Zum 80. Geburtstag Elfriede Jelineks
Am 20. Oktober 2026 feiert die mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnete Schriftstellerin und Dramatikerin Elfriede Jelinek ihren 80. Geburtstag: Anlass für einen kleinen Parcours durch ihr reichhaltiges Werk. Von Katrin Hillgruber.
*
An diesem Augustabend präsentiert sich die Bühne in der ehemaligen Saline von Hallein (Österreich) als weitläufiger, leicht chaotischer Salon mit Zimmerpalmen und Arbeitsecke. Die Szenerie lässt sich als Anspielung auf die Unübersichtlichkeit des Kapitalmarkts verstehen oder auch auf die Innsbrucker „Villa N“ des Immobilienspekulanten René Benko. Noch bevor die in Frack und Nadelstreifen gewandeten Schauspielerinnen Mavie Hörbiger und Caroline Peters als Tauben – „picketty, picketty!, äh, also pickend halt“ – zum Benko- und anderen Finanzskandalen wie Cum-ex und Wirecard Stellung nehmen, tritt Regisseur Nicolas Stemann vor das Publikum: Die Bühnenfassung von Elfriede Jelineks neuestem Werk Unter Tieren sei auf 110 Seiten reduziert worden, diese gelte es nun in rund vier Stunden zu bewältigen. Leichte Unruhe kommt auf, die sich als unbegründet erweist. Denn am Bühnenrand blättern dienstbare Geister einen Seiten-Countdown von 110 auf null herunter, und siehe da: Das zunächst – wie so oft bei dieser Autorin – als kaum bewältigbar erscheinende Textplateau verändert sich bei seiner Durchquerung, dank des großartigen Ensembles in fantasiesprühenden Kostümen von Marysol del Castilo. Die Aufführung wird immer transparenter, aufklärerisch-unterhaltsamer und stellenweise tief bewegend.
Elfriede Jelinek hat Unter Tieren, erschienen in ihrem Hausverlag Rowohlt, zu ihrem letzten Theaterstück erklärt. Die Uraufführung fand als Koproduktion der Salzburger Festspiele mit dem Wiener Burgtheater statt, zwei Monate vor dem achtzigsten Geburtstag der bedeutendsten und meistgespielten deutschsprachigen Gegenwartsdramatikerin am 20. Oktober. Menschen kommen in Unter Tieren nicht vor, dafür geleiten dreißig „Animalia“ von der Maus über Ratten, Raben, Hasen in ausgestellten weißen Hosen mit Puscheln bis zum „Lamm Gottes“ durch eine Wirtschaftschronik seit dem Lehman-Crash 2009. Die Geldtheorie wird zum Cantus firmus (feststehende Melodie), es geht aber generell um die Ausbeutung der Erde und ihrer Geschöpfe durch den menschlichen Kapitalismus. Besonders ergreifend gelingt der über achtzigjährigen Inge Maux der Monolog eines Schweins: Als eines unter Millionen sogenannter Nutztiere sieht es auf quälerischem Spaltboden der Schlachtbank entgegen und denkt dabei an Rilkes Panther-Gedicht: „Zwischen all den Spalten unsre Welt, die auf uns keinen müden Blick wirft und für unser Fleisch am liebsten keine müde Münze zahlen würde. Uns soll es gratis geben, wir brauchen ja keine Bestattung. Unsere Gräber, das sind Sie!“
Arme Sau
Auch diese arme Sau erscheint als eine „Dilettantin des Existierens“, wie Elfriede Jelinek einmal über ihre Frauenfiguren befunden hat. Unmöglich könne die Frau ein großer Meister sein, heißt es in ihrem Hörspiel Erziehung eines Vampirs: Von Besorgungen kehre sie mit einem Vielfachen ihres Eigengewichts zurück. Diese schlagende Erkenntnis über die enge Verbindung von Frau und Materie stammt von Dr. Heidkliff, einem Facharzt für Frauen- und Kieferheilkunde. In Otto Dübens Südwestfunk-Inszenierung aus dem Jahr 1986 gestaltet ihn Hans-Peter Hallwachs mit seiner unverwechselbaren Stimme als viriles Prachtexemplar: Heidkliff hat „Spaß und Geist“ und ist mit sich im Reinen. Seine Verlobte Emily (Barbara Freier) wiederum labt sich als Vampirin an den Blutkonserven der gutgehenden Praxis, benötigt nun jedoch eine neue Eckzahnarmatur. Und ausgerechnet als Dr. Heidkliff seinen Rosenkranz im falschen Anzug gelassen hat, taucht ein Heiliger auf: „Bewundern Sie mich, Grüß Gott!“
