Emigration von Schriftstellerinnen und Schriftstellern aus Bayern nach Amerika (1): Ulrich Schmidel & Franz Daniel Pastorius
Die Geschichte der Emigration von bayerischen Schriftstellerinnen und Schriftstellern nach Amerika ist reich an Kontrasten und erstreckt sich über fast fünf Jahrhunderte. Sie beginnt im 16. Jahrhundert mit wagemutigen Abenteurern und reicht bis zu den tragischen Fluchtgeschichten des 20. Jahrhunderts. Die folgende dreiteilige Blogreihe nimmt Sie mit auf eine literarische Zeitreise, die zeigt, wie bayerische Identität auf amerikanischem Boden neu verhandelt wurde.
*
Ulrich Schmidel
(dialektal bedingte Schreibvarianten: Schmidl, Schmiedel, Utz Schmidl)
Ulrich Schmidel entstammte einer wohlhabenden Straubinger Patrizierfamilie und wurde zwischen 1500 und 1510 in der niederbayerischen Residenzstadt Straubing geboren. Auch wenn über Schmidels frühe Vergangenheit nur wenig überliefert ist, kann man davon ausgehen, dass er humanistisch gebildet war. Mit Mitte Zwanzig verlässt er Straubing und tritt – wie es bei einigen jungen Patriziersöhnen im Zuge einer ‚Kavalierstour‘ Usus war – als Landsknecht in den Militärdienst. Dabei ist es wohl den langjährigen intensiven Geschäftsbeziehungen der Patrizierfamilie Schmidel mit den großen Oberdeutschen Handelsmetropolen Augsburg und Nürnberg – insbesondere den Welsern – zu verdanken, dass Ulrich Schmidel an einer Expedition an den Río de la Plata teilnehmen konnte.
Unter dem Kommando des spanischen Hauptmanns Pedro de Mendoza sollte die noch unbekannte Río-de-la-Plata-Gegend für die spanisch-kastilische Krone erschlossen und in Besitz genommen werden, um den konkurrierenden Portugiesen zuvorzukommen. Die Expeditionsgruppe, welche aus über 2.500 Teilnehmern bestand, erreichte den Río de la Plata im Januar 1535. Ulrich Schmidel war während seines fast zwanzigjährigen Aufenthalts in Südamerika an den Gründungen der Städte Buenos Aires (dt. „Gute Luft“) und Asunción (Gründung an Mariä Himmelfahrt beziehungsweise Santa María de la Asuncíon) beteiligt.
Über seinen fast zwanzigjährigen Aufenthalt in Südamerika fertigt Ulrich Schmidel einen Reisebericht an. Dieser enthält neben den nüchternen Reisebeschreibungen des Konquistadors auch Beschreibungen über die Topographie sowie die wohl frühesten Aufzeichnungen über die indigenen Kulturen in Argentinien und Paraguay. Von besonderer sprachhistorischer Bedeutung sind hierbei Schmidels phonetische Umschriften der indigenen Guaraní-Sprachen. Bis heute gilt sein Reisebericht als eines der wichtigsten Zeugnisse der Geschichte Südamerikas.
Franz Daniel Pastorius
Franz Daniel Pastorius wurde 1651 im unterfränkischen Sommerhausen geboren und gehört zu den ersten deutschen Siedlern in Amerika. 1683 siedelten Pastorius und weitere Deutsche nach Pennsylvania über und strebten an, eine überkonfessionelle christliche Gemeinschaft zu gründen, die auf Brüderlichkeit, Toleranz und Nächstenliebe fußt. In der neu gegründeten Siedlung Germantown, welche bis heute existiert, richtete Pastorius eine Schule ein, arbeitete in dieser als Lehrer und brachte es sogar zum Bürgermeister des Ortes. Erst in der neuen Wahlheimat begann die literarische Tätigkeit des gebürtigen Franken, der in seinen Werken Umständige geographische Beschreibung der zu allerletzt erfundenen Provintz Pensilvania und Deliciae hortenses, or, Garden=recreations and Voluptates apianae sowohl einen deskriptiven als auch einen dichterischen Ton annahm.
Gleichermaßen engagierte sich Pastorius politisch, indem er die damals in Nordamerika herrschende Sklaverei anprangerte und sich für die amerikanischen Ureinwohner, welche der fromme Mann entgegen des im 17. Jahrhunderts vorherrschenden Denkens als gleichwertige Menschen sah, einsetzte. Im Jahre 1719 verstarb Franz Daniel Pastorius und blieb der Welt als der Mann bekannt, welcher auf ein Leben im heimatlichen Komfort verzichtete, um den eigenen Traum in der Neuen Welt zu verwirklichen. Mit seinem Einsatz ebnete Pastorius auch nachfolgenden deutschen Emigranten den Weg in ein anderes Leben und prägte so die Grundlage einer deutsch-amerikanischen Kultur.
