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23.02.2014, 13:16 Uhr
Frank Piontek
Jean-Paul-Reihe
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Jean Paul selbst nannte seinen Debütroman eine „geborne Ruine“: Frank Piontek liest „Die unsichtbare Loge“ von Jean Paul, Tag für Tag, von der ersten bis zur letzten Seite, und bloggt darüber.

Logen-Blog [358]: Aufgesprengte Schiffe und deren Urbilder

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Bleiben wir noch ein wenig bei Ur- und Nachbild: Kann es nicht sein, dass Jean Pauls Desinteresse für Werke der Bildenden Kunst mit seiner eigenen Schöpferkraft zusammenhängt, die eifersüchtig auf die Nachbarkunst schaute? Nicht, weil er wirklich der Meinung gewesen wäre, dass Gemälde und Skulpturen per se – im Vergleich zu den Originalen der Natur – minderwertig seien, sondern weil er sich seine Idee von der Kraft literarischer Bilder nicht stören lassen wollte? Womit erklärbar ist, wieso er kein „Augenmensch“ war – zumindest kein Augenmensch, der gern in Galerien gegangen ist?

Nein, wir müssen darüber nicht den Kopf schütteln – die Tatsache, dass Leute wie der Blogger ausgesprochen gern in Kunstausstellungen gehen, muss nicht gegen einen Schöpfer in Anschlag gebracht werden, dessen literarische Abbilder die Potenz von Urbildern besitzen, und dessen Erfindungen origineller sind als manch „Urbild“. Genies müssen andere Genies nicht schätzen; außerdem steht es außer Frage, dass er einige Maler (um nur Veronese zu nennen) über alles schätzte.

Nun gibt es im Kommentar zur „Urbild“-Stelle der Loge einen interessanten Verweis auf einen früheren Kommentar – eine Note –, der sich in der 1840 publizierten Reimerschen Gesamtausgabe der Werke Jean Pauls befindet: „Vor den Augen des Gentile Bellini ließ der türkische Sultan, um ihm einen Fehler in der von ihm gemalten Enthauptung Johannis zu beweisen, einem Christensklaven den Kopf abschlagen.“ Interessanter ist hingegen folgende Stelle: „Philipp Hackert hatte von der Kaiserin Katharina u.a. den Auftrag erhalten, die Verbrennung der türkischen Flotte durch die russische im Hafen von Tschesme zu malen; Graf Orlow ließ für diesen Zweck den Künstler eine russische Fregatte bei Livorno in die Luft sprengen.“

Glücklicherweise existiert das für Petershof gemalte Gemälde noch, das die Seeschlacht von Çeşme so bildmächtig schildert, man kann es in der Eremitage besichtigen. Nur ein Wort zu dieser Schlacht, die sich zutrug, als der zukünftige Verfasser der Unsichtbaren Loge noch in Joditz im Pfarrgarten saß: sie fand statt im Jahre 1770 und markiert den Beginn einer jeweils mit dem vollen Sieg der Russen gegen die Osmanen endender Schlachtenserie in einem lange dauernden Krieg gegen die Türken. Die Vernichtung der türkischen Flotte in der osmanischen Hafenstadt war am 7. Juli vollkommen, Erinnerungen an Lepanto waren naheliegend. Es war Goethe, der viele Jahre später die Entstehung dieses Gemäldes in einer ausführlichen Schrift[1] gewürdigt hat.

Der Maler im Jahre 1797 in seinem Atelier mit einem entzückenden Abbild von Katze Oder: Wer Katzen liebt, kann vielleicht ein schlechter Maler – aber kein schlechter Mensch sein.

Hackert war, das ist bekannt und muss hier nicht erläutert werden, mit Goethe in Italien unterwegs; 1811 veröffentlichte der Dichter eine eigene Schrift über den berühmten Maler (übrigens bei Cotta, bei dem auch Jean Paul unter Vertrag war):

Philipp Hackert. Biographische Skizze, meist nach dessen eigenen Aufsätzen entworfen,

Der Durchlauchtigsten Fürstin und Frauen
Maria Pawlowna
Großfürstin von Rußland, Erbprinzessin von Sachsen-Weimar und Eisenach
Kaiserlichen Hoheit

Goethe hat der russischen Episode natürlich aufgrund der Verwandtschaft „seiner“ Fürstin mit Katharina „der Großen“ einen besonderen Platz eingeräumt, aber auch ohne diese verwandtschaftlichen Bezug wäre die Geschichte der Entstehung des Nachbildes interessant genug gewesen, um ausführlich beschrieben zu werden.

