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16.07.2026, 10:08 Uhr
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Eva Pramschüfer über ihren Debütroman „Weißer Sommer“

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© Eileen Jordan

In der Hitze des Sommers zieht die junge Alma Bilanz: Hat ihre Beziehung mit Théo noch eine Zukunft? In ihrem Debütroman Weißer Sommer zeichnet Autorin Eva Pramschüfer ein sensibles Porträt von den Zweifeln der Endzwanziger, einer Liebe im Aufbruch und dem Mut, sich schwierigen Entscheidungen zu stellen. Das Interview führten Ekaterina Broska und Sophia Lindsey. 

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LITERATURPORTAL: Liebe Eva, passend zum Hitzeflimmern Münchens steht der Sommer auch in deinem Roman im Mittelpunkt. Im Sommer lernen sich die Protagonisten kennen, im Sommer treffen sie wieder aufeinander und verhandeln ihre Beziehung neu. Stand für dich von Anfang an fest, dass es ein Sommerroman werden sollte? 

EVA PRAMSCHÜFER: Ja, tatsächlich. Der Sommer transportiert für mich ein ganz besonderes Gefühl. Er legt ein Brennglas auf Situationen, er ist verführerisch, heiß und lässt die Gemüter hochkochen. Er führt dazu, dass Gefühle intensiver erlebt werden. Der Sommer pulsiert wie ein Takt durch die Beziehung der beiden: Sie sind in diesem Haus eingesperrt, es ist unglaublich heiß und die Tage schmelzen genauso wie die Kapitel ineinander. Der Leser liegt mit den beiden am Poolrand und weiß nicht wirklich, wo oben und unten ist, was Erinnerung ist und was gerade wirklich passiert. Der Leser soll sich gemeinsam mit den beiden desorientiert fühlen.

LPB: Zeit spielt für die Protagonisten eine große Rolle. Einerseits sind sie sehr im Moment verhaftet: Zu Beginn heißt es, sie hätten „nur bis zum Rand des Sommers gedacht“. Später erlebt Alma den Sommer gedanklich schon aus der Retrospektive, obwohl er noch gar nicht vorbei ist. Lässt sich dieses Gefühl, etwas sowohl auskosten als auch festhalten zu wollen, auf die Lebensphase der Zwanziger übertragen, über die du schreibst?

PRAMSCHÜFER: Total. Das Buch ist nicht autobiografisch, aber trotzdem stecken meine Weltsicht und meine Gedanken darin. Meine Eltern haben mir mit Anfang zwanzig immer gesagt: Das ist die Zeit, in der du frei bist, die du genießen musst. Ich bin ein sehr sensibler Mensch und das hat mir damals Druck gemacht, weil ich dachte, jetzt muss ich das erleben, jetzt muss das passieren. Ich glaube, es geht vielen jungen Menschen so, dass sie Druck verspüren, sich ein Leben aufzubauen, dass sie Angst haben, hinterher zu sein. Das führt wiederum zum overthinking, dazu, dass man um sich selbst kreist und aus dem Moment rausfällt.

LPB: Du arbeitest in deinem Roman viel mit Momenten und Bruchstücken. Gab es ein Bild oder einen Moment, der ganz am Anfang stand?

PRAMSCHÜFER: Ich wusste, dass am Anfang das Aufeinandertreffen der Figuren stehen soll, nachdem sie sich lange Zeit nicht gesehen haben. Dieses Gefühl, dass da eine Person ist, die mir doch so vertraut ist und für die ich so viele Empfindungen habe – und ich trotzdem gerade nicht weiß, wie ich mit ihr umgehen soll. Aber vieles von der Geschichte habe ich zusammen mit den beiden Figuren beim Schreiben erfahren. Das war manchmal sehr chaotisch und nervenaufreibend, aber auch irgendwie schön, weil ich oft erst beim Schreiben gemerkt habe, dass die Charaktere mit mir in die eine oder in die andere Richtung abbiegen wollen.

LPB: So ähnlich beschreibt es auch Théo im Roman, oder? Deine Protagonisten Alma und Théo sind beide künstlerisch tätig: Sie malt, er macht Skulpturen. Aber während er sich eher vom Zufall leiten lässt und über seine Werke sagt „Ich habe damit nichts zu tun“, malt Alma sehr detailliert und realitätsnah. War dieser Gegensatz von Anfang an so geplant, um sie auch in ihrer Beziehung als oppositionelle Partner darzustellen?

