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Kultur trotz Corona: „Mit Edward Hopper unterwegs“. Von Ursula Haas

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Edward Hopper: Gas, Öl auf Leinwand, 1940

Ursula Haas (*1943 in Aussig a.d. Elbe), studierte Geschichte, Germanistik und Pädagogik in Bonn und Freiburg. Nach dem Abschluss des Studiums entscheidet sie sich gegen den Schuldienst und fängt mit dem Schreiben an. Sie arbeitet als Schriftstellerin und Librettistin, ihre Gedichte werden in zahlreiche Sprachen übersetzt. Für ihre Werke wird sie mehrfach mit Preisen gewürdigt, zuletzt 2010 mit dem Nikolais-Lenau-Preis für Lyrik. 2020 erscheinen ihre Tagebuchaufzeichnungen Zerzauste Tage. Ein Jahr der Wirklichkeiten in der edition bodoni. Ursula Haas lebt in München

Mit der folgenden Erzählung, die ihren Anlass aus einer aktuellen Ausstellung zu Edward Hopper in Basel bezieht, beteiligt sich Ursula Haas an Kultur trotz Corona“, einem Projekt des Literaturportals Bayern zur Unterstützung bayerischer Literaturschaffender. Alle bisherigen Beiträge der Reihe finden Sie HIER.

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Mit Edward Hopper unterwegs

Januar 2020. Fondation Beyeler. Basel. Der weiße Chevrolet aus dem 1927er-Jahr fährt die gerade, geteerte Straße in mäßigem Tempo durch den Osten der Vereinigten Staaten, durch Maine. Saftig grüne Hügelwellen zu meiner Rechten und gelbes Gras, worauf braungefleckte Quadersteine in verschiedenen Größen liegen. Sie ziehen meinen Blick den Hang empor Richtung Himmel. Zur Linken der dichte Wald mit fein benadelten Ästen und Zweigen der Tannen. Die Sonne in meinem Rückspiegel bescheint die Wipfel der Bäume und krönt sie in den wachsenden Schatten des Tages hinein.  Ich  bewege mich im Schutz meines Autos in das beginnende Dunkel vor mir. Da beginnt auf dem Tacho die Nadel auszuschlagen. Der Benzinstand geht dem Ende zu. Meine Armbanduhr zeigt 17 Uhr fünf. Ich fahre inzwischen drei Stunden ohne Pause, ohne ein Haus, eine Hütte, einen Stall oder einen Menschen gesehen zu haben. Je länger ich in dieser Leere und Ortlosigkeit fahre, desto näher rückt die Natur in mein Bewusstsein und mein Empfinden. Manchmal rede ich mit mir … schau mal da drüben … fahr nicht so schnell … wie schön das Sonnenlicht flirrt … oh, das Benzin geht zu Ende … reg dich nicht auf, Perry … Und plötzlich entdecke ich inmitten der Leere in einer Sichtweite von etwa 200 Metern am Kamm des Hügels, auf den meine Straße sanft zugleitet, drei feuerrote Tanksäulen. MOBILOIL. Ich halte dort an und chauffiere meinen Chevi in die Position, dass er ganz nah bei der Tanksäule hält und meiner Öffnung des Benzinzuflusses gegenübersteht. Ich steige aus, etwas steif geworden, und nehme aus meinem silbernen Etui von Onkel George eine Zigarette. Die hohen Absätze meiner roten Pumps tackern auf dem Boden. Tack, tack, tack. Der erste Zug der Camel tut gut, der zweite, der dritte. Blauer Dunst. Ich sehe niemanden in dieser gottverlassenen Gegend. Die Nähe der Benzinquelle erzeugt Gelassenheit. Irgendwann würde jemand kommen. Das Gefühl von Zeit hat sich verrutscht in Zeitlosigkeit. Ein wenig müde fühle ich mich, ich beuge meine Knie ein paar Mal und strecke mich. Herrlich, diese Luft! Von dem Nebensitz meines Wagens greife ich nach der halbleeren Flasche King‘s Lemonade. „Hello, Madame“, vernehme ich eine Stimme hinter mir. Ein alter Mann mit rotem Gesicht und einer Glatze steht plötzlich neben mir. Woher kam er? Er geht zu der Tanksäule, schließt sie schnell auf. „Full, Milady?“ „Yes full, please, Sir“. Das Geräusch von Gurgeln in meinem leeren Tank lässt mich lächeln. Es ist, als stille das Benzin den großen Durst meines Chevis. Mein Chevi, Onkel George hat ihn mir letztes Jahr zum Abschluss der Akademie geschenkt. Nicht ganz neu war er, aber Onkelchen hat mir für zwei Jahre auch die Kosten für den Unterhalt zugesagt. Besuche mich nur ab und zu auf meiner Ship Mast Farm, Darling. Das will ich tun. „You are from here?“, fragt der Tankwart. „No, I‘m from far away.“ Er fragt nicht nach und ich bemerke, wie sich dunkle Wolken vor das Blau des Himmels geschoben haben. Ob es hier in der leeren Gegend eine Unterkunft für mich gibt? Ich frage nicht nach. Ich bin in diesen Stunden des Fahrens zu meinem eigenen Haus geworden. Ich fühle mich weit und ganz und frei. „Fifty dollars, Ma‘am“, kommt der Mann auf mich zu. Ich gebe ihm sechzig, steige ins Auto und setze die Fahrt auf der schmalen Straße fort. Sie durchschneidet die Landschaft, kraftvoller als vorher, so empfinde ich es jetzt. Der volle Tank? Mein Fuß drückt heftig auf das Gaspedal, ich spüre meine Wade. Musik? Soll ich doch einmal das Radio anmachen? Ich drehe den Knopf, ein Rauschen füllt das Wageninnere, bis ich von der Stimme von Bessi Smith und ihrem Song „Nowbody  knows  you when you‘re  down and out“ eingeholt werde. Dolly und ich in Freds Bar in New York letzten Herbst. Whisky pure, no ice, baby. Dollys Hand auf meinem Hintern. Ich ziehe meinen Schoß zusammen. Ich schaue kurz in den Rückspiegel rechts über mir und lecke über meine Lippen. Trocken fühlen sie sich an. Nehme die Lemonade vom Nebensitz, drehe sie mit meinen Zähnen auf, trinke. Schal schmeckt das Getränk. Der Musik habe ich nicht mehr zugehört, drehe das Radio aus.

