Der Schreibworkshop „Portal in neue Welten“ am Bayernkolleg Augsburg
Im Rahmen der Reihe Zukunft öffnen hat sich mit dem Bayernkolleg Augsburg eine nachhaltige Zusammenarbeit entwickelt. Zum dritten Mal fand dort nun, unter der Anleitung von Autorinnen und Autoren des Literaturportals, ein kreativer Schreibworkshop für die Berufsschülerinnen und -schüler statt.
Das Leitungsteam, in diesem Jahr bestehend aus dem Augsburger Autorenduo, dem Lyriker Gerald Fiebig und dem Prosaautoren
Roland van Oystern, konnte den Teilnehmenden unterschiedliche Perspektiven aufs Schreiben bieten. Dabei sind, in kreativer Auseinandersetzung mit den Inhalten des Literaturportals, auch in diesem Jahr wieder höchst bemerkenswerte Texte entstanden, die hier nun präsentiert werden. Ein berichtender Blick hinter die Kulissen. Und ein Lesevergnügen.
*
INTRO:
Sehr geehrter Herr Brecht,
Ist es still, da wo Sie jetzt sind?
Hören Sie sich selbst denken?
Ist der Krieg zu Ende, da wo Sie jetzt sind?
Wissen Sie, dass man Sie abgerissen hat?
Wissen Sie noch, unter welchem Baum Sie damals saßen?
Denken Sie, es ist still, wenn man dort oben ankommt?
Ist der Krieg gewonnen oder verloren?
Sind Sie allein? Sind Sie überhaupt?
Denken Sie, es ist still, wenn man dort oben ankommt?
Denken Sie überhaupt?!
Wissen Sie, ob Sie auf mich warten?
Ist die Stille nicht manchmal unerträglich?
Von den Nachgeborenen.
Amalie Mirwald (Schülerin, Bayernkolleg)
„Ein Portal in andere Welten.“
Das sagen die Autoren Gerald Fiebig und Roland von Oystern:
Literatur ist ein Portal in andere Welten – sie kann in unserem Kopf die Vergangenheit ebenso wie die Zukunft entstehen lassen. Aber sie kann uns auch auf ganz neue, bisher unbekannte Planeten versetzen – oder in Welten, die unserer ähnlich sind, aber doch anders – im guten wie im schlechten Sinne.
Beim Schreibworkshop wollen wir dieses Portal öffnen und im Schreiben neue Blicke auf die Welt entdecken bzw. neue Welten erfinden. Als Inspirationsquelle nutzen wir ein bereits existierendes Portal. Gemeinsam erforschen wir die Website des Literaturportals Bayern und finden im Remixen der Inhalte Geheimgänge und Schleichwege in unsere eigenen, neuen Literatur-Welten.
Zum Warmwerden schauen wir mal gemeinsam rein ins Literaturportal. Da finden wir viele Briefe. Ein Fünftklässler schreibt an Conrad Ferdinand Meyer:
Lieber Conrad Ferdinand Meyer, ich fand Ihr Gedicht [„Möwenflug“] nicht so gut, das lag aber ehrlicherweise an meinem Geschmack. Man sieht aber, dass Sie sich viel Mühe gegeben haben. Sie sind zumindest sehr berühmt. Aber ich weiß, dass Sie tot sind. Also ruhen Sie in Frieden.
Ihr Eliah.
Der Literaturportal-Nutzer Gerd Schäffer schreibt im Autorenlexikon unter den Eintrag von Patrick Süskind:
Sehr geehrter Herr Süskind, gerne möchte ich Ihnen mein Exposé „Marmorstaub“ zusenden. Leider finde ich Ihre Anschrift nicht. Dank für Ihre Nachricht.
Mit freundlichen Grüßen Gerd Schäffer.
Aber warum sollen nur Kinder und Freaks an Autoren schreiben? Wir machen das jetzt auch. Unsere jungen Erwachsenen, die Kollegiatinnen und Kollegiaten des Bayernkollegs, adressieren eine literarische Existenz, die sie mögen (oder gerade nicht) bzw. interessant finden, in einem selbst gewählten Genre – Brief, Schmähgedicht, Chatnachricht etc.
Die Klassiker sind hoch im Kurs: Kafka und Brecht bekommen Post – Dante Alighieri allerdings kassiert von Workshop-Teilnehmerin Colette im Gespräch Negativkritik für die „besonders aufwendige Liste seiner persönlichen Beschwerden“, auch bekannt als Die göttliche Komödie: „Gemeinsam mit Vergil marschiert Dante durch die Hölle, den Läuterungsberg und schließlich ins Paradies. Das Ganze ist wie eine extrem lange Klassenfahrt, nur dass die Schüler tot sind, der Lehrer seit Jahrhunderten nicht mehr lebt und niemand weiß, wann endlich Pause ist.“
Beim Workshop ist jetzt Pause. Sogar diese ist für die kreative Workshop-Gruppe Inspiration für neue Texte, wie Arko Kroegers Text „Der Scroll“ eindrücklich belegt.