In den Hörspielen hat Elfriede Jelineks zunächst noch freundlicher Sarkasmus von Anfang an besonders aparte Blüten getrieben. Treffsicher hat sie die an den Konsum gekoppelten Sehnsüchte, vor allem die weiblichen, entlarvt. So etwa in ihrem ersten Hörspiel aus dem Jahr 1974 mit dem epischen Titel Wenn die Sonne sinkt, ist für manche auch noch Büroschluss. Die Kunstfiguren des Kaufhauskönigs Markus und der rehäugigen Verkäuferin Gaby, zwischen denen die Liebe ausbricht, sind als geschlossene Nicht-Individuen gezeichnet. Mit gestanzten Dialogen aus dem Groschenroman vertreten sie ein zentrales Jelineksches Anliegen: die Demontage der idealistischen Philosophie, die sie unter anderem in ihrem Anti-Heidegger-Stück Totenauberg vornahm. Die im Kapitalismus suggerierte Entscheidungsfreiheit ist für sie eine „Wunschmaschine als Waschmaschine der Wirklichkeit“ und somit Teil des Systems.
Bedauerlicherweise sind Elfriede Jelineks Hörspiele ein wenig in Vergessenheit geraten, dabei ermöglichen sie einen optimalen Zugang zu ihrem Werk, für dessen „musikalischen Fluss von Stimmen und Gegenstimmen“ sie 2004 den Literaturnobelpreis erhielt. Auch in Claudia Müllers ansonsten ausgesprochen gelungenem Dokumentarfilm Elfriede Jelinek – Die Sprache von der Leine lassen (2022) findet ihr umfangreiches Schaffen für das „Radio und seine Brüder“ keine Erwähnung. Sie habe Angst davor gehabt, von dem Film über ihr Leben „gebannt“ zu werden, äußerte sich Jelinek in Vampir-Manier in einer Stellungnahme – diese sind seit dem Nobelpreis und ihrem damit verbundenen Rückzug aus der Öffentlichkeit selten geworden. Das Filmteam trug für das Porträt entlegenes Archivmaterial zusammen, etwa Super-8-Aufnahmen aus Steirischen Filmclubs der fünfziger und sechziger Jahre oder die stets außergewöhnlich elegante, mit Baskenmütze und großer Sonnenbrille angetane Jungschriftstellerin als Fernsehreporterin in ihrem einzigen ORF-Beitrag aus dem Jahr 1976, Die Ramsau am Dachstein. Es geht darin um eine „schöne Landschaft“, die sich für den Fremdenverkehr und den Ski-Sport verkauft, um nicht zu sagen prostituiert. Die heftigen Reaktionen waren Elfriede Jelineks erste Konfrontation mit dem heimatlichen Volkszorn, den sie später als vermeintliche „Nestbeschmutzerin“ noch so oft erlebt hat.
Die Literatur sei die einzige künstlerische Disziplin gewesen, zu der sie ihre erzkatholische Mutter nicht gedrängt habe, bekannte Elfriede Jelinek, die eine Klosterschule besuchen und als spätes Einzelkind stets „in der Spur bleiben“ musste. Ihr Vater Friedrich, ein Chemiker tschechisch-jüdischer Abstammung, starb 1969 in der Psychiatrie und hinterließ der Tochter eine lebenslange Leerstelle. Mit der Aufforderung „Aber nun rastet eine Weile“ endet Jelineks Roman Die Kinder der Toten von 1995, den sie selbst für ihren wichtigsten hält, nicht zuletzt, weil er sich mit dem Schicksal ihrer zahlreichen im Nationalsozialismus ermordeten jüdischen Verwandten väterlicherseits auseinandersetzt. In ihrem vorletzten Prosawerk Angabe der Person (2022) berichtet sie vom Schicksal eines ihrer Onkel. Der angesehene Journalist wurde ins KZ Dachau deportiert. Kurz nach seiner Rückkehr nach Wien drehte er den Gashahn auf.
