Info
29.01.2026, 10:30 Uhr
Redaktion
Die KI und wir

E.T.A. Hoffmann und KI

Anlässlich des 250. Geburtstag von E.T.A. Hoffmann (1776-1822), dem wohl bekanntesten Vertreter der Spätromantik im deutschsprachigen Raum, hat die Stadt Bamberg, wo Hoffmann von 1808 bis 1813 lebte, dem einflussreichen Dichter nun ein stadtweites Kulturprogramm gewidmet.

Im Kontext der Feierlichkeiten geht die Kulturredakteurin Renate Kortheuer-Schüring in ihrem Artikel E.T.A. Hoffmann und die KI: Was die Romantik über künstliche Intelligenz verrät (Sonntagsblatt, 16.1.2026) der inspirierenden Frage nach, welche aktuellen Schlüsse sich aus den Reflektionen des Dichters über „die Automate“ für die heutige KI-Debatte gewinnen lassen. Ein zusammenfassender Überblick.

*

Vielen Leserinnen und Lesern begegnete E.T.A. Hoffmann als der „Gespenster-Hoffmann“ bereits zu Schulzeiten. Die Elixiere des Teufels, Der Sandmann oder Die Automate versprachen allein schon von ihren Titeln her endlich einmal ein Stoff zu sein, mit dem man sich damals wie heute nicht nur pflichtgemäß, sondern auch in der Hoffnung auf ein wenig Spannung und Unterhaltung im Rahmen der Schullektüre auseinandersetzte. Und so sei hier auch gleich eine gängige Lehrer-Frage aufgegriffen: „Was vermag uns dieser Autor heute noch zu sagen?“

Faszinierend viel. Insbesondere, so Kortheuer-Schüring, im Zusammenhang mit den derzeit verschwimmenden Grenzen zwischen menschlichem und maschinellem Dasein sowie im Umgang mit den sich immer rasanter entwickelnden, perfektionierenden Formen der künstlichen Intelligenz. Die Journalistin zitiert in diesem Zusammenhang den Heidelberger Musikwissenschaftler, Soziologen und Philosophen Boris Voigt,  der E.T.A. Hoffmann als einen „herausragenden Diagnostiker der Folgen, die sich aus einem wenig reflektierten Umgang mit "intelligenter" Technologie für das menschliche Denken, Wahrnehmen und Fühlen ergäben“, bezeichnet:

Nach Hoffmann leisteten "Automaten" der menschlichen Projektion Vorschub und zeigten – anders als das reale Gegenüber – keine "Widerständigkeit", erklärt Voigt. Diese aber sei für das Leben des "Subjekts", der unverwechselbaren einzelnen Persönlichkeit, eine Grundvoraussetzung. "Mit dem Verlust der Widerständigkeit der physischen Realität und der Widerständigkeit der anderen Subjekte … löst sich letztlich das Subjekt als eigenständige, ihrer selbst bewusste Instanz auf", erklärt der Forscher.

Mit den bereits im frühen 19. Jahrhundert entstanden Vorstellungen, das Denken sei etwas Maschinelles und mit Algorithmen zu erfassen, setzt sich E.T.A. Hoffmann in seinen Erzählungen sowohl einfühlsam als auch kritisch auseinander. Er erkenne, so Kortheuer-Schüring, „im ‚nachgeäfften‘ menschlichen Verhalten eine "Täuschung“, wie er Ludwig in Die Automate empört erklären lässt.“

Und in Hoffmanns wohl bekanntester Erzählung Der Sandmann (1816) geht es sowohl um die Liebe als Projektion als auch „ganz explizit um die Vermenschlichung "tot lebendiger" Figuren im Auge des Betrachters." Kortheuer-Schüring fasst den Plot für diesen Kontext prägnant zusammen: 

Student Nathanael verliebt sich in die schöne Roboter-Puppe Olimpia, die der zwielichtige Coppola auftreten und tanzen lässt. Außer den Worten "Ach, ach" und "Gute Nacht, mein Lieber" kann sie zwar nichts hervorbringen, aber Nathanael legt es als Gemütstiefe aus und fühlt sich von ihr vollkommen verstanden. Dagegen gerät ihm seine Verlobte Clara, eine Frau der vernünftigen Tagwelt, immer mehr aus dem Blick. In völliger Verkennung der Fakten beschimpft er am Ende sie, die seine Fantasien infrage stellt, als "lebloses, verdammtes Automat".

Dass Nathanaels Liebe zu Olimpia im Grunde nur dessen eigene Projektion ist, der gegenüber die Automatenfrau keinerlei Widerstand zu leisten vermag, führt bei Hoffmann in letzter Konsequenz nicht nur zu einem eklatanten Realitätsverlust seitens seines Protagonisten. Die Zerstörung Olimpias zieht außerdem folgerichtig dessen eigenen Tod nach sich.   

Kortheuer-Schürung zitiert in diesem Kontext noch einmal Voigt: Auch die KI, die sich einen menschlichen Anstrich gebe, arbeite mit Täuschung. Sie verändere, so Voigt, „das Verhältnis des Menschen zu sich selbst und sein Verhältnis zur Realität" elementar.

Jenseits vergangener Schullektüren und gegenwärtiger Geburtstagsjubiläen ist eine Auseinandersetzung mit dem Hoffmannschen Erzählwerk vor der Folie der KI-Entwicklung also durchaus gewinnbringend.

Das Wichtigste zum Schluss aber bleibt: das vielschichtige Werk E.T.A. Hoffmanns selbst und dessen ebenso vielschichtigen Lektüremöglichkeiten. Auf zum Buch!