finden: Dass der von Liz, Jette und Jack geplante Schriftzug an der Schulturnhalle missglückt. Statt LIEBE IST LIEBE, und darunter GOTTES WIILE steht dort: GOTTES WILLI. Humorvolle Szenen setzt Joana Osman an mehreren Stellen ein, um die ernsten Themen mit Witz zu kontrastieren. Zum Glück kippt die Stimmung nie in Richtung Comedy, und der Humor wirkt nicht aufgesetzt – Osman pflegt einen sanften, liebenswerten Stil, der perfekt zu den Dingen passt, die Liz, Jette und Jack umtreiben. Über Glaube etwa diskutieren die Jugendlichen ebenso eifrig wie über den Sinn des Lebens, den freien Willen und das Schicksal. Auch ihr Verhältnis zu höheren Mächten hinterfragen sie: „Wenn ich Gott wäre, würde ich alles anders machen“ behauptet die Ich-Erzählerin selbstbewusst, und sie nennt umgehend ein konkretes Beispiel: Liebeskummer gäbe es nicht mehr, denn „Jeder würde einfach bei seiner Geburt den richtigen Partner zugeteilt bekommen und fertig. Kein Stress, keine Tränen.“ Indessen, Jette kann nicht nur pragmatisch sein, sondern angesichts des Rechtsrucks in der Gesellschaft sogar Mitleid mit dem offenbar keineswegs Allmächtigen haben: „Kaum wird es schwierig, rennen alle los und wählen Faschisten, da würde ich wirklich das Kotzen bekommen, wenn ich Gott wäre.“
Einfach nur öffentlich Fragen zu stellen oder Blumen zu verteilen, reicht den engagierten Teenagern schon bald nicht aus. Sie denken sich neue Aktionen aus, klauen Post aus Briefkästen, werfen sie woanders wieder ein und stellen erneut das Leben im Ort gehörig auf den Kopf. Ihre Mitmenschen lernen auf diese Weise ein völlig vergessenes Gefühl kennen: Lebensfreude. Bisweilen sogar Glück. Diese Entwicklung beschert den jugendlichen Revoluzzern eine wichtige Erkenntnis: Sie haben es selbst in der Hand, wie sich ihr Dorf entwickelt, und sie haben mehr Macht als gedacht. Die Überzeugung, dass die Realität formbar ist, entwickelt sich zu einer Kernaussage der Geschichte, und Joana Osman schreibt im Nachwort, dass verschiedene philosophische Strömungen sie zu ihrem Roman inspiriert haben. Die Thesen von Jean Paul Sartre, Simone de Beauvoir, Margret Fuller und Sören Kirkegaard schimmern tatsächlich zwischen den Zeilen hervor; man muss sie jedoch weder kennen noch mögen, um von Osmans bezaubernder Geschichte der kleinen Wunder angetan zu sein. Die Philosophie mit literarischen Mitteln in die Kleinstadt zu bringen, leichtfüßig und mit einem Augenzwinkern, zählt zu den großen Leistungen der Münchner Schriftstellerin. Das Abenteuer von Liz, Jette und Jack kennt keine Altersbegrenzung, weder nach oben noch nach unten; am ehesten passt es in die Genreschublade der All Ager.
Dass man im Leben auf alles gefasst sein muss, begreifen die Protagonist*innen spätestens im letzten Drittel des Romans. Als die Teenager an neuen Aktionen tüfteln, diesmal zum Schutz des nahegelegenen Sumpfgebietes, das von einem geplanten Einkaufszentrum und einem Gewerbegebiet bedroht wird, zieht ein Sturm auf. Regenmassen stürzen auf die Kleinstadt hinunter, Bäche treten über ihre Ufer, Schlamm wälzt sich durch die Straßen, und auf einmal, nachdem das Schlimmste überstanden ist, sind da Libellen und Frösche, alles blüht und wächst und verändert sich, und die Trägheit der Bewohner*innen scheint wie weggespült. Ein Happy End also? Nicht ganz. Joana Osman bleibt beim bildstarken und fantasievollen Finale insofern realistisch als Jette, Liz und Jack erfahren, dass das Schicksal parallel zu allen positiven Entwicklungen durchaus auch brutal sein kann. Und so müssen die Jugendlichen zum Schluss auch mit Trauer umgehen – was nichts daran ändert, dass sie den Erwachsenen höchst erfolgreich gezeigt haben, wie man Sinn im Leben findet, oder besser noch: stiftet. Joana Osman hat ein modernes Märchen geschrieben, das ohne Smartphones und Internet funktioniert und zeigt, wie aus einer Sinnkrise Glück entsteht, aus Langweile Spaß, und aus Frust Hoffnung. Eine rundum gelungene Fabel im Stil von Wolfgang Herrndorfs „Tschick“, die zudem beweist: Manchmal muss man auch Straftaten begehen, um etwas Gutes zu erreichen.