Noch bevor Elfriede Jelinek, von der Mutter zum musikalischen Wunderkind getrimmt, 1971 ihr Examen als Organistin am Wiener Konservatorium ablegte, debütierte sie 1967 mit der Gedichtsammlung Lisas Schatten und 1968 mit dem Hörroman Bukolit. Für diese Texte wurde sie mit dem Lyrik- und Prosapreis der österreichischen Jugendkulturwoche ausgezeichnet. „sie sollen dieses buch sofort eigenmächtig verändern“, appellierte sie 1970 in der „Gebrauchsanweisung“ der Montage-Prosa wir sind lockvögel baby an ihr Publikum: Bereits hier zeigt sich ihre souveräne auktoriale Selbstironie.
Jahrzehnte später ist von „kilometerweise homepage“ die Rede. Mittels ihrer Website tritt die offensiv öffentlichkeitsscheue Schriftstellerin in permanenten Dialog mit der Leserschaft am Bildschirm, stets in der Hoffnung, der Text möge nicht „blöd“ aus diesem herausglotzen. Eine verblühende Frau und ein seit Hermann Görings Kraftwerksbau geschundener Berg, beide von den einstigen Nutznießern Mann und Industrie längst aufgegeben: Der Protagonistin des Internet-Romans Neid droht ein ähnlich trauriges Schicksal wie ihrer Namensvetterin, der Fabrikarbeiterin Brigitte aus Jelineks Roman Die Liebhaberinnen von 1975. Wie in Michael. Ein Jugendbuch für die Infantilgesellschaft erscheinen die Figuren darin als flächige Prototypen ohne Individualität. Brigitte und Paula setzen ihre Körper nicht nur bei der Arbeit als Produktionsmittel ein, sondern auch als Vehikel des sozialen Aufstiegs.
Gewetztes Metaphernmesser
Auch an Erika Kohut aus dem Erfolgsroman Die Klavierspielerin (1983), der von Michael Haneke mit Isabelle Huppert und Benoît Magimel als verquerem Liebespaar nicht minder erfolgreich verfilmt wurde, wird der umfassende Kanon Jelinekscher Frauenleiden deklamiert. Vergeblich versucht die seit langem vaterlose Tochter, in masochistischen Eskapaden die Dominanz der Mutter zu durchbrechen. Nur wenigen Jelinek-Heldinnen ist es vergönnt, sich über die Zwänge ihres Geschlechts hinwegzusetzen, so wie Emily in dem Theaterstück Krankheit oder Moderne Frauen. Auch Karin, das „ältliche Kind“ eines „Mutterdrachens“ im Opus magnum Die Kinder der Toten, durchbricht das Prinzip des „ganz grau, ganz Frau“: Sie wird zur Vampirin, indem sie sich einen Kraftfahrer gefügig macht und mit Todesfolge kastriert.
