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Gedichte von Fiona Rachel Fischer

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„Seelenfäden“ von Birgit Fischer Foto: © Nicolas Cassardt

Die Lyrikerin Fiona Rachel Fischer hat dem Literaturportal eine Auswahl ihrer jüngsten Gedichte zur Erstveröffentlichung zur Verfügung gestellt. Diese Texte sind eine Entdeckung. Denn Fischers sinnlich-narrativen Gedichte fangen feinfühlig und poetisch-spielerisch die wunden Schräglagen und Sehnsüchte unserer Gegenwart nuanciert ein. 

*

goldener dom

uns schaudert ein bisschen Given the threat to national security and public order
gänsehaut zwischen den mammutgerippen unserer zeit
und dann plötzlich am horizont ein goldener dom im eis
damit nicht alle möglichen feinde expand influence and control in Greenland sondern wir
oh rufen die leute wie unerwartet wunderschön
Recalling the long history of cooperation between the Parties wenn heute miteinander gesprochen und sich sogar verstanden wird
ein goldener dom ist eine hübsche sache 
mit seiner kuppel aus karamellversprechen im eis
außerdem gewalt kann man anwenden ohne vorher gewalt anwenden zu müssen
vergiss das nicht und their deep respect for democracy, human rights, and the rule of law
der gänseflug in das rechte morgen
in diesem goldenen dom kann man träumen
außerdem huldigen, wem wird noch überlegt aber es wird großartig
ja sagen die leute da schmelzen die herzen
gleich mit dem eis wenn man liest Recognizing the economic, social, and cultural rights of the People of Greenland
das meint fischen und jagen und singen und weinen und lachen und schreien
aber all das geht ja auch im goldenen dom
außerdem diese bestimmte art und weise auf einem fleckchen erde
zu sitzen über das man so gut marschieren könnte
the security challenges in the Arctic and the High North ist nicht in die felsen geschrieben die gräser wissen nichts davon und nicht die schwärme die herden und rudel
der goldene dom spannt sich deshalb über sie
zum behüten außerdem zum wärmen
denn die leute haben langsam gänsehaut vom rupfen
dankt dem goldenen dom statt zu fragen ab wann gewalt als antwort auf gewalt keine gewalt mehr ist die gewalttätigkeit bringt
schön sagen die leute, im goldenen dom
konservieren wir their lands and their way of life, including hunting, fishing, and other traditional, cultural, historical, future activities, and developments
dafür hat der goldene dom ein paar sprengköpfe
außerdem fasst seine kuppel eine ganze und eine halbe zukunft
je nachdem ob weltraum und meere für alle da sind oder nicht
die halbe zukunft reicht dann mindestens für the Parties’ common goal of international peace and peaceful co-existence
im notfall ziehen sie ein im dom und machen party
der goldene dom ist auch hoch bis zu den sternen
außerdem hallt darin ein lied aus stiefelbeben und knarzendem eis
gottseidank seufzen die leute alles wird great
allowing the United States to have military access to the territory of Greenland to the extent necessary to defend was sie für richtig halten
und das geht so schön through establishment of a Golden Dome defense system
den goldenen dom baut man nämlich
aus feuer quecksilber und den mammutknochen der alten zeit
am besten auf grünes eis das nicht ewig ist wie der goldene dom
Noting that the security situation
in the Arctic is
changing

 

der gedanke rennt

in meinen nebenhöhlen hallt er
der gedanke wipfelrauschen
so ungebeten und feucht
wie baumnadeln zwischen den zehen

nein sage ich nicht ich geh

ein leiser puls im schienbein
die unbedingtheit des gedanken
piekst und bröselt im schuh
die zweige winken ihn heran

was frage ich mich kriegst du nicht

meine muskeln pumpen
und der gedanke rennt im federschritt
das moos das geäst das totholz
ragen in mein zwerchfell

los schreie ich und verschwinde

der gedanke stolpert knackt und bricht
ein stückchen welt ab ein eckchen wald
zu rinde verhornt und rissig durch furcht
ich klaube ihn auf vom erdboden

nur mut sage ich zu uns beiden okay
 

mutter.sprach.e

glu – la – ro – ga murmelte das wasser um die pfosten
(laute, die ich von der mutter gelernt habe)
mit meiner zunge zerdrückte ich die worte 
kr – ze – chu – nra raunten die planken unter uns 
(von meinem vater, und auch anderen)
und mutter stubste und sprach eh kind sprich
und ich sagte
ich weiß noch wie es sich anfühlt geboren zu werden dieser druck von allen seiten hat mich nie verlassen nur einmal kurz als ich mich vor jahren selbst erfunden habe erst war ich erleichtert aber ich kann das preisschild in meinem nacken nicht lesen mit dem sie mich etikettiert haben
sagte das nicht
als die lüfte wisperten sa – ho – cha – schf
ja (habe ich von der mutter), nein (von der mutter)
es verschlüpfte sich hinter meinen zähnen
sogar die möwen kreischten hi – ah – fi – he
in den backen die laute doch ich blieb silbenlos
und mutter sprach eh liebes was
und ich meinte
es trommelt da draußen auf uns ein stechschritte über den berg aus hingefallenen und manchmal fürchte ich ich habe den rhythmus verloren wenn ich über die kniekehlen der anderen steigen muss denn wenn meine knöchel knicken will mir keiner mehr aufhelfen
meinte doch nicht
si – gle – zu – pla die Seebrandung zischelte
scherben meiner muttersprache (die liebevoll war)
la – ne – hi – ku, doch der himmel schwieg babelhaft
vielleicht ist jetzt ein ganzer satz (das sagen alle)
ich leckte meine eingerissenen mundwinkel
und mutter sprach eh vertrau mir
und ich schrie
blut unter fingernägeln ist jetzt in mode sie zerkratzen andere wenn es sie juckt und in ihrer tollwut zerbeißen sie bald auch dich und mich man sieht in ihren augen die letzte mauer ist niedergebrannt aber haben sie ihre kinder vergessen und dass ihre kinder selbst kinder wollen
und schrie es nicht heraus
dafür
seit wann ist hass eine sprache die alle verstehen mutter?
und sie nahm mich
nur in ihre arme


