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24.06.2026, 09:36 Uhr
Sophie Wiederroth
Spektakula

Rundgang durch die Ausstellung „Tücher und Bücher“ im Augsburger Brechthaus

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Alle Bilder © Sophie Wiederroth

Die Sonderausstellung „Tücher und Bücher“ im Brechthaus Augsburg beleuchtet das faszinierende Leben des Brecht-Freundes Hein Kohn. Als Enkel des ersten jüdischen Tuchmachers der Stadt floh er 1933 in die Niederlande. Dort rettete er als Exilverleger deutsche Literatur vor dem NS-Regime. Sophie Wiederroth war vor Ort und hat sich die bewegende Ausstellung genauer angesehen.

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Auf rot-schwarzem Hintergrund prangen die Worte „Tücher und Bücher“ – in identischer Typografie und einheitlicher Skalierung. Diese visuelle Symmetrie setzt beide Begriffe geschickt optisch gleichberechtigt in Szene und bildet den Rahmen für eine Sonderausstellung, die aktuell im Augsburger Brechthaus zu sehen ist. Der Ausstellungsort könnte kaum passender sein: Das Geburtshaus Bertolt Brechts, den eine tiefe Freundschaft und geschäftliche Beziehung mit dem Verleger Hein Kohn verband, beherbergte einst über lange Zeit eine Feilenhauerei. Dieses Handwerk schlägt eine Brücke zur Tuchmacherei der Familie Kohn – zwei historische Gewerbe, die heute fast vergessen sind. Das Brechthaus selbst liegt mitten im alten Handwerkerviertel. Vom Hauptbahnhof aus führt ein reizvoller Spaziergang dorthin quer durch die Altstadt, vorbei am Augsburger Rathaus, dem Perlachturm, der Barfüßerkirche und den charakteristischen Lechkanälen.

Die Ausstellung „Tücher und Bücher“ beleuchtet die bewegte Biografie der Familie Kohn, spannt den Bogen von Textilien (Tüchern) zu Literatur (Büchern) und erzählt von Menschen, deren Leben existenziell von diesen beiden Stoffen geprägt wurde. Ein besonderes Augenmerk gilt dabei dem bedeutenden Exilverleger, Literaturagenten und Kulturvermittler Hein Kohn. Chronologische Infotafeln führen die Besucher wie auf einem Rundgang durch die Schau: Die Reise beginnt bei den textilen Wurzeln der Familie, widmet sich dann Kohns Hingabe an die Literatur und beleuchtet schließlich Flucht, Exil, Widerstand, die Nachkriegszeit sowie die Gründung des „Internationaal Literatuur Bureau“ (ILB). Das Zentrum des Raumes bildet eine zweiteilige Vitrine. Hier sind neben Originalobjekten zu Bertolt Brecht auch die ersten 24 Originalausgaben aus Hein Kohns Exilverlag „De Boekenvrienden Solidariteit“ in Hilversum zu bewundern.

Der Rundgang folgt dem Uhrzeigersinn und erzählt die Geschichte von Samuel Kohn (geb. 1807), dem Großvater des Verlegers. Er gehörte zu den ersten Juden, die aktiv um eine Konzession als Tuchmacher kämpften – ein schwieriges Unterfangen in jener Zeit: Konkurrenzängste und die antijüdische Haltung des Magistrats führen zu jahrelangen Rechtsstreitigkeiten. Erst König Ludwig erteilt schließlich die Erlaubnis zur Ansiedlung trotz der bereits erreichten „Matrikelzahl“, welche die gesetzlich erlaubte Höchstzahl jüdischer Familien in Augsburg regelt. Dadurch gelingt es Kohn, sein Textilunternehmen mit eigener Produktion dauerhaft in Augsburg zu etablieren. Damit war ein Präzedenzfall geschaffen, der maßgeblich zum hervorragenden Ruf Augsburgs als Textilzentrum beitrug, da weitere jüdische Unternehmer folgten und die Stadt zu einer weltweit bekannten Textilmetropole machten. Nach Samuels Tod führen seine Söhne den väterlichen Betrieb fort, gründen eigene Großhandlungen oder werden als Handelsagenten aktiv. Ab 1933 gerät die Textilbranche, massiv forciert durch die NS-Wirtschaftspolitik, unter erheblichen Druck; es folgen die systematische Arisierung und Zerschlagung der Betriebe.

