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17.06.2026, 07:33 Uhr
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Gespräche

Gespräch mit Rune Vollbehr über den Queer-Slam München

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© poetryrune

Jeden Monat findet im angesagten Milla Club der Queer-Slam München statt. Das Literaturportal sprach mit der veranstaltenden Person Rune Vollbehr darüber, was die Besuchenden dort erwartet. 

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LITERATURPORTAL BAYERN: Rune, für diejenigen in unserer Leserschaft, die noch nie auf einem Queer-Slam waren: was erwartet die Besuchenden da, was genau ist ein Queer-Slam?

RUNE VOLLBEHR: Erklär ich gern: ein Queer-Slam ist ein Poetry-Slam. Sprich, es treten Menschen mit selbstgeschriebenen Texten gegeneinander an, die sie vorher vorbereitet haben. Sie dürfen dabei keine Requisiten verwenden, aber die Bühne frei benutzen für Performancekunst, können aber auch nur einen Text vorlesen und diesen in irgendeiner Form vortragen. Die Besonderheit beim Queer-Slam ist, dass die Auftretenden alle queer sind, also im engen oder weiteren Sinne unter den LGBTQ-Umbrella fallen und sich mit dieser Community identifizieren.

Im Laufe des heutigen Abends werden sechs queere Menschen auftreten, die ihre Texte in einem Wettbewerb vortragen. Von diesen sechs kommen zwei ins Finale. Und dann bestimmen wir eine Person, die das Ganze gewinnt. Zusätzlich zu den sechs Auftretenden gibt es noch ein Feature; entweder Musik oder Drag. Etwas, dass das Publikum auf den Abend einstimmt.

LPB:  Der Slam kommt ja eigentlich von der spoken poetry. Poetry wird hier aber als Begriff etwas weiter gefasst, oder? Die Texte müssen also nicht lyrisch gebunden sein oder gereimt oder einen poetischen geformten Inhalt haben? Es können also auch Kurzprosatexte oder andere Formen vorgetragen werden? Oder gibt es da auch von der Form her eine Vorgabe?

VOLLBEHR:  Eine direkte Vorgabe gibt es da nicht. Die Auftretenden haben ein Zeitlimit, in meinem Fall von sieben Minuten. In dieser Zeit können sie einen oder mehrere Texte vortragen, ob Gedichte oder Kurzprosa, das ist komplett frei. Es gibt also keine thematische oder stilistische Vorgabe. Kein Zwang zum Reim oder irgendein Schema zu erfüllen. Es kann auch vom Ausdruck her lustig oder dramatisch oder poetisch sein, thematisch von dramatisch bis komödiantisch reichen; alles, was den Bereich spoken word umfasst, bis hin zum Rap. Mit einem Augenzwinkern kann man an der Stelle sagen, dass Rap keine Musik ist; aber natürlich nur in diesem Kontext. Innerhalb dessen darf man sich frei bewegen und austoben.

LPB: Und seit wann gibt’s den Queer-Slam? Seit wann machst du das als veranstaltende Person?

VOLLBEHR: Ziemlich genau seit zwei Jahren jetzt. Im Juni 2024 hatten wir einen „Probelauf“, den ersten Queer-Slam, im Lustspielhaus gemacht. Damals eben noch als Special von dem Schwabinger Poetry Slam. Ja, und dann hatte ich an dem Abend, weil es ein sehr schöner Abend war, dem Publikum ganz frech versprochen, dass es das regelmäßig geben wird und habe dann ganz schnell im Milla Club angefragt und die Zusage bekommen. Seit dem Sommer 2024 findet der Slam hier also regelmäßig einmal pro Monat statt. Und einmal im Jahr haben wir uns als besonderen Event zum Saisonabschluss den Auftritt im Lustspielhaus bewahrt.

LPB:  Wenn ich mich gerne über das Programm und die weiteren Details informieren möchte – wo finde ich die Infos? Gibt’s eine Webseite?

VOLLBEHR: www.queerslammuc.de und natürlich auf Insta: queerslammuc.

LPB: Wenn man euch auf Instagram folgt, sieht man sofort, dass da ein großer Bedarf ist nach Veranstaltungen im queeren Bereich, gerade in München. Wie stehts um das Publikum? Hat sich das in den letzten zwei Jahren verändert? Gibt es ein Stammpublikum? Oder erblickst du jedes Mal neue Gesichter?