PRAMSCHÜFER: Die beiden waren für mich erst als Personen da. Ich habe sie gut kennengelernt und daraus ist dann ihr Zugang zur Kunst entstanden.  Alma hat dieses sehr Kontrollierte und Gewissenhafte, aber auch ab und an dieses Rauschhafte, wenn sie sich in Pinselstrichen komplett verliert. Kunst zu schaffen, ist ein Zustand, der für sie aufwühlend ist, während Théo darin Frieden findet. Sie teilen dieselbe Leidenschaft, haben aber unterschiedliche Herangehensweisen. Und es war natürlich spaßig, die beiden aufeinander knallen zu lassen.

LPB: Also haben sich die Figuren und ihr künstlerisches Schaffen auch verselbständigt? 

PRAMSCHÜFER: Ich hatte natürlich einen Plan davon, wie sie sein sollen. Den habe ich dann über Bord geworfen, weil ich gemerkt habe, dass Personen flach werden, wenn man eine Vorstellung davon hat, wie ein Mensch sein soll, und ihm Charaktereigenschaften zuschreibt. Menschen machen manchmal einfach keinen Sinn. Menschen sind widersprüchlich und anstrengend und nervig und haben Eigenschaften, die eigentlich nicht zusammenpassen. Eine Sehnsucht nach Geborgenheit und gleichzeitig ausbrechen zu wollen schließt sich zum Beispiel nicht aus. Wie bei Alma.

LPB: Dieses Motiv des Ausbruchs, oft verbunden mit dem Aufbruch in neue Städte, ist in deinem Roman zentral. Was bedeutet Freiheit für die Figuren und was bedeutet Freiheit für dich?

PRAMSCHÜFER: Freiheit ist bei Alma und Théo komplett unterschiedlich angelegt. Almas Wunsch nach Freiheit entspringt einem Gefühl der Ablehnung ihrer bisherigen Erfahrungen, einem Nach-Außen-Drängen. Théo dagegen sehnt sich eher nach Stabilität. Sein späterer Ausbruch nach Berlin ist vielmehr ein Verzweiflungsakt. Freiheit muss nicht immer bedeuten, die Stadt zu wechseln. Freiheit ist ein Gefühl, das man überall empfinden kann. Für mich persönlich ist Freiheit auch, dass ich schreiben kann und die Freiheit habe, mich auszudrücken und mit dem Schreiben zu leben.

LPB: Alma kann und muss sich zwischen verschiedenen Möglichkeiten entscheiden: Kunst, Karriere oder Liebe. Sobald sie sich für einen dieser „Feigenzweige“ entscheidet, stirbt der andere sofort ab. Und über allem schwebt die Angst vor dem Verzicht auf ungelebte Lebensentwürfe. Diese Feigenbaum-Analogie stammt aus Sylvia Plaths Roman Die Glasglocke, den Alma selbst im Regal stehen hat. Es gibt auch eine Szene, in der sie mit dem Feigenbaum im eigenen Garten zu kämpfen hat. Siehst du in Alma eine moderne Variante von Plaths Figur, die ebenfalls an der Fülle ihrer Möglichkeiten leidet?

PRAMSCHÜFER: Beim Schreiben hat es mir wahnsinnig Spaß gemacht, diese kleinen Ostereier zu verstecken. Für mich war Plaths Feigenbaum-Analogie wirklich weltverändernd, weil ich mich so verstanden gefühlt habe. Die Parallele ist auf jeden Fall da: Alma hat diese vielen Möglichkeiten und das Gefühl der verwelkenden Feigen und das ist ein sehr modernes Gefühl. Davon sind wir oft so paralysiert, dass es uns daran hindert, aktiv zu werden. Ich will mir natürlich nicht anmaßen, dass ich Plath nahekomme. Ich wollte eine kleine Hommage an dieses Gefühl und an Plaths Figur einbauen und das junge Frauen durch Alma genauso erleben lassen.

LPB: Alma erlebt Kunst als etwas Existenzielles. Warum war es dir so wichtig, dieses Thema narrativ aufzugreifen?

PRAMSCHÜFER: Die Fragen, um die es im Roman geht – „Wer bin ich?“, „Wer will ich sein?“ und „Wer will ich sein mit dieser anderen Person?“ – sind auch in der Kunst tief verankert. Es bestehen so viele Parallelen zwischen dem Prozess, Kunst zu schaffen und damit in die Welt zu gehen, und dem Prozess, sich einem Menschen zu öffnen. Es geht sehr viel um Verletzlichkeit, um Gesehenwerden, der Angst vor dieser Sichtbarkeit, aber auch den Wunsch nach Sichtbarkeit, nach Ausdruck und Bedeutung. Sich einem Menschen zu öffnen, birgt das Risiko, verletzt zu werden, nicht gesehen zu werden, verkannt zu werden. Genauso ist es, wenn man mit Kunst in die Welt geht. Und ich persönlich würde in beiden Fällen sagen: Das ist es wert.