Nach der Pause geht das gegenseitige Vorlesen in kollegialen Austausch über. Van Oystern erzählt, wie er als Grundschüler die Tonspuren irgendwelcher bekloppter Actionreißer abtippte, Stichwort: Roman zum Film. Bei einer Teilnehmerin des Workshops war es ähnlich: Als Achtjährige produzierte sie Fan-Fiction zu ihrer Lieblings-TV-Serie. Ihr Papa war begeistert und zeigte die Texte einem Schriftstellerkumpel. Die Reaktion: „Was glotzt deine Tochter für Mist!?“
Mit dem Schreiben nahm sie es erst in der Realschule wieder auf. In ihrem Kopf befindet sich das komplette Gerüst eines Fantasy-Wälzers. An real existierendem Text besteht bisher nur ein Schnipsel des Prologs. Schlechtes Vorankommen durch Zeitmangel kennen alle. Eine Kollegin sagt: „Ich lebe auch einfach gern.“ Es ist besser so. Das Aufschreiben kann warten.
Außerdem kommt die Frage auf: Wie soll ich herausfinden, ob das überhaupt irgendjemanden interessiert? Fiebig empfiehlt die monatliche Reihe
Open Stage Augsburg. Da einfach mal hinschreiben.
Literaturland Bayern!
Im Literaturportal Bayern gibt es allerhand Städteportraits mit geheimnisvollen Überschriften, wie „Die festeste Fürstenstadt“, „Papierene Welten“ oder „Auf dem Präsentierteller“. Zu diesen Überschriften entwerfen wir neue Städte und Szenerien – oder verpassen einer uns bekannten Stadt eine Überschrift.
Colette schreibt ihre Texte auf Französisch, Deutsch, Spanisch, Englisch. Jeder Text hat seine Sprache. Wenn einer erstmal dasteht, fällt die Übertragung schwer. Marwan Farajs Sprachen sind Deutsch und Arabisch, Deutsch mehr. Das Hin und Her beschäftigt auch ihn. Er probiert abwechselnd einen Satz auf Arabisch, einen auf Deutsch. Am Ende steht auf dem Zettel ein Gedicht auf Deutsch, das aber das Hin und Her zwischen Orten (und Sprachen?) zum Thema hat.
Zwei Frauen aus der letzten Reihe haben spontan ein Autorinnenduo gegründet. Die eine mag Stephen King, die andere Agatha Christie. Eine hatte ein paar Figuren im Kopf, die andere die Geschichte. „Vielleicht ein Krimi mit einem Elfenkönig oder so. Wir schicken uns das jetzt hin und her und dann mal schauen.“ Eine Textprobe war zum Redaktionsschluss dieses Berichts leider noch nicht erhältlich. Aber das fertige Werk liegt hoffentlich in der Zukunft obenauf.
„Ein Portal in andere Welten.“
Das sagen die Texte der Teilnehmenden:
Zum Schreibimpuls „Briefe, Schmähungen, Chats“
I.
Lieber Kafka,
ich hoffe, Sie genießen den herbstlichen Tag genauso wie wir, und erfreuen sich an all den bunten Blättern, die durch den sanften Wind umherwandern. Ich persönlich mag es auch, während dem Regen im Warmen zu sitzen und einen Tee zu trinken, während man aus dem Fenster sieht. Hat fast schon etwas Ironisches, finden Sie nicht auch?
Na gut, so sei es, fast bin ich vom eigentlichen Thema abgekommen, das kann ich nebenbei gesagt (leider) ziemlich gut.
Vor einigen Jahren stieß ich durch Zufall auf Ihre Werke, es hat Spaß gemacht, sie zu lesen, obwohl ich sie ehrlicherweise fast schon „blindgelesen“ hatte. Einige Zeit später, nach einer zugegeben langen Lesepause, hatten die eigentlich selben, schon gelesenen Bücher eine ganz andere und tiefgründige Bedeutung, mit welcher ich mich gewissermaßen selbst identifizieren konnte.
Durch das Lesen, nein, Verstehen der Bücher, fing ich selbst an zu schreiben. Siehe da: von nun an verstand ich, wieso Sie schreiben, wie Sie schreiben, denn manche Gefühle lassen sich nun mal nicht in einfache Worte sperren, und das ist gewissermaßen sogar sehr gut.
Fernab von allem, was bisher erwähnt wurde, fällt mir wieder etwas ein: „By believing passionately in something that still does not exist, we create it.“ Gerade sitze ich mit meinem Tee auf der Fensterbank, mit meinen Träumen vor Augen. Und das alles, obwohl ich damals dachte, ich wäre zu alleine hier, um meinen Platz zu finden.
In großer Dankbarkeit,
Nina M.
II.
Sonderrecht 2
Ich kam mit einer Bleivergiftung und 50 Rosen über den blauen Ozean.
„Ich assoziiere mich mit Christiane F.“
„Lebt die überhaupt noch?“
Du schriebst dieses Werk über Ulrike Meinhof, dabei kanntest du sie gar nicht. Diese Sprache ist mir fremd. Gebrochen. Nicht vollkommen. Ich hab mein Vokabular verloren. Die Adjektive verlegt und die Nomen verurteilen mich. Wie ich sie da so einsam, nackt, kalt und hungrig stehen lassen muss. Es fließt wie Gift. Diese fremde Sprache. You laughed at this.
We are going down.
Wir sinken.
Ich erwarte dich am Grund. Und bring einen Revolver.
Wir haben uns verpasst.
Die ganze Welt ist preußisch blau.
Als du da liegst. In der Pfütze aus Whiskey, Blut und Heroin.