Die Stille. Sie erfasst mich sofort, das Rauschen des Motors und der Pneus auf der Straße lassen mich wieder bei mir und im Augenblick ankommen. Bei der grünen, der grünsten Mauer Natur am fortlaufenden Rand der Straße. Smaragdgrün, blaugrün, jagdgrün. Der Hügel, der mich begleitet, summt. Er summt rot, gelb, blau und orange-braun. Und plötzlich landet auf der Stirnseite, auf der Motorhaube ein weit geflügelter, grauer Vogel. Sein blitzender, langer Schnabel hackt wild in den Fahrtwind, und seine lila Füße krallen sich in den Lack der Motorhaube. Durch seine spilligen Beine, umgeben von einer fetzigen lila Haut, starre ich auf die Straße vor mir. Vogelkumpanen seiner Art umflattern, umtanzen, umfliegen mein Auto, und die blitzenden Schnäbel der Monster hämmern auf mein Dach. Ich höre ihr Schreien rot und blau und mir ist, als zögen sie mein Auto und mich durch die Lüfte. Wolkenballen tragen mich über die Wipfel des Waldes und durch die schwarzen Wolken, die den Himmel bedrohen. Und mich. Im Echo des Vogelgeschreis und im Trudel des aufkommenden Windes stürze ich und lande mit einem abrupten, heftigen Schlag auf der Straße. Mein Kopf schlägt auf das hölzerne Lenkrad und rastet dort. Mein Herz rast, bis ich meinen Kopf langsam heben kann. Mein Blick fällt auf ein Haus inmitten einer riesigen Wiese.

Woher kenne ich es? Habe ich das Haus schon einmal gesehen? Oder bilde ich es mir nur ein? Der spitze Giebel, die vorgebaute Veranda mit den vielen Glasfenstern. Mit Holzlatten an Holzlatten belegten grau-weißen Außenwänden? Eine steile, kleine Treppe zum seitlichen Eingang. Die Schatten zum Abend sind länger geworden und ziehen über die Wiesen ringsum dunkle Bahnen neben sonnenbeschienene Gräserflecken. Ich halte meine beiden Hände am Volant fest, mein Rücken klebt am Leder des Sitzes. Ich brauche Luft und drehe das Seitenfenster neben mir herunter. Es ist der Geruch von Meer, der zu mir vordringt, der mich tief einatmen lässt. Ein leiser Schwindel. Auf meiner Motorhaube sitzt das graue Vogelgetier, es hat seine spilligen Beine in sein geplustertes Gefieder eingezogen. Die krächzigen Schreie seiner Kumpanen hören sich entfernt an. Der Himmel über mir ein dunkles Gewölle. Ist da ein Gewitter im Anzug? Plötzlich höre ich das Rauschen des Meeres. Es bohrt sich immer tiefer in meine Ohren und mischt sich mit den Beschimpfungen meiner Mutter: Du bist nichts, du bist nichts, ein einziges Nichts! Ich schlage um mich wie eine Ertrinkende, donnere mit den Fäusten auf das Armaturenbrett, sodass das Vogelmonster sich in die Lüfte erhebt. Und da plötzlich! Und da sehe ich sie. Erst ist es ein Schattenriss einer Frau. Einer Frau, die in der Veranda, nach vorne gebeugt, durch das Fenster Richtung Meer schaut. Ich konzentriere mich auf den Schattenriss, der zu einer Frau meines Alters, in einem roten Kleid und nach hinten gebundenen Haaren wird und mir ähnelt. Warten. Warten. Das Warten setzt sich in mein Fühlen, in mein Erinnern fest. Ist es Robert oder ist es George, wie er die Treppe heraufeilt, wie er die Arme ausbreitet, mich, die ich herzklopfend auf dem Treppenabsatz stehe, in die Arme nimmt und herumschleudert. My dear, my dear! Ich halte die Augen geschlossen und in mir tönt das schönste Blau, das ich je gesehen und gehört habe. Azurblau oder ist es kobaltblau? Ein Mann erscheint am Rand meines Bildes. Er kommt vom Meer her, trägt eine Staffelei auf der Schulter und einen Rucksack, wohl mit Farben und Pinseln auf dem Rücken. Er winkt. Er winkt der Frau in der Veranda zu. Da höre ich seine Stimme: „Josephine, Josephine, Jo!“ Und jetzt weiß ich es. Es ist Edward, der vom Malen an der Steinbucht von Cape Elizabeth nach Hause kommt. Mein Blick folgt seinen Schritten, wie er behänd auf das Haus zueilt. Und die Haustüre von innen geöffnet wird.

Die Zündung meines Chevis springt leicht an. Ich fahre an den sich drehenden Lichtern des Leuchtturms vorbei und finde meinen Weg.

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