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16.10.2012, 16:17 Uhr
Frank Piontek
Jean-Paul-Reihe
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Jean Paul selbst nannte seinen Debütroman eine „geborne Ruine“: Frank Piontek liest Die unsichtbare Loge“ von Jean Paul, Tag für Tag, von der ersten bis zur letzten Seite, und bloggt darüber.

Logen-Blog [17]: Über Frauentheorien und Frauenfiguren

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Schach macht müde – aber es ist geschafft. Foto: Valeska Weinrich

Was ist eigentlich ein „Pfiff“? Der Kommentar gibt darüber keine Auskunft, er sollte es. Jean Paul verwendet mehrmals dieses Wort: so etwa, wenn Ernestine „selber einmal so lange bei ihr [der Erbtante] und in der Stadt gewesen war, dass sie recht gut eilftausend Pfiffe mit wegbringen konnte – drei Wochen nämlich.“ Und Dr. Fenk „wolle sein Reisegeld daransetzen, dass sie [Ernestine], da sie ihn [natürlich den Rittmeister] liebe, einen Pfiff in ihrem Kopfe großbrüte, der die Treppe zum Brautbette zimmern werde – er riet ihm, sich zerstreuet und achtlos anzustellen, damit er sie nicht im Ausbrüten des Pfiffes ertappe und wegstöre“.

Ohne das Grimmsche Wörterbuch ist man an solchen Stellen verloren. Band 13, Spalte 1696f. gibt Auskunft. „Pfiff“ meint auch etwas Geringes und Wertloses (das scheint sich auf die erste Stelle zu beziehen) – und (3)) „in bezug auf den lockpfiff des vogelstellers oder (wie Adelung vermutet) in bezug auf das pfeifen des taschenspielers, womit er die aufmerksamkeit der zuschauer von seinem handgriffe abzulenken versucht“ heißt es also: „den 'pfiff' verstehen. Wissen, wie mans anstellen muss jemanden zu berücken.“ Auf deutsch: pfiffig sein. Das Wörterbuch bringt denn auch – man kann sich immer wieder und immer noch auf das uralte Lexikon verlassen - als Beleg für den Plural dieser „Pfiffe“ just die zweite Stelle, die ich in der Loge gefunden habe. Noch ein Zitat von Göthe: „Horch! Der verstehts. Der hat Pfiffe.“ Ist aus dem Egmont, aber das muss man nicht wissen.

Das hätte man sich auch denken können, wenn man länger darüber nachgedacht hätte; ich sehe, dass ich Jean Paul noch langsamer lesen muss, als ich's eh schon tue.

Worin also besteht Ernestines Pfiff? Sie sieht, dass sie klüger sein muss als der Rittmeister, der nicht der hellste ist – auf keinen Fall, sagt der Autor, ein Frauenversteher [1].Also trifft sie ein Arrangement, um kurz vor Toresschluss das Spiel auf ihre Weise zu entscheiden. Selbst Fenk, der immerzu seine Witze machte, ist inzwischen stumm geworden; er sieht die Felle seines Freundes davonfliessen. Dass es die Frau ist, die die Initiative ergreift und sich listig zeigt: das ist einer jener sympathischen jeanpaulschen Züge, die uns davon überzeugen, dass seine Frauentheorie nicht immer konform geht mit der Praxis seiner Frauenfiguren. Alles ist in Spannung, sie scheint das Spiel schon gewonnen (also den Mann verloren zu haben), „bloß mein weißes Miezchen marschierte schnurrend auf dem Spieltisch herum“.

Was nun passiert, lieber Leser, solltest du selbst lesen.


[1] Jean Paul sagt das natürlich viel genauer: „der gar keine Seele, seine eigne kaum und eine weibliche nie erriet“.



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