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16.06.2014, 08:15 Uhr
Peter Czoik
Spektakula

Aus der Paul-Heyse-Ausstellung [4]: Hugo Wolfs Italienisches Liederbuch

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Wolf, Hugo: Italienisches Liederbuch nach Paul Heyse für eine Singstimme und Klavier, 33,5 x 52,6 cm, 99 S., Bd. 2, Titelseite [BSB, Sign.: 4 Mus.pr. 22572-2]

Heyses Vorliebe für südlich heitere, romantische Leichtigkeit in der Musik ist bekannt, steht sie doch im Kontrast zu der für ihn eher „ungeheuerlichen“ und „monotonen“ zeitgenössischen Musik Richard Wagners:

Alles verstehn und verzeihn wir Deutschen: das schwülstigste Pathos,
Sentimentales Geseufz, üppige Frivolität,
Nur unschuldige Grazie nicht. Die finden die Biedern
Blos affektiert, und zudem spreche sie nicht zum Gemüt.

Zwar pflegt Heyse Musik nur im Privaten, aber er betätigt sich auch als Librettist. So verfasst er 1868 das Libretto für die Komische Oper in drei Aufzügen mit dem Titel Der Rothmantel, die von dem Niederbayern Georg Kremplsetzer vertont wird.

Originale und übersetzte Gedichte Heyses dienen zudem zeitgenössischen Komponisten als Vorlage, angefangen bei Robert Schumann, Johannes Brahms und Hugo Wolf bis zu Münchner Komponisten wie Joseph Gabriel Rheinberger und Robert von Hornstein. 123 Gedichte Paul Heyses werden insgesamt 638-mal von zeitgenössischen Komponisten vertont; allein von Heyses Gedicht „Im Walde“ („Waldesnacht, du wunderkühle“) gibt es 32 verschiedene musikalische Fassungen.

Der österreichisch-slowenische Komponist und Musikkritiker Hugo Wolf (1860-1903) ist ein gutes Beispiel für diese Vertonungswut. Sein Italienisches Liederbuch nach Paul Heyse für eine Singstimme und Klavier, zu sehen in der aktuellen Paul-Heyse-Ausstellung der Bayerischen Staatsbibliothek, enthält 46 Lieder von Paul Heyse in zwei Bänden. Die Liedtexte entstammen Heyses Italienischem Liederbuch von 1860. Die italienischen Vorlagen sind anonyme volkstümliche Texte, die Heyse in einer Mischung aus Übersetzung und Nachdichtung wiedergibt. Wolf vertont die 23 Lieder des ersten Bandes zwischen 1890 und 1891; die 23 Lieder des zweiten Bandes werden erstmals 1896 veröffentlicht.

Links: Paul Heyse, Fotografie 1901. Rechts: Hugo Wolf (Bayerische Staatsbibliothek/Porträtsammlung)

Über Heyses Italienisches Liederbuch urteilt der Schweizer Kulturhistoriker und Freund Paul Heyses Jacob Burckhardt:

Mir ist, ich müßte jetzt viele Stellen meines Buches [Die Kultur der Renaissance in Italien, 1860] ausmerzen und umschreiben; ich muß blind gewesen sein um die ganz spezielle Verschmelzung von Geist und Leidenschaft nirgends in meinen bisherigen Studien so zu erkennen wie diese Liedersammlung sie handgreiflich offenbart.

Tatsächlich gehen Heyses Lieder eine sehnsüchtig-melancholische bis schmerzliche Verbindung ein; der Charakter der Lieder reicht vom Lobpreis der Verliebtheit und Schönheit der/des Angebeteten bis hin zu Spott- und Streitgesängen und bitteren Klagen. Dabei wählt Heyse oft die für die volkstümliche italienische Liebeslyrik typische Gedichtform des Strambotto, in seiner toskanischen Abart des Rispetto („Respekt“). Das Rispetto besteht aus nicht mehr als 6 oder 10 Versen und hat seinen Namen wegen der Verehrung, die der Sänger seiner Geliebten erweist.

Auch kleine Dinge können uns entzücken,
Auch kleine Dinge können teuer sein.
Bedenkt, wie gern wir uns mit Perlen schmücken,
Sie werden schwer bezahlt und sind nur klein.
Bedenkt, wie klein ist die Olivenfrucht,
Und wird um ihre Güte doch gesucht.
Denkt an die Rose nur, wie klein sie ist,
Und duftet doch so lieblich, wie Ihr wisst.

Hugo Wolf steht dieser zartfühlenden Verehrung kaum in etwas nach. Mit dem Lied „Auch kleine Dinge können uns entzücken“ (A-Dur) wird programmatisch der Liebesreigen eröffnet, wobei das Klavier fast schon schmalspurig geführt ist, eine Sechzehntelfigur „um die zarte Schwermut eines chromatisch sinkenden Gesangs geschlungen, wie Finger, die ihren Besitz nicht zu berühren wagen“ (Ernst Décsey). Nach einer Serie wiederholter Noten kommt der Änderung in der Tonhöhe eines Halbtons in dem Wort „Güte“ eine markante Bedeutung zu. In Miniaturen, die auf kleinster Fläche komplizierte Seelengemälde enthalten, erstreckt sich das Liederbuch fort und erreicht seine größte Fülle auf engstem Raum.


Sekundärliteratur:

Shin, Dong Jin (2010): Hugo Wolf's Interpretation of Paul Heyse's Texts: An Examination of Selected Songs from the Italienisches Liederbuch. University of North Texas. URL: http://digital.library.unt.edu/ark:/67531/metadc33202/, (11.06.2014).

Externe Links:

Digitalisate von Paul Heyse beim MDZ

Hermann Prey & Lucia Popp: Italienisches Liederbuch (Youtube-Video)


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