Besprechung des Romans „Mogadischu“ von Sandra Hoffmann
Was macht es mit der Psyche einer Elfjährigen, wenn Mutter und Bruder plötzlich verschwinden? Sandra Hoffmann rekonstruiert in ihrem Roman Mogadischu eine abgründige Geschichte zur Zeit der Flugzeugentführungen durch die RAF. Eine subtile Fürsprache für das Aussprechen auch schmerzhafter Wahrheiten, die mit ihren mysteriösen Leerstellen in den Bann schlägt. Sophia Klink hat den Roman für das Literaturportal Bayern gelesen.
*
Zeltstangen wie ein Gerippe, eine Sandgrube wie ein Grab. So erinnert sich Fritzi an den Moment, als ihr Vater und sie den Italienurlaub abbrechen. Nur noch zu zweit, eine halbe Familie, weil Fritzis Mutter und ihr fünfjähriger Bruder Koni spurlos verschwunden sind. Es gibt kein Lebenszeichen, keinen Hinweis auf ein Verbrechen. Durch Fritzis Kopf geistern die verschiedensten Szenarien, während sie hilft die Campingsachen zusammenzupacken: Wurden die beiden entführt? Hat vielleicht sogar ihr Vater ihnen etwas angetan? Alle diese Möglichkeiten knistern bedrohlich zwischen den Zeilen von Sandra Hoffmanns Roman Mogadischu, in dem erst nach und nach enthüllt wird, was tatsächlich in diesem Sommer 1977 passiert ist.
Wie ferngesteuert brechen die elfjährige Fritzi und ihr Vater nach Hause auf. Es erzeugt Gänsehaut, wie quälend langsam das Zelt abgebaut wird, ein Sinnbild für die zerstörte Familie. Fritzi versucht die Rolle der Mutter einzunehmen und kocht für den Vater Kaffee. Sandra Hoffmann zeigt in subtilen Dialogen und Mikrohandlungen, wie die bestehende Ordnung durcheinandergerät. Die banalen Notwendigkeiten – das Herausziehen der Heringe, das Abmelden an der Rezeption – kontrastieren wirkungsvoll die Katastrophe. Neben all den Notlügen und Versuchen, so zu tun, als wäre alles wie immer, findet Fritzi für sich parallele Wahrheiten, die „wahrer als die Wirklichkeit“ sind.
Koni und die Mutter sind in ihrer Wahrnehmung noch immer anwesend, liegen nebenan im Schlafsack oder sitzen auf dem Beifahrersitz des roten Kombis. Die zeitgleiche Entführung eines Flugzeugs durch die RAF im Herbst 1977 mit anschließender Befreiung der Geiseln in Mogadischu vermischen sich mit Fritzis Fantasie zu einer eigenen Logik. Für sie ist klar: „Sie müssen nur die Terroristen freilassen, dann kommen Mama und Koni wieder.“ Dabei werden die Ereignisse in Mogadischu – so prophetisch der Titel auch über dem Text schwebt – nur angedeutet, genau wie die Bilder von ermordeten Politikern, die hier und da bedrohlich auftauchen. Mehr braucht es auch nicht für den Eindruck, dass hier verschiedene Formen der Gewalt gegeneinander abgewägt werden.
Die Erzählung lebt dabei von Leerstellen: Der erinnerte Geruch von Mutters Parfum. Der verschwundene Milchzahn von Koni. Der Zigarettenrauch, der sich für Fritzi nach Zuhause angefühlt hat. So ist auch die Erzählsituation vom fehlenden Gegenüber geprägt. Immer wieder hebt die als Erwachsene erzählende Fritzi an, um die Ereignisse für Konis zwanzigjährigen Sohn Tim zu rekonstruieren. Seitdem sind neunundvierzig Jahre vergangen, aber das Trauma bleibt auch in der Gegenwartsebene deutlich spürbar.
Die Ich-Erzählerin wendet sich an ihren Neffen, ein Du, das im selben Raum zu sein scheint: „Du nickst.“ oder „Das kennst du auch, vermute ich.“ Aber Tims Antworten fehlen. So wie auch Fritzi auf das Verhalten der Mutter nie eine Antwort bekommen hat. Der Monolog wirkt wie eine Audioaufnahme, das Transkript eines Gesprächs im luftleeren Raum, aus dem die Stille gespenstisch zurückhallt. Dadurch bekommt der Text etwas Entrücktes, passend zu Fritzis „verstörender Einsamkeit“.
