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18.02.2013, 11:19 Uhr
Frank Piontek
Jean-Paul-Reihe
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Jean Paul selbst nannte seinen Debütroman eine „geborne Ruine“: Frank Piontek liest Die unsichtbare Loge“ von Jean Paul, Tag für Tag, von der ersten bis zur letzten Seite, und bloggt darüber.

Logen-Blog [89]: Konventionsgemäße Kompetenz

In Paris muss ich nicht lange suchen, um Balzacs König zu treffen. Er reitet mir auf der schönen Place des Vosges, genauer: auf dem Square Louis-XIII entgegen (auch wenn er mich nicht sieht, sondern in die Ferne blickt). Louis XIII., der Vater Louis XIV., hat sein Prachtdenkmal inmitten der Parkanlage gefunden. Unwahrscheinlich, dass er gerade über rhetorische Kniffs nachdenkt; der Mann, der gelegentlich stotterte, tut alles, um recht königlich zu erscheinen (denn dies, lese ich, war seine Sorge: stets wie ein König zu wirken).

Der König reitet: ein Werk der weltbekannten Bildhauer Jean-Pierre Cortot und Louis Dupaty. (Foto: Frank Piontek, 12.2.2013).

Und wie sah es mit dem König, dem Roi du France, im Jahre 1791 aus, als Jean Paul seinen Roman zu schreiben begann? Schlecht sah es aus; er sollte nicht mehr lange seinen Kopf auf den Schultern tragen. Vor dem Hintergrund der Grand Revolution, die die politische Landschaft der Welt gründlich verändern sollte, liest sich der Roman etwas anders, als wenn wir ihn in friedlichen Zeiten platzierten. Im Juni des Jahres – der Autor dürfte inzwischen den Sektor erreicht haben, den ich gerade durchmesse – flieht die Königsfamilie aus Versailles. Ich sehe die Türe, durch die die Königin ging, als sie panisch aufbrach; es ist die Türe links von ihrem Bett, die in einen Flur führt.[1]

Adolf Ulrich Wertmüller und Antoine-François Callet verdanken wir diese Porträts der Königin und des Königs, die man in Versailles besichtigen kann. „Die Ehe, den Sabbat, das Wort kann man nicht zu jeder gegebenen Stunde brechen – Verleumden kann einer so wenig als kegeln oder duellieren mit sich selber – viele beträchtliche Laster sind nur an der Ostermesse oder am Neujahrstage – oder im Palais royal [beim Louvre] oder im Vatikan zu verüben“, bemerkte Jean Paul im Titan. Im Vatikan? Ich verkneife mir in diesen Tagen, da man über den Rücktritt des Papstes nachdenkt, weitere Überlegungen. (Fotos: Frank Piontek, 14.2.2013).

Kurz bevor der Dichter den Initialbrief an Freund Otto schrieb – im Februar 1791 –, hatte Marie Antoinette noch ihrem Bruder Leopold II. (Mozarts letztem Kaiser) einen anderen Brief geschrieben: er möge ihr beistehen und die Revolution von außen bekämpfen. Der Rest ist bekannt: in Varennes wird die Kutsche gestoppt, man bringt die königliche Familie in die Hauptstadt zurück. Die Revolution wurde radikalisiert, die Jakobiner schritten voran. Zwar wurde im September 1791 eine Verfassung verabschiedet, aber der Krieg, der im folgenden Jahr beginnen sollte, kündigte sich schon an.

Mit einem Wort: es brodelt in Europa; die innerfranzösischen Konflikte beschäftigen den ganzen Kontinent. In Schwarzenbach regieren seit Januar 1791 die Preußen, nachdem Markgraf Alexander sein Fürstentum verkauft hatte: für die stolze Summe von 304.000 Gulden jährlicher Leibrente pro Jahr. „Konventionsgemäße Kompetenz“, so nannte man dieses hübsche Sümmchen, mit dem der zukünftig in England privatisierende Exmonarch und seine ebenso hübsche Freundin, die er sogleich heiratete, ausgesorgt hatten. Seit dem 2. Dezember war die Region nun offiziell preußisch.

Ist es übertrieben, zu sagen, dass dieser Verkauf und diese Abdankung das Andenken des letzten Markgrafen garantiert haben? Marie Antoinette und Louis XVI. hatten keine Alternative, bevor sie die Guillotine beschritten. Konnte man im Sommer 1791 ahnen, dass sie 1793 hingerichtet werden sollten? Wie liest sich die Geschichte eines moralisch heruntergekommenen Adels – der die Nachfolge, also den Sohn, doch sittlich veredeln will – vor der historischen Perspektive, dass das Königtum gleichzeitig auf seinen (zeitweiligen) Untergang hinrollte?[2] Und dass schon bald etwas Anderes, nämlich die Köpfe auch der Adligen rollen sollten?

„Woher kommts, dass sogar im sittlich wie architektonisch unterhöhlten Paris die Weiber eine Heloise, eine Attala, eine Valerie, worin nur Liebe des Herzens spielt und flammt, so begierig wie Liebebriefe lasen?“, schreibt Jean Paul ein paar Jahre später in der Levana. Auch darüber sollte man nachdenken, wenn man nach Paris fährt.

Übrigens: die ursprüngliche Reiterstatue Louis XIII. wurde während der Revolution zerstört. Die, die man heute besichtigen kann, wurde in den Jahren 1816 bis 1821 entworfen, als Jean Paul noch über seinen Jugendroman nachdachte. Der Bildhauer starb genau zwei Tage nach dem Dichter.



[1] Nur ein vulgärmarxistischer Affekt würde mir jetzt den Gedanken eingeben, dass allein dieses Bett – vom Schlafzimmer ganz zu schweigen – teurer war als alles, was Jean Paul je als Schriftsteller einnahm. Von den Restaurierungskosten ganz zu schweigen. Dass es mindestens genauso groß ist wie eine Etage des Hölzelschen „Palais“ (was ein Palais ist, erfährt man in Paris), vesteht sich von selbst.

[2] Wobei die differenzierte Rolle Louis XVI. hier nicht erläutert werden kann.



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