Die nächste Folge lesen Sie am 25. Juni 2026.
Sekundärliteratur:
Schmidel:
Huber, Alfons; Maier, Stefan (Hgg.) (2024): Bairisch global. Ulrich Schmidel als Phänomen der Sprach- und Druckgeschichte. In: Jahresbericht des Historischen Vereins für Straubing und Umgebung. 125. Jahrgang 2023. Straubing, S. 107-116.
Obermeier, Franz (2001): Die Rezeptionsgeschichte von Ulrich Schmidels Wahrhaftige Beschreibung von 1567 bis heute. In: Jahresbericht des Historischen Vereins für Straubing und Umgebung 103. Straubing, S. 213-255.
Ders. (2008): Ulrich Schmidel/Ulrico Schmidl: Reise in die La Plata-Gegend (1534-1554) / Viaje al Rio de la Plata y Paraguay. Kritische Ausgabe / Edición crítica (Fontes Americanae 3). Westensee-Verlag, Kiel.
Ders. (2011): Ulrich Schmidels (Ulrico Schmidls) Reisebuch über die La Plata-Region und seine heutige Bedeutung. In: Jahresbericht des Historischen Vereins für Straubing und Umgebung. Jahresbericht 113. Straubing, S. 156-188.
Quelle:
Ulrich Schmidel: Vierte Schiffart. Warhafftige Historien. Einer Wunderbaren Schiffart, welche Ulrich Schmidel von Straubing, von Anno 1534 biß Anno 1554, in Americam oder Neuwewelt, bey Brasilia vnd Rio della Plata gethan...
Pastorius:
Krohn, Heinrich (1992): Und warum habt ihr denn Deutschland verlassen? 300 Jahre Auswanderung nach Amerika. Bergisch Gladbach.
Trommler, Frank (2004): Franz Daniel Pastorius – Ein Franke als Begründer deutschamerikanischer Identität. In: Hamm, Margot; Henker, Michael; Brockhoff, Evamaria (Hgg.): Good Bye Bayern Grüß Gott America. Auswanderung aus Bayern nach Amerika seit 1683. Augsburg, S. 91-94.
Weaver, John (2016): Franz Daniel Pastorius and Transatlantic Culture. German Beginnings, Pennsylvania. Conclucions. Bamberg.
Emigration von Schriftstellerinnen und Schriftstellern aus Bayern nach Amerika (1): Ulrich Schmidel & Franz Daniel Pastorius>
Die Geschichte der Emigration von bayerischen Schriftstellerinnen und Schriftstellern nach Amerika ist reich an Kontrasten und erstreckt sich über fast fünf Jahrhunderte. Sie beginnt im 16. Jahrhundert mit wagemutigen Abenteurern und reicht bis zu den tragischen Fluchtgeschichten des 20. Jahrhunderts. Die folgende dreiteilige Blogreihe nimmt Sie mit auf eine literarische Zeitreise, die zeigt, wie bayerische Identität auf amerikanischem Boden neu verhandelt wurde.
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Ulrich Schmidel
(dialektal bedingte Schreibvarianten: Schmidl, Schmiedel, Utz Schmidl)
Ulrich Schmidel entstammte einer wohlhabenden Straubinger Patrizierfamilie und wurde zwischen 1500 und 1510 in der niederbayerischen Residenzstadt Straubing geboren. Auch wenn über Schmidels frühe Vergangenheit nur wenig überliefert ist, kann man davon ausgehen, dass er humanistisch gebildet war. Mit Mitte Zwanzig verlässt er Straubing und tritt – wie es bei einigen jungen Patriziersöhnen im Zuge einer ‚Kavalierstour‘ Usus war – als Landsknecht in den Militärdienst. Dabei ist es wohl den langjährigen intensiven Geschäftsbeziehungen der Patrizierfamilie Schmidel mit den großen Oberdeutschen Handelsmetropolen Augsburg und Nürnberg – insbesondere den Welsern – zu verdanken, dass Ulrich Schmidel an einer Expedition an den Río de la Plata teilnehmen konnte.
Unter dem Kommando des spanischen Hauptmanns Pedro de Mendoza sollte die noch unbekannte Río-de-la-Plata-Gegend für die spanisch-kastilische Krone erschlossen und in Besitz genommen werden, um den konkurrierenden Portugiesen zuvorzukommen. Die Expeditionsgruppe, welche aus über 2.500 Teilnehmern bestand, erreichte den Río de la Plata im Januar 1535. Ulrich Schmidel war während seines fast zwanzigjährigen Aufenthalts in Südamerika an den Gründungen der Städte Buenos Aires (dt. „Gute Luft“) und Asunción (Gründung an Mariä Himmelfahrt beziehungsweise Santa María de la Asuncíon) beteiligt.