VOLLBEHR: Sehr durchmischt. Es gibt eine gewisse Substanz an Stammpublikum, was mich sehr freut, die nahezu jeden Monat da sind. Und darüber hinaus wird man beim Poetry-Slam eingangs ja immer gefragt: „Wer ist zum ersten Mal da?“ Auch da sieht man neue Gesichter, sind immer wieder neue Leute dabei. Das Publikum ist überwiegend aus der queeren Szene. Dann aber auch Menschen, die einfach so daran interessiert sind. Es darf auch jeder reinkommen. Da gibt’s keine Beschränkung. Da wird jetzt nicht die Queerness kontrolliert am Eingang… (lacht) Und zur Alterspanne, wenn man es festmachen will, würde ich sagen: die ist studentisch. Dazu kommen dann aber auch einige deutlich ältere Personen, vor allem im Stammpublikum. Und natürlich sind auch von den üblichen Poetry Slam-Gängern einige immer wieder mal hier.

LPB: Was würdest du dir als veranstaltende Person denn nach vorne geschaut wünschen: soll alles so bleiben oder gibt’s Dinge, die du gerne anders hättest?

VOLLBEHR: (überlegt). Was sich schon geändert hat: inzwischen gibt es auch Workshops, die wir alle viertel Jahr anbieten. Das finde ich sehr schön. Da geht’s auch darum, den Auftretenden noch mehr Sicherheit zu geben und auch für Zuwachs, den „Nachwuchs“ der Slam-Szene zu sorgen.

Ansonsten freu ich mich, wenn die Veranstaltung jeden Monat gut stattfindet und viel Zuspruch bekommt. Und der Slam an die Queerszene, die ja ziemlich groß und vielfältig ist, gut anknüpft.  Wichtig ist auch, dass die Personen, die andere Arten von Kunstformen erfüllen, Teil des Ensembles sind. Ich wünsche mir einfach, dass es so gut weiterläuft wie bisher.

LPB: Workshops klingt natürlich spannend. Wenn ich das jetzt lese und denke: oh cool, ein Workshop! Was genau passiert denn da? Man lernt ein bisschen mehr dazu wie man Texte schreibt, sagst du gerade, mehr Sicherheit im Auftritt. Und sonst? Wer leitet die Workshops? Wie kann ich mich dafür bewerben?         

VOLLBEHR: Die Workshops werden auf unserer Webseite und auf Instagram immer rechtzeitig vorher angekündigt. Geleitet werden sie von erfahrenen Menschen aus der Slamszene. Wir buchen immer Leute, auch mal von weiter weg her, die neue Perspektiven und Schwerpunkte mit reingeben. Zum Beispiel, wie man eher lyrisch schreibt für die Bühne. Ich schaue, dass es immer unterschiedliche Schwerpunkte gibt. Wichtig ist neben dem Arbeiten an den Inhalten natürlich auch ein Einüben, wie man gut performt. Und die Workshops sollen mehrsprachig funktionieren, vor allem auf Deutsch und Englisch. 

LPB: Nun lebt ja der Slam vom Bühnenevent und damit ist auch die Improvisation wichtig, spielt sicher eine Rolle. Wie ist es denn, wenn ich später sage: Mensch, das war ein so toller Text- den würde ich jetzt gern nochmal nachlesen oder nochmal hören. Gibt es da Möglichkeiten?

VOLLBEHR: Die professioneller Auftretenden haben oft Bücher dabei; ansonsten posten wir auch Ausschnitte auf Instagram.

LPB: Hast du eigentlich ein festes Team, das dir hilft? Oder bist du eine One-Person-Band?

VOLLBEHR: Ich mach neunzig bis fünfundneunzig Prozent hier allein. Sprich, ich mach die Veranstaltung, ich mach das Booking, ich mach Social Media, das Plakat. Alles, was dazu gehört inklusive Moderation. Das Best of mache ich mit Meike Harms zusammen, die ja auch in der Münchner Szene sehr erfolgreich ist und lang dabei ist. Die piekse ich manchmal an, wenn ich mal Unterstützung brauche, aber wie gesagt: das Meiste mache ich selbst.

LPB: Jetzt haben wir schon darüber gesprochen, was einen erwartet auf den Veranstaltungen und in den Workshops. Was findet man denn hier nicht? Was kann man nicht erwarten?

