Der Passauer Lyriker Friedrich Hirschl wird heute 70
Ein Leben in Versen, festgehalten im Moment: Der Passauer Lyriker Friedrich Hirschl feiert heute seinen 70. Geburtstag! Aus diesem Anlass wirft das Literaturportal Bayern einen exklusiven Blick zurück auf seine jüngsten Werke. Mit einer Auswahl aus seinen beiden Gedichtbänden Stilles Theater (2017) und Ein Rest von Blau (2022) nimmt Hirschl uns mit auf eine Reise der Achtsamkeit: vom täglichen Schauspiel der Natur bis hin zu stillen Augenblicken, die das Vergängliche mit Worten einfangen.
*
Glockenblumen
Der Wind möchte
schier verzweifeln
So sehr er sich auch müht
sie zum Läuten zu bringen
Sie schweigen
eisern
Neugieriger Wind
Er stürzt sich
auf die weggeworfene Zeitung
Zerlegt sie geschwind
in all ihre Einzelteile
Scheint jedoch
von den neuesten Nachrichten
recht schnell genug zu haben
Denn er macht sich
gleich wieder davon
Stille Opfer
Sie haben sich ihren Standort
an der stark befahrenen Straße
nicht ausgesucht
Doch sie klagen nicht
erfreuen uns vielmehr
mit ihrem reichen Grün
Erstaunlich
was sie samt dem Lärm
schlucken können
ohne Schaden zu nehmen
Doch dazu schweigen sie
Vollmond
Immerzu schaut er
durch unser Fenster
Seine Neugier scheint
unersättlich
Da greift
der Himmel ein
Und eine schwarze Wolke
schiebt sich vor ihn
Wolkenbilderbuch
Der Himmel
ein Wolkenbilderbuch
Ein Buch
für Groß und Klein
Heute
nach den grauen Seiten
der letzten Tage
Aufgeschlagen
eine blaue
Hell bebildert
Ein Bilderrätsel
mit einem kräftigen
Schuss Sonne
Den Schweiß
treibt es mir
auf die Stirn
Bahnreise
Zum ersten Mal
fahre ich diese Strecke
Schaue im Bann des Neuen
fortwährend aus dem Fenster
Wie in einem Film
ziehen Landschaften
an mir vorüber
Werbeunterbrechungen
gibt es keine
Doch gelegentlich
rauscht ein Zug vorbei
Herbstlaub
Mit dem Wind
stürzt es sich
ins Vergnügen
Fährt Karussell
schwindelerregend schnell
Plötzlich
ist die Lust
wie verflogen
Und es liegt reglos
am Boden
Alt
Langsam gehe ich
meinen abendlichen Weg
Erinnerungen bebildern ihn
Sind mehr geworden
Wie lange noch
kann ich ihn gehen
Mein fragender Blick
zum Himmel
Eine Sternenwiese
Der Mond
eine Sichel
Er wiegt sich
in Gelassenheit
Textnachweis: Aus Stilles Theater: Glockenblumen (S. 62), Neugieriger Wind (S. 67), Stille Opfer (S. 82), Vollmond (S. 136). Aus Ein Rest von Blau: Wolkenbilderbuch (S. 46), Bahnreise (S. 59), Herbstlaub (S. 120), Alt (S. 132). Die Bücher sind im
lichtung verlag erschienen.
Mit freundlicher Genehmigung des Autors und des Verlags.
Wer mehr von Friedrich Hirschl lesen und auch hören will: Der Autor liest am 23. Oktober 2026 in Passau aus seinen beiden Lyrikbänden.
Der Passauer Lyriker Friedrich Hirschl wird heute 70>
Ein Leben in Versen, festgehalten im Moment: Der Passauer Lyriker Friedrich Hirschl feiert heute seinen 70. Geburtstag! Aus diesem Anlass wirft das Literaturportal Bayern einen exklusiven Blick zurück auf seine jüngsten Werke. Mit einer Auswahl aus seinen beiden Gedichtbänden Stilles Theater (2017) und Ein Rest von Blau (2022) nimmt Hirschl uns mit auf eine Reise der Achtsamkeit: vom täglichen Schauspiel der Natur bis hin zu stillen Augenblicken, die das Vergängliche mit Worten einfangen.
*
Glockenblumen
Der Wind möchte
schier verzweifeln
So sehr er sich auch müht
sie zum Läuten zu bringen
Sie schweigen
eisern
Neugieriger Wind
Er stürzt sich
auf die weggeworfene Zeitung
Zerlegt sie geschwind
in all ihre Einzelteile
Scheint jedoch
von den neuesten Nachrichten
recht schnell genug zu haben
Denn er macht sich
gleich wieder davon
Stille Opfer
Sie haben sich ihren Standort
an der stark befahrenen Straße
nicht ausgesucht
Doch sie klagen nicht
erfreuen uns vielmehr
mit ihrem reichen Grün
Erstaunlich
was sie samt dem Lärm
schlucken können
ohne Schaden zu nehmen
Doch dazu schweigen sie
Vollmond
Immerzu schaut er
durch unser Fenster
Seine Neugier scheint
unersättlich
Da greift
der Himmel ein
Und eine schwarze Wolke
schiebt sich vor ihn
Wolkenbilderbuch
Der Himmel
ein Wolkenbilderbuch
Ein Buch
für Groß und Klein
Heute
nach den grauen Seiten
der letzten Tage
Aufgeschlagen
eine blaue
Hell bebildert
Ein Bilderrätsel
mit einem kräftigen
Schuss Sonne
Den Schweiß
treibt es mir
auf die Stirn
Bahnreise
Zum ersten Mal
fahre ich diese Strecke
Schaue im Bann des Neuen
fortwährend aus dem Fenster
Wie in einem Film
ziehen Landschaften
an mir vorüber
Werbeunterbrechungen
gibt es keine
Doch gelegentlich
rauscht ein Zug vorbei
Herbstlaub
Mit dem Wind
stürzt es sich
ins Vergnügen
Fährt Karussell
schwindelerregend schnell
Plötzlich
ist die Lust
wie verflogen
Und es liegt reglos
am Boden
Alt
Langsam gehe ich
meinen abendlichen Weg
Erinnerungen bebildern ihn
Sind mehr geworden
Wie lange noch
kann ich ihn gehen
Mein fragender Blick
zum Himmel
Eine Sternenwiese
Der Mond
eine Sichel
Er wiegt sich
in Gelassenheit
Textnachweis: Aus Stilles Theater: Glockenblumen (S. 62), Neugieriger Wind (S. 67), Stille Opfer (S. 82), Vollmond (S. 136). Aus Ein Rest von Blau: Wolkenbilderbuch (S. 46), Bahnreise (S. 59), Herbstlaub (S. 120), Alt (S. 132). Die Bücher sind im
lichtung verlag erschienen.
Mit freundlicher Genehmigung des Autors und des Verlags.
Wer mehr von Friedrich Hirschl lesen und auch hören will: Der Autor liest am 23. Oktober 2026 in Passau aus seinen beiden Lyrikbänden.
