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25.06.2013, 09:50 Uhr
Frank Piontek
Jean-Paul-Reihe
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Jean Paul selbst nannte seinen Debütroman eine „geborne Ruine“: Frank Piontek liest „Die unsichtbare Loge“ von Jean Paul, Tag für Tag, von der ersten bis zur letzten Seite, und bloggt darüber.

Logen-Blog [183]: Joditziana III

„Vorne hui, hinten pfui“, wie meine Mutter zu sagen pflegte. Der Christus in der Joditzer Kirche verkündet seine Botschaft in leichtem Gewand, sei es, weil er, gut lutherisch, dem Teufel seinen Hintern hinstreckt, sei es, weil er den Prediger daran erinnert, dass auch er nur ein Mensch ist und „die bloße Rückseite einem geradezu ein Lächeln ins Gesicht zwingt“.[1]

Man hat gelegentlich behauptet, dass der Christus der schwebenden Kanzel- und Schalldeckelkrönung des Joditzer Johannes-Kirchleins – auch er ein Werk des entzückenden Bauernbarocks der Bildhauerfamilie Knoll, genauer: des Meisters Johann Knoll – das „Vorbild“ für den „toten Christus“ gewesen sei. Nun hat der junge „Paul“, wie sich Jean Paul in seiner Selberlebensbeschreibung nannte, bis zu seinem elften Lebensjahr diesen Christus zwar viele Male gesehen – aber ein auferstandener Christus ist eben kein toter Christus, der lediglich das Malum, die unfrohe Frohbotschaft zu verkünden hat: Er ist nicht!

Leider hat sich Jean Paul nirgendwo über die ungewöhnliche Skulptur geäußert. Dass sie ihm gefiel, kann man annehmen – aber dass er sich über die nackte Natur des „Menschensohnes“ geäußert hätte, ist (zumindest mir) nicht bekannt. Der Triumphgestus dieser Figur aber macht es unmöglich, in ihm mehr zu sein als ein Aperçu, das der alte Mann längst vergessen hatte, der sich von Bruder Gottlieb Szenen aus der Joditzer Zeit erzählen ließ. Was Jean Paul aber nie vergessen hat: dass man an eine Auferstehung glauben kann, vielleicht muss, um als Mensch des späten 18. Jahrhunderts nicht verrückt zu werden. Noch die Szene mit Gustavs „Auferstehung“ kündet von diesem ganz unironisch zitierten Glauben.

Dem Auferstandenen aber standen die Szenen der Angst gegenüber, die der junge Jean Paul laut Selberlebensbeschreibung in der Kirche erleiden musste. Sogar am Tage befiel mich bei einer besondern Gelegenheit zuweilen die Gespensterscheu. Wenn nämlich bei einem Begräbnis der Leichenzug mit Pfarrer, Schulmeister und Kindern und Kreuz und mir von der Pfarrwohnung an bei der Kirche vorüber zu dem Kirchhof neben dem Dorfe sich mit seinem Singgeschrei hinausbewegte, so hatt' ich die Bibel meines Vaters durch die Kirche in die Sakristei zu tragen. Erträglich und herzhaft genug ging es im Galopp durch die düstere stumme Kirche bis in die enge Sakristei hinein; aber wer von uns schildert sich die bebenden grausenden Fluchtsprünge vor der nachstürzenden Geisterwelt auf dem Nacken und das grausige Herausschießen aus dem Kirchentore?

Die Angst: sie ist das Korrektiv zum blinden Glauben, die Negativentsprechung zum Auferstehungsglauben – die Bedingung für den Konflikt zwischen „Gott und der Welt“, also dem Drama, den Roman. Ohne diese Angstzustände wäre Jean Paul niemals auf die Idee gekommen, die Rede des toten Christus zu schreiben. Ohne diese Panikattacken hätte er nicht den Logen-Roman schreiben können, der so viel über das Unheil dieser Welt mitzuteilen hat.

Da halfen nicht einmal die Engel. Ein besonders schöner findet sich am Fuße der Kanzel: gar als Träger. Wir müssen uns den jungen Gustav der Unsichtbaren Loge rein optisch unbedingt als einen solchen Engel vorstellen. Der Erzähler bezeichnet ihn ja auch als einen – seinen – Engel.

Und das Wort ward Fleisch... schon der junge Johann Paul fand den Bibelvers deutlich am Altar, unter dem schönen Gemälde, in einer großen Kartusche. Der Evangelist Johannes ist einer der Träger und Überlieferer dieses Wortes – und Eberhard Schmidt, der Gründer des Joditzer Jean-Paul-Museums, der einen höchst wesentlichen Anteil an der Jean-Paul-Renaissance der letzten Jahre hat, ist Jean Pauls irdischer Statthalter in Joditz, einem Örtchen, in dem man auch die Unsichtbare Loge finden kann. Darüber bald mehr.

Fortsetzung folgt.

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[1] Dies sind die Lesarten, die der Kirchenführer bietet.



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