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07.08.2020, 09:44 Uhr
Lea Wittig
Text & Debatte
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Eine Kurzgeschichte über die Freiheit des Innehaltens

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Foto: Martin Falbisoner, CC BY-SA 3.0

 

Es ist heiß. Es ist stickig. Klebrig und dampfig. Ich atme gegen eine Wand. Der Stoff drückt sich fest auf Nase und Mund, und ich merke, wie sich ein leichter Schweißfilm auf meiner Oberlippe bildet. Die Anzeigetafel informiert mich, dass ich noch weitere sechs Minuten in den Tiefen des Münchner U-Bahn-Systems warten muss.

Sechs Minuten. Ich sehe auf meine Armbanduhr. Das braune Lederband hält mein verschwitztes Handgelenk fest umklammert. Die Zeit hält mich gefangen. Mein Kopf fängt an zu rechnen. Sechs Minuten Wartezeit, zehn Minuten Fahrt, mein Zug geht um 16.03 Uhr. In genau 25 Minuten wird er mich aus den Fängen des Großstadtungeheuers befreien und auf das weite Land hinaustragen. Dort gibt es Luft, nachts kann man die Sterne sehen, und im Getränkemarkt gibt es regionale Biersorten. Dort gibt es Freiheit. Glaube ich.

Ich schaue wieder auf und schüttle meinen Arm, als würde ich versuchen, Lederband und Zeit von mir abzuwerfen. Keine Chance. Das Lederband sitzt, die Zeit tickt. Es gibt nichts, was ich tun kann. Auch nicht weiterarbeiten oder ein Buch herausholen, dafür sind sechs Minuten zu kurz. Ich muss warten. Nur warten. Da muss ich durch. Wie jeden Tag. In ungefähr zwei Stunden bist du zuhause und kannst dir endlich den Schweiß von der Haut waschen. Eine kurze Hose anziehen. Dann wirst du den Geruch von blau-roten Zugpolstern und das Gefühl von Klebrigkeit los. Zumindest bis morgen früh.

Noch fünf Minuten. Mein Blick wandert vom Boden auf die grauen, rostigen Gleise und weiter zu einem gigantischen Bildschirm, der die Betrachter abwechselnd mit Neuigkeiten, Naturbildern und Musikcharts bombardiert. Im Mittelmeer ertrinken täglich hunderte von Geflüchteten. Der Hungertod kontrolliert Venezuela. Das wird hier nicht gezeigt. Stattdessen die absoluten Top-Neuigkeiten über das Leben von Hollywood-Stars. Das Bild einer Biene auf einer Bergwiese im Voralpenland. Ein Berliner Rapper, der mit seinen Beats die deutschen Singlecharts dominiert. Ein Schlachtbetrieb in Nordrhein-Westfalen, der neue Covid-19-Hotspot. Eine Kuh sonnt sich im Gras. So süß. Meine Augen kleben an dem grellen Bildschirm, bis ich mich zwinge, mich wegzudrehen. Ein Mann im Anzug beißt neben mir energisch in eine Wurstsemmel.

Noch vier Minuten. Ich ziehe meinen eigenen, privaten Bildschirm aus der Tasche. Kein Entkommen. Ungeduldig wippe ich hin und her, während mein Daumen suchend auf dem Display herumwischt, als wären die Antworten auf all meine Fragen auf diesem Gerät zu finden. Will ich Musik anhören, einen Podcast anfangen? Oder möchte ich noch mehr, immer mehr, viel zu viele Nachrichten aus aller Welt erhalten? Soll ich schnell meine Mails checken? Oder Followerzahlen, Likes und neueste Posts. Instagram, Facebook, Twitter. Such dir was aus. Die Handyuhr aktualisiert sich. Ich schaue wieder auf und stecke die Informationsbombe weg. Jetzt bin ich die einzige Wartende ohne Handy in der Hand.

