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23.06.2014, 12:07 Uhr
BIGSAS
Spektakula
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Grußwort der Leiterinnen des BIGSAS-Literaturfestivals 2014

2014 jährte sich der Beginn des Ersten Weltkrieges zum 100. Mal. Einige Historiker sehen im Ersten Weltkrieg die „Urkatastrophe“ des 20. Jahrhunderts, weil Europas politische Systeme, gesellschaftliche Strukturen, wirtschaftliche Dynamiken, kulturelle Prozesse und territoriale Besitzungen nachhaltig erschüttert wurden. Doch so wie der Erste Weltkrieg global gefochten wurde und Menschenleben aus aller Welt forderte, ging es in seinen Kämpfen und Fehden auch nicht allein um Territorien in Europa. Wer in Europa siegte, würde auch die Vorherrschaft in Europas Kolonien für sich entscheiden. Das galt im Ersten wie im Zweiten Weltkrieg – und hatte bereits im 19. Jahrhundert konturierte Formen angenommen. Kein anderes Datum steht für diesen europäischen Streit über nicht-europäische Territorien symbolischer als 1884.

1884 lud Bismarck europäische Kolonialmächte nach Berlin ein, um den afrikanischen Kontinent ‚einträchtig‘ untereinander aufzuteilen. Dies intensivierte, was bereits während der europäischen Versklavung von Afrikaner*innen eingesetzt hatte: afrikanische Staatsformen, Gesellschaften, Wirtschaftssysteme, Kulturen und Grenzräume wurden weiterhin nachhaltig erschüttert. Die so genannte „Berliner Konferenz“ gilt gemeinhin als Zäsur, die den Beginn der imperialen Phase des Kolonialismus einläutete, die bis zum Ende des II. Weltkrieges ihre Hochphase hatte, für Deutschland allerdings bereits mit dem Ende des I. Weltkrieges ein – für Deutschland unerwünschtes – Ende fand.

Deutschlands Kolonialismus wiederum fand 1904 einen grausamen Klimax im Genozid an den Herero und Nama und es sollte nicht die einzige vor-weltkriegliche Katastrophe im noch jungen 20. Jahrhundert bleiben, denken wir etwa an die Maji-Maji-Revolution (1905-1907) im heutigen Kenia.

1884 und 1904 sind nicht einfach nur wie 1914 entscheidende Wegmarken in der deutschen, europäischen und globalen Geschichte. Es eröffnen sich auch neue Aspekte der Erinnerungsarbeit, wenn diese drei „4“er-Zäsuren zusammengedacht wird. 130 Jahre „Berliner Konferenz“, der 110. Jahrestag des deutschen Genozids an den namibischen Herero und Nama sowie 100 Jahre seit Beginn des Ersten Weltkrieges sollen einen Anlass bieten, die Katastrophen der Moderne und des 20. Jahrhunderts im Allgemeinen sowie die europäische Eroberung, Zerklüftung und gewaltvolle Aneignung des afrikanischen Kontinentes im Besonderen kritisch zu erinnern. Gesucht werden insbesondere Visionen von Erinnerung einer sich neu erfindenden Zukunft vom Platz des Kolonialismus im kollektiven Gedächtnis – im kollektiven Gedächtnis des afrikanischen Kontinentes und seiner Diasporas sowie Deutschlands und seiner paneuropäischen Erinnerungslücke.

Die Artwork des diesjährigen Festivals – ein Spielbrett – ist eine Fiktion, ebenso wie Literaturen, die von historischen Ereignissen erzählen und damit die Zukunft gestalten. Deswegen widmet sich das BIGSAS-Festivals afrikanischer und afrikanisch-diasporischer Literaturen 2014 der Zukunft der Erinnerung und Wegen eines transkulturellen Deutschlands in einer globalisierten Welt. Festivalteam und -gäste laden dazu ein, zukunftsweisende Erinnerungswege einzuschlagen, die zukunftsweisend sind. Die Zukunft der Erinnerung beginnt immer im Jetzt und liegt stets bei den Nachgeborenen. Vom 24. bis 26. Juni liegt sie in Bayreuth, und alle sind herzlich eingeladen, diesen Erinnerungen für die Zukunft zu begegnen: in Lesungen, Performances, akademischen Vorträgen, Podiumsdiskussionen, Konzerten, Ausstellungen und kulinarisch untermauerten Diskussionen.

Für das Festivalteam, Susan Arndt & Nadja Ofuatey-Alazard

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DAS SPIEL

Ziel des Spiels ist es, die Erinnerung mitzugestalten; ein Zahlenwürfel entscheidet über die Anzahl der Schritte. Spielbeginn ist das Feld „2014“. Von 2014 aus schauen wir auf das Katastrophentrio 1884-1904-1914 zurück. Diese drei Eckfelder sind gefährlich, wer sie betritt, muss Reparationen zahlen – drei miteinander multiplizierte Würfelwürfe entscheiden über deren Höhe in Milliarden. Aber auch die grauen Felder haben es in sich: Wer hier ankommt, muss 3x aussetzen, weil er*sie kolonialistische, imperialistische, rassistische und/oder eurozentristische Visionen von Zukunft be-/vertritt. Wer allerdings auf ein orangenes Feld kommt, darf drei Felder vorziehen oder eine Ereigniskarte ziehen, weil er*sie afrikanisch(-diasporisch)e und freiheitliche Visionen von Zukunft nährt. Diese Ereigniskarten, berechtigen dazu, Visionen von Zukunft auszurufen oder sich Ideen anzuschließen, die auf den orangefarbenen Feldern repräsentiert sind.

Die Ereigniskarten dürfen bei der Ankunft im Jahr 2014 ausgespielt werden: Wer im Hier und Jetzt ankommt, darf die Zukunft der Erinnerung mitbestimmen. Auf den orangefarbenen Feldern ist übrigens zu sehen, was bereits geschah, das, was hätte geschehen sein können, und das, was früher oder später noch geschehen könnte: Seit 2009 heißt bspw.das von-Gröben-Ufer nun May-Ayim-Ufer; die afrodeutsche Aktivistin und Lyrikerin hat den längst überholten Pionier des deutschen Kolonialismus und Versklavungshandels von seinem Platz verdrängt. Orange markiert sehen wir aber auch Visionen von Zukunft: Momentan wird etwa die Berliner M-straße durch zwei kleine Pünktchen nachts häufig in die Möhrenstraße umgetauft; gefordert wird hier eine offizielle Straßenumbenennung; eine Nelson-Mandela-Straße samt eines gleichnamigen U-Bahnhofs.


Externe Links:

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