VOLLBEHR: (überlegt) Ich glaube, man sollte möglichst nicht mit der Erwartung herkommen, dass man auf einem leichten Level unterhalten wird. Gerade dadurch, dass es ein Queer-Slam ist und auch, weil dies hier für die Auftretenden als ein gewisser safer space begriffen wird und sie daher das Gefühl haben, sich hier ohne viel erklären ausdrücken und ausleben zu können, es häufiger auch zu sensiblen und ernsteren Themen kommt als im durchschnittliche Poetry Slam.

LPB: Geschützter Raum ist sicherlich ein ganz wichtiges Thema, weil man sich ja auch aussetzt und sich mit seinen sensiblen Themen zeigt. Und dadurch natürlich auch die Intensität des Vorgetragenen etwas ganz Besonderes ist. Wie kann man denn sicherstellen, dass dies hier ein geschützter Raum ist und bleibt?

VOLLBEHR: Was ich in diesem Kontext für die Auftretenden und für das Publikum gerne sage ist, dass es ein queernormativer Raum ist. Dass hier einfach viel weniger Bedarf ist, sich selbst erklären zu müssen. Dass die Begrifflichkeiten und Verständlichkeiten davon wer man ist, existieren und nicht erst mühsam einem Publikum vermittelt werden müssen.

Und alles darüber hinaus kommt allein schon durch die Gegenseitigkeit. Dass wir auch im Backstage eine sehr gute Atmosphäre haben; einfach, weil wir eine gemeinsame Basis haben. Ich versuche zudem auch noch zu vermitteln, dass alle eine safe An- und Abreise haben, versuche da viel zu ermöglichen. Aber ich glaube, diese gemeinsame Basis: dass wir alle gegenseitig unsere Probleme und Struggles kennen und dazu auch positiv wissen, worauf es uns ankommt – dass das Publikum einem dann auch mehr mit Verständnis und Respekt begegnet als es vielleicht an anderen Orten üblich ist. Das macht schon viel aus.

LPB: Das ist ja umgekehrt oftmals das Problem, dass man an den sogenannten „stromlinienförmigen“ Literaturveranstaltungsorten oft über Begrifflichkeiten erst einmal sich verständigend streitet und gern aneinander vorbeiredet.  Manchmal kommt man dann gar nicht zum Eigentlichen, weil man das Eigentliche nicht mehr sieht. Diese unausgesprochene gemeinsame Basis ist also durchaus etwas Besonderes. Gibt es denn etwas, dass du bei dieser Gelegenheit gern einmal sagen würdest?

VOLLBEHR: Mein allgemeiner Aufruf wäre: geht zu Veranstaltungen! Traut euch, gerade auch mal zu Veranstaltungen zu gehen, wo man sich erstmal unsicher ist, weil man möglichweise die eigene Comfortzone verlässt. Hört’s euch an, seht es euch an! Ich bin immer wieder beeindruckt wie vielfältig Kunst ist, wie vielfältig die Szene ist, die Szenen sind. Wie sehr auf der einen Seite Support existiert, aber wie viel Engstirnigkeit zugleich eben auch existiert. Also: kommt bitte zu den verschiedensten Formaten, zu allem, wo man ein bisschen über das hinausgeht, was man sich sowieso jeden Tag anschaut.  

LPB: Oh ja, Support wird tatsächlich immer wichtiger! Zum Abschluss noch ein oder zwei spielerische, assoziative Fragen. Was würde niemand von dir vermuten?

VOLLBEHR: Hui, wie viel Zeit habe ich das zu überlegen? Ich habe eigentlich eine Ausbildung als Fachinformatiker*in für Systemintegration. Ganz klassisch. 

LPB: (lacht) Und Informationssysteme spielen ja durchaus auch in der zwischenmenschlichen Kommunikation eine Rolle.  Was wärest du denn als Kind gerne geworden? 

VOLLBEHR: Ach, da habe mal ich einen ganzen Text drüber geschrieben, was ich alles als Kind gern geworden wäre… Müllwagenfahrer*in! Weil ich es immer toll fand, mir vorzustellen, da hinten drauf ganz legal mitfahren zu können. Also Gesetzesbrüche, die gar keine sind, haben mich fasziniert. Denn für die Müllwagenfahrenden ist es ja erlaubt, was für alle andere verboten ist, da draußen hinten drauf auf dem Wagen so frei mitzufahren. 

LPB: Dann vielen Dank fürs Mitnehmen hier ins Backstage des Queer-Slams und für das Gespräch. 

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