Über seinen fast zwanzigjährigen Aufenthalt in Südamerika fertigt Ulrich Schmidel einen Reisebericht an. Dieser enthält neben den nüchternen Reisebeschreibungen des Konquistadors auch Beschreibungen über die Topographie sowie die wohl frühesten Aufzeichnungen über die indigenen Kulturen in Argentinien und Paraguay. Von besonderer sprachhistorischer Bedeutung sind hierbei Schmidels phonetische Umschriften der indigenen Guaraní-Sprachen. Bis heute gilt sein Reisebericht als eines der wichtigsten Zeugnisse der Geschichte Südamerikas.
Franz Daniel Pastorius
Franz Daniel Pastorius wurde 1651 im unterfränkischen Sommerhausen geboren und gehört zu den ersten deutschen Siedlern in Amerika. 1683 siedelten Pastorius und weitere Deutsche nach Pennsylvania über und strebten an, eine überkonfessionelle christliche Gemeinschaft zu gründen, die auf Brüderlichkeit, Toleranz und Nächstenliebe fußt. In der neu gegründeten Siedlung Germantown, welche bis heute existiert, richtete Pastorius eine Schule ein, arbeitete in dieser als Lehrer und brachte es sogar zum Bürgermeister des Ortes. Erst in der neuen Wahlheimat begann die literarische Tätigkeit des gebürtigen Franken, der in seinen Werken Umständige geographische Beschreibung der zu allerletzt erfundenen Provintz Pensilvania und Deliciae hortenses, or, Garden=recreations and Voluptates apianae sowohl einen deskriptiven als auch einen dichterischen Ton annahm.
Gleichermaßen engagierte sich Pastorius politisch, indem er die damals in Nordamerika herrschende Sklaverei anprangerte und sich für die amerikanischen Ureinwohner, welche der fromme Mann entgegen des im 17. Jahrhunderts vorherrschenden Denkens als gleichwertige Menschen sah, einsetzte. Im Jahre 1719 verstarb Franz Daniel Pastorius und blieb der Welt als der Mann bekannt, welcher auf ein Leben im heimatlichen Komfort verzichtete, um den eigenen Traum in der Neuen Welt zu verwirklichen. Mit seinem Einsatz ebnete Pastorius auch nachfolgenden deutschen Emigranten den Weg in ein anderes Leben und prägte so die Grundlage einer deutsch-amerikanischen Kultur.
Die nächste Folge lesen Sie am 25. Juni 2026.
Schmidel:
Huber, Alfons; Maier, Stefan (Hgg.) (2024): Bairisch global. Ulrich Schmidel als Phänomen der Sprach- und Druckgeschichte. In: Jahresbericht des Historischen Vereins für Straubing und Umgebung. 125. Jahrgang 2023. Straubing, S. 107-116.
Obermeier, Franz (2001): Die Rezeptionsgeschichte von Ulrich Schmidels Wahrhaftige Beschreibung von 1567 bis heute. In: Jahresbericht des Historischen Vereins für Straubing und Umgebung 103. Straubing, S. 213-255.
Ders. (2008): Ulrich Schmidel/Ulrico Schmidl: Reise in die La Plata-Gegend (1534-1554) / Viaje al Rio de la Plata y Paraguay. Kritische Ausgabe / Edición crítica (Fontes Americanae 3). Westensee-Verlag, Kiel.
Ders. (2011): Ulrich Schmidels (Ulrico Schmidls) Reisebuch über die La Plata-Region und seine heutige Bedeutung. In: Jahresbericht des Historischen Vereins für Straubing und Umgebung. Jahresbericht 113. Straubing, S. 156-188.
Quelle:
Ulrich Schmidel: Vierte Schiffart. Warhafftige Historien. Einer Wunderbaren Schiffart, welche Ulrich Schmidel von Straubing, von Anno 1534 biß Anno 1554, in Americam oder Neuwewelt, bey Brasilia vnd Rio della Plata gethan...
Pastorius:
Krohn, Heinrich (1992): Und warum habt ihr denn Deutschland verlassen? 300 Jahre Auswanderung nach Amerika. Bergisch Gladbach.
Trommler, Frank (2004): Franz Daniel Pastorius – Ein Franke als Begründer deutschamerikanischer Identität. In: Hamm, Margot; Henker, Michael; Brockhoff, Evamaria (Hgg.): Good Bye Bayern Grüß Gott America. Auswanderung aus Bayern nach Amerika seit 1683. Augsburg, S. 91-94.
Weaver, John (2016): Franz Daniel Pastorius and Transatlantic Culture. German Beginnings, Pennsylvania. Conclucions. Bamberg.