 

Schlacht bei Tschesme

Kurz nachdem Hackert in Rom wieder eingetroffen, hatte der General Iwan Schuwalow von seiner Monarchin, Katharina der Zweiten, den Befehl erhalten, zwei Gemälde verfertigen zu lassen, die so genau als möglich jene von den Russen über die Türken im vorhergehenden Jahre, 1770, den 5. Julius bei Tschesme erfochtene Seeschlacht und ferner die zwei Tage später erfolgte Verbrennung der türkischen Flotte vorstellen sollten.

Hackert übernahm diese Arbeit mit dem Beding, daß man ihm alle zu dieser ganz eignen Darstellung wesentlich nötigen Details auf das genaueste mitteilte. Diese jedoch, so wie man sie ihm anfangs gab, waren auf keine Weise hinlänglich, daß der Künstler danach ein lebhaftes und der verlangten Wahrheit durchaus entsprechendes Bild hätte verfertigen können.

Nun trug es sich aber zu, daß in eben dem Jahre der Sieger, Graf Alexej Orlow, mit einem Teil seiner Flotte in das Mittelländische Meer und nach Livorno kam. Um diese erwünschte Gelegenheit, von welcher Philipp Hackert den vollständigsten Unterricht sich versprechen durfte, zu benutzen, reiste er sogleich dahin, fand aber ebensowenig Befriedigendes vorhanden: keinen Plan des Gefechts, keine Anzeige der Gegend, keine authentische Darstellung der Attacke und der dabei obwaltenden Ordnung. Alles und jedes vielmehr, was dem Künstler durch einzelne Personen mitgeteilt wurde, ward sogleich wieder durch den Streit der mitteilenden Schiffskapitäne selber, deren jeder im großen Feuer, jeder im Mittelpunkt des Treffens, jeder in der größten Gefahr gewesen sein wollte, verwirrt, wo nicht aufgehoben.

Ein Offizier des Ingenieurkorps, ein Schweizer, der der Schlacht beigewohnt und einigen Plan davon hätte aufzeichnen können, war nach Basel, seiner Vaterstadt, gegangen. Das einzige, was der Künstler noch vorfand, war eine Aussicht von Tschesme, die ein Kommentur des Malteserordens, Massimi, ein Mann von Talenten und Geschmack, gezeichnet und hergegeben hatte. Dieser aber war in dem Augenblicke krank und konnte die Arbeit nicht befördern helfen, an deren baldiger Sendung nach Petersburg, wenigstens in vorläufigen wesentlichen Umrissen, dem Grafen Orlow ebensoviel als Philipp Hackert gelegen war.

So verging nun viele Zeit, bis endlich nach Verlauf eines Monats unter der Leitung des Kontreadmirals Greigh, eines Schotten in russischen Diensten, mit Beihülfe obgedachter Zeichnung des Ritters Massimi zwei teils geometrisch aufgerissene, teils ins Perspektiv gezeichnete Hauptplane zustande kamen, nach welchen der Künstler, anstatt zweier, sechs Gemälde in einer Zeit von zwei Jahren zu liefern sich verbindlich machte, deren Vorstellungen folgende sein sollten.

Das erste: die am 5. Julius 1770 von der in Linie geordneten russischen Flotte gemachte Attacke auf die in einem Halbzirkel vor Anker gelegene türkische Flotte.

Das zweite: die Seeschlacht selbst, besonders wie in derselben ein feindliches Vize-Admiral-Schiff von einem russischen Vize-Admiral-Schiff verbrannt, dieses aber wieder von jenem angezündet wird und beide verbrennen.

Das dritte: die Flucht der Türken in den Hafen von Tschesme, und wie sie von der russischen Flotte verfolgt werden.

Das vierte: die Absendung einer russischen Eskadre nach dem Hafen von Tschesme, nebst der Bereitung der russischen Brander, um die feindliche Flotte in Brand zu stecken.

Das fünfte: die Verbrennung der türkischen Flotte im Hafen in der Nacht vom 7. Julius.

Das sechste endlich: die triumphierende russische Flotte, wie sie beim Anbruch des Tags von Tschesme zurückkehrt und ein türkisches Schiff und vier Galeeren mit sich führt, die von der Flotte gerettet waren.

Auf solche Darstellungen in sechs großen Gemälden, jedes acht Fuß hoch und zwölf Fuß breit, wurde die Bearbeitung beider Plane vorgeschlagen und diese durch einen Kurier nach Petersburg zu Einholung der kaiserlichen Genehmigung gesendet.

