Klosterdestillate: Geist, der zum Segen gereicht

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Foto: Klosterdestillation St. Josef GmbH

Dr. Gerd Burger, 1953 in Regensburg geboren, war acht Jahre Lehrbeauftragter und wissenschaftlicher Mitarbeiter am John-F.-Kennedy-Institut der FU Berlin und arbeitet vorwiegend als literarischer Übersetzer. Er ist Mitherausgeber des Reise-Lesebuchs Regensburg (lichtung Verlag, 2008) sowie Herausgeber/Übersetzer verschiedener Bücher über Nürnberg. Seit 2005 recherchiert, plant und leitet Gerd Burger zudem Touren zu Klöstern entlang der Donau, im Böhmerwald, in Westböhmen, zu bayerischen Schatzstädten, Jüdisches Bayern und Jan Hus in Böhmen. Außerdem hält er Vorträge auf Kreuzfahrtschiffen und bietet Führungen durch Regensburg und verwandte Ziele für Passagiere von Flusskreuzfahrten an.

Mit dem folgenden Text Klosterdestillate: Geist, der zum Segen gereicht beteiligt sich Gerd Burger an „Neustart Freie Szene – Literatur“, einem Projekt des Literaturportals Bayern zur Unterstützung der Freien Szene in Bayern. Alle bisherigen Beiträge des Projekts finden Sie HIER.

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Plötzlich war ich erkältet. Nicht allzu schlimm, trotzdem unangenehm genug. Ich rief also meinen Spezl R. an und sagte unsere Verabredung im Kneitinger ab. Und offenbar lamentierte ich nicht zu knapp – denn zwei Stunden später klingelte es an der Haustüre und mein Spezl brachte mir eine Flasche Schnaps. „Original Kloster-Produkt“ stand auf dem Etikett, dazu „Hergestellt in Bayern“, „50 % vol“, (au Backe) „0,7 L • Spirituose“. Und was stand noch zu lesen, in Kapitälchen, dazu arabesk verschnörkelt über einer Art von Wappenschild in knalligem Gelb & Weiß auf rotem Grund? „ARQUEBUSE: Kräuter-Destillat.“

Sursum corda, das klang verheißungsvoller als ein banaler Obstler. Und wie mein Spezl sagte, half der Trank verlässlich gegen Erkältungen. Wie auch nicht? „Arquebuse enthält über 30 edle Pflanzen, Kräuter und Wurzeln aus dem Kräutergarten der Natur. Das geheime Klosterrezept … erlaubt nur den Hinweis auf einige der wertvollen Substanzen … Kamille, Melisse, Pfefferminz, Angelika, Fenchel, Johanniskraut, Thymian, Kalmus, Basilikum … Kenner genießen Arquebuse pur oder als Grog, in Kaffee, Tee oder Milch.“

Na dann: ich verkostete das Elixier zunächst pur, nur ein Stamperl. Uffa. Kernig! Viel mag man davon nicht trinken müssen. Aber: „In den alten Klostergärten wachsen seit über 1000 Jahren Pflanzen und Kräuter aller Art. Die Mönche studierten, probierten und entdeckten immer mehr die bewahrenden Kräfte der Natur. Der Ursprung von Arquebuse liegt in einem Maristenkloster nahe Lyon, destilliert wird seit 1857. Arquebuse wird seit 1927 in Deutschland hergestellt und europaweit vertrieben.“

Und zwar von wem? Von der Klosterdestillation St. Josef GmbH in 84095 Furth, ganz in der Nähe von Weihmichl, sprich ein Stück nördlich von Landshut. So weit, so gut. Mit Tee plus Honig eingenommen ließ sich der Zaubertrank nicht übel an.

Plus: er half, echt wahr … gleich dachte ich an meine Mutter. Denn wenn wir als Kinder eine Erkältung hatten, griff sie zum Regensburger Karmelitergeist. Das war ein radikal andrer Schnack … 75 % Alkohol! Aber in ein gaaanz kleines Fläschchen abgefüllt. Und wiederum mit gottgefälligsten Intentionen destilliert:

P. Ulrich Eberskirch OCD, der als gelernter Apotheker in den Karmeliterorden eintrat, erfand im Jahre 1721 den echten Karmelitengeist. Das Geheimnis wird bis heute streng gehütet und immer nur von zwei Karmeliten weitergegeben. In der Säkularisation im Jahre 1811, am 6. Juli, wurde das Kloster aufgehoben. Zur weiteren Herstellung des Karmelitengeistes durften zwei Karmeliten bleiben: P. Avertan Riedl OCD und F. Candidus Walcher OCD, welche das „Königlich Bayrische Melissengeist-Institut“ betrieben und verwalteten, bis es im Jahre 1836 dem Orden durch König Ludwig I. wieder zurückgegeben wurde. In diesen Jahren entstanden viele Nachahmungen. Im Gegensatz zu ihnen war und bleibt der Echte Regensburger Karmelitengeist immer ein reines Destillat aus naturreinen Gewürzen und Kräutern; hergestellt immer noch im Original-Karmeliterkloster St. Josef in Regensburg.

