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26.06.2013, 09:41 Uhr
Frank Piontek
Jean-Paul-Reihe
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Jean Paul selbst nannte seinen Debütroman eine „geborne Ruine“: Frank Piontek liest „Die unsichtbare Loge“ von Jean Paul, Tag für Tag, von der ersten bis zur letzten Seite, und bloggt darüber.

Logen-Blog [184]: Joditziana IV

Diese Gasse heißt
Jean-Paul-Gasse
nach dem der sie
als Ingenieur
im Autor durchbrochen hat

Natürlich ist dies auch nur ein abgewandeltes Zitat, abgelauscht einem der Lieblingsautoren des Bloggers, von dem er weniger gelesen hat als von dem, der der Gasse ihren Namen gab. Geht man ein paar Schritte weiter, so landet man im Museum, das dem „Ingenieur“ gewidmet ist: einem „Ingenieur der Seele“, wie Maxim Gorki gesagt hätte[1], der uns mehr oder weniger präzise Pläne der sog. Seele überlieferte. Eberhard Schmidt, der Matador der oberfränkischen Jeanpaulerei, hat hier, in den beiden Häusern auf dem Gelände des alten Pfarrgartens, wo sich das von Jean Paul erwähnte Lusthäuschen befand, in dem der Vater seine Predigten auswendig lernte[2], zusammen mit seiner Frau Karin Schmidt eine entzückende Heimstadt für Jean Paul geschaffen, von der aus man die reizvollsten Blicke ins Gelände hat: ins Gelände der Landschaft und der Literatur. Man sollte sich einbohren in ihr[3], um nimmer herauszukommen.

Entschuldigung bei den Lesern des Blogs in Bezug auf die noch immer nicht beendete Lektüre der unsichtbaren Loge

Es ist eben, lieber Leser, jenes Einbohren in die jeanpaulsche Heimstadt der Literatur, die es dem Blogger nicht gestattet, schneller voranzuschreiten als unbedingt nötig. Jean Paul zu lesen, bedeutet niemals, in eine Einbahnstraße zu geraten – es sei denn, dass man die Lektüre nach wenigen Seiten entnervt abbricht. In Schmidts Jean-Paul-Museum findet man nun nicht wenige Einzel- und Gesamtausgaben, in denen man, wenn man die Erlaubnis erhält, blättern kann: herrliche alte Ausgaben, großzügig gedruckt, zeitgenössische Publikationen auf gutem Papier (bevor das 19. Jahrhundert stark holzhaltiges Material in den Handel brachte, das den Büchern eine kurze Halbwertzeit bescherte)[4]. Die Loge darf nicht fehlen – ich blättere jene Seite auf, die ich letztens als letzte las.

Frage: Könnte man diesen Blog schreiben, indem man eine der alten Ausgaben liest? Nicht, dass es um die Kommentare ginge – aber würde sich mein Leseverhalten ändern, wenn ich die Schrift von 1819 oder 1826 vor mir hätte? Würde ich ein anderes „Gefühl“ für den Text bekommen, der doch „an sich“ gleich bleibt? Würde ich Anderes und anders über die Loge schreiben, wenn ich diese andere Schrift lesen würde? Ist die Art der Ausgabe irrelevant – oder bestimmt allein sie, wie ich an den Roman herangehe? Würde ich schneller oder langsamer lesen? „Noch langsamer??“, mag der Leser der Entschuldigung bei den Lesern des Blogs in Bezug auf die noch immer nicht beendete Lektüre der unsichtbaren Loge fragen.

Ohne Bier geht bei Jean Paul nichts – weder im Museum noch im Roman noch draußen. Übrigens: das Etikett des guten Jean Paul Biers zeigt tatsächlich den Verlauf des zunächst von den Schmidts entworfenen Jean-Paul-Wegs an – der in Joditz mit der Station 1 beginnt.

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[1] Notwendige Fußnote für die politisch ganz korrekten Leser: Jean Paul hat nichts gemein mit der Doktrin des von Stalin geforderten „Sozialistischen Realismus“, anlässlich dessen Inaugurierung Gorki – dieser großartige Dichter und schlechte Politiker – im Jahre 1932 seinen Trinkspruch aussprach.

[2] Laut Selberlebensbeschreibung befand es sich außerhalb des Dorfes. Wenn die Position stimmen sollte, dann befand der Garten sich gleich gegenüber der Kirche. In diesem Fall war die Dorfgrenze schon dreißig Meter vor dem Kirchentürchen erreicht worden. Der heutige größere Bau des zweihäusigen Museums ist das ehemalige Weberhäuschen, das anstelle des Lusthäuschens errichtet wurde – und ein Lustgarten ist das von den Schmidts bepflanzte und gestaltete Grünreich heute wieder.

[3] Ein Doppelsinn: Der Heimstatt – aber auch der Literatur.

[4] Ich erinnere mich an einige alte Goethe-Bände in der Bibliothek meiner frühen Jahre, deren tiefrotstichige Seiten zerbröselten, wenn man sie nur genau anschaute – aber Goethes Epen in dieser minderwertig gedruckten Edition zu lesen kam mir nicht gerade bei. Eher nahm ich die Bücher mit einem leichten Gefühl der nachlässigen Ehrfurcht in die Hand, um sie alsbald wieder in den Schrank zu stellen, der sie als falsche Glücksgüter bewahrte, deren Gold sich in den dumpfen Geruch einer verfallenden Ware verwandelt hatte. Ob Hermann und Dorothea oder Achill sich in diesen Seiten wohlfühlten, war keine Frage, die der Literaturfreund sich stellen musste, der sich ansonsten an so ziemlich allem gütlich tat, was der heimische Bücherschrank dem nur scheinbar wahllos in sich hineinfressenden aficionado darbot.



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