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Bert-Brecht-Straßenschild (c) Literaturportal Bayern

Augsburg, Bert-Brecht-Straße

Am 1. Mai 1876 gründet Paul Kurz die Augsburger Kahnfahrt, einen Bootsverleih mit angeschlossenem Biergarten, der bis heute im Familienbesitz ist. In den 1910er Jahren trifft sich auf einer Bank am gegenüberliegenden Ufer der junge Eugen mit seinen Freunden; auch alleine sitzt er oft am Wasser, liest und schreibt. Die spätere Erwähnung der damaligen Frühlingsstraße gerät ungewohnt idyllisch:

Vorbei an meinem väterlichen Haus führte eine Kastanienallee entlang dem alten Stadtgraben; auf der anderen Seite lief der Wall mit Resten der einstigen Stadtmauer. Schwäne schwammen in dem teichartigen Wasser.

[Blick auf den Lech und die berühmte Kahnfahrt (c) LPB]

Auch eines von Bertolt Brechts Gedichten wollen manche hier verorten, nämlich Erinnerung an die Marie A., da der Name an Marie Rose Amann gemahnt, die Brecht 1916, da ist er 18 Jahre alt, in einer Augsburger Eisdiele kennenlernt und hier am Kanal zum ersten Mal geküsst haben soll. Der biografische Bezug ist jedoch unklar, da Brecht gleichzeitig wohl auch Marias ältere Schwester im Visier hat, die auf den Rufnamen Maria hört, während die Jüngere Rosa geheißen wird. Ohnehin äußert sich Brecht später gegenüber Freunden ziemlich abfällig über die „Rosa Maria“. Es liegt mithin nahe, wie Jürgen Hillesheim, der  Leiter der Bertolt-Brecht-Forschungsstätte der Staats- und Stadtbibliothek Augsburg, schreibt, dass er „mit den Namen beider Schindluder trieb. Er ließ sie zu einer Person verschmelzen, bildete immer wieder spielerisch eine Einheit aus Rosa, mit der er ein Verhältnis hatte, und Maria, die er nicht haben konnte.“ Marie Rose Amann selbst erzählt später in einem Interview, sie habe aus Angst vor Bestrafung durch Lehrer und ihre Eltern, die Beziehung zu Brecht auf- und ihn an ihre Freundin Paula Banholzer abgegeben. Dieses Ende – das Brecht allerdings nicht ruhen ließ: Noch Jahre später bemüht er sich um die Ältere der Amann-Schwestern – nimmt das Gedicht bereits vorweg:

Und über uns im schönen Sommerhimmel
War eine Wolke, die ich lange sah
Sie war sehr weiß und ungeheuer oben
Und als ich aufsah, war sie nimmer da.

Anfang der 1960er Jahre beginnt in Augsburg die Auseinandersetzung mit dem berühmtesten literarischen Sohn der Stadt. Während viele junge Menschen, darunter auch der damalige Vorsitzende der Jungen Union, ein kritisches Gedenken anmahnen, fällt es den etablierten Politikern schwer, den Namen des Schriftstellers in der Topografie der Stadt zu verankern. Der Antrag, eine Straße nach Bertolt Brecht zu benennen wird zunächst abgelehnt. Erst nach dreijähriger Diskussion findet der Vorschlag, die Frühlingsstraße in Bert-Brecht-Straße umzubenennen, im Augsburger Stadtrat eine Mehrheit. Die Sitzungsprotokolle aus dieser Zeit werden auf dem Brecht-Festival 2010 öffentlich verlesen.


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Verfasser: Bayerische Staatsbibliothek