Dass diese Vorgeschichte der Ahnen im Ausstellungsdesign konsequent in kühlem Blau gehalten ist, bildet einen reizvollen Kontrast zum anschließenden roten Teil der Schau. Die Farbgebung wirkt fast intuitiv und ist sicher kein Zufall: Rot symbolisiert die drohende Gefahr auf einem Lebensweg, der für Hein Kohn dramatische Wendungen bereithalten sollte; gleichzeitig steht es für das politische Programm der Sozialdemokratie.

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Büste von Hein Kohn (1907-1979)

Hein Kohn wird 1907 als Heinz Kohn, Sohn von Eugen Kohn, in Augsburg geboren. Obwohl der Vater früh verstirbt, hinterlässt er der Familie ein beträchtliches Vermögen, das Hein ein Aufwachsen im bürgerlich-liberalen Milieu ermöglicht. Prägend für seinen Lebensweg werden die Jahre im Landerziehungsheim Wickersdorf. Dort verfolgt man ein sehr demokratisches und reformpädagogisches Erziehungskonzept, ganz anders als in den damals üblichen autoritären Drillanstalten. Da Kunst und Literatur in diesem Heim eine zentrale Rolle spielen, dürfte hier spätestens Kohns literarische Leidenschaft ihren Anfang genommen haben. Zurück in Augsburg absolviert er zunächst eine Ausbildung zum Textilkaufmann, bevor er ein Volontariat in der Buchhandlung Lampart & Comp. antritt. Hier begegnet er auch Bertolt Brecht, dem er immer wieder Bücher ausleiht – das Fundament einer lebenslangen, tiefen Freundschaft. Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten gerät Hein Kohn aufgrund seiner jüdischen Herkunft und sozialdemokratischen Überzeugungen in akute Lebensgefahr (er ist bereits von Jugend an Mitglied in der SAJ und der SPD). Im Jahr 1933, nur wenige Tage vor den Bücherverbrennungen in Deutschland, gelingt ihm mit Hilfe eines Freundes die Flucht in die Niederlande, wo er seinen Namen in das niederländisch klingende „Hein“ ändert.

Ab Ende 1933 präsentiert Hein Kohn gemeinsam mit dem Schauspieler und Sänger Ernst Busch, der auch vor dem NS-Regime geflüchtet ist, Brechts „Solidaritätslied“ auf verschiedenen Veranstaltungen sowie für den Arbeiterrundfunk VARA. Noch im Herbst desselben Jahres gründet Kohn zusammen mit Martien Beversluis, den er durch die Arbeit bei VARA kennt, den Exilverlag „Boekenvrienden Solidariteit“. Mit großem Eifer lässt er in Deutschland verbotene und geächtete Literatur ins Niederländische übersetzen. Sein Zielpublikum sind gebildete Arbeiter und Intellektuelle; die antifaschistischen und pazifistischen Werke sollen auf die Gefahren des Nationalsozialismus aufmerksam machen. Der belgische Kritiker Guus van Hecke schreibt dazu 1935 auf einer der Infotafeln: „Keine andere Volksbibliothek hat es bisher geschafft, so wichtige Werke der Weltliteratur zu so einem günstigen Preis nach Flandern und in die Niederlande zu bringen“. 1936 gründet Kohn schließlich den Nachfolgeverlag „Het Nederlandsche Boekengilde“. Er übernimmt Lizenzen anderer niederländischer Verlage und setzt auf höherwertige, gebundene Ausgaben bei gleichbleibend günstigen Preisen. Ein möglichst breites Publikum soll die Werke von Autoren wie Bertolt Brecht, Oskar Maria Graf, Lion Feuchtwanger und Ernst Toller lesen können. Finanziell wird seine Lage jedoch zunehmend prekär, da der Verlag kaum Gewinne erwirtschaftet. Einen besonderen Coup landet Kohn jedoch 1939 mit der ersten niederländischen Übersetzung von Bertolt Brechts Dreigroschenroman.

