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24.11.2022, 19:26 Uhr
Corinne Theis
Text & Debatte
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Lyrik als Mittel zur Poetisierung der Welt. Über Friedrich Hirschls Gedichtband „Ein Rest von Blau“

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Der Autor Friedrich Hirschl. Foto: Nicole Schaller.

Friedrich Hirschl (*1956) ist freiberuflicher Schriftsteller und lebt gemeinsam mit seiner Frau sowie seinen zwei Töchtern in Passau. Studierte er ursprünglich noch Philosophie und Theologie, so bewegten ihn die Gedichte Georg Trakls dazu, sich dem Schreiben zu widmen und eigene Gedichte zu verfassen. Es entstanden 1987 sein erster Band Erdzeit, gefolgt von weiteren Gedichtbänden wie Im Fluß der Zeit (1989) oder Nachthaus (2009) und Stilles Theater (2017). Zahlreiche literarische Auszeichnungen bezeugen sein Talent: u.a. erhielt Hirschl im Jahr 2015 den Kulturpreis des Landkreises Passau; 2018 wurde ihm für sein dichterisches Schaffen der Kulturelle Ehrenbrief der Stadt Passau verliehen. 2022 ist nun in der edition lichtung sein jüngstes lyrisches Werk Ein Rest von Blau erschienen. Corinne Theis hat es für das Literaturportal Bayern gelesen.

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Bereits beim ersten Durchblättern besticht der Gedichtband Ein Rest von Blau jeden Lyrikliebhaber nicht nur durch seinen Korpus von mehr als 140 Gedichten, sondern auch durch seine strukturierte Anordnung: In elf Kapiteln untergliedert, werden in den unterschiedlichen Gedichten diverse Themen von der Nacht, der Liebe bis hin zur Vergänglichkeit behandelt. Dabei scheint es so, als führe das lyrische Ich seinen Leser in einem Gang durch ein ganzes Jahr und begleite ihn in seinen Gedichten auch durch die vier Jahreszeiten hindurch. So läutet der Band mit seinem ersten Kapitel „Wiese Baum Strauch brechen in Jubel aus“ den Frühling ein und klingt schließlich im letzten Kapitel „Und eine Schneeladung Stille“ mit dem Ende des Winters aus. Vor dem Hintergrund dieses saisonalen Jahreszeitenwechsels stehen in den Gedichten die Natur sowie die meteorologischen Erscheinungen im Vordergrund.

Im Rausch der Natur

Wie nehmen wir die Außenwelt und unser eigenes Umfeld wahr? Apperzipieren wir die Natur und ihre Erscheinungen oder sind wir infolge unseres hektischen Alltags blind für ihre Wunder? Diese Fragen stellen sich bei der Lektüre von Ein Rest von Blau fortwährend. Über das gesamte Werk nimmt das lyrische Ich bewusst eine Beobachterposition ein und observiert Mitmenschen in ihrer Umgebung und in Alltagssituationen, ohne je die Naturphänomene außer Acht zu lassen. Heißt es im Gedicht Frühlingsrausch „Meine Augen trinken kräftig / Bald bin ich trunken“ (S. 45), so bekundet es an anderer Stelle, wie seine „Blicke […] / der Bäume grünen Flor“ (Am Fluss, S. 27) streifen und es die Vögel beobachtet, wie sie „mit einem Überschwang an Freude [singen]/ Als würde augenblicklich / ihr Herz zerspringen“ (Frühling, S. 11). Inwieweit das lyrische Ich selbst nicht nur von der Natur überwältigt, sondern auch vollends von dieser absorbiert ist, zeigt sich an den Gedichten Springbrunnen und Gesichter. In ihnen schildert es, wie es „Gesichter / […] / auf den Baumkörpern / entlang der Straße“ erkennt und sein Herz angesichts der landschaftlichen Weite „Freudensprünge“ (Springbrunnen, S. 55) macht.

