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05.12.2010, 15:45 Uhr
Peter Czoik
Text & Debatte

Vom „Torso“ zur „Schaukel“. Annette Kolbs Summe ihres Lebens

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Mit geballter Faust. Annette Kolb bei der Jahressitzung der Bayerische Akademie der Schönen Künste am 11. Juni 1958 (Bayerische Staatsbibliothek/Timpe).

Die Schriftstellerin Annette Kolb war eine äußerst komplexe Erscheinung, die, so vehement sie ihre Ansichten auch vortrug, eine starke Vermittlerrolle zwischen den politischen, religiösen und nationalen Gegensätzen einnahm. Als Monarchistin veröffentlichte sie in sozialistischen Blättern; als Katholikin war sie abergläubisch; als Deutsche betrachtete sie ihr Land vom Blickwinkel Frankreichs aus (und umgekehrt). Ihren Glauben an eine Elite hatte sie dabei aber nie verloren, zumal ihr dieser in einer Zeit größten gesellschaftlichen Umbruchs moderner denn je erschien.

So sah sie über gesellschaftliche Ungleichheiten nur insofern hinweg, als man genau diese Ungleichheiten feststellte, unterordnete und auf ihre Ursprünge zurückführte – nicht weil sie den Menschen per se „Gleichheit“ unterstellte. Die Politik des Gemeinwesens sei eine vollkommen moralische, entstanden im Übergang von der alten Welt der Standesunterschiede zur neuen, ebenfalls mit einer „Herrenkaste und Knechteschar“ versehenen Welt (vgl. Annette Kolbs Schweizer Rechenschaftsbericht Zarastro: Westliche Tage von 1918).

Torso

Der Schönheitssinn Münchens trug das seine dazu bei, Annette Kolbs Standesbewusstsein, dem es keinesfalls auf Geburt oder Geld, sondern geistigen und künstlerischen Adel ankam, zu prägen. Im Genie erkannte sie seine höchste Ausformung. Die eigenen künstlerischen Anfänge Kolbs blieben jedoch relativ bescheiden, denkt man an die vielen kleinen Beiträge, die ihr postwendend von den Münchner Zeitungen zurückgeschickt wurden. Erst die sieben Jahre später publizierten Sieben Studien (1906) und der Essay Torso zeigen eine Wendung in ihrer Laufbahn.

Torso – eigentlich eine Novelle und ein Bildungsroman im Kleinen – sammelt alle Eindrücke, die von frühester Kindheit auf die Protagonistin Marie einwirken und von Unvollkommenheit und Hässlichkeit, von Einsamkeit und Langeweile zeugen. Zwei Erfahrungen bringen Marie dazu, „Gott nicht lieben“ zu können. Unter schönen Frauen und weltgewandten Männern geht Marie nun durch die Schule der Zerstreuung; eine junge Amerikanerin taucht bald auf, die sie mit berühmten Zeitgenossen bekanntmacht und mit Präsenten überhäuft.

Bei aller Zerstreuung leidet Marie aber todessehnsüchtig an der „schmerzbefleckten Welt“, bis sie eines Tages Plato liest und den Schlüssel zur Erlösung des Menschen mit in die Hand geliefert bekommt: Die Antike wird als Vorstufe und -bedingung der christlichen Religion gesehen, was zum „Sehnen eines Gottes“ und „zu tausendfacher Befreiung den Menschen zu erlösen“ genötigt habe. Hier also die Rückkehr zum Glauben in der allumfassenden Aufhebung des dualistischen Prinzips; Antike und Christentum stellen keine Gegensätze (mehr) da.

Das Exemplar und Die Schaukel

Ähnlich antidualistisch bei gleichbleibend elitärer Stellung der Geschlechter ging Annette Kolb in ihrem ersten Roman Das Exemplar (1912) vor.

Der Roman zieht, noch im größeren Maße als Torso, die Summe von Kolbs Leben, indem er die Beziehung einer jungen Frau, Mariclée, zu einem geliebten Mann, ein „Wunderexemplar“ des männlichen Geschlechts, schildert. Die Autorin sieht ein neues Verhältnis der Geschlechter sich entwickeln, weil ein neuer Frauentypus entsteht, der „aus der Sturzwelle des Gefühls sich ungebrochen wieder aufzurichten“ imstande ist. Umgekehrt hat diese Entwicklung die eines neuen Männertypus zur Folge, einen um seine Jugend betrogenen Jüngling und jungen Patriarchen, der das Elementare in sich zurückdrängt und in die Intellektualität flüchtet.

Annette Kolbs letzter Roman Die Schaukel (1934) nimmt den Dualismus dagegen wieder auf und lässt die Erzählerin nicht nur auf und ab zwischen den Höhen der Heiterkeit und den Tiefen der Melancholie, sondern auch zwischen Vergangenem und Zukünftigem kräftig ‚hin- und herschwingen‘.

So beginnt der Roman mit einem „Nachspiel“, inspiriert vom Münchner Glaspalastbrand von 1931. Geheimer Mittelpunkt der Handlung ist das Mädchen Mathias, das jüngste Kind der Familie Lautenschlag. Weitaus weniger attraktiv als ihre Geschwister erobert sie sich durch ihren Snobismus ihre Stellung. Mathias verkündet auf ihre Art „die Meinungen der Autorin, die damit noch einmal die Schaukel durch ihre Zeit schwingen läßt, am höchsten wohl in den Beschreibungen der übermütig beschwingten Geschwister, die in völligem Sichgenügen ihre Sache auf nichts stellten ‚in einer Welt wie dieser,‘ am tiefsten auf der knappen Seite, die den Tod von Madame Lautenschlag schildert in seiner ganzen Unerbittlichkeit.“ (Sigrid Bauschinger)



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