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Engel in der Barfüßerkirche (c) Literaturportal Bayern

Augsburg, Barfüßerstraße 8

Am 20. März 1898 wird das erste Kind von Wilhelmine Friederike Sophie und Berthold Friedrich in der Barfüßerkirche protestantisch getauft, auf den Namen Eugen Berthold Friedrich. Fast auf den Tag genau 14 Jahre später, kehrt er zur Konfirmation noch einmal hierher zurück – obwohl die Brechts mittlerweile jenseits des Grabens, in der Bleichstraße 2, nahe den Lechauen, in dem Stiftungshaus der Haindlschen Papierfabriken wohnen. Im Innern der Kirche, die im Zweiten Weltkrieg fast völlig zerstört wird, erinnern heute Texttafeln an die Kindheit und Jugend Bertolt Brechts.

Das Verhältnis des Schriftstellers zur Religion ist offensichtlich allererst ein literarisches. Legendär ist zumindest seine Antwort auf die Frage, welches Buch den größten Einfluss auf ihn ausgeübt habe: „Sie werden lachen: die Bibel!“ Auf christliche Rhetorik trifft man in seinen Werken oft bereits im Titel, man denke nur an Die heilige Johanna der Schlachthöfe oder Der gute Mensch von Sezuan. Zudem liest Brecht natürlich die Texte von Karl Marx und kennt also bestimmt die berühmten Sätze: „Die Religion ist der Seufzer der bedrängten Kreatur, das Gemüth einer herzlosen Welt, wie sie der Geist geistloser Zustände ist. Sie ist das Opium des Volks.“

Barfüßerstraße, Kuppel der Kirche und Blick über die Dächer auf die Barfüßerkirche (c) Literaturportal Bayern

Eine seiner Figuren, die den Schriftsteller Brecht am längsten begleitet und an verschiedenen Stellen in seinem Werk auftaucht, ist Herr Keuner: Protagonist von mehr als 85 Parabeln, und doch ein Mann ohne prägnante Eigenschaften; einer, der schwer zu fassen ist, weil man ihm vor allem als Denkendem und Fragendem begegnet. Der Philosoph Walter Benjamin bezog den Namen Keuner auf das griechische „koinos“, was auf Deutsch so viel wie „allgemein“ oder „gemeinsam“ bedeutet: Herr Keuner als kollektives Bewusstsein. Andere hören im Wort „Keuner“ die schwäbische Version von „Keiner“: Herr Keuner als Un-Figur. Dass auch Herr Keuner – der oft auch nur als „Herr K.“ erscheint – zu seinem Verhältnis zur Religion befragt wird, verwundert also nicht:

Einer fragte Herrn K., ob es einen Gott gäbe. Herr K. sagte: „Ich rate dir, nachzudenken, ob dein Verhalten je nach der Antwort auf diese Frage sich ändern würde. Würde es sich nicht ändern, dann können wir die Frage fallenlassen. Würde es sich ändern, dann kann ich dir wenigstens noch so weit behilflich sein, dass ich dir sage, du hast dich schon entschieden: Du brauchst einen Gott.“

 


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Verfasser: Bayerische Staatsbibliothek

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