Tonspur einer Therapiestunde
Der Eindruck eines Transkripts wird durch die einfache Sprache noch verstärkt. Fritzis Bericht wirkt mündlich, wie das erste Sprechen nach einem langen Schweigen. Auch wenn ihre Worte tasten, korrigiert Fritzi sich selten. Sie legt ihre Unsicherheiten kühl und ungekünstelt offen. Ein souveränes Understatement, ganz ohne Pathos, das die Emotionen unter der Oberfläche umso beklommener mitfühlen lässt. Häufig beginnen die Sätze mit „Und“. Es wird immer wieder neu angehoben, um eine Situation in all ihrer Vielschichtigkeit zu zeigen. Sätze werden durch viele Kommata zu Knoten der Gleichzeitigkeit zusammengezogen, oft voller Wiederholungen, wie wenn Fritzi versucht, die Gespräche mit ihrem Vater zu memorieren:
Ich bin sicher, ich habe gesagt: „Ich möchte aber, dass Mama und Koni wiederkommen“, und ich bin auch sicher, er sagte: „Ich will das auch.“ Und ich bin auch sicher, ich habe ihm das nicht mehr geglaubt und bereits gespürt, wie das Misstrauen mir auch ihn zu entreißen begann, wie es sich unter die Haut drängte, wie es sich in meine Augen legte, meinen Blick veränderte, in den Mund hineinkroch, in die Hände. Als er mir aufhalf, stand auf der Plane bereits ein anderes Mädchen als ein paar Stunden zuvor.
Fritzis Passagen wechseln immer wieder mit Tims Gegenwart ab. Sein Sprechen ist ein weiteres Sichvergewissern und wirkt wie die Tonspur einer Therapiestunde, wobei auch hier der Angesprochene schweigt. Tims jugendliche Umgangssprache trifft Sandra Hoffmann meisterhaft. Sein Blick auf Tante Fritzi fügt dem Text ein befremdliches Wiedererkennen hinzu und illustriert die Spuren psychischer Belastung über die Zeit hinweg mit großem Mehrwert.
Wie sich Fritzi und Tim allmählich von der Vergangenheit lösen, markiert auch der Wechsel von Monolog zu szenischem Erzählen. Zunehmend erleben wir die Figuren im Jahr 2024, schlüpfen sogar in die Perspektive von Mutter und Koni. Eine gute Entscheidung wäre hier vielleicht gewesen, ihre heutige Situation ebenfalls nicht auszuerzählen, sondern die toxische Mutter-Sohn-Dynamik der Fantasie zu überlassen, wie es der Roman an so vielen Stellen tut. Als weitere Facette der Gewalt und retardierendes Moment vor dem eigentlichen Schlusspunkt ist die Szene sicher sinnvoll, erzeugt aber auch Abstand zu Fritzis Geschichte, die emotional tiefer bewegt als Konis Schicksal.
Der Roman endet mit einer Straßenblockade der „Letzten Generation“, an der Tim teilnimmt. Ziviler Widerstand wird hier mit starker Wirkung gegen Linksterrorismus, die psychische Manipulation der Mutter und kleine Übergriffe – etwa wenn Männer der jungen Fritzi ungefragt über den Kopf streicheln – geschnitten.
Vor diesem Hintergrund verlieren die friedlichen Klimaproteste alles Plakative. Der moralische Zeigefinger verschwindet durch die Gegenüberstellung, die nicht moralisiert, sondern die Übertragung den Lesenden überlässt: Was tun wir heute unseren Kindern an, indem wir selbstbezogen Ressourcen ausbeuten? Es entsteht ein wohltuendes Plädoyer gegen das Verheimlichen und für das Aussprechen auch unbequemer Fakten. So trifft Fritzis Gedanke sicher auch auf die Klimakrise zu: „Ich glaube, jeder Versuch, vor Kindern die Wahrheit zu verschleiern, macht sie in gewisser Weise verrückt.“
Mogadischu ist eine fesselnde Familienanalyse mit einer ungewöhnlichen Erzählsituation, die auf stimmige Weise mit dem Inhalt korrespondiert. Beim Lesen fühlt man sich selbst wie eine Therapeutin oder ein Therapeut, die oder der nach verborgenen Mustern sucht und Beweise eines mysteriösen Falls sondiert. Hoffmanns Roman beschwört Urängste herauf und lässt Katastrophen nebeneinanderstehen, die nichts und in einer parallelen Wahrheitswelt doch alles miteinander zu tun haben. Was tatsächlich auf dem Campingplatz passiert ist, verrät uns dieser Roman natürlich nicht. Schließlich geht es gerade um das Aushalten des Ungewissen, um die Unmöglichkeit, jemals das Geschehene abzubilden. Sandra Hoffmann baut aus diesen Leerstellen ein beeindruckendes Mosaik.
Sandra Hoffmann: Mogadischu. Berlin Verlag, 2026, 240 S.
