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07.03.2010, 18:48 Uhr
Peter Czoik
Text & Debatte

Über das Gedicht „Gschichtln von arme Leit“ von Carlamaria Heim

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Gedenktafel für Carlamaria Heim neben dem Hauseingang, Johannisplatz 10, München.

Als Autorin der Josefa Halbinger – Jahrgang 1900 und der einfühlsam zu Papier gebrachten Lebensgeschichten Aus der Jugendzeit – die laut Vorwort ihres Mannes Joachim Hackethal um weitere Lebensläufe ergänzt worden wären, hätte sie sich nicht vorzeitig in den Freitod gestürzt – ist Carlamaria Heim hinlänglich bekannt. Was man dagegen nicht so kennt, sind ihre eigenen Gedichte. Auch darin bekundet die Schriftstellerin in der Maske der Mundartdichterin ihren vertrauensvollen Umgang mit den sogenannten ‚kleinen Leuten‘.

„Gschichtln von arme Leit“ heißt bezeichnenderweise das zweite Gedicht in der Anthologie von Lyrikerinnen – darunter auch Carlamaria Heims Freundin Sarah Camp – Mia san so frei aus dem Jahr 1983. In drei anaphorisch-wiederkehrenden Strophen („‚Arm aber sauber‘ / hats beispielsweis ghoaßen…“ – „‚Arm aber ehrlich‘ / hats a oiwei gheißen…“ – „‚Arm aber fröhlich‘ / sans aa oiwei gwesen…“), deren Argumentation gleich darauf wieder zurückgenommen wird, wird nicht bloß die Sympathie gegenüber den Armen dargelegt („weil arm warn mir aa“), sondern in witziger Pointierung der Spieß umgedreht: Arm-Sein bedeutet für das lyrische Ich nicht unwiderruflich Arm-Bleiben!

Bewusst greift dieses lyrische Ich das nur aus Schullesebüchern übernommene Argument vom moralisch vertretbaren und dadurch wertvollen Arm-Sein nahezu wörtlich auf und führt es gleichzeitig ad absurdum:

Str. 3: „‚Arm aber sauber‘ [...] sauber und reich war do besser“;

Str. 5/6: „‚Arm aber ehrlich‘ [...] ‚Ehrlich und deswegen arm‘“;

Str. 7/8: „‚Arm aber fröhlich‘ [...] daß net sofort alle Reichen / ihr ganz Geld verschenga, / damits aa so fidel wern.“

„I glaub i wer meine Kinder / a anders Lesebuach kaffa“ lautet denn auch die Schlussbemerkung, die als erzieherische Konsequenz des Gedichts gewertet werden kann.

Die Ironie bleibt freilich, dass Carlamaria Heim selber solch „scheene Gschichtn“ von armen Leuten geschrieben und uns Lesern überliefert hat, wenn auch nicht in derselben falschen, unreflektierten Weise wie einst in den Schulbüchern.

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Quelle: Carlamaria Heim: Gschichtln von arme Leit. In: Mia san so frei. Bairische Gedichte, Geschichten und Szenen. Obalski & Astor, München 1983, S. 18f.



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