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Georg Britting im Juni 1952 (Bayerische Staatsbibliothek/Timpe)

Maximilianstraße 2, Severing & Güldner

Zu den wichtigsten Freunden – und später auch Brieffreunden – Brittings gehört Alex Wetzlar. Nach dem Tod eines seiner Brüder zieht dieser nach München und führt das Familienunternehmen weiter. Britting lernt Wetzlar, so erzählt seine Witwe Ingeborg, durch die dem Silberwarengeschäft benachbarte Buchhandlung Severing & Güldner kennen. An der Maximilianstraße gelegen, zwischen dem Nationaltheater und dem Hotel Vier Jahreszeiten, war der Buchladen zwischen den exklusiven Geschäften eine Besonderheit. In den Schaufenstern liegen die literarischen Neuerscheinungen, und im Hinterzimmer versteckt liegen satirische Werke über die „Hakenkreuzler“. Ein Freund Brittings erinnert sich an das Geschäft: „Die Firma stand mit goldenen Buchstaben auf schwarzem Marmor: Severing & Güldner. Es war eine vornehme, eine sogenannte literarische Buchhandlung, wie es der feinen Gegend und der Nähe zu dem Hotel Vier Jahreszeiten entsprach. Das Geschäft hatte zwei Schaufenster, zwischen ihnen war die Tür zum Laden“.

Der Besitzer der Buchhandlung, Severing, ist ein bekennender Bewunderer des Schriftstellers. „Für den größten unter den Lebenden hielt er Georg Britting, und dessen größtes Buch sei der Lebenslauf eines dicken Mannes der Hamlet hieß.“ Britting besucht diese Buchhandlung an der Maximilianstraße auch sehr häufig, denn im Hinterzimmer des Buchladens trifft man sich zu einem der vielzähligen freundschaftlichen Runden, für die Britting so berühmt ist. Wer zu Severings Freunden zählt, kann zu Herrn Güldner hinter ins Büro. Und bei Cognac und Zigarren wird dann über Literatur und Politik mit Schriftstellern, Kunden und Freunden des Buchhändlers diskutiert. „Abends gegen sechs Uhr, wenn Severing und Güldner an den Ladenschluss dachten, herrschte in ihrem Hinterzimmer die Stimmung eines Geheimklubs, einer Verschwörung, einer Anekdotenfabrik“, so die Erinnerung eines Freundes Brittings. Zu diesen freundschaftlichen Runden gesellen sich aus dem nebenstehenden Silberwarengeschäft auch Alex Wetzlar und sein Bruder, wo sich Britting und Wetzlar schließlich anfreunden. Durch den Hinterhof gelangt man aus dem Büro der Buchhandlung in die Werkstatt des Silberwarengeschäfts.

Foto: Rüdiger Rohrbach

Britting und die Brüder Wetzlar nehmen so gelegentlich die Möglichkeit wahr, zu einem ruhigeren Ort zu wechseln. Dieser privaten Runde widmet Britting das Gedicht „Aus goldenem Becher“, welches die Treffen der Brüder Wetzlars und Brittings anschaulich illustriert:

Aus goldenem Becher

Alex, Alter, weißt du es noch, wir tranken
Einmal auch aus goldenem Becher Wein wie
Große Herren: Als wir das neue Meisterstück
Deiner Werkstatt

Aus dem Schranke, frevelnde Zecher, holten,
Daß es, unbefleckt noch und rein, ein Mädchen,
Unserm Wunsche sich füge, vor der Zeit des
künftigen Mannes.

Ringsum stand viel silbern Gerät, und zwergisch
Auf dem Tisch der winzige Amboß, Ätzstoff
Roch und Säure; siegreich darüber, herrlich
Schwebte der Weinduft.

Goldne Becherstunde, du warst! Was blieb uns?
Alex, Kluger, weißt du mir die Antwort? Unruh
Kam, Gewalt - du gingst in die Fremde, trauernd
Schmählich vertrieben.

Arm ist unser Land jetzt, das Brot, der Wein fehlt,
Und aus abgestoßenen Gläsern trinken
Deine Freunde, murrend und weise lächelnd,
Nüchternes Wasser

(für Alex Wetzlar)

Diese Treffen bleiben aber nicht von Dauer, denn – das Gedicht nimmt es schon vorweg – im März 1939 werden Alex Wetzlar und sein Bruder plötzlich nach Dachau deportiert, obwohl auch Größen der Nationalsozialisten zu den Kunden der Brüder gehören. Das jüdische Silberwarengeschäft, das in der Familie Wetzlar seit Generationen betrieben wird, wird geschlossen. Später ist es ihnen möglich nach London auszureisen, wovon der rege Briefwechsel zwischen Britting und Wetzlar zeugt. Die Buchhandlung und das Silberwarengeschäft, so schreibt Britting seinem Freund, fallen im Zweiten Weltkrieg den Bomben zum Opfer. Über Deckadressen schaffen Britting und Wetzlar es dennoch, in Briefkontakt zu bleiben. Es findet sich eine große Lücke von sechs Jahren im Briefwechsel. Als schließlich Britting wieder ein Brief von seinem alten Freund erreicht, schreibt er erleichtert: „Lieber, guter alter Alex, das war eine Freude, als heut dein Brief kam! ach, alter Schwede, du lebst, und das tun wir auch!“

Auch nach dem Zweiten Weltkrieg kommt Alex Wetzlar seinen Freund Britting nur gelegentlich besuchen. Als Britting es im Sommer 1950 schafft, Alex doch einmal zu einem Besuch zu überreden, kann dieser die Tränen angesichts der zerstörten Stadt nicht mehr zurückhalten.

 


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Verfasser: Bayerische Staatsbibliothek / Anna Keil

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