Wie Blei so schwer, wie Gift so tückisch, gerissen,- frisst sich in die Zellen, legt Bahnen um die Nerven. Hypothalamischer Wahn. Sweet Sheila! Wie du in Türrahmen saßt, als ich dich das letzte Mal sah. Das ganze Zimmer war preußisch blau! Als du in Blut und Heroin erstickst. Die Zigarette brannte nicht mehr.
Du sagtest nichts,- als ich mich zu dir setzte.
Amalie Mirwald
III.
Der Scroll
Ding dang dong…
Es ist 9:30. Die erste Pause im Bayernkolleg beginnt. Ich verlasse meinen Platz, schnappe mir meine Brotbox, meine Kopfhörer und mein Handy und begebe mich auf eine Bank außerhalb des Schulraumes. Ich beginne das für meine Generation übliche ritualistische Checken meiner Social-Media-Accounts.
Ich gehe auf Twitter. Ich scrolle durch meinen Feed und bemerke einen Post von einem Künstler mit einem niedlichen Drachen Profil-Pic. Der Post ist eine Antwort auf einen sarkastisch gemeinten Tweet vom Twitter-Account von Discord, welche aktuell dazu gezwungen werden, Altersverifikationen zu implementieren. Der Prozess verläuft holprig, und die Mitarbeiter scheinen selbst nicht gerade überzeugt von diesem Plan zu sein.
Die Antwort selbst beinhaltet ein Artwork, welches darstellt, wie Wumpus, das Maskottchen von Discord, mit einer altertümlichen Maschine gevierteilt wird, als ob es von einem sadistischen SAW-ähnlichen Mörder und nicht von einem kleinen Onlinekünstler, der kleine niedliche Drachen malt, gefertigt wurde.
Die Antworten auf den Tweet von Discord waren so vielfältig, dass man eine mehrminütige Zusammenstellung von visuellen Darstellungen sämtlicher der Menschheit bekannten Foltermethoden, Grausamkeiten und sonstigen Arten zu sterben, demonstriert anhand jenem Maskottchen, erstellen und finden konnte. Ich weiß das, weil ich so eine Zusammenstellung auf meinem PC heruntergeladen und gespeichert habe. Sie ist melodisch untermalt mit „Mr. Bluesky”. Ich scrolle durch die Bilder, um meiner morbiden Faszination nachzugeben. Obwohl ich viele der Artworks mittlerweile bereits gesehen habe.
Ich schaue in die obere linke Ecke meines Handys. 09:35.
Ich checke meinen Reddit-Feed.
Beim Scrollen entdecke ich einen Post von r/cathelp. Er hat die Überschrift „Ist etwas falsch mit meiner Katze? Ist sie krank?“ Es enthält ein Video von einer orangen Katze, die sich mit ihren Hinterbeinen rhythmisch bewegt. Unter dem Text findet sich eine ausführliche, von den Regeln des Subreddits verordnete Beschreibung des medizinischen Hintergrundes. Alter, Geschlecht und die bisher noch nicht vorkommenden Vorerkrankungen werden liebevoll angegeben.
Die Antwort mit den meisten Upvotes: „Das sind Sündenkekse. Er masturbiert.”
Ich glaube, ich habe die letzten zwei Wochen keinen Tag erlebt, wo ich keinen Post dieser Art in diesem Subreddit gefunden habe.
Das „0 days without sin biscuits"-Meme altert niemals schlecht.
9:40. Ich öffne YouTube.
Automatisch wird mir ein Video im Hochformat von einer Frau abgespielt, die Katzen und Hunde professionell reinigt. Ich klicke es schnell weg und gebe „Caedrel Clips” ein, um Videos von einem britischen „League of Legends Pro” Play Commentary zu finden. Normalerweise lass ich seine langen Videos im Hintergrund abspielen, wenn ich nachmittags Zuhause irgendeinen anderen Scheiß mache. Gestern aber konnte ich das letzte Video aus Zeitgründen nicht schauen. Die Clips helfen, zumindest die Highlights einzufangen.
Die neuesten Caedrel-Clips beinhalten die x-te „Unglaubliche Combo”. Titel, die so vage sind, dass man das Video sehen muss, um herauszufinden, was eigentlich passiert, sowie der 8te diesen Monat uneinholbare Vorsprung, der tatsächlich aufgeholt worden ist. Im Neuland ist also nichts Neues. Ich schaue nochmal in „Caedrel genießt etwas Tötlichkeitsfaktor Jarvan 4. Gameplay.”
Ich weiß nicht, warum ich das tue.
09:45. Ich hab mein Brot noch nicht angerührt.
Ich gehe wieder auf Discord. Ich suche das Profil von einem Freund. Ich gehe auf die Textleiste und drücke auf „Gifs”. Ich gebe „Cats Hug" ein. Finde nichts wirklich Passendes. Ich gebe „Cats cuddle” ein. Ich finde was. Ich drücke darauf, und schreibe folgenden Text, auf Englisch, weil alle meine Freunde im Internet auf Englisch schreiben: „Manchmal will ich eine Katze sein. Ich will mich auf eine andere Katze legen und einfach schlafen. Mein Gehirn bringt mich um. Jeden Tag zu jeder Stunde will es mehr, mehr, mehr. Ich will mich ausruhen. Keine Gedanken. Keine Sucherei. Nur Ruhe und kuscheln.”
9:48.
