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02.12.2013, 13:08 Uhr
Frank Piontek
Jean-Paul-Reihe
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Jean Paul selbst nannte seinen Debütroman eine „geborne Ruine“: Frank Piontek liest „Die unsichtbare Loge“ von Jean Paul, Tag für Tag, von der ersten bis zur letzten Seite, und bloggt darüber.

Logen-Blog [291]: Wo sind eigentlich die Perfectibilisten hin?

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Bleiben wir noch ein bisschen in Ingolstadt, der Stadt der Marieluise Fleißer. Es hat seinen Grund, vielleicht seinen guten – denn in Ingolstadt wurde bekanntlich eine Loge gegründet, die für viel Aufsehen gesorgt und bis heute Verdächtigungen unterliegt: die Loge der Illuminaten.

„Ihre extremste Ausprägung fand die bayerische Aufklärung in dem Geheimbund der Illuminaten“, lese ich im exzellenten Katalog der Wittelsbacher-Ausstellung, die im Jahre 1980 auch in München stattfand[1]. Die Gründung dieses spektakulären, geheimnisumwitterten Bundes fand in Ingolstadt – statt, nämlich 1776.

Adam Weishaupt – so sah der Gründer dieser sichtbar-unsichtbaren Loge aus, der 1748 in der Donaustadt zur Welt gekommen war und hier zum Ordinarius für Kirchenrecht und praktische Philosophie ernannt worden war. Erzogen wurde er im Ingolstädter Jesuitenkolleg, das Ende des 16. Jahrhunderts einen neuen Anbau an der Konviktstraße, gleich am gewaltigen, gewaltig spätgotischen Münster, erhalten hatte (in dem wir noch einem anderen berühmt-berüchtigen Ingolstädter begegnen werden).

So sah im frühen 18. Jahrhundert der bedeutende Verfertiger bayerisch-topographischer Ansichten, also Michael Wening[2], die Anlage.

Erhalten ist noch der Trakt im Südosten des Komplexes: das heutige Canisiuskonvikt, die „Konviktskaserne“, die hier mit dem Zipfel ein wenig in die Gerade [der Kupferstraße] hineinstieß, wie Marieluise Fleißer schrieb. Hier also lebte der junge Weishaupt, der – da lebte der junge Herr Richter noch in Joditz – im Jahre des Herrn, anno 1776, den Geheimbund der Perfectibilisten gründete.

Gegründet wurde Weishaupts unsichtbare Loge im Haus Theresienstraße 23 – im Stadtzentrum, auf der anderen, östlichen Seite des Münsters. Das Ziel der Loge aber war nichts anderes als radikal: im Sinne einer zu Ende gedachten Aufklärung gedachte man alle politische und religiöse Bevormundung des freien Geistes abzuschaffen. Der Illuminatenorden, wie er schließlich genannt wurde, träumte von einer klassenlosen Gesellschaft, zugleich von einer weltumfassenden Ordnung im Sinne des modernen Republikanismus.

Dass diese Ziele nicht erreicht werden konnten und der Orden sich schon bald den Angriffen der Regierung ausgesetzt sah – die der Orden mit seinen Logenmitgliedern zu unterwandern suchte: etliche Illuminaten waren höhere Beamte und saßen damit an den Schalthebeln der Macht – ist völlig klar. Schon 1785 wurde der Orden verboten, nachdem der Gründer bereits im Vorjahr nach Regensburg geflohen war. Kurfürst Karl Theodor hatte „die Faxen dicke“, wie man populär sagen muss. So geriet der Orden, der im Zeichen der Minerva angetreten war und unter dem Wahlspruch „P. M. C. V.“ (was für Per me oeci vident – Durch mich werden die Blinden sehen steht) siegen wollte, in den Untergrund, wo er auch heute noch, nach den Vorstellungen der Verschwörungstheoretiker, fröhlich operieren soll.

