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05.10.2016, 11:27 Uhr
Redaktion
Gespräche

Interview mit der Bachmann-Preisträgerin Sharon Dodua Otoo – Teil II

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Sharon Dodua Otoo in Berlin © Literaturportal Bayern

Die Schriftstellerin, Publizistin und Aktivistin Sharon Dodua Otoo wurde im Jahr 2016 mit dem 40. Ingeborg-Bachmann-Preis in Klagenfurt ausgezeichnet. Die gebürtige Britin lebt heute in Berlin und erhielt die Auszeichnung für ihren Text Herr Gröttrup setzt sich hin, in dem sie sich satirisch mit dem Frühstücksritual eines deutschen Ehepaares auseinandersetzt – und so mit der Mentalität eines ganzen Landes. Wir treffen die Autorin einen Tag nach der ersten großen Lesung nach Klagenfurt in Berlin.

Den ersten Teil des Interviews lesen Sie hier.

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Literaturportal Bayern: Die Sache mit dem Ei hat alle Interpreten umgetrieben. Was kann man da reinlesen? – von Loriot bis zu tief politischen Analysen. Eine Deutung ist, dass das Ei, wenn es sich weigert, hart zu werden, sich auch weigert, eine „gute deutsche Härte“ anzunehmen.

Eine Art Grundhärte als Teil der deutschen Mentalität ist auch in Bezug auf die sogenannte Flüchtlingskrise ein viel diskutiertes Thema. Haben wir ein gesellschaftliches Problem mit einer ganz rudimentären Menschlichkeit?

Sharon Dodua Otoo: Ich würde das verneinen. Ich glaube nicht so sehr, dass es etwas mit Deutschland zu tun hat, sondern mit Macht. In der sogenannten Flüchtlingskrise, die ich „Menschenrechtskrise“ nenne, geht es nicht darum, dass die Deutschen hart und erbarmungslos sind, sondern dass die Menschen, die Macht haben und diese sinnvoll einsetzen könnten, das nicht tun. Warum tun sie das nicht? Weil sie Angst haben, Macht zu verlieren. Das zeigt sich gerade im Umgang mit Leuten, die keine deutschen oder EU-Pässe haben.

Es ist vielleicht auch ein gewisser deutscher Reflex, in Ihnen nur noch die Literatin sehen zu wollen und gar nicht zu beachten, dass Ihre Literatur eng mit Ihrer politisch-gesellschaftlichen Arbeit zusammen-hängt.

Glauben Sie, das Schreiben hat für die gesellschaftliche Entwicklung überhaupt etwas zu bieten, kann Einfluss nehmen und eine eigene Art von Macht ausüben?

Bertolt Brecht würde sich im Grabe umdrehen! Ich wurde gestern auf einer Lesung aufgefordert, mich nur auf die Literatur zu konzentrieren. Ich habe die Gegenfrage gestellt, wie das gehen soll. Ich bin die Person, die ich bin, mit der Biographie, den Erfahrungen, den Erkenntnissen. Das ganze Wissen fließt in meine Literatur ein und natürlich habe ich ein Ziel, natürlich möchte ich etwas kommunizieren. Ich bin leidenschaftlich dabei, mich für eine Gesellschaft einzusetzen, in der Privilegien gerechter verteilt werden. Es würde mir nicht in den Sinn kommen, irgendetwas zu schreiben, was dagegen spricht.

Ich finde, man kann Politik und Literatur nicht trennen. Ich würde im Gegenteil sagen, dass alle, die etwas zu Papier bringen, etwas Politisches ausdrücken. Weil unsere Kunst von der Gesellschaft beeinflusst wird und davon, wie wir uns in ihr bewegen. Was wir machen, beeinflusst wiederum die Gesellschaft, vielleicht mehr als wir glauben. Es ist ein Wechselspiel. Ich halte die Vorstellung einer Trennung von Literatur und Politik für naiv.

Zwei der Themen, die in Ihrer Arbeit, Literatur wie politisches Engagement, immer wiederkehren, sind Fremdheit und Diskriminierung.

Sie sind in England aufgewachsen und leben seit zehn Jahren in Berlin. Es heißt, Berlin sei eine Weltstadt, in der man sich gar nicht fremd fühlen könne. Fühlen Sie sich hier trotzdem manchmal fremd?

Ich glaube, alle Menschen, unabhängig vom Deutsch-Sein, Berliner-Sein, Weiß-Sein etc., kennen das Gefühl, einsam zu sein und sich fremd zu fühlen. Das hat nicht so viel mit der Migrationserfahrung zu tun. Insofern kann ich sagen, ich hatte Momente, in denen ich mich fremd gefühlt habe. Ich habe auch negative Erfahrungen gemacht, Diskriminierung erlebt – das ist einfach Fakt. Ich habe aber Strategien gefunden, damit umzugehen. Ich habe mir hier eine Art Wahlfamilie aufgebaut. Insofern ist Berlin für mich eine richtige Heimat. Ich fühle mich pudelwohl hier, blende aber die anderen Erfahrungen nicht aus. Spätestens, wenn ich zum Beispiel zu irgendwelchen Ämtern gehen muss, erlebe ich wieder die andere Realität.

Diskriminierende Erfahrungen beginnen häufig mit Sprache. In Ihren Texten erscheint Sprache deshalb oft ambivalent, als Freiheit oder Gefängnis. Der Bachmann-Text war Ihr zweiter Text auf Deutsch. Wie war es, in einer ursprünglich fremden Sprache zu schreiben?