Aber auch in den Niederlanden ist Kohn nicht sicher: 1940 marschiert die deutsche Wehrmacht ein, und sein Verlag wird wegen seiner klaren antifaschistischen Ausrichtung verboten. Kohn lässt sich indes nicht beirren und veröffentlicht bis Anfang 1942 im Untergrund weitere Bücher. Um der Entdeckung zu entgehen, registriert er den Verlag, das Antiquariat sowie die Versandbuchhandlung „De Boekenvriend“ kurzerhand auf den Namen seines Freundes G.W. Breughel. Es ist eine schwere, gefährliche Zeit, doch Kohn hat mehr Glück als viele andere. Zwar wird er 1942 bei einer Razzia verhaftet und zur Lagerarbeit verurteilt, doch bei einem Freigang kann er fliehen und sich anschließend verstecken. Er engagiert sich im illegalen Widerstandsverlag „de Bezige Bij“ („Die fleißige Biene“), wo u.a. politische Schriften in geringer Auflage entstehen. Unter ständiger Lebensgefahr reist Kohn durch die Niederlande, um diese Werke zu verkaufen. Die Erlöse sichern das Überleben jüdischer Kinder, Kranker und anderer Flüchtlinge. Kohn hält durch. Nach der Befreiung 1945 übernimmt er die Leitung des renommierten Verlagshauses Van Ditmar. Im Jahr 1951 gründet er schließlich sein eigentliches Lebenswerk: das „Internationaal Literatuur Bureau B.V.“. Er bringt die lange Zeit isolierte deutsche Literatur auf den niederländischen Markt, hilft bei ihrer Rehabilitation und pflegt engen Kontakt zu literarischen Größen wie Peter Suhrkamp, Thomas MannErich Kästner und weiterhin auch zu Bertolt Brecht.

Hein Kohn stirbt 1979 in den Niederlanden. Seine Agentur bleibt ein Familienunternehmen: 1970 übernimmt sein Sohn Menno die Leitung und vertritt Weltliteraten wie Stephen King und Jorge Luis Borges. Heute wird das Büro bereits in dritter Generation von dessen Tochter Linda Kohn geführt.

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Was hier nur gerafft und stichpunktartig skizziert werden kann, erfährt im Brechthaus eine sehr intensive, mit Zitaten und Exponaten gespickte Würdigung. Am Tag meines Besuches war ich alleine dort. Zu hören war nur das Klicken der bewegungsgesteuerten Lichter und die Originalstimme Kohns, die man an einer kleinen Audiothek über Kopfhörer abrufen kann. Die Infotafeln, denen man chronologisch folgt, sind zwar recht textlastig, werden aber durch Bilder, Originalzitate und historische Ausstellungsstücke gut aufgelockert. Besonders berührt hat mich der alte Koffer von Else Dormitzer. Er steht nicht nur symbolisch für die Flucht und spätere Deportation der jüdischen Feministin und Kinderbuchautorin, sondern erzählt auch eine weitere Geschichte über Hein Kohn und das Weiterleben von Erinnerungen: Im Konzentrationslager hatte Else Dormitzer heimlich Gedichte verfasst, die das Grauen dokumentierten. Nach dem Krieg wandte sie sich schwer traumatisiert an Hein Kohn und bat ihn um Hilfe. Er veröffentlichte ihre Lyrik unter dem Titel „Theresienstädter Bilder“, eines der ersten dokumentarischen Zeugnisse über das Leben und Sterben im Lager Theresienstadt überhaupt.

Wer sich schon vorab informieren möchte oder wem die Schau vor Ort nicht detailliert genug ist, dem sei die begleitende Homepage zur Sonderausstellung ans Herz gelegt. Besonders spannend: Unter dem Menüpunkt „Die Ausstellung“ findet man Bilder der Vitrinen und Tafeln sowie die „Medienstationen“ mit den Audiobeiträgen von Hein und Menno Kohn, die auch vor Ort zu hören sind. Exklusiv im Brechthaus zu sehen ist hingegen der Film Eine Fahrt durch Augsburg, der u.a. Aufnahmen der Buchhandlung Lampart & Comp. zeigt, in der Hein Kohn einst seine Lehrjahre verbrachte.

Der Zeitpunkt für eine Ausstellung im Jahr 2026 ist nicht zufällig gewählt: Die Sonderausstellung feiert das 75-jährige Bestehen des „Internationaal Literatuur Bureau B.V.“ und ehrt Brecht zugleich anlässlich seines 70. Todestages. Kuratiert wird sie von Dr. Ingvild Richardsen, die zur Ausstellung auch ein umfassendes Begleitbuch im Münchner Volk Verlag veröffentlicht hat.

Die Ausstellung ist noch bis zum 31. Dezember 2026 im Brechthaus zu sehen; der Eintritt kostet 2,50 Euro.

Externe Links:

Website zur Ausstellung