Aha. Das musste freilich eine hochwirksame, weil hochgeistige Medizin sein, zudem mit geistlichem Segen versehen; außerdem war meine Mutter Ärztin, der Heiltrank mithin in jeder Hinsicht approbiert & unbedenklich.

Mittlerweile hatte ich ein paar Stamperl Medizin geleckt, obendrein etwas Zeit, der Sache auf den Grund zu gehen, da ich mich eh ein paar Tage auskurieren musste. Was also half in derlei Fällen noch? Der „Kräuterbalsam“ der Dominikanerinnen vom Kloster Heilig Kreuz in Regensburg, na klar! „Originalrezeptur seit 1750“, zwar nur mit bescheidenen 40 % Vol., aber das schadet nicht. „Verantwortlich für Qualität: P. Jordan • 97258 Bullenheim.“

Das ist interessant. Denn das P. steht hier nicht für einen frommen Pater, sondern für die Firma „Feine Liköre Peter Jordan“. Und Bullenheim? Nein, kein Ort mit Kloster, dafür erstreckt sich dort die größte Rebfläche Mittelfrankens mit dem verheißungsvollen Namen „Bullenheimer Paradies“, eine Verheißung, die den Namen „Weinparadies Franken“ inspirierte.

Nun, sei dem, wie immer es sei. Auch diese Medizin hilft vortrefflich – und wie sollte es anders sein, wenn die Dominikanerinnen ihr „Sigillum Monasteri S. Crucis Ratisbone“ aufs Etikett setzen? Außerdem besteht der Regensburger Konvent ununterbrochen seit dem Jahre 1233, kam als eines von weniger als einer Handvoll Klöster in Bayern ungeschoren durch die Säkularisation. Obendrein reisten 1853 unter der Ägide der Priorin Mutter Maria Benedicta Bauer einige Schwestern nach Amerika, so dass es heute zwölf Kongregationen in den USA gibt, die aufs Kloster Heilig Kreuz zurückgehen. Bleibt zu sagen, dass ich bislang nirgends anders filigranere Chorgitter bestaunte als in der Kirche Heilig Kreuz … Rokoko vom Feinsten, allein ein kurzer Blick kuriert Husten und Heiserkeit.

Aber was, wenn immer noch malad? Dann helfen schwacher und starker Tobak aus dem Benediktinerinnenkloster St. Walburg in Eichstätt. Der softe Klosterlikör mit 40 % Vol. wird „nach einem altbewährten Klosterrezept … in der Abtei produziert – und falls es knallhart hergeht, naht Hilfe von ganz hoch oben: „Edelbach – diese Spirituose (86% Vol., 50 ml), ebenfalls nach alter Rezeptur in der Abtei St. Walburg hergestellt, erfreut sich großer Beliebtheit.“ Das kann ich für mein Teil nur voll und ganz bejahen; ich greife im Fall der Fälle zu nichts anderem als eben jenem Lebenselixier, denn an Heilkraft mithalten könnte allenfalls noch ein heißer Asam-Bock mit Rum plus Arquebuse an Waldhonig.

Ja, Alois Brandstetter wusste haargenau, warum er dem Abt Konrad von Burghausen eine Standpauke von 157 Seiten Länge an den Gärtner des Klosters unterschob:

Es ist ein Vorgeschmack des Himmels, in Subens Klostergarten zwischen den Beeten zu stehen, die Augen zu schließen und die wunderbaren Gerüche und Düfte von Salbei, Liebstöckel, Kamille, Holunder, Thymian und Dill, Löwenmäulchen und Malve einzuatmen und durch die Nase einzuziehen und aufzunehmen, ein Vorgeschmack des Himmels und eine intensive Erinnerung und Vergegenwärtigung des verlorenen Paradieses. … Der gregorianische Choral mag sich mit dem Baldrian messen, die Ambrosianischen Hymnen mögen sich mit Thymian oder Dill vergleichen, was die Musik für die Ohren, das ist die Vegetation für die Nase, den Mund und den Magen des Menschen … Wo … aber blüht und gedeiht in deinem Garten das Liebstöckel, ich sehe es nicht und kann es nicht sehen! Wo bleibt die Vogelbeere! Welch herrlichen Schnaps könnten wir aus beidem … destillieren, eine wahre Medizin für Leib und Seele! Du aber hast uns … keinen Schnaps und keinen Likör, keinen besonderen ortsspezifischen Branntwein geschenkt. Ohne Geist stehen wir sozusagen da in Ranshofen. Andere Klöster lachen über uns. (Alois Brandstetter, Der geborene Gärtner, 2005)

 

Arquebuse:

https://www.klosterdestillation.de/media/image/20/87/e9/Arquebuse-035_600x600.jpg

Karmelitergeist:

https://www.schnapskultur.de/spirituosen/bitter-kraeuter/2678/echter-regensburger-karmelitengeist

Heilig Kreuz OP:

https://www.schnapskultur.de/spirituosen/bitter-kraeuter/2671/dominikanerinnen-kraeuterbalsam

Eichstätt:

https://www.klosterportal.org/angebote/germany/bayern/eichstaett/missionsmuseum/

https://www.klosterportal.org/wp-content/uploads/2018/07/1900_Likörgroß.jpg

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