Diese poetische, zum Teil sogar romantisierende Wahrnehmung der Außenwelt und der Wunder der Natur steht entgegen dem Bewusstsein jener Menschen, die, von eigenen Sorgen und innerer Rastlosigkeit geplagt, ihr Umfeld nicht gebührend zu schätzen wissen. Während nämlich der „Löwenzahn blüht / Die Wiese verwandelt / in einen heiteren Sonnenflecken / Die Vögel vergnügt“, eilt der Mensch „vorbei / Die Ohren verkabelt / Die Schildmütze tief / ins Gesicht gezogen“ (Vorbei (I), S. 18). Die verdeckten Augen und Ohren intensivieren den Anschein eines isolierten Individuums, das die Schönheit der Natur gänzlich ausblendet. Eine solche Abgeschiedenheit des modernen Menschen wird noch stärker in dem Gedicht Nachtwärts zum Ausdruck gebracht. Anstatt seine Zeit damit zu verbringen, die Außenwelt zu erkunden und – dem lyrischen Ich gleich – zu beobachten, trägt das angesprochene Du sein Handy „wie ein Heiligtum / vor [sich] her“. Daher auch das anschließende tadelnde Urteil, dass nicht an der eigenen Umgebung, sondern „Am Display / klebt dein Blick“ (S. 151).

Eine solche latente Kritik erinnert unweigerlich an Schillers 1795 erschienene geschichtsphilosophische Abhandlung Über naive und sentimentalische Dichtung, wird hier doch von dem modernen bzw. „sentimentalischen“ Menschen behauptet, sich nicht nur vollends von der Natur entfremdet, sondern sich ihrer auch ermächtigt zu haben. Hirschl geht noch einen Schritt weiter und insinuiert die absolute Vereinzelung des modernen Individuums seines Umfeldes. Umso mehr scheint es an einigen Stellen, als versuche das lyrische Ich eine Annäherung zwischen Mensch und Natur herzustellen oder zumindest beim Menschen ein neues Bewusstsein für dessen Außenwelt zu öffnen. Um dies zu bewerkstelligen, greift es vor allem auf rhetorische Stilmittel wie Personifikation, Metapher und Metonymie zurück. Anhand dieser sollen die nebensächlichen Alltäglichkeiten zu besonderen, eigenständigen Erlebnissen erhoben werden. Diesem Vorhaben entsprechend wird so nicht nur eine gewöhnliche Litfaßsäule als tanzende Säule im „farbenfrohen“ Gewand geschildert (Von der Litfaßsäule, S. 16); auch werden Wolken vom lyrischen Ich als „Botschaft des Himmels“ (Die Botschaft, S. 83) oder „flüchtige Gedanken“ (Wolken jagen, S. 107) desselben verstanden, während der Wind aufgrund seiner Kraft mit einem wilden Stier verglichen wird (Wie ein wilder Stier, S. 123). Die Poetisierung der eigenen Umgebung tritt auch in den Gedichten Windspiel (S. 118), Herbstlaub (S. 120) sowie Stilles Theater (S. 156) zutage. Während das lyrische Ich in Windspiel in dem „Pflaster vorm Haus“ ein „Spielbrett des Windes“ erkennt und Blätter zu Spielfiguren umfunktioniert, erinnert ihn das Herbstlaub in dem gleichnamigen Gedicht an ein „schwindelerregend schnell“ fahrendes Karussell. In Stilles Theater dagegen vergleicht es die Nacht mit einem Theater: „In der Hauptrolle / der Mond / Die Sterne / in den Nebenrollen“. Es sind Gedichte wie diese, die die Lektüre des Bandes zu einem aufregenden Erlebnis gestalten und den Leser dazu anregen, alltägliche Beobachtungen ebenso romantisierend zu betrachten.

Von der Liebe und der Vergänglichkeit

Doch das Werk Hirschls überzeugt nicht nur durch seine geschickte Verwendung rhetorischer Stilmittel; auch begeistern die Gedichte über die Liebe und den Tod, indem sie den Leser rühren und zugleich zum Nachdenken über das eigene Ich und seine Vergänglichkeit anhalten.