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Was macht es mit der Psyche einer Elfjährigen, wenn Mutter und Bruder plötzlich verschwinden? Sandra Hoffmann rekonstruiert in ihrem Roman Mogadischu eine abgründige Geschichte zur Zeit der Flugzeugentführungen durch die RAF. Eine subtile Fürsprache für das Aussprechen auch schmerzhafter Wahrheiten, die mit ihren mysteriösen Leerstellen in den Bann schlägt. Sophia Klink hat den Roman für das Literaturportal Bayern gelesen.
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Zeltstangen wie ein Gerippe, eine Sandgrube wie ein Grab. So erinnert sich Fritzi an den Moment, als ihr Vater und sie den Italienurlaub abbrechen. Nur noch zu zweit, eine halbe Familie, weil Fritzis Mutter und ihr fünfjähriger Bruder Koni spurlos verschwunden sind. Es gibt kein Lebenszeichen, keinen Hinweis auf ein Verbrechen. Durch Fritzis Kopf geistern die verschiedensten Szenarien, während sie hilft die Campingsachen zusammenzupacken: Wurden die beiden entführt? Hat vielleicht sogar ihr Vater ihnen etwas angetan? Alle diese Möglichkeiten knistern bedrohlich zwischen den Zeilen von Sandra Hoffmanns Roman Mogadischu, in dem erst nach und nach enthüllt wird, was tatsächlich in diesem Sommer 1977 passiert ist.
Wie ferngesteuert brechen die elfjährige Fritzi und ihr Vater nach Hause auf. Es erzeugt Gänsehaut, wie quälend langsam das Zelt abgebaut wird, ein Sinnbild für die zerstörte Familie. Fritzi versucht die Rolle der Mutter einzunehmen und kocht für den Vater Kaffee. Sandra Hoffmann zeigt in subtilen Dialogen und Mikrohandlungen, wie die bestehende Ordnung durcheinandergerät. Die banalen Notwendigkeiten – das Herausziehen der Heringe, das Abmelden an der Rezeption – kontrastieren wirkungsvoll die Katastrophe. Neben all den Notlügen und Versuchen, so zu tun, als wäre alles wie immer, findet Fritzi für sich parallele Wahrheiten, die „wahrer als die Wirklichkeit“ sind.
Koni und die Mutter sind in ihrer Wahrnehmung noch immer anwesend, liegen nebenan im Schlafsack oder sitzen auf dem Beifahrersitz des roten Kombis. Die zeitgleiche Entführung eines Flugzeugs durch die RAF im Herbst 1977 mit anschließender Befreiung der Geiseln in Mogadischu vermischen sich mit Fritzis Fantasie zu einer eigenen Logik. Für sie ist klar: „Sie müssen nur die Terroristen freilassen, dann kommen Mama und Koni wieder.“ Dabei werden die Ereignisse in Mogadischu – so prophetisch der Titel auch über dem Text schwebt – nur angedeutet, genau wie die Bilder von ermordeten Politikern, die hier und da bedrohlich auftauchen. Mehr braucht es auch nicht für den Eindruck, dass hier verschiedene Formen der Gewalt gegeneinander abgewägt werden.
Die Erzählung lebt dabei von Leerstellen: Der erinnerte Geruch von Mutters Parfum. Der verschwundene Milchzahn von Koni. Der Zigarettenrauch, der sich für Fritzi nach Zuhause angefühlt hat. So ist auch die Erzählsituation vom fehlenden Gegenüber geprägt. Immer wieder hebt die als Erwachsene erzählende Fritzi an, um die Ereignisse für Konis zwanzigjährigen Sohn Tim zu rekonstruieren. Seitdem sind neunundvierzig Jahre vergangen, aber das Trauma bleibt auch in der Gegenwartsebene deutlich spürbar.
Die Ich-Erzählerin wendet sich an ihren Neffen, ein Du, das im selben Raum zu sein scheint: „Du nickst.“ oder „Das kennst du auch, vermute ich.“ Aber Tims Antworten fehlen. So wie auch Fritzi auf das Verhalten der Mutter nie eine Antwort bekommen hat. Der Monolog wirkt wie eine Audioaufnahme, das Transkript eines Gesprächs im luftleeren Raum, aus dem die Stille gespenstisch zurückhallt. Dadurch bekommt der Text etwas Entrücktes, passend zu Fritzis „verstörender Einsamkeit“.