LPB: Bevor du selbst „mit Kunst in die Welt gegangen bist“ und deinen Debütroman Weißer Sommer veröffentlicht hast, warst du bereits in der Buchbranche aktiv. Seit 2023 bist du auf TikTok präsent, wo du mittlerweile etwa 27.000 Follower hast. Wie siehst du die Rolle von #BookTok im Literaturbetrieb? Und erlebst du manchmal immer noch eine Art Rechtfertigungszwang in Bezug auf die Möglichkeiten der Plattform?

PRAMSCHÜFER: BookTok hat junge Menschen erwiesenermaßen mehr zum Lesen gebracht. Und das kann man aus einer elitären Perspektive vielleicht belächeln oder insofern relativieren, dass es sich ja „nur“ um Romantasy und Fantasy handelt, aber ich bin der Meinung: Sobald Leute lesen, ist es gut. Es herrscht immer noch das Bild von BookTok als einer oberflächlichen, rein konsumgetriebenen Plattform vor, die nur auf Affekt aus ist – und auch wenn ich diese Seite nicht kleinreden möchte, existiert eben auch noch eine andere Seite. Als ich damals mit BookTok angefangen habe, habe ich meine eigenen Vorstellungen, was die Leute wollen, aus dem Fenster geworfen. Meine Videos sind manchmal zehn Minuten lang! Und für mich war total schön zu erkennen: Da sind Menschen, die Lust auf eine tiefe Auseinandersetzung haben. 

LPB: Nimmst du dennoch eine Grenze oder vielleicht auch ein Gefälle zwischen Buchbesprechungen auf #BookTok und klassischer Literaturkritik wahr? 

PRAMSCHÜFER: Literaturkritiker müssen sich keinen TikTok-Account einrichten und nicht jeder BookToker muss fürs Feuilleton schreiben. Ich glaube, es braucht definitiv die klassische Literaturkritik, auch in ihrer Härte. TikTok dient Verlagen eben auch als Marketing-Tool, was dazu führt, dass viel Werbung gemacht wird und sich weniger differenziert auseinandergesetzt wird. Es braucht die gut ausgebildeten Journalistinnen und Journalisten, die den richtigen sprachlichen Zugang finden. Aber #BookTok hat einen anderen, einen emotionaleren Zugang, der dadurch nicht weniger wert ist. Wir sprechen alle über dieselbe Leidenschaft. Wir sind eigentlich alle im selben Team.

LPB: Du besprichst aber nicht nur Bücher auf TikTok, sondern hast auch deinen eigenen Schreibprozess begleitet und berichtest aus deinem Alltag als Autorin. Wie wichtig ist Selbstvermarktung auf Social Media heutzutage für Schreibende?

PRAMSCHÜFER: Ich habe dazu eine sehr geteilte Meinung: Ich bin dankbar, dass ich durch meine Präsenz auf Social Media Leute in der Branche kennengelernt habe, die mir einen Einstieg verschafft haben, und dass ich selbst die Kapazität und die Motivation dazu hatte. Aber: Ich habe das Gefühl, dass Schreibende gerade einen sehr großen Druck spüren, sich online vermarkten zu müssen. Nicht jeder hat Lust, in die Kamera zu sprechen, nicht jeder hat die emotionale Kapazität dazu. So wird noch mehr Last auf die Schreibenden gelegt, die doch eigentlich nur schreiben sollten. In einer idealen Welt müsste das niemand. Und ich verstehe natürlich auch, dass durch Menschen wie mich dieser Druck weiter entsteht.

LPB: Kommen wir zum Abschluss nochmal auf dein Buch zurück. Du hast mal gesagt, die perfekte Lektüre ist für dich eine, die dich extrem viel fühlen lässt. Welches Gefühl hoffst du mit Weißer Sommer auszulösen? 

PRAMSCHÜFER: (überlegt lange) Das Gefühl, dass etwas Wert haben kann, auch wenn es nicht funktioniert. Ich würde mir wünschen, dass die Menschen sanfter auf die Widersprüchlichkeit der ersten Liebe blicken. Dass diese Ambivalenz – dass etwas widersprüchlich und trotzdem wertvoll sein kann – nicht nur ausgehalten, sondern auch wirklich wertgeschätzt wird.

LPB: Vielen Dank für das Gespräch. 

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