Indessen ließ Graf Alexej Orlow dem Künstler für die Arbeit, die ihn vollkommen zufriedengestellt hatte, 300 Zechinen auszahlen, so wie Philipp Hackert schon vorher, unter dem Namen des Postgeldes, für die Reise von Rom nach Livorno von der Kaiserin 100 Zechinen erhalten hatte. Bald darauf traf die vollkommene höchste Genehmigung dieser vorgeschlagenen Arbeit ein; der in Rom sich befindende General Iwan Schuwalow erhielt sie, mit welchem sogleich im Oktober 1771 ein schriftlicher Vertrag über Größe, Zeit und pünktliche Vorstellung der sechs oben beschriebenen Gemälde aufgesetzt und der Preis für jedes derselben auf 375 römische Zechinen reguliert wurde, so daß das Ganze sich auf mehr als 12000 Gulden belief.

Das erste Gemälde, welches der Künstler in Arbeit nahm, war jenes von der Schlacht selber, in dem bedeutenden Momente, da beide Vize-Admiral-Schiffe brannten und die Schlacht im heftigsten, entscheidendsten Feuer war. Vollendet war es im Anfang des Jänners 1772; und da gerade zu dieser Zeit Graf Orlow mit einer Flotte aus dem Archipelagus nach Livorno kam, so versäumte Philipp Hackert diese Gelegenheit nicht, sich mit seinem Bilde daselbst einzufinden, um sowohl vom Grafen Orlow als von dem Kontreadmiral Greigh zu erfahren, ob und wieweit er in diesem Bilde, durch die Ausführung jener ihm mitgeteilten Notizen, die Wahrheit des Vorgangs erreicht und dem Verlangen dieser Herren Genüge geleistet habe.

Zugleich ließ er einen Entwurf des Gemäldes, welches die Verbrennung der türkischen Flotte im Hafen vorstellte, von Rom nach Livorno zu Wasser abgehen, weil sie zwar fertig, doch nicht trocken genug war, um zur Landreise aufgerollt werden zu können.

Der vollkommene und allgemeine Beifall, den jenes große, zu Pisa in einem Saale des Grafen Orlow auf gestellte Gemälde sowohl von diesem Herrn als von allen anwesenden Seeoffizieren auf eine entscheidende Weise erhielt, war für den Künstler höchst schmeichelhaft, so wie die getreue Darstellung dieses vom Grafen Orlow erfochtnen Siegs demselben um so interessanter war, als er gerade um eben die Zeit die Nachricht erhielt, daß das einzige Schiff, „Rhodus“, welches sie von der verbrannten Flotte der Türken gerettet hatten, nunmehr, weil es in der Schlacht sehr viel gelitten, zu Grunde gegangen war, so daß solches zur Erhaltung des Andenkens an diesen ruhmwürdigen Vorgang nur allein auf dem Bilde existierte.

Indessen war auch jenes kleinere Gemälde, die Verbrennung der Flotte vorstellend, angekommen und wurde im ganzen gleichfalls mit vielem Beifall aufgenommen; nur war Graf Orlow mit dem Effekt eines entzündeten und in die Luft auffliegenden Schiffes, welchen Moment man auf dem Bilde vorgeschrieben hatte, unzufrieden. Es war beinahe unmöglich, eine der Wahrheit eines solchen, vom Künstler nie mit Augen gesehenen Ereignisses deutlich entsprechende Vorstellung, selbst nach den besten Beschreibungen der Seeoffiziere, zu geben. An diesem Momente mußte die Ausführung eine der größten Schwierigkeiten finden. Graf Orlow entschloß sich jedoch endlich, auch dieses Hindernis auf eine ganz eigne grandiose Weise zu heben und die wirkliche Vorstellung einer solchen Begebenheit durch ähnliches Auffliegen einer gerade auf der Reede vor Anker liegenden russischen Fregatte dem Künstler zu geben, wenn er sich anheischig machen würde, diesen Effekt mit eben der Wahrheit wie das Feuer auf dem Gemälde der Schlacht darzustellen.

