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10.01.2013, 15:16 Uhr
Frank Piontek
Jean-Paul-Reihe
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Jean Paul selbst nannte seinen Debütroman eine „geborne Ruine“: Frank Piontek liest „Die unsichtbare Loge“ von Jean Paul, Tag für Tag, von der ersten bis zur letzten Seite, und bloggt darüber.

Logen-Blog [65]: Die Kettenkugel des festen Landes

Zwei Zaren der Jean-Paul-Zeit, zwei Epochen: Alexander I. - einer aus Jean Pauls Fürstentetrarchat – und Paul I. Beide Herren kann man in St. Petersburg treffen (Foto Zar Pauls: Frank Piontek, 2.1. 2013).

Wir bleiben in der Fantaisie, wo Jean Paul eine russische Großfürstin und den weißrussischen Generalgouverneur traf, also bei Bayreuth, und zugleich in jenem Land, das Jean Paul zumindest ein wenig literarisch vertraut war. Nämlich so: in St. Petersburg, im Russischen Museum, sehe ich den Nachfolger Katharinas, den Zaren Paul I., der bereits 1801, nach einer kurzen Regierungszeit – sie fällt in die Jahre zwischen dem Siebenkäs und dem Titan – ermordet wurde. Paul war verheiratet mit einer Württembergerin: Sophie Dorothee Auguste Luise. Sie wiederum war die Tochter Herzog Eugen Friedrichs von Württemberg, der einige Jahre als Generalgouverneur von Bayreuth-Ansbach amtiert hatte. Als Großnichte Friedrichs II. von Preußen war Sophie Dorothee direkt mit Markgräfin Wilhelmine von Bayreuth verwandt, die jene Stadt geformt hatte, in die der Dichter ein halbes Jahrhundert nach dem Ableben der Fürstin eingezogen war. Außerdem initiierte sie, Wilhelmine, den Bau der Fantaisie für ihre schöne Tochter, die mit einem Württemberger – dem bekannteren Eugen – verheiratet war.

Mit Schloss und Park Fantaisie hatten sie, bis zum württembergischen Alexander, fast alle zu tun – Sophie Dorothee immerhin noch indirekt. Die Politik ihres Sohnes, des Zaren Alexander I. (dessen Reiterbild, gemalt von Franz Krüger, ich in der Generalsgalerie der Eremitage bewundere), hat Jean Paul später in seinen politischen Schriften kommentiert. „Frankreich und Russland machen jetzt die Kettenkugel des festen Landes oder – im anmutigern Bilde – die beiden Gipfel des politischen Parnassus aus“, schreibt er in den Dämmerungen für Deutschland. Paul I., der noch in Jean Pauls mittleren Jahren regiert, als er sein Meisterwerk Siebenkäs schreibt, war ein durchaus interessanter Herrscher, dem das Prinzip der Aufklärung nicht fremd war. Mag er auch auf dem Petersburger Gemälde wie ein Trottel aussehen, hat er doch seine Meriten gehabt: indem er die Arbeit der Leibeigenen auf drei Wochentage beschränkte, lockerte er die Abhängigkeit der Bauern von den Grundbesitzern. Politisch stand er, wenn auch in Neutralität verharrend, eher zum revolutionären Frankreich als zum konservativen Monarchismus des Westens. Dieser Zar heißt nicht der Große, fraglich ist, ob er den Ehrentitel verdient – aber man sollte sich an ihn erinnern: als einen Repräsentanten der Jean-Paul-Zeit, der Fürsten wie dem von Oberscheerau denn doch sehr positiv entgegen steht.



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