Tonspur einer Therapiestunde
Der Eindruck eines Transkripts wird durch die einfache Sprache noch verstärkt. Fritzis Bericht wirkt mündlich, wie das erste Sprechen nach einem langen Schweigen. Auch wenn ihre Worte tasten, korrigiert Fritzi sich selten. Sie legt ihre Unsicherheiten kühl und ungekünstelt offen. Ein souveränes Understatement, ganz ohne Pathos, das die Emotionen unter der Oberfläche umso beklommener mitfühlen lässt. Häufig beginnen die Sätze mit „Und“. Es wird immer wieder neu angehoben, um eine Situation in all ihrer Vielschichtigkeit zu zeigen. Sätze werden durch viele Kommata zu Knoten der Gleichzeitigkeit zusammengezogen, oft voller Wiederholungen, wie wenn Fritzi versucht, die Gespräche mit ihrem Vater zu memorieren:
Ich bin sicher, ich habe gesagt: „Ich möchte aber, dass Mama und Koni wiederkommen“, und ich bin auch sicher, er sagte: „Ich will das auch.“ Und ich bin auch sicher, ich habe ihm das nicht mehr geglaubt und bereits gespürt, wie das Misstrauen mir auch ihn zu entreißen begann, wie es sich unter die Haut drängte, wie es sich in meine Augen legte, meinen Blick veränderte, in den Mund hineinkroch, in die Hände. Als er mir aufhalf, stand auf der Plane bereits ein anderes Mädchen als ein paar Stunden zuvor.
Fritzis Passagen wechseln immer wieder mit Tims Gegenwart ab. Sein Sprechen ist ein weiteres Sichvergewissern und wirkt wie die Tonspur einer Therapiestunde, wobei auch hier der Angesprochene schweigt. Tims jugendliche Umgangssprache trifft Sandra Hoffmann meisterhaft. Sein Blick auf Tante Fritzi fügt dem Text ein befremdliches Wiedererkennen hinzu und illustriert die Spuren psychischer Belastung über die Zeit hinweg mit großem Mehrwert.
Wie sich Fritzi und Tim allmählich von der Vergangenheit lösen, markiert auch der Wechsel von Monolog zu szenischem Erzählen. Zunehmend erleben wir die Figuren im Jahr 2024, schlüpfen sogar in die Perspektive von Mutter und Koni. Eine gute Entscheidung wäre hier vielleicht gewesen, ihre heutige Situation ebenfalls nicht auszuerzählen, sondern die toxische Mutter-Sohn-Dynamik der Fantasie zu überlassen, wie es der Roman an so vielen Stellen tut. Als weitere Facette der Gewalt und retardierendes Moment vor dem eigentlichen Schlusspunkt ist die Szene sicher sinnvoll, erzeugt aber auch Abstand zu Fritzis Geschichte, die emotional tiefer bewegt als Konis Schicksal.
Der Roman endet mit einer Straßenblockade der „Letzten Generation“, an der Tim teilnimmt. Ziviler Widerstand wird hier mit starker Wirkung gegen Linksterrorismus, die psychische Manipulation der Mutter und kleine Übergriffe – etwa wenn Männer der jungen Fritzi ungefragt über den Kopf streicheln – geschnitten.
Vor diesem Hintergrund verlieren die friedlichen Klimaproteste alles Plakative. Der moralische Zeigefinger verschwindet durch die Gegenüberstellung, die nicht moralisiert, sondern die Übertragung den Lesenden überlässt: Was tun wir heute unseren Kindern an, indem wir selbstbezogen Ressourcen ausbeuten? Es entsteht ein wohltuendes Plädoyer gegen das Verheimlichen und für das Aussprechen auch unbequemer Fakten. So trifft Fritzis Gedanke sicher auch auf die Klimakrise zu: „Ich glaube, jeder Versuch, vor Kindern die Wahrheit zu verschleiern, macht sie in gewisser Weise verrückt.“
Mogadischu ist eine fesselnde Familienanalyse mit einer ungewöhnlichen Erzählsituation, die auf stimmige Weise mit dem Inhalt korrespondiert. Beim Lesen fühlt man sich selbst wie eine Therapeutin oder ein Therapeut, die oder der nach verborgenen Mustern sucht und Beweise eines mysteriösen Falls sondiert. Hoffmanns Roman beschwört Urängste herauf und lässt Katastrophen nebeneinanderstehen, die nichts und in einer parallelen Wahrheitswelt doch alles miteinander zu tun haben. Was tatsächlich auf dem Campingplatz passiert ist, verrät uns dieser Roman natürlich nicht. Schließlich geht es gerade um das Aushalten des Ungewissen, um die Unmöglichkeit, jemals das Geschehene abzubilden. Sandra Hoffmann baut aus diesen Leerstellen ein beeindruckendes Mosaik.
Sandra Hoffmann: Mogadischu. Berlin Verlag, 2026, 240 S.
