Wie Wale Elisabeth Mann Borgese, Albrecht Dürer und amerikanische U-Boote zusammengebracht haben

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Aquarellzeichnung von Volha Hapeyeva

Ein US-Militäringenieur belauscht U-Boote – und entdeckt Walgesänge. Volha Hapeyeva folgt diesem unerwarteten Fund zu Albrecht Dürer, Elisabeth Mann Borgese und der Frage, was Kunst und Wissenschaft verbindet. Ein assoziativer Essay über Neugier, Vorstellungskraft und die Bewunderung für die Natur.

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Was Walgesänge mit Elisabeth Mann Borgese und Albrecht Dürer verbindet

Walgesänge passen sehr gut zum Winter. Die Dunkelheit und die Stille, das lang gezogene Heulen, als sei es ein Schneesturm oder ein Schneegestöber. Mal denkst du, es seien Möwen, mal ein Feuerstoß oder Kindergeschrei. Oder vielleicht schnalzt jemand mit der Zunge oder es reißt ein Stoff.

Im Winter höre ich gerne Walgesänge. Dafür muss ich nicht in die Ozeantiefe tauchen, nur eine Tonaufnahme einschalten. Ein Luxus, den wir seit den 1970er-Jahren genießen dürfen.

In den 1950er-Jahren war der Ingenieur Frank Watlington auf den Bermudas stationiert und spürte während des Kalten Krieges im Auftrag der US-Marine U-Boote auf. Während er Unterwassergeräusche überwachte, hörte er seltsame, eindringliche Töne, die nicht mechanischer Natur waren. Obwohl Watlington kein Meeresbiologe war, erkannte er deren Besonderheit. Er bewahrte die Geräusche auf, die er vor der Küste Bermudas eingefangen hatte. Diese Aufnahmen wurden später Wissenschaftler*innen zugänglich gemacht, die in ihnen die Gesänge von Buckelwalen erkannten.

Solche Geschichten sind wie ein Lächeln oder ein Scherz des Universums: Während sie in ihre kleinen alltäglichen Angelegenheiten vertieft sind und Erfindungen nutzen, um den Feind aufzuspüren, entdecken Menschen stattdessen zufällig etwas wirklich Schönes und Wichtiges – wie Gesänge von Walen. Obwohl dies natürlich nur teilweise zutrifft.

Walgesänge finden sich in den schamanischen Gesängen der Völker, die in Küstennähe leben und ihnen seit Tausenden von Jahren lauschen. Für die Māori zum Beispiel sind Walgesänge Teil ihrer mündlich überlieferten Geschichte. In den mythologischen Vorstellungen auch vieler slawischer Völker wurde die Erde als Insel oder als feste, flache Oberfläche dargestellt, ruhend auf dem Rücken riesiger Wale, die in den Urgewässern schwammen.

Da Elisabeth Mann Borgese sich mit den Problemen der Weltmeere beschäftigte, war sie höchstwahrscheinlich mit Tonaufnahmen von Walgesängen vertraut. In einem Artikel verweist sie auf die symphonische Dichtung And God Created Great Whales (1970) von Alan Hovhaness.[1] In diesem Musikstück imitierte der Komponist nicht nur den Gesang der Wale: Er ließ auch echte Aufnahmen ihrer Laute miteinfließen.

Alan Hovhaness „And God Created Great Whales“, Signatur: AK2082, Quelle: archives.nyphil.org/asset-management/2TTUGPLB46HD?&WS=2TTURYFJ1D6S&Flat=FP

Elisabeth wollte Musikerin werden. Sie nahm ihre Leidenschaft sehr ernst, hatte aber keine Unterstützung durch die Familie. Doch Musik begleitete sie ihr Leben lang, Klavier spielen gehörte zum Alltag. Es ist bemerkenswert, dass sie das Exil und das Aufwachsen in verschiedenen Ländern als Grund für ihr größeres Interesse an Musik als am Schreiben nannte.

Wir waren auch nicht in der deutschen Literatur aufgewachsen, sondern im Exil, und kannten die deutsche Literatur nicht so wie unsere älteren Geschwister und unsere Elterngeneration. Wir waren eine andere Generation und anders aufgewachsen [...]. Wir haben uns sehr in die Musik geflüchtet.[2] 

Und wenn Musik eine Art Naturgegebenheit bei den Manns war, erwähnt Elisabeth mit Bedauern, dass ihre Eltern sich weniger um Malerei gekümmert haben: „Was zu Hause seltsamerweise gefehlt hat, war eine Kultur der Bildenden Künste.“[3]

Albrecht Dürer und der Wal

Ich habe noch nie Wale in freier Wildbahn gesehen, ebenso wenig wie Albrecht Dürer. Zumindest aber habe ich sie in Videos oder auf Fotos bewundert, was dem Nürnberger Künstler verwehrt blieb. Sein Forschergeist sehnte sich danach, dieses außergewöhnliche Tier, über das es so viele Gerüchte und Mythen gab, mit eigenen Augen zu sehen.