Ich drücke auf den Absenden-Knopf und lege mein Handy weg. Ich öffne meine Brotbox und nehme einen Bissen von meinem provisorischen Salamibrot. Dann noch einen.
9:49.
Ich lege mein Brot wieder in die Box und begebe mich in den Klassenraum. Am Platz angekommen, werfe ich noch einen letzten Blick in meine Discord-Direktnachrichten.
Eine neue Nachricht. Der Freund, dem ich gerade eben geschrieben habe.
„Ich fühle dich.”
Umarmungs-Emoji.
Ich schreibe zurück.
Mit der verbleibenden Zeit sende ich ihm ein Umarmungs-Emoji zurück.
Ding dang dong.
Ich lege mein Handy und meine Kopfhörer in die Tasche.
Arko Kroeger
LPB-Autor Gerald Fiebig und Teilnehmende bei der konzentrierten Textarbeit © Roland van Oystern
Zum Schreibimpuls „Städte im Kopf“:
I.
Auf dem Präsentierteller
(Bayreuth)
Wenn ich nach oben schaue, wölbt sich unser Himmel wie
eine silberne Kuppel über unserer Stadt.
Unsere Erde ist eine Scheibe, chromglänzend, wie ein
zweidimensionaler, mit Mikrofasertüchern polierter Vollmond.
Wir sind keine Verschwörungstheoretiker_innen,
doch vielleicht ist unsere Stadt deren Erfindung.
Vielleicht sind wir nicht echt, doch
es fühlt sich so an, wenn die Kellnerperson, die uns durchs Universum trägt,
stolpert und in unserer Stadt ein Erdbeben auslöst.
Wir fragen uns, wann und ob der Deckel/der Himmel jemals gehoben wird.
Manche sagen, unsere Stadt, unsere Welt,
ist in einer silbrig glitzernde Edelstahllandschaft entstanden.
Unsere Götter: Personen in weißen Jacken mit zweireihigen Knöpfen.
Der Legende nach waren sie es, die
unsere Gebirge, Seen und Wälder erschaffen haben.
Manche sagen, wir waren ungewollt,
sie sagen, wir kamen von woanders,
und als die Götter uns entdeckten, dort,
auf deren mühsam erschaffenen Welt,
schickten sie uns weg.
Manche sagen, wir werden nie präsentiert werden.
Manche sagen, wir wären Vorstufen von etwas Wunderschönem,
das sich nie entwickeln könne.
Ida S.
II.
Port-au-Prince : le paradis caribéen où même les fantômes râlent !
Bienvenue à Port-au-Prince, où les motos jouent à Mario Kart, les embouteillages durent une éternité et même les esprits du vaudou attendent l’électricité ! Au cœur des Caraïbes, entre musique, soleil et griot, il y a aussi une réalité moins drôle : le système Restavèk, où des enfants sont exploités comme des domestiques, parfois traités comme des marchandises. Un enfant n’est pas à vendre ! Pendant ce temps, Hollywood imagine des zombies, alors que les Haïtiens ont déjà assez de problèmes bien réels. Mon Dieu, quelle aventure !
Ici, le soleil est tropical, la circulation infernale et la vie toujours plus incroyable qu’un film !
Colette
Port-au-Prince: das karibische Paradies, auf das sogar die Gespenster schimpfen
Willkommen in Port-au-Prince, wo die Motorräder Mario Kart spielen, die Staus ewig dauern und sogar die Voodoo-Geister darauf warten, dass der Strom wieder angeht! Im Herzen der Karibik, zwischen Sonne, Musik und Griot, gibt es auch eine weniger fröhliche Realität: das Restavèk-System, in dem Kinder als Haushaltshilfen ausgebeutet und manchmal wie Waren gehandelt werden. Aber man darf doch ein Kind nicht verkaufen! Und als hätten die Menschen in Haïti nicht schon genug höchst reale Probleme, denkt sich Hollywood dazu noch Zombies aus. Mein Gott, was für ein Abenteuer!
Die Sonne ist tropisch, der Verkehr ist höllisch, und das Leben hier stets wilder als der verrückteste Film!
Colette (von der Verfasserin autorisierte Übersetzung: Gerald Fiebig)
III.
Wieder zuhause, aber ich bin fremd
In Ost bist du West
In West bist du Ost
10 Jahre ist es her
Armut und Leid
Endlich ist es vorbei
Vorbei? Nein, das ist uns allen fremd
Marwan Faraj
IV.
Zeit
[Wenn] Um Sekunde um Minute auf dieser Welt
ein Stück weiter der Sinn verfällt
Im Gefühl vereint im Geist getrennt
damit man uns weiter voneinander entfernt
Im Graben der Tage kann man sich nicht beklagen
wenn nichts ist zu hinterfragen
Kann man’s da gut ertragen
und wenn nicht verraten
wird man auch von Gefälligkeiten begraben
in diesem tollen Graben
Der Monat rau wie Teer
nun hängt die Blüte schwer
ach was wär gewesen
hätte man es nur gleich gelesen
Die Jahre längst zerronnen
den Schlaf haben wir uns verwehrt
Träume im Geflecht der Zeit versponnen
dem Glück den Rücken zugekehrt
Jonas F. Kallay
Autor Roland van Oystern und eine Teilnehmende bei der konzentrierten Textarbeit © Gerald Fiebig
Der Schreibworkshop „Portal in neue Welten“ am Bayernkolleg Augsburg>
Im Rahmen der Reihe Zukunft öffnen hat sich mit dem Bayernkolleg Augsburg eine nachhaltige Zusammenarbeit entwickelt. Zum dritten Mal fand dort nun, unter der Anleitung von Autorinnen und Autoren des Literaturportals, ein kreativer Schreibworkshop für die Berufsschülerinnen und -schüler statt.
