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Joachim Sartorius – Kartograf der Poesie und melancholischer Hedonist

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© Isolde Ohlbaum - Bayerische Staatsbibliothek

Zwischen Diplomatie und Poesie entfaltet sich das Werk des Brückenbauers Joachim Sartorius. Pünktlich zu seinem 80. Geburtstag zieht er mit seinem jüngsten Gedichtband Die besseren Nächte Bilanz. Der Schriftsteller Armin Steigenberger hat den Band für uns gelesen und blickt zurück auf das beeindruckende Lebenswerk des Lyrikers, Juristen, Diplomaten, Festspielintendanten und Übersetzers.

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Polierte Bilanzen vs. bleibende Werte und Ertrag durch Poesie

Wer den Namen „Sartorius“ googelt, landet erst bei Aktienkursen und Laborpipetten. Die Sartorius AG in Göttingen ist ein Global Player – doch es gibt einen anderen Sartorius, der seit Jahrzehnten ein so ganz anderes Kunststück vollbringt: Er liefert keine Messgeräte, sondern Präzisionsinstrumente für das Unmessbare. Während man in Göttingen Bilanzen poliert, erinnert uns der Dichter Joachim Sartorius dezent daran, dass all dieses Akkumulieren im Grunde ein Pfeifen im Walde ist.

Sartorius’ Gedichte sind häufig durchzogen von einer frühbarock anmutenden Vanitas – jenes Wissen um die Vergänglichkeit, das sein Werk wie ein feiner Riss in einer kostbaren Vase durchzieht. Er repariert diese Risse mit Worten, fast wie in der japanischen Kintsugi-Technik, bei der Zerbrochenes mit Goldlack geklebt wird: Die Narbe wird nicht versteckt, sondern veredelt. In einer Welt der Excel-Tabellen setzt er auf das Unzählbare und Unbezahlbare: den Vers, der die Zeit überdauert.

Meine erste Begegnung mit ihm war ein Atlas. Nicht der für den Erdkundeunterricht, sondern der Atlas der neuen Poesie. In den Nullerjahren nahm ich ihn mit zum Langwieder See, saß als gebürtiger Mittelfranke (wie der Jubilar selbst) im Schatten der Bäume und las mich durch die Welt. Sartorius war der Mann, der die Karten zeichnete. Während er als Jurist und Kulturmanager die Welt bereiste, sammelte er Gedichte. Das Buch landete in meinem Regal neben Enzensbergers Museum und einigen anderen Klassikern wie der Gedichtanthologie von Echtermeyer/von Wiese. Sartorius war für mich der erste Kartograf, der bewies: Lyrik kennt keine Grenzen – außer jenen, die man ihr selbst setzt.

Und planet lyrik brachte es zu Sartorius’ Atlas auf den Punkt: „Immerhin: die Diskussion um Lyrik wurde geführt, nicht nur von Autoren und Kritikern, jenen drei Dutzend, die sich hamstergleich im Lyrikrad drehen, sondern auch vom Geschäftsmann in Pirmasens und dem Zahnarzt in Berlin, der, sein Frühstücksei köpfend, die Faxmaschine in Gang setzte und beim zuständigen Literaturredakteur anfragte, warum um Gottes willen die Übersetzer snow mit ‚Schnee‘ wiedergegeben hätten.“ – Ein Satz, der beweist: Lyrik kann packen, unterhalten und – im besten Sinne – irritieren.

Tunis: Wo die Geschichte unter den Füßen atmet

Sartorius’ Poetik, den Kritiker auch als „skeptischen Hedonisten“ bezeichnet haben, wurde im Licht Nordafrikas geformt. Geboren 1946 in Fürth verbrachte er seine Kindheit in Tunis, wo er das Lycée de Carthage besuchte. Die oft erzählte Geschichte von den punischen Silbermünzen, die er als Zehnjähriger nach heftigem Regen auf dem Schulhof ausgrub, ist leider nicht belegt. Dennoch atmet Geschichte nicht nur im Museum, sondern auch unter unseren Füßen.