Die Kinder der Toten ist mit genialer Unerbittlichkeit konstruiert. Die Chronologie ist aufgehoben, es handelt sich um einen Wiedergängertext in Episoden. Einmal, auf Seite 276, findet sich ein Anflug auktorialer Selbstkritik: „Sie, liebe Leserinnen und Leser, erhalten hier ein seltsames Schreiben.“ Doch zur Umkehr ist es zu spät. Die Adressaten sind längst in einer sprachlichen Endlosschleife durch die Geisterbahn der jüngsten Vergangenheit gefangen, bis zum Erreichen der teuflischen Seitenzahl 666. Die Figuren delirieren, revoltieren, kopulieren dabei nicht zusammenhanglos. Sie unterliegen mit ihren staunenswerten Handlungen zwar keiner zeitlichen Abfolge, der Ort des Geschehens steht indes eindeutig fest: Österreich, das als „alte, doppelzüngige Ostmark“ die Erbsünde beging, sich NS-„Deutschland (ohne Goethe)“ anzuschließen. Dabei geht Elfriede Jelinek ähnlich vor wie in ihrem absolut hörenswerten Hörspiel Burgteatta über die Verstrickung des Hörbiger-Clans in den Nationalsozialismus, das Hans Gerd Krogmann 1991 kongenial für den Bayerischen Rundfunk inszenierte: So wie darin Ferdinand Raimunds Alpenkönig als österreichischer G’wissenswurm von Sympathieträgern des Altreichs akustisch demoliert wird (Regieanweisung: „entfernte Wiener Musiken, dass es einen graust“), stellt in Die Kinder der Toten die Vernichtung der europäischen Juden die düstere Projektionsfläche für die Gegenwart dar.
Die Natur und ihre Verbündeten – die im Patriarchat zum vegetativen Dasein verdammten Frauen und die unerlösten Toten – bilden bei Elfriede Jelinek die Gegenwelt zur Hegemonie der Männer, der Amtskirche, der Medien und, nicht zu vergessen, der homophilen „Bubenpartei“ des FPÖ-Charismatikers Jörg Haider (1950-2008). An ihm wetzte die Autorin ihr Metaphernmesser besonders gern.
Nach den Romanen Lust und Gier widmete sich Elfriede Jelinek ab 2007 mit ihrem zunächst nur im Internet veröffentlichten „Privatroman“ Neid der Invidia und damit erneut einer biblischen Todsünde. Gier (2000) verriet unmissverständlicher als der zu Unrecht skandalisierte Vorläufer Lust, der als vermeintlicher Porno eine Auflage von gut 200.000 Exemplaren erreichte, worauf er abzielte: auf die Verbindung von Geschlechts- und Besitztrieb im Jahre eins der schwarz-blauen Koalition in Österreich. Neid hat Elfriede Jelinek mit Hieronymus Boschs schauerlich plastischer Darstellung der sieben Todsünden illustriert. Wichtig sei für sie „dieses – vielleicht katholische Element, dass ich etwas veröffentlichen kann und gleichzeitig davon losgesprochen werde, wie in der Beichte“. Einer ihrer jüngsten Homepage-Beiträge widmet sich Ludwig van Beethoven. Bei allem Pessimismus verrät er Jelineks Vorliebe für das Wörtlich-Nehmen, ganz im Stil der Konkreten Poesie:
Das Sein ist bodenlos, es sinkt immer auf und in den Grund, in die Erde, jede Bewegung wird ein Absturz, der den Boden als Bodenlosigkeit beweist (das haben wir vorher doch nicht wissen können, daher haben wir es auch nicht gewußt!), und jede Möglichkeit, die einer glaubt zu haben, daß er alles erreichen, schaffen, besitzen kann, wird obsolet.
Wie und wo Elfriede Jelinek, die unermüdliche Aufklärerin und sprachliche Demiurgin aus dem steiermärkischen Mürzzuschlag, wohl ihren Ehrentag begeht, in Wien-Penzing oder in Schwabing, wo sie seit Jahrzehnten einen Zweitwohnsitz hat? Die
Münchner Kammerspiele jedenfalls sind für einen Überraschungsbesuch gewappnet: Am 19. Oktober versammelt sich dort zum Vorglühen ein „All-Star-Ensemble“ aus verschiedenen Intendanzen, die in den letzten dreißig Jahren Jelinek-Stücke uraufgeführt haben, ergänzt durch einen Umtrunk und Claudia Müllers erwähnten Dokumentarfilm. Und in Wien, dessen Ehrenbürgerin Elfriede Jelinek seit 2023 ist, setzt neben zahlreichen Jubiläumsveranstaltungen das ihrem Œuvre gewidmete interuniversitäre
Forschungsnetzwerk seinen Schwerpunkt „Welt.Autorin.Jelinek“ fort. Als nächstes wird er nach Brasilien führen, Live-Schaltung inklusive.