Das Leitungsteam, in diesem Jahr bestehend aus dem Augsburger Autorenduo, dem Lyriker Gerald Fiebig und dem Prosaautoren
Roland van Oystern, konnte den Teilnehmenden unterschiedliche Perspektiven aufs Schreiben bieten. Dabei sind, in kreativer Auseinandersetzung mit den Inhalten des Literaturportals, auch in diesem Jahr wieder höchst bemerkenswerte Texte entstanden, die hier nun präsentiert werden. Ein berichtender Blick hinter die Kulissen. Und ein Lesevergnügen.
*
INTRO:
Sehr geehrter Herr Brecht,
Ist es still, da wo Sie jetzt sind?
Hören Sie sich selbst denken?
Ist der Krieg zu Ende, da wo Sie jetzt sind?
Wissen Sie, dass man Sie abgerissen hat?
Wissen Sie noch, unter welchem Baum Sie damals saßen?
Denken Sie, es ist still, wenn man dort oben ankommt?
Ist der Krieg gewonnen oder verloren?
Sind Sie allein? Sind Sie überhaupt?
Denken Sie, es ist still, wenn man dort oben ankommt?
Denken Sie überhaupt?!
Wissen Sie, ob Sie auf mich warten?
Ist die Stille nicht manchmal unerträglich?
Von den Nachgeborenen.
Amalie Mirwald (Schülerin, Bayernkolleg)
„Ein Portal in andere Welten.“
Das sagen die Autoren Gerald Fiebig und Roland von Oystern:
Literatur ist ein Portal in andere Welten – sie kann in unserem Kopf die Vergangenheit ebenso wie die Zukunft entstehen lassen. Aber sie kann uns auch auf ganz neue, bisher unbekannte Planeten versetzen – oder in Welten, die unserer ähnlich sind, aber doch anders – im guten wie im schlechten Sinne.
Beim Schreibworkshop wollen wir dieses Portal öffnen und im Schreiben neue Blicke auf die Welt entdecken bzw. neue Welten erfinden. Als Inspirationsquelle nutzen wir ein bereits existierendes Portal. Gemeinsam erforschen wir die Website des Literaturportals Bayern und finden im Remixen der Inhalte Geheimgänge und Schleichwege in unsere eigenen, neuen Literatur-Welten.
Zum Warmwerden schauen wir mal gemeinsam rein ins Literaturportal. Da finden wir viele Briefe. Ein Fünftklässler schreibt an Conrad Ferdinand Meyer:
Lieber Conrad Ferdinand Meyer, ich fand Ihr Gedicht [„Möwenflug“] nicht so gut, das lag aber ehrlicherweise an meinem Geschmack. Man sieht aber, dass Sie sich viel Mühe gegeben haben. Sie sind zumindest sehr berühmt. Aber ich weiß, dass Sie tot sind. Also ruhen Sie in Frieden.
Ihr Eliah.
Der Literaturportal-Nutzer Gerd Schäffer schreibt im Autorenlexikon unter den Eintrag von Patrick Süskind:
Sehr geehrter Herr Süskind, gerne möchte ich Ihnen mein Exposé „Marmorstaub“ zusenden. Leider finde ich Ihre Anschrift nicht. Dank für Ihre Nachricht.
Mit freundlichen Grüßen Gerd Schäffer.
Aber warum sollen nur Kinder und Freaks an Autoren schreiben? Wir machen das jetzt auch. Unsere jungen Erwachsenen, die Kollegiatinnen und Kollegiaten des Bayernkollegs, adressieren eine literarische Existenz, die sie mögen (oder gerade nicht) bzw. interessant finden, in einem selbst gewählten Genre – Brief, Schmähgedicht, Chatnachricht etc.
Die Klassiker sind hoch im Kurs: Kafka und Brecht bekommen Post – Dante Alighieri allerdings kassiert von Workshop-Teilnehmerin Colette im Gespräch Negativkritik für die „besonders aufwendige Liste seiner persönlichen Beschwerden“, auch bekannt als Die göttliche Komödie: „Gemeinsam mit Vergil marschiert Dante durch die Hölle, den Läuterungsberg und schließlich ins Paradies. Das Ganze ist wie eine extrem lange Klassenfahrt, nur dass die Schüler tot sind, der Lehrer seit Jahrhunderten nicht mehr lebt und niemand weiß, wann endlich Pause ist.“
Beim Workshop ist jetzt Pause. Sogar diese ist für die kreative Workshop-Gruppe Inspiration für neue Texte, wie Arko Kroegers Text „Der Scroll“ eindrücklich belegt.