Noch drei Minuten. Die beklemmend warme Luft meldet sich zurück, wie ein Wecker, der vorübergehend auf Snooze gestellt war und mich jetzt aufweckt, um mich an das beklemmend warme Leben zu erinnern, das auf mich wartet. Die Bildschirmtafel lockt mich mit einer blinkenden Werbung. Straffere Haut in nur zehn Tagen. Eine Frau mittleren Alters cremt sich überzeugend beide Wangen in kreisenden Bewegungen ein. Alt werden ist nicht schlimm. Es passiert ständig. Jeden Tag, jede Stunde, jede Minute werden wir älter. Man darf eben nur nicht anfangen, scheiße auszusehen. Vor allem als Frau. Männer haben Klasse und Reife im Alter, Frauen müssen da bitte nachhelfen. Kauf die Creme. Wegen der Falten. Du weißt schon.

Noch zwei Minuten. Also fast nur noch eine. Also fast keine mehr. Gleich kommt die Bahn. Ich gehe ein paar Schritte nach vorne und halte mich bereit. Es muss schnell gehen. Altbekannte Abläufe. Ich merke, wie ich angestrengt die befleckten Fliesen unter meinen Füßen fixiere, und zwinge mich zu blinzeln. Mein Blick fällt auf einen jungen Mann, der auf einer metallenen Bank sitzt und eine Aldi-Tüte umklammert. Er trägt eine rote Kappe, und sein gesenkter Kopf lässt erahnen, dass er schläft. Die kleinen Glitzersteinchen auf seinem verblassten Ed-Hardy-Shirt sind zum Großteil abgefallen, seine Flip-Flops durchlöchert. Ich will ihn nicht anstarren und wende mich ab, aber die Gedanken bleiben an ihm hängen. Wieso schläft er? Wo kommt er her und wo will er hin? Wie lange ist er schon hier? Seine Bank scheint das einzig Kühle in dieser unterirdischen Sauna zu sein. Meine Hand will nach ihr greifen, aber im letzten Moment erinnere ich mich. Nichts anfassen. Die klebrigen Hände von Mund und Nase fernhalten. Maske tragen.

Die U-Bahn fährt ein. Der Bildschirm teilt mir mit, was der Windstoß schon längst verkündet hat. Trag mich fort in die Weite der verschiedenen gleichen U-Bahnstationen der Stadt. Ein schrilles Quietschen. Die Menschen neben mir versammeln sich vor den Türen wie Motten vor dem Licht. Wer drückt den Hebel? Wer entscheidet, wann wir einsteigen? Ich stehe ganz vorne, nah an der Tür. Es wird meine Aufgabe sein. Ein Piepton signalisiert, dass die verschwitzte Menge nun einsteigen darf. Entschlossen greife ich zum Hebel, ziehe, aber nichts passiert. Mir wird warm. Meine zweite Hand kommt zur Hilfe. Nichts. Noch wärmer. Ungeduldig treten die Menschen hinter mir von einem Fuß auf den anderen, wie Pferde, die zum Sprung ansetzen. Eine junge Frau macht einen Schritt nach vorne und öffnet die Türen mit einem Griff. Die Masse drängelt sich an mir vorbei und sucht sich Plätze.

Die Türen schließen sich wieder, die Bahn setzt sich in Bewegung. Ein erneuter Windstoß lässt mich zwei Schritte zurückweichen, während ich den roten Rückaugen des Zuges folge. Langsam verschwinden sie in der Dunkelheit des Tunnels.

Der Bildschirm leuchtet wieder auf, bereits auf die neuesten Neuigkeiten aktualisiert. Die Station füllt sich mit neuen Menschen. Ich drehe mich um und lasse mich auf der Bank nieder. Neben mir sitzt der schlafende Mann mit seiner Aldi-Tüte. Die automatische Anzeigetafel erneuert die Zeitangabe, aber ich schaue weg. Ich schließe die Augen. Ich habe Zeit. Noch sechs Minuten.

 

Lea Wittig, 1999 geboren, ist in Ingolstadt aufgewachsen. Sie studiert Englische Literatur in London und betreibt den literarischen Blog leareadsclassics.blog.

 

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