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07.11.2010, 19:47 Uhr
Peter Czoik
Text & Debatte

Zur Sprachkunst Ilse Aichingers

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Ilse Aichinger bei der Jahressitzung der Bayerischen Akademie der Schönen Künste am 10. Juli 1964 (Bayerische Staatsbibliothek/Timpe).

Für Ilse Aichinger sind Sprache, Ausdrucksweisen, Redensarten, Wörter etc. und die Beziehung des Menschen zu ihnen ein zentrales, durchgängiges Thema ihrer Arbeit. In der berühmten Spiegelgeschichte beispielweise, für die Aichinger 1952 den Preis der Gruppe 47 erhielt und die ihr den literarischen Durchbruch brachte, wird die Thematik Leben-Sterben einer von der Sprache her komplett neuen Sichtweise unterzogen.

Die Erzählung vom Lebenslauf einer toten Frau endet bekanntermaßen mit dem Anfang der Geburt und schließt mit den Worten: „Still! Laß sie reden!“ Der zitierte Schlusssatz – dieses letzte Wort – lässt die Rede vom Ende und Tod als fahrlässige sprachliche Übereinkunft der anderen, die eigene Rede indes als Versuch, Sprache zu verlernen und somit das Schweigen zurückzugewinnen, erscheinen: „das Schwerste bleibt es doch, das Sprechen zu vergessen“. Der anfängliche Widersinn – zu Beginn der Erzählung steht die verbale Aufforderung an die aufgebahrte Tote, aufzustehen – erweist sich nachträglich doch als Sinn. Was gemeinhin als Tod, als Sterben verstanden wird, wird hier nicht mehr akzeptiert.

Zurücktreten von Realitäten

Die zum Ausdruck gebrachte (sprachliche) Widersetzlichkeit ist typisch für Ilse Aichinger, sind ihre Dichtungen doch von den Gegensätzen menschlichen Daseins geprägt. Das Vergangene und Gegenwärtige, das Allgemeine und das Besondere der Existenz fügen sich einerseits zur quasi-selbstverständlichen Einheit; andererseits zeigen gerade die späteren Erzählungen, wie Eliza Eliza (1965) und schlechte Wörter (1976), dass sie Folge einer Verunsicherung sind, Realität unhinterfragt als gegeben darzustellen.

Wenn noch in einem Text wie Mein grüner Esel (1960) die Geschichte nacherzählbar bleibt, indem die Ich-Erzählerin nach und nach die Erkenntnis vom täglichen Erscheinen des grünen Esels abbaut („mein Ziel kann nur sein, immer weniger von ihm zu wissen“), bis er schließlich in die Welt des Traumes verwiesen wird, so treten in Eliza Eliza realistische Schilderungen, reale Gegenstände oder Schauplätze ganz zugunsten zusammenhangloser Einzelheiten zurück. Die geschilderten Dinge und/oder Wörter werden dabei von der Erzählerin neu kombiniert:

Die Dame ergriff die beiden mageren, feuchten Arme, die ihr geholfen hatten, und vielleicht ergriff sie sie zu fest. Die Arme falteten sich unter ihren Händen, der Hals faltete sich, Schultern, Kopf und Knie, und was sie schließlich hielt, war ein Zeitungsblatt [!], eingerissen und brechend an den vielen Bögen, einige dicke Lettern zu Häupten, die schon ineinander flossen und außer ihrem eigenen Entsetzen nichts mehr mitteilten [...].

Misstrauen gegenüber der Wahrheit

Der Verzicht auf Zusammenhänge, der kombinatorisch nichts auslässt, sollte aber nicht als reines Gedankenexperiment oder ‚konkretes‘ Sprach-Spiel missverstanden werden. Im Gegenteil erweist sich die Unlogik der gegebenen Sätze als Schärfung des Bewusstseins für die Falschheit vorgegebener (‚richtiger‘) Antworten. „Mit dieser Prosa im Kopf fällt das Mitmachen“ – und das meint vor allem das opportunistische – „schwerer“, urteilte zu Recht der Autor Jurek Becker über Aichingers Stil.

Für den Umgang mit Sprache hat diese Sichtweise weitreichende Konsequenzen. Trotz oder weil Ilse Aichinger hinsichtlich der „eigenen Wahrhaftigkeit“ skeptisch ist (Aufruf zum Mißtrauen, 1946), müssen auch ihre Wörter der Demaskierung anheimfallen, wollen sie nicht dem konventionellen Zwang unterliegen, „eine bessere Bezeichnung für die reine Wahrheit als die reine Wahrheit es ist“ zu suchen. Daraus folgt nicht unweigerlich sprachliche Schwäche:

Meine Sprache ist eine, die zu Fremdwörtern neigt. Ich suche sie mir aus, ich hole sie von weit her. Es ist aber eine kleine Sprache. Sie reicht nicht weit. Rund um, rund um mich herum, immer rund um und so fort. Wir kommen gegen unsern Willen weiter. (Meine Sprache und ich, 1968)



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