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24.11.2017, 08:36 Uhr
Nancy Hünger
Text & Debatte
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© Felix Wilhelm

Vom Gedicht: Nancy Hüngers Rede zur Weimarer Lyriknacht 2017

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Im November 2017 lud die Schriftstellerin Nancy Hünger zur XVI. Weimarer Lyriknacht. Begleitet von den jazzigen Klängen des Trios NyponSyskon lasen Tom Schulz, Ursula Krechel, Ulrike Feibig und Christian Filips im Gewölbekeller der Stadtbücherei. Nancy Hünger, geboren 1981, zählt zu den herausragenden deutschsprachigen Dichterinnen ihrer Generation. Für ihr Werk erhielt sie etliche Preise und Stipendien, zuletzt den Caroline-Schlegel-Förderpreis der Stadt Jena und das Thüringer Literaturstipendium Harald Gerlach. 2016 war sie Teilnehmerin des ukrainisch-deutschen Schriftstellertreffens Eine Brücke aus Papier. 2018 wird sie Stadtschreiberin in Tübingen. Nancy Hünger leitet die Weimarer Lyriknacht seit 2015. Zur Einstimmung und als poetische Maßgabe hielt sie in diesem Jahr die folgende Rede.

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Dem Mörtel der Sprache die Stirn bieten

 Meine verehrten Damen und Herren, liebe Freunde, liebe Ermöglicher, Tommy, Sigrun, Martin, Angela, Sylvie, liebste Dichter und Musiker, liebe alle,

Sie wissen es bereits, zu Beginn trage ich Ihnen in meiner Kürzestrede, obzwar sie freiwillig hier, also offensichtlich der Dichtung geneigt sind, die Poeme an, ich trage sie ihnen hinterher, ich trage sie ihnen auf, seit Jahren, ich schleppe sie noch in die abgelegenste und dunkelste Geisteswüstenei und werde nicht enden, niemals, bevor die Gedichte nicht hochfrequent zwischen uns wechseln wie Wild in der kasachischen Steppe, bevor die Gedichte nicht ankommen, angehört, gehört werden. Zumeist verpacke ich sie unter einer Lage Humor und drehe noch eine pittoreske Schleife Kalauer drumherum, damit sie nicht erschrecken, vor dem Gedicht zurückschnellen, vor seiner offensichtlich beängstigenden Unergründlichkeit.

Ich bitte Sie also: Haben sie keine Angst vor dem Gedicht, es fürchtet sich vielmehr vor Ihnen. So viel voraus und vorweg, denn in diesem Jahr will ich auf die Verpackungskunst, der Umwelt zuliebe, verzichten, ich mache es kurz und so schmerzlos wie mir möglich; und sage Ihnen freiheraus, ganz offenherzig, wie es ist: Ein Leben ohne Gedichte ist unmöglich, das wissen Sie vielleicht, da Sie ja zugereist Zugneigte sind, und wenn nicht, wissen Sie es jetzt.

Unserem Leben, also unserer meist lebendigen Teil-Anwesenheit, ist ein winziger Schalter eingebaut, es teilt sich in Hälften, dies Leben, ich rufe Hölderlin und Dante, sie bestätigen, es gibt ein Davor und Danach, und zumeist bewegen wir uns recht ratlos inmitten kippen wir um und um. Es gibt also eine erste und eine zweite Hälfte, die zweite setzt oft zögerlich, unmerklich ein und ziert einen dezenten Trauerflor um unsere Augen, die zweite beginnt und endet mit dem Tod, erst wird wenig, dann immer mehr und letztlich ausdauernd und viel gestorben. Freunde gehen, die Liebsten, die Anverwandten gehen, und niemand findet den Weg, kehrt zu uns zurück.

Es gibt also eine Zeit, in der wir Willkommen, und eine, in der wir Abschied sagen müssen. Eine Zeit des beständigen adéadéadé, da wir bereits ahnen, dass auch wir uns tagtäglich verabschieden, immer nur ein wenig, um ein weniges mehr adé: wir / und es beginnt in uns zu trauern, es trauert uns ein.

Die Trauer, sagt meine liebe Bärbel, die Trauer ist ein Gefühl, das es sehr schwer hat auf der Welt, niemand will es gerne bei sich, will es aushalten, beheimaten, die Trauer ist also obdachlos vagabundiert sie seit menschengedenk umher, und sie würde noch immer unter einem schäbigen Karton an irgendeiner weltbeliebigen Straßenecke hungern, frieren und fristen, gäbe es, ja gäbe es nicht Gedichte wie ein Obdach, eine Heimstatt, für dieses unendliche Gefühl, dieses dauernde Verabschieden. Nur so lässt es sich aushalten, lässt sich mit dem Abschied haushalten. Denn Weh mir, wo nehm’ ich, wenn es Winter ist, die Worte her.