Der Graf hatte sich die Erlaubnis dazu sowohl von seinem eignen Hofe als auch vom Großherzog von Toskana erbeten, und nun wurde gegen Ende des Mais gedachte Fregatte, die man mit so viel Pulver, als zum Auffliegen nötig war, laden ließ, sechs Meilen von Livorno auf der Reede, bei einem ganz unglaublichen Zulauf von Menschen, in Brand gesteckt und in weniger als einer Stunde in die Luft geschleudert; zuverlässig das teuerste und kostbarste Modell, was je einem Künstler gedient hat, indem man den Wert der noch nutzbaren Materialien dieser alten Fregatte auf 2000 Zechinen schätzte.

Das Schiff brannte beinahe drei Viertelstunden in den obern Teilen, ehe sich das Feuer der Pulverkammer, die heilige Barbara genannt, mitteilte. Erst durchlief die lodernde Flamme wie ein Kunstfeuerwerk nach und nach alle Segel, Taue und die übrigen brennbaren Materien des Schiffs; als das Feuer an die Kanonen kam, die man von Holz gemacht und geladen hatte, feuerten sie sich nach und nach alle von selbst ab. Endlich, nachdem die Pulverkammer erreicht war, tat das Schiff sich plötzlich auf, und eine lichte Feuersäule, breit wie das Schiff und etwa dreimal so hoch, stieg empor und bildete feurige, mit Gewalt und Geschwindigkeit ausgeschleuderte Wolken, die durch den Druck der obern Luft die Form eines ausgebreiteten Sonnenschirms erhielten, indem sich Pulverfässer, Kanonen und andere emporgeworfne Trümmer des Schiffs mit darin herumwälzten und der ganze oberste Teil mit dicken schwarzen Rauchwolken überdeckt war. Nach etwa drei Minuten verwandelte sich diese schreckliche Feuersäule in eine blutrote Flamme, aus deren Mitte eine durchaus schwarze Säule von Rauch aufstieg, die sich ebenso wie jene in ihrem obern Teile ausbreitete, bis nach etwa ebenso langer Zeit auch diese Flamme erlosch und nur noch der schwarze Rauch, wohl über zwanzig Minuten lang, dicht und fürchterlich, über die Region des verbrannten Körpers emporschwebte.

Aufmerksam auf den Effekt dieses Vorgangs nach allen seinen Teilen, retuschierte der Künstler nochmals das Gemälde von der Verbrennung der Flotte zu völliger Zufriedenheit des Grafen Orlow und vollendete sodann die übrigen ihm aufgetragnen Bilder in der von ihm festgesetzten Zeit.

Er hatte während derselben sieben Reisen nach Livorno gemacht, deren jede mit 100 Zechinen, fürs Postgeld, bezahlt wurde. Ferner malte er für die russische Monarchin sechs andere Bilder von eben der Höhe zu acht und der Breite von zwölf französischen Fuß. Zwei derselben stellten ein von einer russischen Eskadre gegen die Türken erfochtenes Treffen bei Mytilene und die daselbst erfolgte Landung vor, noch zwei andre ein Gefecht der russischen Eskadre mit den Dulcignoten, das fünfte einen Seevorfall in Ägypten und das sechste endlich das, ein Jahr nach dem vorigen, nochmals bei Tschesme erfolgte Gefecht.

Die zwölf Gemälde sind in Peterhof in einem eigens dazu bestimmten großen Saal aufgestellt, in welchem, der Eingangstüre gegenüber, das Porträt Peters des Großen, als des Stifters der russischen Seemacht, und sodann das Porträt von Katharina der Zweiten sich befindet, unter deren Regierung die russische Seemacht außerordentlich gefördert und jene glorreichen Siege erfochten worden.

Hackert erwarb sich durch diese Arbeit, nebst einem ansehnlichen Gewinn, einen ebenso frühzeitigen als soliden Ruhm, der sich durch das Aufsehen, welches das sonderbare, viele Monate vorher in allen Zeitungen Europens angekündigte kostbare Modell verursachte, mit ungemeiner Geschwindigkeit verbreitete.

Dies also meinte der Erzähler der Loge, als er die aufgesprengten Schiffe erwähnte, denen mit den Urbildern dazu beigesprungen wurde. Der Blogger muss allerdings zugeben, dass er die Nacherzählung Goethes wesentlich spannender findet als das gemalte Abbild selbst – auch, natürlich, anschaulicher als das kurze Zitat des Jean Pauls – was absolut nicht gegen Jean Pauls Zitiertechnik, wohl aber für Goethes literarische Kopier- und Nachahmungskunst spricht.

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[1] Ich verdanke den kompletten Text dieses Aufsatzes dem Kunsthistorischen Seminar der Ludwig Maximilian Universität, auf dessen Seite er zu finden ist.



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