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Am 20. Oktober 2026 feiert die mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnete Schriftstellerin und Dramatikerin Elfriede Jelinek ihren 80. Geburtstag: Anlass für einen kleinen Parcours durch ihr reichhaltiges Werk. Von Katrin Hillgruber.
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An diesem Augustabend präsentiert sich die Bühne in der ehemaligen Saline von Hallein (Österreich) als weitläufiger, leicht chaotischer Salon mit Zimmerpalmen und Arbeitsecke. Die Szenerie lässt sich als Anspielung auf die Unübersichtlichkeit des Kapitalmarkts verstehen oder auch auf die Innsbrucker „Villa N“ des Immobilienspekulanten René Benko. Noch bevor die in Frack und Nadelstreifen gewandeten Schauspielerinnen Mavie Hörbiger und Caroline Peters als Tauben – „picketty, picketty!, äh, also pickend halt“ – zum Benko- und anderen Finanzskandalen wie Cum-ex und Wirecard Stellung nehmen, tritt Regisseur Nicolas Stemann vor das Publikum: Die Bühnenfassung von Elfriede Jelineks neuestem Werk Unter Tieren sei auf 110 Seiten reduziert worden, diese gelte es nun in rund vier Stunden zu bewältigen. Leichte Unruhe kommt auf, die sich als unbegründet erweist. Denn am Bühnenrand blättern dienstbare Geister einen Seiten-Countdown von 110 auf null herunter, und siehe da: Das zunächst – wie so oft bei dieser Autorin – als kaum bewältigbar erscheinende Textplateau verändert sich bei seiner Durchquerung, dank des großartigen Ensembles in fantasiesprühenden Kostümen von Marysol del Castilo. Die Aufführung wird immer transparenter, aufklärerisch-unterhaltsamer und stellenweise tief bewegend.
Elfriede Jelinek hat Unter Tieren, erschienen in ihrem Hausverlag Rowohlt, zu ihrem letzten Theaterstück erklärt. Die Uraufführung fand als Koproduktion der Salzburger Festspiele mit dem Wiener Burgtheater statt, zwei Monate vor dem achtzigsten Geburtstag der bedeutendsten und meistgespielten deutschsprachigen Gegenwartsdramatikerin am 20. Oktober. Menschen kommen in Unter Tieren nicht vor, dafür geleiten dreißig „Animalia“ von der Maus über Ratten, Raben, Hasen in ausgestellten weißen Hosen mit Puscheln bis zum „Lamm Gottes“ durch eine Wirtschaftschronik seit dem Lehman-Crash 2009. Die Geldtheorie wird zum Cantus firmus (feststehende Melodie), es geht aber generell um die Ausbeutung der Erde und ihrer Geschöpfe durch den menschlichen Kapitalismus. Besonders ergreifend gelingt der über achtzigjährigen Inge Maux der Monolog eines Schweins: Als eines unter Millionen sogenannter Nutztiere sieht es auf quälerischem Spaltboden der Schlachtbank entgegen und denkt dabei an Rilkes Panther-Gedicht: „Zwischen all den Spalten unsre Welt, die auf uns keinen müden Blick wirft und für unser Fleisch am liebsten keine müde Münze zahlen würde. Uns soll es gratis geben, wir brauchen ja keine Bestattung. Unsere Gräber, das sind Sie!“
Arme Sau
Auch diese arme Sau erscheint als eine „Dilettantin des Existierens“, wie Elfriede Jelinek einmal über ihre Frauenfiguren befunden hat. Unmöglich könne die Frau ein großer Meister sein, heißt es in ihrem Hörspiel Erziehung eines Vampirs: Von Besorgungen kehre sie mit einem Vielfachen ihres Eigengewichts zurück. Diese schlagende Erkenntnis über die enge Verbindung von Frau und Materie stammt von Dr. Heidkliff, einem Facharzt für Frauen- und Kieferheilkunde. In Otto Dübens Südwestfunk-Inszenierung aus dem Jahr 1986 gestaltet ihn Hans-Peter Hallwachs mit seiner unverwechselbaren Stimme als viriles Prachtexemplar: Heidkliff hat „Spaß und Geist“ und ist mit sich im Reinen. Seine Verlobte Emily (Barbara Freier) wiederum labt sich als Vampirin an den Blutkonserven der gutgehenden Praxis, benötigt nun jedoch eine neue Eckzahnarmatur. Und ausgerechnet als Dr. Heidkliff seinen Rosenkranz im falschen Anzug gelassen hat, taucht ein Heiliger auf: „Bewundern Sie mich, Grüß Gott!“