Englisch bleibt meine wichtigste kreative Sprache. Für mich ist es schwierig, auf Deutsch zu schreiben, weil ich das Bedürfnis habe, „offen“ zu schreiben, die Sachen nicht so genau zu fixieren. Deutsch ist eine Sprache, in der die Dinge klar benannt werden müssen. Allein schon durch die drei Artikel: Wenn ich auf Englisch a taxidriver schreibe, muss ich bei der deutschen Übersetzung festlegen, ob es ein Taxifahrer oder eine Taxifahrerin sein soll. Deutsch ist eine sehr eindeutige Sprache und es fällt mir manchmal schwer, darin kreativ zu sein.

Bei dem Gröttrup-Text lag die Herausforderung darin, einen Text über Diskriminierung oder vielmehr über „Weiß-Sein“ zu schreiben, der nicht nur verurteilt. Das ist immer die Gefahr bei wissenschaftlichen Texten zum Thema critical whiteness: Mir geht es nicht darum, jemanden zu verurteilen. Darum wollte ich einen belletristischen Text schreiben, denn in der Literatur ist es einfacher, mit Perspektiven zu spielen und neue Perspektiven aufzumachen.

Die zweite Herausforderung bei diesem Text war es, etwas zu schreiben, was die Leute mitnimmt, über das sie lachen, in dem sie sich selbst erkennen und zu der Einsicht kommen können – wenn sie wollen –, so ticke ich, so ticken die Leute in meiner Umgebung, aber es könnte auch anders sein.

Sie haben in einem Interview in der Frankfurter Rundschau gesagt, unser Umgang mit Sprache könnte viel mutiger sein. Was haben Sie damit gemeint?

Wenn ich meine deutschen Texte anderen Menschen zeige, bekomme ich immer das Feedback, mein Deutsch klinge nicht wirklich deutsch. Damit habe ich allerdings kein Problem. Es soll natürlich nicht missverständlich sein, dann müssen die Texte korrigiert werden, aber wenn es so klingt, als würde ich „erst“ seit zehn Jahren Deutsch sprechen – Was ist daran falsch?

Es scheint aber ein Stolperstein zu sein. Das ist im Englischen anders, es ist eine sehr reiche Sprache. Da gibt es australisches Englisch, indisches Englisch, US-amerikanisches Englisch. Meine Mutter spricht ghanaisches Englisch, und das kann alles nebeneinander stehen, es wird selten ein Versuch unternommen, die Sprache zu „korrigieren“. Es würde viel von meiner Persönlichkeit verloren gehen, wenn meine Texte so strikt nach den Duden-Regeln lektoriert würden, dass sie am Ende auch ein Hans Müller hätte schreiben können.

Ich erlebe diese Reaktion als Angst vor Verlust. Wie bei der Debatte um das N*-Wort in Otfried Preußlers Die kleine Hexe. Warum können wir da nicht etwas lockerer sein? Wenn sich viele Leute von der Sprache beleidigt fühlen und höflich darum bitten, das zu ändern, wüsste ich nicht, was dagegen spricht. Es geht nicht um die Intention, sondern um die Wirkung. Die Menschen, die die deutsche Sprache verteidigen wollen, haben Angst. Ich sage, lass uns Mut haben, lass uns darüber nachdenken, was wir für Möglichkeiten gewinnen, wenn wir die sogenannten „Aufweichungen“ aufnehmen, mit anderen Sprachen arbeiten. Warum haben wir zum Beispiel so wenig türkische Wörter in unserem Wortschatz? Das ist ein Zeugnis für mich, dass da irgendetwas schief gegangen ist.

Die stolze deutsche Sprachtradition hat etwas sehr Hermetisches und Ausschließendes. Aus dem Englischen kennen Sie das anders. Haben die Deutschen Nachholbedarf, sich überhaupt mal Gedanken zum Zusammenhang zwischen Sprache und Diskriminierung zu machen?

Ich würde sagen, durch die Angst vor Veränderung geht unheimlich viel verloren. Es steht fest, dass die jedem Menschen eigene Sprache viel aussagt über seine Lebenseinstellung und Philosophie. Viele Leute, die mehr als eine Sprache fließend sprechen, erleben es, dass manchmal ein Wort in einer Sprache einen Sachverhalt, ein Gefühl genau trifft, für das es in einer anderen Sprache keine Vokabel gibt. Ich stelle mir vor, dass viele Leute, die hier geboren sind, hier sozialisiert sind und ausschließlich Deutsch sprechen, sich bedroht fühlen, wenn der Sitznachbar mit seinem Kind auf Türkisch spricht. Es ist doch armselig, wenn gewisse deutsche Politiker von Sprachförderung reden und verlangen, dass Kinder zuhause ausschließlich Deutsch sprechen sollen. Was soll das? Das wird ernsthaft eingefordert. Ich kann mir nur vorstellen, dass das mit Angst zu tun hat.

Die letzte Frage: Wie Sie bereits erwähnt haben, schreiben Sie gerade an einem Roman. Wird uns das Ei wiederbegegnen?

Das Ei soll ich wohl nicht streichen?

Die Leute hängen daran, jetzt ist es Legende.

Das ist ein kleines Missverständnis, dass das Ei so im Mittelpunkt steht, weil es eigentlich ein Wesen ist, das heute ein Ei ist, morgen ein Lippenstift, ein Erdbeben etc. Aber es gefällt mir, dass so ein Aufhebens darum gemacht wird. Ich kann verraten, dass der humoristische Umgang mit den Themen so weitergehen wird. Aber ich stehe ganz am Anfang des Texts. Die Energie, die im Ei erscheint, die wird es weiter geben.

Vielen Dank für das Gespräch, nochmal herzlichen Glückwunsch zum Bachmannpreis und wir freuen uns auf den Roman.


Externe Links:

Bachmannpreis

Diskussion der Bachmannpreis-Jury zum Text von Sharon Dodua Otoo

Sharon Dodua Otoo bei Edition Assemblenge