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23.08.2013, 13:35 Uhr
Frank Piontek
Jean-Paul-Reihe
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Jean Paul selbst nannte seinen Debütroman eine „geborne Ruine“: Frank Piontek liest „Die unsichtbare Loge“ von Jean Paul, Tag für Tag, von der ersten bis zur letzten Seite, und bloggt darüber.

Logen-Blog [234]: Eher Soziallehre als Gendertheorie

Sage ja keiner, dass es in Wutzens vermeintlich armer Stube und Tafel uninformiert dahergeht:

An der großen Tafel ging – andere Tafeln kehren es um – das individuelle Gespräch bald ins allgemeine über; ich und der Kantor sagten jeden Augenblick der Preuße, der Russe, der Türk und verstanden (gleich dem Premierminister) unter der Nation den Regenten derselben.

Die Tafel, an der ja auch Philippine sitzt, gibt dem Erzähler nun die Gelegenheit, einige Aphorismen über die Weiber abzusondern, über deren Relevanz man und frau sich streiten mag:

Frauenzimmer von Stande können sonst nicht so leicht wie Männer sich zu unfrisierten Leuten herunterbücken, am wenigsten zu solchen von weiblichem Geschlecht.

Je weiblicher eine Frau ist, desto uneigennütziger und menschenfreundlicher ist sie; und die Mädchen besonders, die das halbe menschliche Geschlecht lieben, lieben das ganze von Herzen.

Alte Jungfern sind geizig und hart

Da schimmert eher eine Soziallehre als eine Gendertheorie durch – wenn auch die Vermutung, dass Leute – Frauen und Männer –, die das andere Geschlecht wahrhaft lieben, den Menschen „an sich“ lieben, nicht von der Hand zu weisen ist; aber vielleicht schimmert in dieser meiner Theorie eben so viel Vorurteil durch wie in Jean Pauls Lehre vom weiblichen Menschen oder in jenen Völkertafeln, die zu Jean Pauls Zeiten so beliebt waren.

Die „kurze Beschreibung der In Europa Befintlichen Völckern Und Ihren Aigenschafften“ sagt, wie man sich im 18., im 19. und wohl noch im 20. Jahrhundert die Völker vorstellte, wie man sich also den Preußen, den Russen und Türken imaginierte. Diese Völkertafel entstand, basierend auf einem Augsburger[1] Kupferstich des ersten Viertels des 18. Jahrhunderts, wohl kurz danach in der Steiermark. Der Blogger kennt sie aus dem Österreichischen Museum für Volkskunde in Wien.[2]

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[1] Und die Jeanpaulianer erinnern sich daran, dass nicht nur die Familie Mozart, auch die Egelkrauts in Augsburg zuhause waren.

[2] Es befindet sich in einem der reizendsten Wiener Bezirke, in der guten alten, vertrauten Laudongasse (und man versuche sich vorzustellen, wie schön gefärbt das Wort in der automatischen Ansage der Trambahn klingt: Laudongassse... Auch das ist, über „die Völker“ hinweg, eine Art von Heimat.



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