Ludwig Ganghofers historische Romane: „Die Watzmannkinder“ VII (Das große Jagen)

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Illustration des Watzmann-Massivs als Familie, Ansichtskarte, Verleger Fritz Mühlstein in Offenbach a.M. & J.B. Rottmayer in Berchtesgaden, um 1880

Die Sage vom einst grausamen König Waze oder Wazemann, der mit seiner Frau und seinen Kindern Furcht und Schrecken im Berchtesgadener Land verbreitete, wurde schon mehrfach in Nacherzählungen bearbeitet, unter anderem von Ludwig Bechstein. Ludwig Ganghofer nutzte Motive der Watzmannsage für seinen eigenen Roman Die Martinsklause und verband sie mit der historisch belegten ersten Besiedelung Berchtesgadens durch Augustiner-Chorherren zu Beginn des 12. Jahrhunderts.

Im Rahmen seiner vier Aufenthalte im Berchtesgadener Land in den 80er-Jahren des 19. Jahrhunderts fasste Ganghofer den Entschluss, die deutsche Geschichte aus der Sicht und im Interesse der jeweils unterdrückten Minderheiten – mikrokosmisch-geographisch und stellvertretend für die allgemeinen Verhältnisse – in sieben Werken (geplant waren neun) romanhaft zu erfassen. Dabei sollten durchgängig die Schicksale der Menschen im Spannungsfeld mit den sich entwickelnden feudalen Strukturen der jeweils vereinigten klerikalen und weltlichen Macht dargestellt werden: vom Anfang des Feudalstaats vom 12. bis 15. Jahrhundert (Romane 1-4) bis zum Ende des Feudalstaats vom 16. bis 18. Jahrhundert (Romane 5-7).

Nachfolgend in loser Serie werden die sieben Romane Ludwig Ganghofers im Literaturportal Bayern inhaltlich vorgestellt.

 

Historischer Romantitel: Das große Jagen

Historienfolge: 18. Jahrhundert, 1733

Herausgabefolge (Lfd. Nr.): 1918 (7)

Der Absolutismus in seiner auslaufenden feudalen Phase, die in die Vertreibung und Verfolgung der Protestanten und der jüdischen Minderheit im Berchtesgadener und Salzburger Land mündet, bildet den zentralen Mittelpunkt der Romanhandlung. Die Zeit der Aufklärung wird darin bald Einzug halten. Der Roman schildert die letzte Phase der Gegenreformation in Europa, als der Erzbischof von Salzburg und die Fürstprobstei Berchtesgaden, insbesondere in den Jahren 1732/1733, die Protestanten aus ihren Gemeinden vertreiben. Er befasst sich nicht nur mit der repressiven katholischen Kirchenpolitik als solcher, sondern bringt Ludwig Ganghofers eigenen religiösen Glauben und seine Einstellung zu allen Fragen der religiösen Toleranz zwischen Katholiken und Protestanten sowie zwischen Christen und Juden zum Ausdruck.

Den oppositionellen Protestantismus und dessen Beschreibung setzt Ludwig Ganghofer für den 2. Februar 1733 an. Der Leser erfährt sogleich, dass 30.000 Protestanten vertrieben werden. Die Grundlage für den Romantitel Das große Jagen bildet dabei die „Jagd auf Menschen“ und steht mit dem bei Ganghofer erwartbaren klassischen Jäger-Begriff nicht in Verbindung. Darüber hinaus ruft der Autor am Rande auch die Erinnerung an die vergleichbare Vertreibungsgeschichte der Hugenotten aus Frankreich wach. Bekanntermaßen entstammt Ganghofer mütterlicherseits der französischen Hugenottenfamilie Louis.

Außer den Vertretern der völlig korrupten Abtei erscheint mit dem Stiftspfarrer der einzige Sprecher, der für die Weisheit und die Ausübung der Toleranz eintritt und auch die Rechte der verfolgten Protestanten schützen will. Dieser Pfarrer hält überdies enge Freundschaft zum jüdischen Arzt Simon Lewitter, der von der christlichen Gemeinde trotz seines Glaubensübertritts gequält und gehetzt wird. Mit dem Schicksal von Simon Lewitter, der durchweg positiv und sympathisch dargestellt wird, wird der Antisemitismus, der für den gesamten historischen Zeitlauf im Romanzyklus zugrunde liegt, eindeutig von Ludwig Ganghofer zurückgewiesen.

 

Symbolische Darstellung des Empfangs Salzburger Exulanten in Preußen durch König Friedrich Wilhelm I. aufgrund eines Ausweisungserlasses von 1731

Den Schluss- und Höhepunkt bildet die Ankunft eines Vertreters des preußischen Königs, als dessen Begleiter der preußische Kronprinz inkognito in Erscheinung tritt. Bekanntlich ist es das im Aufstieg befindliche Königreich Preußen, das den Großteil der Salzburger Emigranten aufnehmen wird.

Viele der Hauptgestalten des Romans erleiden ein böses Schicksal, viele Emigranten, von denen die Fürstprobstei eine „Auswanderungsgebühr“ verlangt hat, lassen sich regelrecht aus dem Herrschaftsbereich des Salzburger Bischofs herausschleusen, um ein neues Leben beginnen zu können. Der Roman endet traurig und pessimistisch – für die vertriebenen Auswanderer ist die Heimat dahin.

Dieser in der Historien- und Schreibfolge Ganghofers zuletzt verwirklichte Roman deutet schon die irrationalen Grundlagen für die 200 Jahre später eintretende Massenverfolgung der jüdischen Minderheit in einer bereits beklemmenden Weise an.

 

Widmung

Die voranstehenden Ausführungen werden Alfred Hermann Fried, geb. 11. November 1864 in Wien, gest. 4. Mai 1921 in Wien, gewidmet. Fried war verheiratet mit Bertha Engel, der Schwester von Ludwig Ganghofers Ehefrau Katinka, geb. Engel. Alfred Hermann Fried war der große Vorkämpfer für den Frieden der Menschheit und auch langjähriger Mitarbeiter von Berta von Suttner. Am 10. Dezember 1911 erhielt er den Friedensnobelpreis. Vor dem Hintergrund der damaligen wie auch gegenwärtigen, friedensbedrohenden Weltgeschehnisse ist Fried mit seiner immerwährenden Friedensbotschaft bis heute aktuell.