In den Hörspielen hat Elfriede Jelineks zunächst noch freundlicher Sarkasmus von Anfang an besonders aparte Blüten getrieben. Treffsicher hat sie die an den Konsum gekoppelten Sehnsüchte, vor allem die weiblichen, entlarvt. So etwa in ihrem ersten Hörspiel aus dem Jahr 1974 mit dem epischen Titel Wenn die Sonne sinkt, ist für manche auch noch Büroschluss. Die Kunstfiguren des Kaufhauskönigs Markus und der rehäugigen Verkäuferin Gaby, zwischen denen die Liebe ausbricht, sind als geschlossene Nicht-Individuen gezeichnet. Mit gestanzten Dialogen aus dem Groschenroman vertreten sie ein zentrales Jelineksches Anliegen: die Demontage der idealistischen Philosophie, die sie unter anderem in ihrem Anti-Heidegger-Stück Totenauberg vornahm. Die im Kapitalismus suggerierte Entscheidungsfreiheit ist für sie eine „Wunschmaschine als Waschmaschine der Wirklichkeit“ und somit Teil des Systems.
Bedauerlicherweise sind Elfriede Jelineks Hörspiele ein wenig in Vergessenheit geraten, dabei ermöglichen sie einen optimalen Zugang zu ihrem Werk, für dessen „musikalischen Fluss von Stimmen und Gegenstimmen“ sie 2004 den Literaturnobelpreis erhielt. Auch in Claudia Müllers ansonsten ausgesprochen gelungenem Dokumentarfilm Elfriede Jelinek – Die Sprache von der Leine lassen (2022) findet ihr umfangreiches Schaffen für das „Radio und seine Brüder“ keine Erwähnung. Sie habe Angst davor gehabt, von dem Film über ihr Leben „gebannt“ zu werden, äußerte sich Jelinek in Vampir-Manier in einer Stellungnahme – diese sind seit dem Nobelpreis und ihrem damit verbundenen Rückzug aus der Öffentlichkeit selten geworden. Das Filmteam trug für das Porträt entlegenes Archivmaterial zusammen, etwa Super-8-Aufnahmen aus Steirischen Filmclubs der fünfziger und sechziger Jahre oder die stets außergewöhnlich elegante, mit Baskenmütze und großer Sonnenbrille angetane Jungschriftstellerin als Fernsehreporterin in ihrem einzigen ORF-Beitrag aus dem Jahr 1976, Die Ramsau am Dachstein. Es geht darin um eine „schöne Landschaft“, die sich für den Fremdenverkehr und den Ski-Sport verkauft, um nicht zu sagen prostituiert. Die heftigen Reaktionen waren Elfriede Jelineks erste Konfrontation mit dem heimatlichen Volkszorn, den sie später als vermeintliche „Nestbeschmutzerin“ noch so oft erlebt hat.
Die Literatur sei die einzige künstlerische Disziplin gewesen, zu der sie ihre erzkatholische Mutter nicht gedrängt habe, bekannte Elfriede Jelinek, die eine Klosterschule besuchen und als spätes Einzelkind stets „in der Spur bleiben“ musste. Ihr Vater Friedrich, ein Chemiker tschechisch-jüdischer Abstammung, starb 1969 in der Psychiatrie und hinterließ der Tochter eine lebenslange Leerstelle. Mit der Aufforderung „Aber nun rastet eine Weile“ endet Jelineks Roman Die Kinder der Toten von 1995, den sie selbst für ihren wichtigsten hält, nicht zuletzt, weil er sich mit dem Schicksal ihrer zahlreichen im Nationalsozialismus ermordeten jüdischen Verwandten väterlicherseits auseinandersetzt. In ihrem vorletzten Prosawerk Angabe der Person (2022) berichtet sie vom Schicksal eines ihrer Onkel. Der angesehene Journalist wurde ins KZ Dachau deportiert. Kurz nach seiner Rückkehr nach Wien drehte er den Gashahn auf.