Als sich Dürer in Antwerpen aufhielt und erfuhr, dass ein Wal an der Küste der niederländischen Stadt Zierikzee gestrandet war, beschloss er sofort, dorthin zu reisen. Zu Dürers großem Bedauern war der Wal bereits verschwunden, als er den ersehnten Ort erreichte, er war zurück ins Meer getrieben worden. Es gibt Vermutungen, dass der Künstler sich auf dieser Reise mit einem Virus infiziert hat und daraufhin schwer erkrankte.  

Wie könnte eine Zeichnung eines Wals von Dürer aussehen? Von KI generiertes Bild.

Der Wal blieb für Dürer ein Rätsel. Er konnte ihn nie zeichnen. Er hatte auch nie ein Nashorn gesehen, aber das hielt ihn nicht ab – im Gegenteil: Seine Zeichnung gilt als eines der berühmtesten Bilder eines Nashorns in der Kunstgeschichte. Er verfügte jedoch über eine detaillierte Beschreibung und eine Skizze eines unbekannten Künstlers, auf deren Grundlage er das Nashorn darstellte. Vermutlich war das Bildnis eines Walrosskopfes eine Art Entschädigung. Mit Feder und brauner Tinte gezeichnet, mit Aquarellfarben koloriert, gehörte der Kopf des Tieres vielleicht zu einem gesalzenen oder ausgestopften Exemplar, das Dürer sehen konnte.  

Albrecht Dürer, Kopf eines Walrosses, 1521 © The Trustees of the British Museum. Shared under a Creative Commons Attribution-NonCommercial-ShareAlike 4.0 International (CC BY-NC-SA 4.0) licence. Quelle: www.britishmuseum.org/collection/object/P_SL-5261-167

Dürers Werk verband künstlerische Schönheit mit sorgfältigen Studien der Natur und mathematischer Struktur. Es spiegelte damit die Bestrebungen der Renaissance wider, die Natur systematisch zu verstehen. Der Künstler war Teil des frühen intellektuellen Wandels in Europa hin zur Erforschung der Natur, der später ökologisches Denken (wie das von Mann Borgese) ermöglichte.

In dieser Geschichte scheint mir wichtig zu sein, dass Musik, Malerei und Literatur – Kunst im weitesten Sinne des Wortes – ein untrennbarer Bestandteil der Wissenschaft, ihres Fortschritts und ihrer Erfindungen sind. Ohne Vorstellungskraft, ohne Fantasie gäbe es nichts von dem, womit die Wissenschaft heute reüssieren kann.

Jedes Mal, wenn Elisabeth über ihre Liebe zum Meer sprach, erwähnte sie ihren Vater, der das Meer verehrte. Für ihn war es keine Landschaft, sondern „das Erlebnis der Ewigkeit, des Nichts und des Todes, ein metaphysischer Traum”.[4]

Für Elisabeth war der Ozean eine Metapher für Allheit: „everything flows, everything interacts with everything else; boundaries are fictitious, and neither sovereignty nor ownership holds solutions. What is mine is dependent on you; what is yours is dependent on me.”  

Elisabeth Mann Borgese war der Überzeugung, dass die Menschheit nur dann bedeutende Fortschritte erzielen könne, wenn sie gemeinsam handle – sektorübergreifend und über künstliche geografische Grenzen hinweg. Sie sah die Wirtschaft als Teil der Ökologie, die Kultur als Teil der Natur und den Menschen als Mitglied der großen Tierfamilie. Für sie machte die sich ständig verändernde Meeresumwelt diese Wahrheiten sichtbar, während das scheinbar feste Land die Illusion aufrechterhalten konnte, dass Menschen getrennt, unabhängig und überlegen seien und die Herrschaft über die Natur übernehmen könnten.

Dieser Text ist ein Supplement zu Volha Hapeyevas Beitrag über Elisabeth Mann Borgeses Leben und internationales Wirken im MON Mag – dem Online-Magazin der Monacensia München. Hapeyevas MON-Mag-Beitrag ist Teil der digitalen Ausstellung „Thomas Mann und das literarische München” und hier zu lesen: „Ich fühle mich als Weltbürgerin”: Elisabeth Mann Borgese und ihr außergewöhnliches Leben.

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[1] Vgl. Elisabeth Mann Borgese: „The sea and the dreams of man“. In: Impact of science on society, XXXIII, 3/4, 1983, p. 479-489.

[2] Zit. n. Irmela von der Lühe: „Ich gehörte doch zu den Kleinen. Elisabeth Mann-Borgese als Chronistin ihrer „amazing family“. In: Elisabeth Mann Borgese und das Drama der Meere, hg. v. Holger Pils, Karolina Kühn, mareverlag 2012, S. 27.

[3] Elisabeth Mann Borgese und Eberhard Görner: „Für mich ist Politik, an eine bessere Zukunft zu denken“. Ein Gespräch (1995). In Pils/Kühn 2012, a.a.O., S. 229.

[4] Thomas Mann: „Über mich selbst. Autobiographische Schriften“, Fischer Verlag, 2010, S. 46.

[5] Elisabeth Mann Borgese: „Reflections on the ocean“, in: The UNESCO courier: a window open on the world, XLIV, 8-9,1991, p. 50-53, hier p. 53. 

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