POMONA-Lesung: Erinnerung an Siegfried Lenz

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Christa Berge (links, stehend); © Freundeskreis Sophie La Roche e. V.

Der Literarische Salon POMONA des Freundeskreises Sophie La Roche e. V. lud zu seiner ersten Veranstaltung im laufenden Jahr ein, und wieder war das Sophie La Roche-Zimmer im 3. OG des Stadtmuseums Kaufbeuren bis auf den letzten Platz gefüllt. Christa Berge, Wiltrud Fleischmann, Helga Ilgenfritz und Karin Klinger hatten eine Art Reminiszenz auf den am 17. März 1926 als Sohn eines Zollbeamten im ostpreußischen Lyck geborenen und am 7. Oktober 2014 verstorbenen Siegfried Lenz vorbereitet.

Der Schriftsteller geht in seinen Romanen, Erzählungen und Novellen vor allem auf die Beschreibung der Schicksale von Menschen ein, die sich mit der Gesellschaft auseinandersetzen. Oft werden sie unter pädagogisch-moralischen Aspekten beschrieben, die immer wieder aufs Neue ergeben, dass es richtiges und falsches Handeln gibt. Die Deutschstunde (1968) ist das wohl bekannteste und gewissermaßen exemplarische Werk von Siegfried Lenz. Mit der Beschreibung von Aufstieg und Fall, auch und gerade der gesamten menschlichen Existenz, verknüpft er darin eindrucksvoll individuelle Schicksale mit aktuellen gesellschaftlichen Ereignissen.

In seinen früheren Werken befasst sich Lenz vielfach mit der Problematik der Vergangenheitsbewältigung in Nachkriegs-Deutschland, ohne dass er diese als kollektive - sondern eher als individuelle - verstanden haben will. Seine Werke sind oft geprägt von autobiographischen Rahmenelementen, so beispielsweise von Natur- und Landschaftsbildern aus seiner masurischen Heimat.

 Weg und Werk

Den Krieg kannte Siegfried Lenz aus eigener Erfahrung. Nach dem Notabitur 1943 zur Kriegsmarine eingezogen, sollte er einmal auf Befehl einen aufsässigen Kameraden erschießen, weigerte sich aber und desertierte. 1945 geriet er in britische Kriegsgefangenschaft und betätigte sich als Dolmetscher. Danach studierte er in Hamburg Anglistik, Literaturwissenschaft und Philosophie. Für seinen Lebensunterhalt sorgte er auch als Händler auf dem Schwarzmarkt. Schon während seines Studiums begann er 1948 als Volontär bei der Zeitung Die Welt und wurde dort Feuilletonredakteur. Als 1951 sein erster Roman Es waren Habichte in der Luft mit großem Erfolg erschien, kündigte er, unternahm eine Afrikareise und ließ sich nach seiner Rückkehr in Hamburg als freier Schriftsteller nieder. In dem Erstlingswerk geht es um die Existenz des Bösen, das die Formen menschlichen Zusammenlebens mit furchtbarer Konsequenz zerstört.

Der fiktive Roman-Ort für Lenz` Stadtgespräche liegt an einem Fjord; die Verhältnisse sind scheinbar normal, bis ein Ereignis auf einmal alles verändert: Während der deutschen Besetzung sind nach einem Attentat vierundvierzig Geiseln festgenommen worden. Daniel, der junge Chef des Widerstandes, soll auf diese Weise gezwungen werden, sich der Besatzungsmacht zu ergeben. Er steht vor der Entscheidung, die Freunde zu opfern oder den Widerstand zu beenden. Lenz macht deutlich, dass es keine Moral gibt, die für sich beanspruchen kann, in einer solchen Ausnahmesituation eine schnelle Antwort zu finden.

In der Deutschstunde (1968) werden deutsche Geschichte, persönliche Schuld und die Frage nach der Verantwortung des Einzelnen am Beispiel eines Dorfpolizisten während der NS-Zeit dargestellt. Dieser meint, ohne Rücksicht auf Elternliebe, Freundschaft und Individualität stur seine Pflicht tun zu müssen. Er macht sich dadurch zum willfährigen Werkzeug der Nationalsozialisten. Lenz prangert die ebenso unreflektierte wie unkritische, geradezu blinde Autoritätsgläubigkeit eines Mitläufers an. Der vom Dorfpolizisten verfolgte Kunstmaler, der sich nur seinem Gewissen verpflichtet fühlt und gegen staatliche Willkür aufbegehrt, malt dagegen weiter. Die Deutschstunde stellt ein eindrucksvolles Plädoyer für das Gewissen dar, für Eigenverantwortung und die kritische Hinterfragung von Autoritäten. Außerdem verdeutlicht Lenz darin beispielhaft, dass jedes Verständnis für die Gegenwart immer erst über eine aufarbeitende Auseinandersetzung mit der Vergangenheit möglich ist.