In dem Kapitel „Schon stolpere ich über dein Lächeln“ steht alles im Zeichen der Liebe und der Leidenschaft. Während z.B. Gedichte wie Mohnblüte (S. 90), Du (I) (S. 91), Du (II) (S. 95) oder Federnd leicht (S. 92) mit Versen wie „Dein Lachen / wieder Herzpost / für mich“ (Du II, S. 95) auf den Beginn einer intimen zwischenmenschlichen Leidenschaft hindeuten, suggerieren Gedichte wie Abendrot (S. 96), Verfolgen (S. 97) oder Deine Blicke (S. 99) auf das nahende Ende derselben hin: „Verflogen dein Lächeln / meine Blicke prallen ab / an deinem Gesicht“ (Verflogen, S. 97). Auffallend ist in diesen Gedichten vor allem auch die Miteinbeziehung der Natur – wird die „blühende Schönheit“ (Du II, S. 93) des lyrischen Du mit der Schönheit eines Baumes verglichen, so spiegeln sich umgekehrt in den Naturbeschreibungen die Gefühle des lyrischen Ichs sowie die Grundstimmung der Szenerie wider. So stehen die letzten Verse „Der Fluss zieht kühl / an uns vorbei“ (Verflogen, S. 97) in Entsprechung zu der zuvor geschilderten verblassten Liebe und den erloschenen Gefühlen – der kühle Fluss als Sinnbild für die erkaltete Leidenschaft.

Eine ähnliche Rolle erfüllen die Naturerläuterungen in den Gedichten, die sich in dem Kapitel „Zum Stillstand kommt das Räderwerk der Zeit“ dem Tod widmen. So antizipiert die Wahrnehmung des „fern[en] Meer[es] / im Rauschen der Bäume“ zugleich „das Rascheln des Todes“ (Auf Streifzügen, S. 136). Daneben schärfen Verse wie „Golden / die Zeiger der Uhr // Schnell wie ein Wimpernschlag / verstreicht sie“ (Man weiß, S. 131) oder „Du hetzt dich ab / im Laufrad der Zeit“ (Du hetzt dich ab, S. 133) das Bewusstsein für die eigene Vergänglichkeit und rufen den Leser unterschwellig – dem Sinnspruch des carpe diem ähnlich – dazu auf, jeden Augenblick bewusst wahrzunehmen und sich am Leben zu erfreuen.  

Fazit

Die Buchbesprechung von Friedrich Hirschls Ein Rest von Blau mit einem einfachen Fazit zu schließen fällt schwer – der unerschöpflich scheinende Gedichtband ist gefüllt mit interessanten Beobachtungen und Details, die es noch aufzuzeigen gäbe. Aus persönlicher Sicht hat die edition lichtung mit Hirschls Werk einen gelungenen und erfrischenden Gedichtband herausgebracht. Gelingt es dem Lyriker mittels Stilmittel wie der Personifikation und diversen Metaphern einerseits, den Leser zu unterhalten und ihm die Schönheit der Natur näher zu bringen, so schlägt er andererseits mit diesem Band auch nachdenklichere Töne an. Themen wie der Tod oder das Bewusstsein um die eigene Vergänglichkeit werden hier nicht ausgegrenzt, sondern durch poetisches Können bewusst in den Vordergrund gestellt. Dass selbst ernstere Töne der Lektüre weder schaden noch erdrückend wirken, mag an der dichterisch überzeugenden Sprache Hirschls liegen. In sämtlichen Gedichten ist es den poetisierenden bzw. romantisierenden Bebilderungen des lyrischen Ichs zu verdanken, selbst in alltäglichen Beobachtungen das Besondere erkennen zu lassen. Dabei ist in dieser Art von Poetisierung der Welt zugleich auch ein Funken Sehnsucht zu spüren; ein Sehnsuchtsgefühl, durch das sich vielleicht auch der Titel des Werkes Ein Rest von Blau erklären lässt: Blau – das Sinnbild großer Sehnsucht und Grenzenlosigkeit in der romantischen Dichtung.

 

Friedrich Hirschl: Ein Rest von Blau. Gedichte. Titelbild von Bernadette Maier. Hardcover, 192 S., 19,90 €, ISBN 978-3-941306-53-0