Zwei Erkennungszeichen der Illuminaten (Bronze, feuervergoldet, je 3,6 cm) findet sich im Bayreuther Freimaurermuseum – in Bayreuth! Wer da keine Verschwörung wittert... Tatsache ist, dass etliche Illuminaten zugleich Mitglieder von Freimaurerlogen waren.

Ein bedeutender Illuminat war übrigens der berühmte Freiherr von Knigge, also Freiherr Adolph Franz Friedrich Ludwig Knigge, der nicht nur 1788 den berühmten „Knigge“ (Ueber den Umgang mit Menschen), auch eine der ganz wenigen zeitgenössischen Rezensionen zur Unsichtbaren Loge publiziert hatte. Die Frage, wieso der Roman diesen Titel trägt, aber eine Loge offensichtlich nicht in Erscheinung tritt (man könnte kalauern: deshalb ist sie ja auch unsichtbar), wird von Knigge nicht erörtert – vielleicht fühlte er, dass er selbst im Glashaus saß, hatte er doch seit 1781/82 an der Reform des schließlich verbotenen Ordens gearbeitet.

Als Jean Paul seinen Roman schrieb, war die Affäre Illuminatenorden noch schwer virulent. Die Verdächtigung, dass der unsichtbare Bund für den Frevel der Französischen Revolution verantwortlich sei, war ein gängiges Klischee. Musste der Leser damals nicht automatisch an jenen Orden denken, der ein reges Fortleben besaß: in Realität und Legende? Einige Illuminaten engagierten sich nach dem Verbot des Ordens nach wie vor in radikalen Zirkeln und stießen zur jakobinischen Seite der Revolution, andere folgten den frühliberalen Ideen des Konstitutionalismus. Der Hof- und Zensurrat von Montgelas, der später eine enorme Bedeutung in der bayerischen Politik erlangen sollte, wurde beispielsweise von Herzog Karl-August von Pfalz-Zweibrücken aufgenommen, andere kamen nach Salzburg, wo der Erzbischof Hieronymus Graf Colloredo (Mozarts „böser“ Erzbischof: ein aufgeklärter Mann) einige geistliche Illuminaten aufnimmt.

In Nürnberg war es der Jurist und Pädagoge Johann Christian Siebenkees, der die Verbindung Weishaupts zur Universität Altdorf vermittelte. Von einer radikalen Illuminatenverfolgung kann im Übrigen nicht gesprochen werden; Karl Theodor bemühte sich um Gerechtigkeit.

Die Frage aber ist: Spiegelt die Unsichtbare Loge das Gedankengut der Illuminaten wieder? Jean Paul selbst hat bekannt:

Bei diesem Titel denk' ich im Grunde gar nichts, wiewol mir bis ich die Vorrede seze noch gut einfallen kan was ich dabei denke – aber ich ruhe nicht eher darin als bis andre mehr darin denken.

Die Titel-Sonderbarkeit wird camoufliert: durch eine Maçon-Schürze, also die traditionelle Schürze der Freimaurer. Für den normalen Leser aber käme es gar nicht auf die höheren Beziehungen an. Es muss nicht viel besagen. Wir werden sehen – und vielleicht auf die Illuminaten zurückkommen –, wie Jean Paul die Loge, um die es im Titel geht, in den Roman hineinbringt. Vorderhand muss man festhalten, dass die Lehren des Genius und Gustavs und des Erzählers Gottesgewissheit vor allem dafür bürgen, dass es sich bei den Mitgliedern der Unsichtbaren Loge nicht um die Perfectibilisten handeln kann, die sich von Gott und seinen weltlichen Vertretern verabschiedet haben.

Fotos: Frank Piontek, 27.11. 2013

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[1] Der Blogger sieht sich noch – in einer unglaublichen tour de force – durch diese Ausstellung hetzen, deren ersten und zweiten Teil (allesamt riesenhafte Teile in Landshut und der Münchner Residenz) er am Tag und am Vormittag absolviert hatte.

[2] Bei „Wening“ muss der Blogger immer – also wirklich: immer – an Grafenau denken. Warum dies so ist, wird er später dem Leser offenbaren.



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