Der Soldat Holger Heinz Lehmann stiehlt in Lehmanns Erzählungen kurz vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs eine größere Menge silberner Sahnelöffel. Mit diesem 'Startkapital' erlangt er in der Hamburger Schwarzmarktszene einen gewissen Ruhm. Er verkauft gestohlene Spirituosen an die englischen Besatzungstruppen, schlachtet Schweine in der Badewanne und vieles mehr. Als er im Gefängnis landet, führt er mit Hilfe seiner Freundin die Geschäfte aus der Zelle heraus weiter. Lehmanns Karriere endet abrupt am 20. Juni 1948, dem Tag der Währungsreform. Lehmanns angesammeltes Reichsmark-Vermögen ist plötzlich wertlos; als Schwarzhändler hat er ausgedient.

In Exerzierplatz wird die Geschichte einer Familie 'aus dem Osten' zu einem Spiegelbild der gesellschaftlichen Nachkriegsgeschichte. Ein ehemaliger Truppenübungsplatz wandelt sich zu einer blühenden Baum- und Pflanzenschule und wird so zum Schauplatz für einen friedlichen Neubeginn und eine wagemutige Existenzgründung. Dennoch: Der Abstieg läutet sich über das Nachlassen der Kräfte des Gründers ein. Dessen Familie zerfällt. Unabweisbar stellt sich die Frage nach dem Wert eines Lebens unter dem Vorzeichen drohender Entmündigung.

Lenz` Novelle Die Schweigeminute behandelt die kurze Liebesgeschichte des Schülers Christian und seiner Lehrerin Stella. Die Beziehung wird zu einer innigen Liebe. Als Christian sich bereits eine gemeinsame Zukunft ausmalt, nimmt alles ein jähes Ende. Stella wird bei einem Bootsausflug mit ihren Freunden lebensgefährlich verletzt und erliegt schließlich ihren Verletzungen. Es bleibt letztlich eine unerfüllte Liebe mit all ihren Irrungen und Verwirrungen. Sie endet, bevor sie richtig begonnen hat.

Paul Hinrichs, Der Mann im Strom, ist Taucher. Er ist in diesem Beruf alt geworden. Fast zwanzig Jahre ist er Tag für Tag hinuntergestiegen in das trübe Wasser des Hafenbeckens, um dort seiner gefahrvollen Arbeit nachzugehen. Jetzt will er sich nicht ausbooten lassen, nur weil er zu alt ist. Um seine Anstellung nicht zu verlieren, fälscht er seine Papiere und macht sich so jünger. Er tut dies mit der Entschlossenheit eines Mannes, der seine letzte Chance wahrnimmt.

Seinen Roman Fundbüro hat Lenz im Jahr 2003 herausgebracht und dabei Themen aufgegriffen, die sich auch nah an der aktuellen Gegenwart orientieren: Sorge um den Arbeitsplatz und Ausländerfeindlichkeit. Daneben beinhaltet der Roman Betrachtungen über das Verlieren und Sich-Wiederfinden. Mehrfach ist im Roman die Rede davon, dass bei der Bundesbahn tiefgreifende Rationalisierungen vorgenommen und 50 000 Arbeitsplätze eingespart werden sollen. Der Roman bietet auch Anschauungsmaterial zum Thema 'Umgang mit Fremden'. Lenz zeigt, dass sich die Reaktionen auf einen ausländischen Gast von herzlichem Interesse über Distanziertheit bis hin zu offener Feindseligkeit und Gewaltbereitschaft bewegen können. Gegen Ende des Romans beschwört Lenz die Vision einer kollektiven Wehrhaftigkeit gegen alle ausländerfeindlichen Bestrebungen.

Der Leseteufel ist eine Kurzgeschichte aus So zärtlich war Suleyken, die erste Kurzgeschichtensammlung von Siegfried Lenz. Die 20 Kurzgeschichten sind in den ländlichen Masuren, hauptsächlich in dem Dorf Suleyken angesiedelt. Einige Gestalten kommen in mehreren Geschichten vor. In der Kurzgeschichte Der Leseteufel berichtet Siegfried Lenz über einen Großvater, der erst sehr spät das Lesen lernt und plötzlich von einer wahren Lesewut erfasst wird. Er vergisst dabei alles, was um ihn herum geschieht.

 Ausklang

Am Ende der Veranstaltung wurden die Teilnehmer darauf hingewiesen, dass für die diesjährige Fahrt des Freundeskreises Sophie La Roche e. V. zum Literaturarchiv Sulzbach-Rosenberg (5. - 7. Juni 2015) noch einige Plätze frei sind und daher weiterhin Anmeldemöglichkeit besteht.



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