 
moosgemüt

losgelöst mein moosgemüt
mit dem schwebenden regen
ich bin tröstliches sporengetorkel
und abendsonnenabschiedstraurigkeit
vorwitzige wurzelchen flechten sich
in meinen gemütlichen waldsamttraum
wo mut vermoost und meine rinde wird
 


Schaukel in den Wolken

Fern von den Blicken
eine                                                              Schaukel in den Wolken.
          Fern von den Händen, 
                                             atmet sie blau,
verstaut ihre Zweifel 
                                                                       in den Schwaden,
schüttelt sich die         Cumulus-Kissen auf.
Der Himmel
                         ist ihr Zimmer.
 

dein atmen

chtschuh. dein atem ganz nah in der stille eines tages der uns graut.
dein atmen. das jedes mal
tiefer in den rachen schleift.
das dröhnen hinter dem offenen fenster ist noch weit, sage ich mir. 
dein atmen. das ein bisschen
chtschuhfi. in der nase pfeift.
das fenster holt aus, schlägt zu. knallt wie raketen und schwingt erneut.
dein atmen. macht ein wort
chtschuh. hinaus aus dem mund. 
dein arm um meine rippen, die gellende ferne ruft dich noch nicht sag ich.
dein atmen. behält uns frieden.
chtschuhfi. für eine weitere stund.
nah kommt das dröhnen wird röhren. ich kneife die lider zucke schon doch
dein atmen. fließt in zivil
chtschuh. immerfort die kehle harken.
über uns die jets mit ihrem getöse spielen schonmal krieg und machen
dein atmen. stolpern und du
chtschuhfi. raschelst laut die laken.
ich schlinge mich um dich halte uns zusammen und erlaube mir das zittern.
dein atmen. direkt in mein ohr.
doch wenn da nicht dein atmen wär 
sein wird. nein. die wut sagt ich lasse dich nicht los nicht marschieren nicht fliegen
damit andere siegen.
chtschuh geht dein atem.
chtschuhfi. ungestört. 


hautkleid

mit fingerabdrücken
ist mein fleisch bespannt
mit gier korsettiert
mein geist schreit unter dehnungsstreifen
ich greife in meine haut
abgebrochene fingernägel
schlagen in das stumpfe gewebe
ich dehne die dermen
es reißt und ich entschlüpfe
ich platze heraus und entkomme
ich schabe die beulen meiner brüste
aus damit sie dorren
entfalte meine vulvalippen
damit ich gerben kann
ich walke meine pelle entfilze die follikel
spreize mein leder und wachse es
abgezogen gewaschen in der sonne
zum trocknen ausgelegt
mein hautkleid
ich strecke mich atme in die breite
öffne die augen überweit meine seele
sehnt sich nach einer neuen tapete
für meinen körper ohne flecken
die meine fenster und narben
verdecken
 

Handgeschrieben

Ich suche in deinen Briefen
stets nach dem „dem“;
du schnörkelst das „d“
so kringelig ins „e“,
weißt du das überhaupt?
Es rankt über
in ein rundliches „m“,
ich sehe an dem Haken
genau die Pause,
zu der dich der Buchstabenwechsel
gezwungen hat,
in deiner holprigen Handschriftenjagd
über den Briefbogen,
dieses widerwillige Innehalten
beim Umsetzen des Stiftes,
ein wenig unbeholfen in einer Betrachtung,
ungeduldig bei einer anderen,
leicht sturköpfig vielleicht,
und unbewusst muss ich
ein bisschen lächeln,
bei der Vorstellung
all der Gesichter,
die du beim Schreiben dieses Wortes
vielleicht gemacht hast.

 

Greifreflex 

Es war kurz nach dem ersten Regen,
nachdem der Schnee geschmolzen war,
die Straßen löchrig zerrissen und bedeckt
von in Pfützen schwimmenden Wolken.

Sie sitzt heimlich am offenen Fenster,
heimlich – nur kurz, nur kurz – ein bisschen
Kälte gehört zum Leben dazu. Sie kennt sie
und das Bündelbaby wärmt ihr nahes Herz.

Des Kindes Kopf in Tüchern verborgen
schaut sie sinnend durch die Scheibe,
die Luft voll Leben, die Fantasie eingeladen
zum Fragen; wohin wirst du gehen, Bündelkind?

Welche Pfützen wirst du durchspritzen, von welchen
die Tiefe fürchten, in welche dich schauen trauen?
Zarte Fingernägelfäuste am Schlüsselbein bewegt,
fassen bereits ohne Zweifel ihre Zukunft selbst.

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