Aber, fällt mir Diotima, aber, fällt mir Beatrice in die Rede, wo umfänglich und ausdauernd getrauert wird, wächst das Rettende auch. Wir kennen noch so ein Groß-, so ein massives, ungeheuerliches Riesengefühl, das es auch schwer hat in der Welt, weil es durch so viele Münder hindurch musste, dass es ganz angekaut und abgenagt manchmal nicht mehr um die eigene Wahrheit weiß: die Liebe, ignoriert, verspottet, entwertet, findet nirgends eine solche Zuflucht wie im Gedicht. „Als Aussage", so Roland Barthes, „steht ichliebedich auf Seiten der Verausgabung. Alle, die die Aussage des Wortes wollen (Lyriker, Lügner, Unstete), sind Subjekte der Verausgabung: sie verausgaben das Wort, so als sei es unverschämt gemein, es irgendwo wiederzuverwerten; sie stehen an der äußersten Grenze der Sprache, da, wo die Sprache selbst (und wer sonst täte das an ihrer Stelle?) erkennt, daß sie ohne Garantie ist, ohne Netz arbeitet. Die Liebe schreiben wollen heißt dem Mörtel der Sprache die Stirn bieten.“

 

 Christian Filips, Tom Schulz, Ursula Krechel, Nancy Hünger und Ulrike Feibig; (c) Maik Schuck

 

Wenn Sie, meine Damen und Herren, solch ein Gefühlskoloss hinterrücks überfallen, ach, überrollen sollte, wenn Sie mit einem Bein bereits in der Abschiedshälfte stehen oder noch tändeln, wenn Sie nicht mehr ein noch aus wissen, rate ich Ihnen zu Gedichten, rate ihnen zu Sappho oder Hölderlin, Krechel oder Schulz, Feibig oder Filips, legen Sie sich einen Proviant an, verproviantieren Sie sich bis unter die Zähne, horten Sie Gedichte, wenn möglich so viele, wie Sie bekommen können, vertrauen Sie mir, Sie werden sie brauchen, werden in ihre zärtliche Obhut einkehren dürfen, wann immer die Welt sich abwendet von Ihnen, wenn sie Ihnen unverständlich wird, beginnt das Gedicht mit Ihnen zu sprechen, Sie müssen nur das Ohr auflegen und mit ein wenig Hingabe lauschen.

Sie können Ihr Leben ohne Gedichte versuchen, gewiss, aber Sie werden schnell einsehen, dass es nicht nur sinnlos, sondern unmöglich ist, und mir beipflichten, dass es ein Glück ist, dass die Dichter ihre Stirn bieten, sich verausgaben an ihre Sprache, die Sprache durchseelen, alles Leid und alle Liebe, die durch sie hindurchmussten, durch ihre Sprache, nur damit wir in den hellichten und dunkelsten Stunden nicht alleine sind und Beistand haben, wann immer wir ihn benötigen, wenn uns Liebe und Leid die Worte verschlagen oder schlimmer die Knochen brechen wollen, wird das Gedicht zur Stelle, wird da sein, für Sie, für mich, für uns, wann immer wir es rufen, wird es uns die Worte zurück geben, sogar unsere Knochen heilen den Kummer, allein indem es zu uns spricht : dies Wunder : das Gedicht.

 

Die Weimarer Lyriknacht ging 2015 aus der Mitteldeutschen Lyriknacht hervor.

Plakate 2015 / 2016 // 2013 / 2014

 

Lyrik & Jazz

Die Weimarer Lyriknacht ist eine gemeinsame Veranstaltung der Literarischen Gesellschaft Thüringen (Hauptveranstalterin), des Lese-Zeichen e.V., der Stadt Weimar und der Jazzmeile Thüringen e.V. mit der freundlichen Unterstützung der Thüringer Staatskanzlei. Organisiert wird sie unter der Federführung von Nancy Hünger in der Weimarer Stadtbücherei, begleitet von der Thüriger Jazzmeile. Jedes Jahr werden Poetinnen und Poeten aus dem gesamtdeutschen Raum eingeladen. 2017 durfte das Publikum in der Weimarer Bibliothek folgenden Literatinnen und Literaten lauschen:

Tom Schulz, 1970 in der Oberlausitz geboren, lebt als freier Autor und Herausgeber in Berlin. Er ist Dozent für Kreatives Schreiben und leitet seit 2011 die Schreibwerkstatt „open poems“ an der Literaturwerkstatt Berlin. Letze Veröffentlichungen: Rheinfahrt – ein Fluss, seine Menschen, seine Geschichten (2017) und Die Verlegung der Stolpersteine (2017).

Ursula Krechel, geboren 1947, lebt in Berlin. Sie lehrte an der Universität der Künste Berlin, dem Literaturinstitut Leipzig, der Washington University St. Louis und ist Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung Darmstadt und Vizepräsidentin der Akademie der Wissenschaften und der Literatur in Mainz. Letzte Veröffentlichungen: Die da (2013) und Stark und leise. Pionierinnen (2015).

Ulrike Feibig, 1984 in Magdeburg geboren, studierte Kunstvermittlung an der Universität Leipzig und Literarisches Schreiben am Deutschen Literaturinstitut. Seit einigen Jahren führt sie Projekte in den Bereichen Literatur, bildende Kunst, Tanz/Performance durch. perlicke perlacke, mein Herz schlägt ist ihr Debütband.

Christian Filips, 1981 in Osthofen geboren, lebt als Dichter, Regisseur, Sänger und Musikdramaturg in Berlin. Von 2001 bis 2003 war er Dramaturg am Tanztheater des Staatstheaters Darmstadt, seit 2006 ist er als Programm- und Archivleiter der Sing-Akademie zu Berlin tätig. Seit 2010 gibt er mit Urs Engeler die „roughbooks“ heraus. Zudem ist er als Übersetzer aktiv, vornehmlich für Texte aus dem Englischen, Niederländischen und Italienischen. Letzte Veröffentlichungen: Der Scheiße-Engel (2015) und Heiße Fusionen. Gesänge von der Krise (2010).

 


Externe Links:

Nancy Hünger

Nancy Hünger bei Edition Azur

Weimarer Lyriknacht

Mitteldeutsche Lyriknacht

Tom Schulz

Ursula Krechel

Ulrike Feibig

Christian Filips


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