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17.09.2025
19 Uhr
Monacensia im Hildebrandhaus, Maria-Theresia-Straße 23, München
Eintritt: frei

Prelistening in Anwesenheit des Hörspiel-Teams

München, 1950 – die Stadt ächzt noch unter Kriegstrümmern, die Not ist noch groß, aber Deutschland ist immerhin endlich erfolgreich entnazifiziert. Oder?

Die Tausenden Holocaust-Überlebenden, die sich noch in München befinden, schickt man aufs Bayerische Landesentschädigungsamt in der Arcisstraße, wo sie sich um Entschädigungszahlungen oder finanzielle Hilfe für die geplante Ausreise nach Israel oder die USA bemühen. Herr über das Amt ist Philipp Auerbach (1906 in Hamburg - 1952 in München): Staatskommissar für rassisch, religiös und politisch Verfolgte. Er selbst ist jüdischer Überlebender aus Hamburg und führt das Amt so unbürokratisch, wie es die Herausforderungen der Zeit verlangen. Auerbach gilt als einer der wichtigsten Politiker seiner Zeit und als prominentester deutscher Jude.

Doch das Blatt wendet sich bald gegen ihn: 1951 wird er Opfer einer Kampagne, angeführt von CSU-Justizminister Josef Müller, der als Rechtsanwalt während der NS-Zeit selbst an „Arisierungen“ mitwirkte. Auerbach wird schließlich von ehemaligen NS-Justizbeamten angeklagt, die ihm Betrug und Veruntreuung vorwerfen. Tatsächlich arbeitete Auerbach zwar chaotisch, aber äußerst engagiert, er setzte sich nicht nur für überlebende Jüdinnen und Juden, sondern auch für „erotisch verfolgte“ Frauen und verfolgte Roma ein. Dabei überschritt er gelegentlich rechtliche Kompetenzen.

Auerbach verzweifelt über die Anklage und die Verurteilung zu zweieinhalb Jahren Gefängnisstrafe, den NS-Geist der jungen Bundesrepublik und eine mediale Hasskampagne, so dass er sich 1952 das Leben nimmt. 1954 wird Auerbach rehabilitiert.

Der Fall Philipp Auerbach gilt heute wegen seiner Tragik als deutsche Dreyfus-Affäre und zeigt beispielhaft die politische und soziale Situation des Nachkriegs, in Auerbachs Biographie spiegelt sich die ganze Epoche, in der nichts „wieder gut“ wurde.

 

Das Hörspiel ist verfügbar ab 25.09. in der ARD Audiothek
Ursendung 26. September ab 20.03 Uhr auf Bayern 2
ca. 65 Minuten

Mit Brigitte Hobmeier, André Jung, Steven Scharf, Timocin Ziegler, Judith Toth, Philipp Froissant, Johanna Kappauf, Enik, Karolina Lodyga, Jelena Kuljić

Aufnahme und Mischung: Jan Piepenstock
Schnitt und Montage: Regine Elbers
Komposition: Enik
Besetzung: Tina Fröhlich
Regieassistenz: Jakob Roth
Regie: Christiane Huber
Dramaturgie: Katja Huber

Produktion Bayerischer Rundfunk 2025


Dana von Suffrin ist Schriftstellerin und Historikerin. Sie promovierte 2017 über ein wissenschaftshistorisches Kapitel des frühen Zionismus. Heute schreibt sie Romane, Erzählungen, Essays, Theatertexte und Hörspiele. Weitere BR Hörspiele: Otto (2021), Blut (2022) Unter Uns (2024). Sie wurde mehrfach ausgezeichnet, zuletzt mit dem Tukanpreis (2024) und dem Chamisso-Preis (2025). Sie lebt in München.



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