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07.01.2013, 10:59 Uhr
Frank Piontek
Jean-Paul-Reihe
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Jean Paul selbst nannte seinen Debütroman eine „geborne Ruine“: Frank Piontek liest „Die unsichtbare Loge“ von Jean Paul, Tag für Tag, von der ersten bis zur letzten Seite, und bloggt darüber.

Logen-Blog [62]: Unterwegs in M*** und P***

Schön und gelegentlich aufgekratzt: drei Frauen der frühen und späten Jean-Paul-Zeit, denen der Blogger in Russland begegnete (v.l.n.r.: Katharina die Große, Olimpiada Riumina und Jekaterina Arsenjewa). Fotos: Frank Piontek, 2.1. 2013.

Es wird noch ein paar Sektoren dauern, bis wir auf jenen russischen Fürsten treffen, der mich, da Mulatte, an Puschkin – den geliebtesten und universalsten unter den russischen Dichtern – erinnert. Ich traf in den letzten Tagen nicht nur Puschkin – in M*** und in P*** –, ich traf auch jene Potentatin, die des Dichters Kaiserin gewesen wäre, hätte er ein wenig östlicher als in Schwarzenbach seinen Roman geschrieben: Katharina, genannt die Große. Im Anhang der Unsichtbaren Loge erwähnt er tatsächlich eine russische Kaiserin: die vorige, also Elisabeth Petrowna, die bis 1762 regierte. Wollte sich der Dichter dadurch 1791 schützen? Da es inopportun gewesen wäre, die aktuelle russische Kaiserin, also die Potentaten seiner Lebkuchen, durch Wutzens Okulier-Gabel aufzukratzen und zu durchschneiden (wie die Reußen das polnische Königtum immer wieder durchgeschnitten haben)?

Ich sehe sie in P*** – hier steht sie, sehr prominent, vor dem großen Alexandrinski-Theater und im Russischen Museum, vor dem der geliebteste und größte Dichter steht; die Besucher drängen sich um ihre bronzenen Füße. Ja, sie beeindruckt, sie hat das Imperiale gleichsam drauf. Nebenbei: im Vergleich zu den Palästen in M*** und in P***, zum ungeheuren Reichtum und zur überdimensionalen Grausamkeit des Zarenreiches der Jean-Paul-Zeit wirken Regent und Hof von Ober- und Unterscheerau einfach nur liebenswürdig, kästchenklein und völlig durchzivilisiert[1], freilich auch ärmlich ohne Ende.

Ich treffe in den beiden Städten aber nicht nur die Kaiserin. Mir begegnen einige Damen, in denen ich plötzlich Ernestine Knör entdecke – Ernestine Knör auf Russisch. Wladimir Boriwokowski malte in den 90er Jahren die Arsenjewa – Jekaterina Arsenjewa, eine kapriziöse Frau, die sich hübsch anzieht und mit Umzügen überfordert ist. 1826 konterfeite Orest Kiprensky eine schönere Frau: Olimpiada Riumina. In ihr sehe ich eine Zeitgenossin des alten Jean Paul, die dem Dichter in Gestalt von Sophie Paulus entgegen gekommen sein könnte, als er sich daran machte, den Roman zu überholen. Über die lebenden russischen Frauen sage ich hier nichts – das gehört nicht zum Thema, auch wenn's schön wär; ich stelle mir kaum vor, wie Jean Paul über die „schöne russische Frau“ reflektiert hätte.



[1] Womit der Verfasser dieses Blogs nicht behaupten will, dass der Topos vom Grausamen Russland in seiner Eindeutigkeit jemals zutreffend gewesen wäre.



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