Nach der Pause geht das gegenseitige Vorlesen in kollegialen Austausch über. Van Oystern erzählt, wie er als Grundschüler die Tonspuren irgendwelcher bekloppter Actionreißer abtippte, Stichwort: Roman zum Film. Bei einer Teilnehmerin des Workshops war es ähnlich: Als Achtjährige produzierte sie Fan-Fiction zu ihrer Lieblings-TV-Serie. Ihr Papa war begeistert und zeigte die Texte einem Schriftstellerkumpel. Die Reaktion: „Was glotzt deine Tochter für Mist!?“
Mit dem Schreiben nahm sie es erst in der Realschule wieder auf. In ihrem Kopf befindet sich das komplette Gerüst eines Fantasy-Wälzers. An real existierendem Text besteht bisher nur ein Schnipsel des Prologs. Schlechtes Vorankommen durch Zeitmangel kennen alle. Eine Kollegin sagt: „Ich lebe auch einfach gern.“ Es ist besser so. Das Aufschreiben kann warten.
Außerdem kommt die Frage auf: Wie soll ich herausfinden, ob das überhaupt irgendjemanden interessiert? Fiebig empfiehlt die monatliche Reihe
Open Stage Augsburg. Da einfach mal hinschreiben.
Literaturland Bayern!
Im Literaturportal Bayern gibt es allerhand Städteportraits mit geheimnisvollen Überschriften, wie „Die festeste Fürstenstadt“, „Papierene Welten“ oder „Auf dem Präsentierteller“. Zu diesen Überschriften entwerfen wir neue Städte und Szenerien – oder verpassen einer uns bekannten Stadt eine Überschrift.
Colette schreibt ihre Texte auf Französisch, Deutsch, Spanisch, Englisch. Jeder Text hat seine Sprache. Wenn einer erstmal dasteht, fällt die Übertragung schwer. Marwan Farajs Sprachen sind Deutsch und Arabisch, Deutsch mehr. Das Hin und Her beschäftigt auch ihn. Er probiert abwechselnd einen Satz auf Arabisch, einen auf Deutsch. Am Ende steht auf dem Zettel ein Gedicht auf Deutsch, das aber das Hin und Her zwischen Orten (und Sprachen?) zum Thema hat.
Zwei Frauen aus der letzten Reihe haben spontan ein Autorinnenduo gegründet. Die eine mag Stephen King, die andere Agatha Christie. Eine hatte ein paar Figuren im Kopf, die andere die Geschichte. „Vielleicht ein Krimi mit einem Elfenkönig oder so. Wir schicken uns das jetzt hin und her und dann mal schauen.“ Eine Textprobe war zum Redaktionsschluss dieses Berichts leider noch nicht erhältlich. Aber das fertige Werk liegt hoffentlich in der Zukunft obenauf.
„Ein Portal in andere Welten.“
Das sagen die Texte der Teilnehmenden:
Zum Schreibimpuls „Briefe, Schmähungen, Chats“
I.
Lieber Kafka,
ich hoffe, Sie genießen den herbstlichen Tag genauso wie wir, und erfreuen sich an all den bunten Blättern, die durch den sanften Wind umherwandern. Ich persönlich mag es auch, während dem Regen im Warmen zu sitzen und einen Tee zu trinken, während man aus dem Fenster sieht. Hat fast schon etwas Ironisches, finden Sie nicht auch?
Na gut, so sei es, fast bin ich vom eigentlichen Thema abgekommen, das kann ich nebenbei gesagt (leider) ziemlich gut.
Vor einigen Jahren stieß ich durch Zufall auf Ihre Werke, es hat Spaß gemacht, sie zu lesen, obwohl ich sie ehrlicherweise fast schon „blindgelesen“ hatte. Einige Zeit später, nach einer zugegeben langen Lesepause, hatten die eigentlich selben, schon gelesenen Bücher eine ganz andere und tiefgründige Bedeutung, mit welcher ich mich gewissermaßen selbst identifizieren konnte.
Durch das Lesen, nein, Verstehen der Bücher, fing ich selbst an zu schreiben. Siehe da: von nun an verstand ich, wieso Sie schreiben, wie Sie schreiben, denn manche Gefühle lassen sich nun mal nicht in einfache Worte sperren, und das ist gewissermaßen sogar sehr gut.
Fernab von allem, was bisher erwähnt wurde, fällt mir wieder etwas ein: „By believing passionately in something that still does not exist, we create it.“ Gerade sitze ich mit meinem Tee auf der Fensterbank, mit meinen Träumen vor Augen. Und das alles, obwohl ich damals dachte, ich wäre zu alleine hier, um meinen Platz zu finden.
In großer Dankbarkeit,
Nina M.
II.
Sonderrecht 2
Ich kam mit einer Bleivergiftung und 50 Rosen über den blauen Ozean.
„Ich assoziiere mich mit Christiane F.“
„Lebt die überhaupt noch?“
Du schriebst dieses Werk über Ulrike Meinhof, dabei kanntest du sie gar nicht. Diese Sprache ist mir fremd. Gebrochen. Nicht vollkommen. Ich hab mein Vokabular verloren. Die Adjektive verlegt und die Nomen verurteilen mich. Wie ich sie da so einsam, nackt, kalt und hungrig stehen lassen muss. Es fließt wie Gift. Diese fremde Sprache. You laughed at this.
We are going down.
Wir sinken.
Ich erwarte dich am Grund. Und bring einen Revolver.
Wir haben uns verpasst.
Die ganze Welt ist preußisch blau.
Als du da liegst. In der Pfütze aus Whiskey, Blut und Heroin.