2018 war ich selbst eine Woche in Tunis. Die Medina – UNESCO-Weltkulturerbe – und ihre Souks sind ein lebendiges Labyrinth aus Gerüchen, Farben und Geschichten. Abends saßen wir mit tunesischen Freunden über den Dächern der Altstadt bei gesüßtem Schwarztee. Im Café Majestic, einem Jugendstil-Juwel, genoss ich zur Happy Hour ein Bier unter violetten Bougainvillea-Blüten. Diese Stadt ist der perfekte Nährboden für Sartorius’ Melancholie: Ein Ort, an dem man lernt, dass die Fülle des Lebens immer schon den Schatten der Vergänglichkeit mit sich trägt.

Der Brückenbauer: Zwischen Diplomatie und Poesie

Sartorius’ Lebenslauf ist eine literarische Weltreise: Von New York und Ankara über Nikosia bis zur Intendanz der Berliner Festspiele und der Leitung des Goethe-Instituts. Er war der Diplomat unter den Dichtern und baute Brücken zwischen Kulturen, lange bevor Diversity zum Buzzword wurde. Er dichtet mit einer Mischung aus preußischer Präzision und mediterraner Unaufgeregtheit. Er inszenierte Zusammenkünfte, die etwa einen libanesischen Lyriker und einen US-Performance-Künstler in einem gemeinsamen, fast zeitlosen Kulturraum vereinten.

Sartorius war nie nur Verwalter; er war ein Regisseur der Begegnungen, der das Festival als Gesamtkunstwerk begriff. Seine wohl nachhaltigste editorische und kuratorische Leistung liegt in der Aneignung des Fremden. Als Übersetzer und Herausgeber hat er uns die Stimmen von Malcolm Lowry oder John Ashbery erschlossen – jene komplexen, bildgewaltigen Kosmopoliten, deren Sprachkraft Sartorius mit einer Eleganz ins Deutsche übertrug, die ihresgleichen sucht. Wer seine Übertragungen liest, spürt die Ehrfurcht vor der autonomen Metapher, vor einem Gedicht, das als unantastbar begriffen wird.

In dieser weltläufigen Ästhetik des 20. Jahrhunderts nahm Sartorius häufig die Rolle als Hüter eines Kanons ein und agierte als Gatekeeper einer normativen Ordnung. Wo die junge Generation radikale Körperlichkeit und Identitätspolitik in den Vordergrund stellt, mahnte Sartorius oft die Form an. Doch die Lyrikszene ist weitläufig genug für beides: Während seine Generation für eine kulturelle Tradition steht, die Literatur als geistige Kulturschöpfung begreift, verbindet die junge Lyrik sinnlich-körperliche Erfahrung mit politischer Schärfe. Sartorius’ Werk zeigt, dass dies keine Gegensätze sein müssen.

Sartorius’ Lyrik besitzt oft eine bemerkenswerte haptische Präsenz; seine Bilder wirken beinah greifbar. In seinem Text Auf ein altes Bild, zelebrierte er 1996 diese in pure Sinnlichkeit übersetzte Vanitas:

„Das Dekor: Ein Weinstock, davon die Traube. / Noch ein Füllhorn, noch eine Wabe, noch ein Krug. / Davon der Wein. / Ein Olivenbaum, davon die Olive. / Noch eine Brust, ein Euter, davon das Öl.“

Die besseren Nächte: Ein Spätwerk der Stille

Zu seinem 80. Geburtstag legt Sartorius den Band Die besseren Nächte vor. Die Gedichte atmen die Gelehrsamkeit eines Weltbürgers und eine fast schwebende Eleganz – Texte wie fein ziseliertes Glas. Sein Beharren auf der Form wirkt wie der Bau einer Festung aus Schönheit gegen die Zumutungen der Gegenwart. Mit einem Motto von Malcolm Lowry leitet er den Band ein:

„Off this gibbering world / We shall fall. / Read madness. / Accept nothing. / Accept all.“[1]

Der Band fächert sich auf: Von den plastischen Gegenständen des Arbeitszimmers, die von der schönen Hinfälligkeit alles Irdischen erzählen bis hin zu Ruinösen Landschaften, in denen die Gegenwart als Echo der Antike nachhallt. Selbst vor Aleppo und Tikrit, den Grabkammern der Gegenwart, macht er nicht halt. In Späti in Delphi fließen das antike Orakel und die Berliner Kioskkultur ineinander: „Das Einzige, das wir verstanden: / Dass die Überfallenen die Sieger sind.“