Joana Osman, Wenn wir vom Fliegen träumen. Roman. Penguin 2026, 160S., ISBN: 978-3-570-10590-0
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Joana Osmans Roman Wenn wir vom Fliegen träumen (Penguin 2026) gehört zu den wichtigen Neuerscheinungen des Frühjahrs. Günter Keil hat das Werk der vielbeachteten Autorin für das Literaturportal Bayern gelesen.
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„Es war nicht zum Aushalten, ehrlich.“ Bereits auf den ersten Seiten macht die Ich-Erzählerin klar, wie sterbenslangweilig ihr die namenlose Kleinstadt vorkommt, in der sie mit ihrer besten Freundin Liz feststeckt. Beide sind 16, und am liebsten würden sie sofort abhauen, irgendwohin, wo es mehr zu sehen und vor allem zu erleben gibt. Denn eigentlich, meint Jette, aus deren Perspektive Joana Osman ihren Plot entfaltet, sei ihr Geburtsort nur ein Dorf. „Aber keines mit Bauernhöfen und Kühen und dem ganzen anderen malerischen Zeugs, mit dem die Tourismusbehörde Werbung macht, sondern einfach nur eine Ansammlung von Einfamilienhäusern mit gepflegten Vorgärten, die direkt an der Bahnlinie lagen.“ Eine Zumutung für die beiden Teenager, das leuchtet ein, und Osman gelingt es von Beginn an mit spielerischer Leichtigkeit, den Ton von Liz und Jette authentisch einzufangen. Dass sich die Jugendlichen mit den für sie trostlosen Umständen nicht abfinden werden, schimmert sogleich durch. Denn Osman baut von der ersten Zeile an eine Art fröhlicher Spannung auf. Irgendetwas muss passieren, spüren die Mädchen. Und siehe da, irgendetwas wird passieren.
Bis jedoch blaue Prachtlibellen durch die Luft schweben, Sinnfragen auf Mauern gesprüht werden, Frösche aufmüpfig Straßen blockieren, und sich endlich wieder Lebensfreude unter den Menschen ausbreitet, vergeht noch etwas Zeit. Diese verbringen Liz und Jette oft mit Jack; nach der Schule hängen sie gemeinsam ab, und die Mädchen staunen über den nur etwas älteren Jungen, der meist grübelt und schweigt, sich gelegentlich jedoch sehr reflektiert äußert. Beim ersten Kennenlernen fragt ihn Liz, ob sein Name an Jack the Ripper angelehnt sei, woraufhin er antwortet: „Eher wie Jack Kerouac. Ich bin gewissermaßen On the Road. So wie ihr übrigen auch.“ Jacks philosophischen Sprüche und seine wohltuende Ausstrahlung führen dazu, dass Jette und Liz ihn als Gott betrachten, und er selbst bestätigt das. Biblische Wunder vollbringt Jack zwar nicht, aber er trägt mit Hilfe der beiden Mädchen dazu bei, dass die Kleinstadt eine wundersame Verwandlung durchmacht. Zunächst mit Blumen, die die Teenager vom Friedhof klauen und überall verteilen, später mit weiteren Aktionen. Dass Joana Osman Jack ohne weitere Begründung als Gott einführt, ist ein gutes Beispiel für die souveräne Art der Schriftstellerin, keine ausschweifenden Erklärungen für die Welt der Jugendlichen abzugeben. Stattdessen vertraut sie auf ihre überzeugend reduzierte Form. Auf nur 160 Seiten erzählt sie von den großen Lebensfragen, die nicht nur Jette, Liz und Jack umtreiben, sondern viele Bewohner*innen der Kleinstadt - und vermutlich viele Lesenden.
