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19.02.2019, 14:52 Uhr
Gerd Holzheimer
Text & Debatte
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Gerd Holzheimer © Volker Derlath

Himmel Sakra! Ein neues Buch über Otto Julius Bierbaum

Die 134. Ausgabe der Zeitschrift Literatur in Bayern widmet sich dem Schwerpunktthema Dialekt. Im folgenden Artikel diskutiert Herausgeber Gerd Holzheimer die Dialektverwendung des Autors Otto Julius Bierbaum.

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Dirk Heißerer streicht in seinem feinen Beitrag zum 100. Todestag von Otto Julius Bierbaum in der Literatur in Bayern 102/103 vom Dezember 2010 seine außerordentliche Vielfältigkeit heraus: als Dichter, Feuilletonist, Redakteur, Lyriker, Herausgeber. Eine neue Publikation mit dem Titel Otto Julius Bierbaum. Akteur im Netzwerk der literarischen Moderne des Quintus-Verlages macht noch einmal auf ihn aufmerksam.

Unter den zahlreichen, sehr aufschlussreichen Beiträgen findet sich einer, der sich überraschenderweise auch mit dieser Thematik beschäftigt. In seiner Poetologischen Suche nach Identität geht Sebastian Schmitt Otto Julius Bierbaums Studenten=Beichten „als Experimenten 'buchmäßigen' Schreibens" nach. Inhaltlich geht es bei diesem Genre naturgemäß weniger um ein Leben in „Vorlesungssälen und Aulen", sondern vielmehr um Lustpartien, bei denen „Dirnen, Alkohol, Liebe und Glücksspiel" die größte Rolle spielen. Einer gewissen Kathi oder Käthe fiktive Briefe werden zitiert, mit dem Ausruf: „Himmel Sakra, ist das eine Orthographie!" Briefpassagen in der Erzählung werden „graphisch abgesetzt durch die buchstäbliche Wiedergabe des Bayerischen Dialekts". Die „derbe bayerische Art" sei ihm, dem Ich-Erzähler, „lieber als sämtliche Dialoge in sämtlichen Dichtern". Also fordert er auch von seiner „Plättmamsell", dass sie „so schreibt, wie sie spricht", nämlich im „Leheldialekt".

Anders als sonst in einschlägiger Heimatliteratur weicht Bierbaum von der Verwendung des Dialekts in diesem Genre zur Herstellung einer „Diskrepanz zwischen imaginierter Heimat und sozialgeschichtlicher Realität" ab zugunsten eines reinen Spiels der Liebe in der Sprache: „Entwicklung? Nix wird entwickelt. Tra lirum larum leier, — ’s geht alles seinen lustigen, leisen, lieben Gang." In der Umgebung Münchens und am Starnberger See legt das Paar „jede Spur von Hochdeutsch ab, und sucht sich Stellen, 'wo’s Dampfschiff nicht hält'. Der Dialekt wird zum Diskussionsort poetischen Schreibens": „Jessas naa, was hast Du mir da für einen Brief geschrieben ... A, geh’ weiter ..." Auch auf onomatopoetische Schreibweisen greift Bierbaum zurück, etwa um eine Fahrt mit der Kutsche zu beschreiben: „Rum pum rackakakaka rum um rum raka... Also stramm ..."

Wie andere Publikationen Bierbaums auch erscheinen die Studenten=Beichten in Prachtausgaben. Sebastian Schmitt weist auf deren besonderen Wert im digitalen Zeitalter hin: „Gehen durch die Onlinedatenbanken die taktilen Reize von Leder, Papier oder Schnittkante verloren, entpuppt sich ein metapoetisches Spiel mit der Materialität wie in Bierbaums Erzählungen als weitaus zeitüberdauernder und fruchtbarer. Poesie wird so zum 'Genusswiederkäuer' aller Sinneseindrücke der Buchrezeption."

 

Otto Julius Bierbaum (Archiv Monacensia)

 

Natürlich fehlen in diesem Zusammenhang in dem Band nicht seine epochemachenden Projekte wie Gründung und/oder Herausgabe von Zeitschriften wie Pan oder Die Insel. „Die Grenzen zwischen Kunst und Leben durchlässig zu machen", war sein Ziel, „der Programmatik des Jugendstils entsprechend". Dass er sich dabei immer wieder auch übernahm, bekennt Bierbaum selbstironisch gerne selber, indem er sich bezichtigt, „halt- und ziellos in allen Fächern der Poeterei" herumzufahren. Eigener Aussage zufolge gibt er „außer Gedichten jeder Art und Unart auch noch Novellen, Romane, Operntexte, Dramen, Balletts, Reisebeschreibungen, Märchen und allerhand Aufsätze über allerhand Dinge und Ideen" von sich.

Gemma, seiner italienischen Frau (also „Dschemma" ausgesprochen), gegenüber bezeichnet er das „ewige Bücher=Bücher=Bücher=machen" als „ekelhaft". Sein Zeitgenosse Peter Scher beschreibt ihn so: „Otto Julius Bierbaum war nicht so sehr ein starker Dichter, als vielmehr ein dichterisch stark angewandelter Mensch. Und er war weniger ein Kulturmensch im absoluten Sinne, als der kultivierte Ausdruck einer Zeit, die sich darin gefiel, ihren Tiefstand als einen Höhepunkt zu empfinden."

Umfassend wird dieser unruhige und sich in so viele Bereiche hineinbewegende Geist in diesem Band dokumentiert und ausgeleuchtet. Die Überschriften der Rubriken zeigen das weite Feld an: „Erneuerung der Lyrik", „Schreibweisen der Moderne", „Das Variete als neue Kunstform", „Unzeitgemäße und zeitgemäße Reisen", „Das Zeitschriftenprojekt Die Insel", „Bierbaums Werk im Kontext der Künste". Mit der Darstellung von Person und Werk einer kulturgeschichtlich so bedeutenden Figur wie Otto Julius Bierbaum wird ein ganzes Zeitpanorama sichtbar.

Sekundärliteratur:

Björn Weyand/Bernd Zegowitz (Hg.): Otto Julius Bierbaum. Akteur im Netzwerk der literarischen Moderne, Quintus-Verlag, Berlin 2018.

Externe Links:

Literatur in Bayern

Das besprochene Buch im Quintus Verlag

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