Wie Blei so schwer, wie Gift so tückisch, gerissen,- frisst sich in die Zellen, legt Bahnen um die Nerven. Hypothalamischer Wahn. Sweet Sheila! Wie du in Türrahmen saßt, als ich dich das letzte Mal sah. Das ganze Zimmer war preußisch blau! Als du in Blut und Heroin erstickst. Die Zigarette brannte nicht mehr.
Du sagtest nichts,- als ich mich zu dir setzte.
Amalie Mirwald
III.
Der Scroll
Ding dang dong…
Es ist 9:30. Die erste Pause im Bayernkolleg beginnt. Ich verlasse meinen Platz, schnappe mir meine Brotbox, meine Kopfhörer und mein Handy und begebe mich auf eine Bank außerhalb des Schulraumes. Ich beginne das für meine Generation übliche ritualistische Checken meiner Social-Media-Accounts.
Ich gehe auf Twitter. Ich scrolle durch meinen Feed und bemerke einen Post von einem Künstler mit einem niedlichen Drachen Profil-Pic. Der Post ist eine Antwort auf einen sarkastisch gemeinten Tweet vom Twitter-Account von Discord, welche aktuell dazu gezwungen werden, Altersverifikationen zu implementieren. Der Prozess verläuft holprig, und die Mitarbeiter scheinen selbst nicht gerade überzeugt von diesem Plan zu sein.
Die Antwort selbst beinhaltet ein Artwork, welches darstellt, wie Wumpus, das Maskottchen von Discord, mit einer altertümlichen Maschine gevierteilt wird, als ob es von einem sadistischen SAW-ähnlichen Mörder und nicht von einem kleinen Onlinekünstler, der kleine niedliche Drachen malt, gefertigt wurde.
Die Antworten auf den Tweet von Discord waren so vielfältig, dass man eine mehrminütige Zusammenstellung von visuellen Darstellungen sämtlicher der Menschheit bekannten Foltermethoden, Grausamkeiten und sonstigen Arten zu sterben, demonstriert anhand jenem Maskottchen, erstellen und finden konnte. Ich weiß das, weil ich so eine Zusammenstellung auf meinem PC heruntergeladen und gespeichert habe. Sie ist melodisch untermalt mit „Mr. Bluesky”. Ich scrolle durch die Bilder, um meiner morbiden Faszination nachzugeben. Obwohl ich viele der Artworks mittlerweile bereits gesehen habe.
Ich schaue in die obere linke Ecke meines Handys. 09:35.
Ich checke meinen Reddit-Feed.
Beim Scrollen entdecke ich einen Post von r/cathelp. Er hat die Überschrift „Ist etwas falsch mit meiner Katze? Ist sie krank?“ Es enthält ein Video von einer orangen Katze, die sich mit ihren Hinterbeinen rhythmisch bewegt. Unter dem Text findet sich eine ausführliche, von den Regeln des Subreddits verordnete Beschreibung des medizinischen Hintergrundes. Alter, Geschlecht und die bisher noch nicht vorkommenden Vorerkrankungen werden liebevoll angegeben.
Die Antwort mit den meisten Upvotes: „Das sind Sündenkekse. Er masturbiert.”
Ich glaube, ich habe die letzten zwei Wochen keinen Tag erlebt, wo ich keinen Post dieser Art in diesem Subreddit gefunden habe.
Das „0 days without sin biscuits"-Meme altert niemals schlecht.
9:40. Ich öffne YouTube.
Automatisch wird mir ein Video im Hochformat von einer Frau abgespielt, die Katzen und Hunde professionell reinigt. Ich klicke es schnell weg und gebe „Caedrel Clips” ein, um Videos von einem britischen „League of Legends Pro” Play Commentary zu finden. Normalerweise lass ich seine langen Videos im Hintergrund abspielen, wenn ich nachmittags Zuhause irgendeinen anderen Scheiß mache. Gestern aber konnte ich das letzte Video aus Zeitgründen nicht schauen. Die Clips helfen, zumindest die Highlights einzufangen.
Die neuesten Caedrel-Clips beinhalten die x-te „Unglaubliche Combo”. Titel, die so vage sind, dass man das Video sehen muss, um herauszufinden, was eigentlich passiert, sowie der 8te diesen Monat uneinholbare Vorsprung, der tatsächlich aufgeholt worden ist. Im Neuland ist also nichts Neues. Ich schaue nochmal in „Caedrel genießt etwas Tötlichkeitsfaktor Jarvan 4. Gameplay.”
Ich weiß nicht, warum ich das tue.
09:45. Ich hab mein Brot noch nicht angerührt.
Ich gehe wieder auf Discord. Ich suche das Profil von einem Freund. Ich gehe auf die Textleiste und drücke auf „Gifs”. Ich gebe „Cats Hug" ein. Finde nichts wirklich Passendes. Ich gebe „Cats cuddle” ein. Ich finde was. Ich drücke darauf, und schreibe folgenden Text, auf Englisch, weil alle meine Freunde im Internet auf Englisch schreiben: „Manchmal will ich eine Katze sein. Ich will mich auf eine andere Katze legen und einfach schlafen. Mein Gehirn bringt mich um. Jeden Tag zu jeder Stunde will es mehr, mehr, mehr. Ich will mich ausruhen. Keine Gedanken. Keine Sucherei. Nur Ruhe und kuscheln.”
9:48.