Bist du wer du sein willst? Wovor hast du Angst? Was wäre wenn? Diese und viele weitere Fragen sprühen die drei Teenager an Wände und Mauern der Kleinstadt, um ihre Mitmenschen zum Nachdenken anzuregen. Und tatsächlich, die Bewohner*innen kommen über die Sinnfragen ins Gespräch miteinander, werden offener, blicken erstmals über den Dorfrand, den Gartenzaun und den Kirchturm hinaus. Was die Erwachsenen allerdings überhaupt nicht in Ordnung finden: Dass der von Liz, Jette und Jack geplante Schriftzug an der Schulturnhalle missglückt. Statt LIEBE IST LIEBE, und darunter GOTTES WIILE steht dort: GOTTES WILLI. Humorvolle Szenen setzt Joana Osman an mehreren Stellen ein, um die ernsten Themen mit Witz zu kontrastieren. Zum Glück kippt die Stimmung nie in Richtung Comedy, und der Humor wirkt nicht aufgesetzt – Osman pflegt einen sanften, liebenswerten Stil, der perfekt zu den Dingen passt, die Liz, Jette und Jack umtreiben. Über Glaube etwa diskutieren die Jugendlichen ebenso eifrig wie über den Sinn des Lebens, den freien Willen und das Schicksal. Auch ihr Verhältnis zu höheren Mächten hinterfragen sie: „Wenn ich Gott wäre, würde ich alles anders machen“ behauptet die Ich-Erzählerin selbstbewusst, und sie nennt umgehend ein konkretes Beispiel: Liebeskummer gäbe es nicht mehr, denn „Jeder würde einfach bei seiner Geburt den richtigen Partner zugeteilt bekommen und fertig. Kein Stress, keine Tränen.“ Indessen, Jette kann nicht nur pragmatisch sein, sondern angesichts des Rechtsrucks in der Gesellschaft sogar Mitleid mit dem offenbar keineswegs Allmächtigen haben: „Kaum wird es schwierig, rennen alle los und wählen Faschisten, da würde ich wirklich das Kotzen bekommen, wenn ich Gott wäre.“
Einfach nur öffentlich Fragen zu stellen oder Blumen zu verteilen, reicht den engagierten Teenagern schon bald nicht aus. Sie denken sich neue Aktionen aus, klauen Post aus Briefkästen, werfen sie woanders wieder ein und stellen erneut das Leben im Ort gehörig auf den Kopf. Ihre Mitmenschen lernen auf diese Weise ein völlig vergessenes Gefühl kennen: Lebensfreude. Bisweilen sogar Glück. Diese Entwicklung beschert den jugendlichen Revoluzzern eine wichtige Erkenntnis: Sie haben es selbst in der Hand, wie sich ihr Dorf entwickelt, und sie haben mehr Macht als gedacht. Die Überzeugung, dass die Realität formbar ist, entwickelt sich zu einer Kernaussage der Geschichte, und Joana Osman schreibt im Nachwort, dass verschiedene philosophische Strömungen sie zu ihrem Roman inspiriert haben. Die Thesen von Jean Paul Sartre, Simone de Beauvoir, Margret Fuller und Sören Kirkegaard schimmern tatsächlich zwischen den Zeilen hervor; man muss sie jedoch weder kennen noch mögen, um von Osmans bezaubernder Geschichte der kleinen Wunder angetan zu sein. Die Philosophie mit literarischen Mitteln in die Kleinstadt zu bringen, leichtfüßig und mit einem Augenzwinkern, zählt zu den großen Leistungen der Münchner Schriftstellerin. Das Abenteuer von Liz, Jette und Jack kennt keine Altersbegrenzung, weder nach oben noch nach unten; am ehesten passt es in die Genreschublade der All Ager.
Dass man im Leben auf alles gefasst sein muss, begreifen die Protagonist*innen spätestens im letzten Drittel des Romans. Als die Teenager an neuen Aktionen tüfteln, diesmal zum Schutz des nahegelegenen Sumpfgebietes, das von einem geplanten Einkaufszentrum und einem Gewerbegebiet bedroht wird, zieht ein Sturm auf. Regenmassen stürzen auf die Kleinstadt hinunter, Bäche treten über ihre Ufer, Schlamm wälzt sich durch die Straßen, und auf einmal, nachdem das Schlimmste überstanden ist, sind da Libellen und Frösche, alles blüht und wächst und verändert sich, und die Trägheit der Bewohner*innen scheint wie weggespült. Ein Happy End also? Nicht ganz. Joana Osman bleibt beim bildstarken und fantasievollen Finale insofern realistisch als Jette, Liz und Jack erfahren, dass das Schicksal parallel zu allen positiven Entwicklungen durchaus auch brutal sein kann. Und so müssen die Jugendlichen zum Schluss auch mit Trauer umgehen – was nichts daran ändert, dass sie den Erwachsenen höchst erfolgreich gezeigt haben, wie man Sinn im Leben findet, oder besser noch: stiftet. Joana Osman hat ein modernes Märchen geschrieben, das ohne Smartphones und Internet funktioniert und zeigt, wie aus einer Sinnkrise Glück entsteht, aus Langweile Spaß, und aus Frust Hoffnung. Eine rundum gelungene Fabel im Stil von Wolfgang Herrndorfs „Tschick“, die zudem beweist: Manchmal muss man auch Straftaten begehen, um etwas Gutes zu erreichen.
Joana Osman, Wenn wir vom Fliegen träumen. Roman. Penguin 2026, 160S., ISBN: 978-3-570-10590-0