Noch bevor Elfriede Jelinek, von der Mutter zum musikalischen Wunderkind getrimmt, 1971 ihr Examen als Organistin am Wiener Konservatorium ablegte, debütierte sie 1967 mit der Gedichtsammlung Lisas Schatten und 1968 mit dem Hörroman Bukolit. Für diese Texte wurde sie mit dem Lyrik- und Prosapreis der österreichischen Jugendkulturwoche ausgezeichnet. „sie sollen dieses buch sofort eigenmächtig verändern“, appellierte sie 1970 in der „Gebrauchsanweisung“ der Montage-Prosa wir sind lockvögel baby an ihr Publikum: Bereits hier zeigt sich ihre souveräne auktoriale Selbstironie.
Jahrzehnte später ist von „kilometerweise homepage“ die Rede. Mittels ihrer Website tritt die offensiv öffentlichkeitsscheue Schriftstellerin in permanenten Dialog mit der Leserschaft am Bildschirm, stets in der Hoffnung, der Text möge nicht „blöd“ aus diesem herausglotzen. Eine verblühende Frau und ein seit Hermann Görings Kraftwerksbau geschundener Berg, beide von den einstigen Nutznießern Mann und Industrie längst aufgegeben: Der Protagonistin des Internet-Romans Neid droht ein ähnlich trauriges Schicksal wie ihrer Namensvetterin, der Fabrikarbeiterin Brigitte aus Jelineks Roman Die Liebhaberinnen von 1975. Wie in Michael. Ein Jugendbuch für die Infantilgesellschaft erscheinen die Figuren darin als flächige Prototypen ohne Individualität. Brigitte und Paula setzen ihre Körper nicht nur bei der Arbeit als Produktionsmittel ein, sondern auch als Vehikel des sozialen Aufstiegs.
Gewetztes Metaphernmesser
Auch an Erika Kohut aus dem Erfolgsroman Die Klavierspielerin (1983), der von Michael Haneke mit Isabelle Huppert und Benoît Magimel als verquerem Liebespaar nicht minder erfolgreich verfilmt wurde, wird der umfassende Kanon Jelinekscher Frauenleiden deklamiert. Vergeblich versucht die seit langem vaterlose Tochter, in masochistischen Eskapaden die Dominanz der Mutter zu durchbrechen. Nur wenigen Jelinek-Heldinnen ist es vergönnt, sich über die Zwänge ihres Geschlechts hinwegzusetzen, so wie Emily in dem Theaterstück Krankheit oder Moderne Frauen. Auch Karin, das „ältliche Kind“ eines „Mutterdrachens“ im Opus magnum Die Kinder der Toten, durchbricht das Prinzip des „ganz grau, ganz Frau“: Sie wird zur Vampirin, indem sie sich einen Kraftfahrer gefügig macht und mit Todesfolge kastriert.
