Ludwig Ganghofers historische Romane: „Die Watzmannkinder“ IV (Der Ochsenkrieg)

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Illustration des Watzmann-Massivs als Familie, Ansichtskarte, Verleger Fritz Mühlstein in Offenbach a.M. & J.B. Rottmayer in Berchtesgaden, um 1880

Die Sage vom einst grausamen König Waze oder Wazemann, der mit seiner Frau und seinen Kindern Furcht und Schrecken im Berchtesgadener Land verbreitete, wurde schon mehrfach in Nacherzählungen bearbeitet, unter anderem von Ludwig Bechstein. Ludwig Ganghofer nutzte Motive der Watzmannsage für seinen eigenen Roman Die Martinsklause und verband sie mit der historisch belegten ersten Besiedelung Berchtesgadens durch Augustiner-Chorherren zu Beginn des 12. Jahrhunderts.

Im Rahmen seiner vier Aufenthalte im Berchtesgadener Land in den 80er-Jahren des 19. Jahrhunderts fasste Ganghofer den Entschluss, die deutsche Geschichte aus der Sicht und im Interesse der jeweils unterdrückten Minderheiten – mikrokosmisch-geographisch und stellvertretend für die allgemeinen Verhältnisse – in sieben Werken (geplant waren neun) romanhaft zu erfassen. Dabei sollten durchgängig die Schicksale der Menschen im Spannungsfeld mit den sich entwickelnden feudalen Strukturen der jeweils vereinigten klerikalen und weltlichen Macht dargestellt werden: vom Anfang des Feudalstaats vom 12. bis 15. Jahrhundert (Romane 1-4) bis zum Ende des Feudalstaats vom 16. bis 18. Jahrhundert (Romane 5-7).

Nachfolgend in loser Serie werden die sieben Romane Ludwig Ganghofers im Literaturportal Bayern inhaltlich vorgestellt.

 

Historischer Romantitel: Der Ochsenkrieg

Historienfolge: 15. Jahrhundert, 1421-1422

Herausgabefolge (Lfd. Nr.): 1914 (6)

Den historischen Rahmen des Romans bildet der „Bayerische Bruderkrieg“ im 15. Jahrhundert zwischen Ludwig VII. von Bayern-Ingolstadt und Heinrich XVI. von Bayern-Landshut, worin Ludwig Ganghofer auch seine Sympathie für die Hussiten-Bewegung aus Böhmen anklingen lässt.

Eine eigentlich nebensächliche Streitigkeit um Weiderechte (daher auch die Bezeichnung „Ochsenkrieg“) stellt den äußeren Anlass für die sich kurze Zeit später ausweitenden Konflikte dar, die später die Größenordnung eines Regionalkriegs in Süddeutschland (zwischen der Grafschaft Haag unter Georg III. und dem Herzogtum Bayern-Landshut unter Heinrich XVI.) annehmen.

Die ursprüngliche Handlung bezieht sich zunächst auf den Streit zwischen dem Kloster Berchtesgaden und dem Freimann Runotter hinsichtlich der Rechte der Bauern, das Vieh in der Gnotschaft Ramsau weiden zu lassen, sowie auf das Weiderecht der Ochsen auf der Hangmooser Alm. Im Zuge der selbstherrlichen Machtausübung des Amtmanns Someiner, der das Vieh entgegen verbriefter Rechte beschlagnahmt, kommt es zunächst noch zu räumlich begrenzten Auseinandersetzungen. Dabei töten schurkenhafte Wächter des Klosters einige Ramsauer, darunter auch den behinderten, tauben Sohn des Freimannes, der bestimmt war, das Erbrecht nach dem Tod des Vaters auszuüben.

Diese Auseinandersetzung wird vom Propst und dessen machtbewussten Kanzler und Kaplan des benachbarten, konkurrierenden Klosters St. Zeno in Reichenhall weitergeführt. Dabei bietet St. Zeno den Ramsauer Bauern, nicht jedoch dem Freimann Runotter Unterstützung an. Der Roman beschreibt eindrucksvoll, wie die „guten Leute der Heimat“ Opfer einer konkurrierenden kirchlichen Willkür vor Ort werden. Die zielbewusste Verführung der Bauern durch St. Zeno führt über die unterschiedlichen Bündnissysteme zwangsläufig zu weiteren Verwicklungen. Der örtliche Konflikt wird noch von der seinerzeit herrschenden bayerischen Machtpolitik, die eng miteinander verwandte Herrscher gegeneinander ausüben, instrumentalisiert.

Im Hintergrund steht die damalige Dreiteilung Bayerns mit den Machtzentren München, Ingolstadt und Landshut. Plötzlich verlagert sich die regelrecht kriegerisch gewordene Auseinandersetzung fernab in die niederbayerische Gegend, und bald weiß niemand mehr, wo, warum und wieso der große Regionalkonflikt überhaupt ausgebrochen ist.

Wappen der Herren von Fraunberg als Grafen von Haag aus dem Scheiblerschen Wappenbuch, BSB Cod.icon. 312 c (1450-1480)

In die Handlung ist auch die Darstellung des ausschweifenden Lebensstils der Augustiner-Chorherren (mit Ausnahme des Probstes) mit ihrem in vielfältiger Hinsicht unsittlichen Verhalten eingeflochten. Die Frage nach dem Zölibat wird dabei aufgeworfen, wobei das Leben eines ausgesprochen sympathischen Priesters aus Ingolstadt, der Frau und drei Kinder hat, geschildert wird. Dessen ehrliche Liebe zu Frau und Kindern ist stärker als sein kirchlicher Eid. Er wird jedoch weder bestraft noch begeht er Selbstmord. Selbst der Herzog von Bayern steht unter päpstlichem Bann. Der gegen das Zölibat verstoßende Pfarrer entgeht im Verlauf der allgemeinen Wirrnisse einer Verfolgung.

Als der „Ochsenkrieg“ auszuufern droht, tritt Kaiser Sigismund in Erscheinung und legt den Krieg, der als Streit um ein paar Ochsen im Raum Berchtesgaden begann, vermittelnd bei.

Ludwig Ganghofer beschreibt auf kleinstem Raum Konflikte zwischen eng verwandten Herrscherhäusern mit umfangreichen Kriegsfolgen, die aufgrund eines eigentlich geringfügigen äußeren Anlasses eintreten. Sein Roman Der Ochsenkrieg ist und bleibt eine beklemmende und reale Parabel über die Sinnlosigkeit kriegerischer Auseinandersetzungen. Der Roman hat ein immer wieder vorkommendes, zeitloses Handlungsschema und enthält darüber hinaus Züge eines Anti-Kriegsromans.

 

Widmung

Die voranstehenden Ausführungen werden Alfred Hermann Fried, geb. 11. November 1864 in Wien, gest. 4. Mai 1921 in Wien, gewidmet. Fried war verheiratet mit Bertha Engel, der Schwester von Ludwig Ganghofers Ehefrau Katinka, geb. Engel. Alfred Hermann Fried war der große Vorkämpfer für den Frieden der Menschheit und auch langjähriger Mitarbeiter von Berta von Suttner. Am 10. Dezember 1911 erhielt er den Friedensnobelpreis. Vor dem Hintergrund der damaligen wie auch gegenwärtigen, friedensbedrohenden Weltgeschehnisse ist Fried mit seiner immerwährenden Friedensbotschaft bis heute aktuell.