Ich drücke auf den Absenden-Knopf und lege mein Handy weg. Ich öffne meine Brotbox und nehme einen Bissen von meinem provisorischen Salamibrot. Dann noch einen.
9:49.
Ich lege mein Brot wieder in die Box und begebe mich in den Klassenraum. Am Platz angekommen, werfe ich noch einen letzten Blick in meine Discord-Direktnachrichten.
Eine neue Nachricht. Der Freund, dem ich gerade eben geschrieben habe.
„Ich fühle dich.”
Umarmungs-Emoji.
Ich schreibe zurück.
Mit der verbleibenden Zeit sende ich ihm ein Umarmungs-Emoji zurück.
Ding dang dong.
Ich lege mein Handy und meine Kopfhörer in die Tasche.
Arko Kroeger
LPB-Autor Gerald Fiebig und Teilnehmende bei der konzentrierten Textarbeit © Roland van Oystern
Zum Schreibimpuls „Städte im Kopf“:
I.
Auf dem Präsentierteller
(Bayreuth)
Wenn ich nach oben schaue, wölbt sich unser Himmel wie
eine silberne Kuppel über unserer Stadt.
Unsere Erde ist eine Scheibe, chromglänzend, wie ein
zweidimensionaler, mit Mikrofasertüchern polierter Vollmond.
Wir sind keine Verschwörungstheoretiker_innen,
doch vielleicht ist unsere Stadt deren Erfindung.
Vielleicht sind wir nicht echt, doch
es fühlt sich so an, wenn die Kellnerperson, die uns durchs Universum trägt,
stolpert und in unserer Stadt ein Erdbeben auslöst.
Wir fragen uns, wann und ob der Deckel/der Himmel jemals gehoben wird.
Manche sagen, unsere Stadt, unsere Welt,
ist in einer silbrig glitzernde Edelstahllandschaft entstanden.
Unsere Götter: Personen in weißen Jacken mit zweireihigen Knöpfen.
Der Legende nach waren sie es, die
unsere Gebirge, Seen und Wälder erschaffen haben.
Manche sagen, wir waren ungewollt,
sie sagen, wir kamen von woanders,
und als die Götter uns entdeckten, dort,
auf deren mühsam erschaffenen Welt,
schickten sie uns weg.
Manche sagen, wir werden nie präsentiert werden.
Manche sagen, wir wären Vorstufen von etwas Wunderschönem,
das sich nie entwickeln könne.
Ida S.
II.
Port-au-Prince : le paradis caribéen où même les fantômes râlent !
Bienvenue à Port-au-Prince, où les motos jouent à Mario Kart, les embouteillages durent une éternité et même les esprits du vaudou attendent l’électricité ! Au cœur des Caraïbes, entre musique, soleil et griot, il y a aussi une réalité moins drôle : le système Restavèk, où des enfants sont exploités comme des domestiques, parfois traités comme des marchandises. Un enfant n’est pas à vendre ! Pendant ce temps, Hollywood imagine des zombies, alors que les Haïtiens ont déjà assez de problèmes bien réels. Mon Dieu, quelle aventure !
Ici, le soleil est tropical, la circulation infernale et la vie toujours plus incroyable qu’un film !
Colette
Port-au-Prince: das karibische Paradies, auf das sogar die Gespenster schimpfen
Willkommen in Port-au-Prince, wo die Motorräder Mario Kart spielen, die Staus ewig dauern und sogar die Voodoo-Geister darauf warten, dass der Strom wieder angeht! Im Herzen der Karibik, zwischen Sonne, Musik und Griot, gibt es auch eine weniger fröhliche Realität: das Restavèk-System, in dem Kinder als Haushaltshilfen ausgebeutet und manchmal wie Waren gehandelt werden. Aber man darf doch ein Kind nicht verkaufen! Und als hätten die Menschen in Haïti nicht schon genug höchst reale Probleme, denkt sich Hollywood dazu noch Zombies aus. Mein Gott, was für ein Abenteuer!
Die Sonne ist tropisch, der Verkehr ist höllisch, und das Leben hier stets wilder als der verrückteste Film!
Colette (von der Verfasserin autorisierte Übersetzung: Gerald Fiebig)
III.
Wieder zuhause, aber ich bin fremd
In Ost bist du West
In West bist du Ost
10 Jahre ist es her
Armut und Leid
Endlich ist es vorbei
Vorbei? Nein, das ist uns allen fremd
Marwan Faraj
IV.
Zeit
[Wenn] Um Sekunde um Minute auf dieser Welt
ein Stück weiter der Sinn verfällt
Im Gefühl vereint im Geist getrennt
damit man uns weiter voneinander entfernt
Im Graben der Tage kann man sich nicht beklagen
wenn nichts ist zu hinterfragen
Kann man’s da gut ertragen
und wenn nicht verraten
wird man auch von Gefälligkeiten begraben
in diesem tollen Graben
Der Monat rau wie Teer
nun hängt die Blüte schwer
ach was wär gewesen
hätte man es nur gleich gelesen
Die Jahre längst zerronnen
den Schlaf haben wir uns verwehrt
Träume im Geflecht der Zeit versponnen
dem Glück den Rücken zugekehrt
Jonas F. Kallay
Autor Roland van Oystern und eine Teilnehmende bei der konzentrierten Textarbeit © Gerald Fiebig