Die Kinder der Toten ist mit genialer Unerbittlichkeit konstruiert. Die Chronologie ist aufgehoben, es handelt sich um einen Wiedergängertext in Episoden. Einmal, auf Seite 276, findet sich ein Anflug auktorialer Selbstkritik: „Sie, liebe Leserinnen und Leser, erhalten hier ein seltsames Schreiben.“ Doch zur Umkehr ist es zu spät. Die Adressaten sind längst in einer sprachlichen Endlosschleife durch die Geisterbahn der jüngsten Vergangenheit gefangen, bis zum Erreichen der teuflischen Seitenzahl 666. Die Figuren delirieren, revoltieren, kopulieren dabei nicht zusammenhanglos. Sie unterliegen mit ihren staunenswerten Handlungen zwar keiner zeitlichen Abfolge, der Ort des Geschehens steht indes eindeutig fest: Österreich, das als „alte, doppelzüngige Ostmark“ die Erbsünde beging, sich NS-„Deutschland (ohne Goethe)“ anzuschließen. Dabei geht Elfriede Jelinek ähnlich vor wie in ihrem absolut hörenswerten Hörspiel Burgteatta über die Verstrickung des Hörbiger-Clans in den Nationalsozialismus, das Hans Gerd Krogmann 1991 kongenial für den Bayerischen Rundfunk inszenierte: So wie darin Ferdinand Raimunds Alpenkönig als österreichischer G’wissenswurm von Sympathieträgern des Altreichs akustisch demoliert wird (Regieanweisung: „entfernte Wiener Musiken, dass es einen graust“), stellt in Die Kinder der Toten die Vernichtung der europäischen Juden die düstere Projektionsfläche für die Gegenwart dar.
Die Natur und ihre Verbündeten – die im Patriarchat zum vegetativen Dasein verdammten Frauen und die unerlösten Toten – bilden bei Elfriede Jelinek die Gegenwelt zur Hegemonie der Männer, der Amtskirche, der Medien und, nicht zu vergessen, der homophilen „Bubenpartei“ des FPÖ-Charismatikers Jörg Haider (1950-2008). An ihm wetzte die Autorin ihr Metaphernmesser besonders gern.
Nach den Romanen Lust und Gier widmete sich Elfriede Jelinek ab 2007 mit ihrem zunächst nur im Internet veröffentlichten „Privatroman“ Neid der Invidia und damit erneut einer biblischen Todsünde. Gier (2000) verriet unmissverständlicher als der zu Unrecht skandalisierte Vorläufer Lust, der als vermeintlicher Porno eine Auflage von gut 200.000 Exemplaren erreichte, worauf er abzielte: auf die Verbindung von Geschlechts- und Besitztrieb im Jahre eins der schwarz-blauen Koalition in Österreich. Neid hat Elfriede Jelinek mit Hieronymus Boschs schauerlich plastischer Darstellung der sieben Todsünden illustriert. Wichtig sei für sie „dieses – vielleicht katholische Element, dass ich etwas veröffentlichen kann und gleichzeitig davon losgesprochen werde, wie in der Beichte“. Einer ihrer jüngsten Homepage-Beiträge widmet sich Ludwig van Beethoven. Bei allem Pessimismus verrät er Jelineks Vorliebe für das Wörtlich-Nehmen, ganz im Stil der Konkreten Poesie:
Das Sein ist bodenlos, es sinkt immer auf und in den Grund, in die Erde, jede Bewegung wird ein Absturz, der den Boden als Bodenlosigkeit beweist (das haben wir vorher doch nicht wissen können, daher haben wir es auch nicht gewußt!), und jede Möglichkeit, die einer glaubt zu haben, daß er alles erreichen, schaffen, besitzen kann, wird obsolet.
Wie und wo Elfriede Jelinek, die unermüdliche Aufklärerin und sprachliche Demiurgin aus dem steiermärkischen Mürzzuschlag, wohl ihren Ehrentag begeht, in Wien-Penzing oder in Schwabing, wo sie seit Jahrzehnten einen Zweitwohnsitz hat? Die
Münchner Kammerspiele jedenfalls sind für einen Überraschungsbesuch gewappnet: Am 19. Oktober versammelt sich dort zum Vorglühen ein „All-Star-Ensemble“ aus verschiedenen Intendanzen, die in den letzten dreißig Jahren Jelinek-Stücke uraufgeführt haben, ergänzt durch einen Umtrunk und Claudia Müllers erwähnten Dokumentarfilm. Und in Wien, dessen Ehrenbürgerin Elfriede Jelinek seit 2023 ist, setzt neben zahlreichen Jubiläumsveranstaltungen das ihrem Œuvre gewidmete interuniversitäre
Forschungsnetzwerk seinen Schwerpunkt „Welt.Autorin.Jelinek“ fort. Als nächstes wird er nach Brasilien führen, Live-Schaltung inklusive.