Hier deutet sich diskret die politische Dimension des Ästheten an. Die „gibbering world“, die schnatternde Welt, aus der er sich laut Motto von Malcolm Lowry zurückzieht, blitzt dennoch auf: Ertrinkende, Flüchtende, die Ruinen von Aleppo. Aber Sartorius bleibt der Form treu. „Das Blau ist heute von keinem Flüchtlingsboot zerkratzt“ – ein Satz, der wehtut, gerade weil er so unerträglich schön formuliert ist. Es ist die Komfortzone eines Weltbürgers, die hier vermessen wird, doch sie zeigt Risse: Wenn das lyrische Ich bekennt, dass es der „böse Blick der toten Tintenfische“ verfolgt und es „zur Abwehr schwarze Schleifen“ trägt. – Eine Szenerie wie in einem Psychothriller.

Wir sind Streuner: Collagen des Lebens

Besonders faszinierend ist das Kapitel Wir sind Streuner. Sartorius lässt Tiere sprechen, die mehr über den Menschen wissen als dieser selbst. Ein Husky sagt:

„Auf meinem Schwanz weiße Minze. [...] Ich bin Streuner, Pflastergucker, Lüstling.“

Dazwischen stehen Begegnungen mit Weggefährten, die er in seinem Pantheon feiert. Er hält Zwiesprache mit all den Geistesverwandten, die sein Denken über Jahrzehnte begleiteten: Sappho, Cesare Pavese, Tezer Özlü, Orhan Veli, Wallace Stevens, Henri Michaux.

 Über Guido Ceronetti schreibt er: „Ceronetti trinkt Tee / oder schnitzt Marionetten / aus Rimbaud und Marco Polo.“ Und über Rolf Dieter Brinkmann: „Es ist nichts los. / Nichts als ein Wörtersommer / in der gespaltenen Lippe, / die zusehends / verdorrt.“

Das Fenster ist offen: Schatten, Licht & ein Hauch von Ironie

Hinter dem Habitus des Poeta Doctus zeigt sich eine neue Verletzlichkeit. In Das Fenster ist offen wägt er ab, ob das Überleben angesichts urbaner Gefahren den Preis wert ist – eine „kleine Katze, / arme, winzige Katze“ hat Angst. Doch er bricht diese Schwere mit Lichtblitzen auf:

„Noch jung, nicht / durchgesalzen, nicht hart / leuchten wir am Morgen / wie eine Arie in der Luft.“, lesen wir im Gedicht Aus dem Wasser.

Sein titelgebendes Gedicht Die besseren Nächte mündet in die Erkenntnis, dass die Nächte am besten sind, „in denen eine Berührung gelingt“. Da ist sie wieder, die Anspielung an Giacomo Casanova, dem der Satz zugeschrieben wird: „Was sind alle Philosophien gegen eine einzige Liebesnacht?”

Bezogen auf alles Vergängliche schreibt er, „Die Zukunft hat ein sehr altes Herz“. Die Körperlichkeit findet im Traum statt – oder ganz real auf dem Krankenbett der Berliner Charité, wo das Delta des Nils über den Kardiologie-Monitor flimmert.

Coda: Das Mittelmeer umarmt uns alle

Zum Abschluss präsentiert Sartorius eine „Coda“ – ein Langgedicht auf das Mittelmeer, das von Homers Odyssee bis zu modernen Radarschirmen alles umfasst. „Ab und an kitzelt ein Dichter die Nymphen wach”, lesen wir da. Es ist ein Langgedicht, das von den osmanischen Eroberern bis zu den Radarschirmen der Gegenwart reicht, von den Oden des Pindar bis zu den trunkenen Strophen von Abu Nawas. Er bleibt sich treu: derjenige, der die Trümmer der Geschichte zu einem glänzenden Ganzen zusammenfügt. „Die Welt ist glänzend schön“, schreibt er, und vielleicht scheint das Licht ja gerade deshalb so hell, weil die Jahre es immer wieder neu brechen.

„Es mag heute gebeutelt sein“, dieses „Gedächtnis des Mittelmeers“, „halb vergessen“ unter „zerbrochene[n] Demotafeln“ und Kriegen. Doch bei Sartorius tritt es „durch die große Tür. Es umarmt uns.“ Wir gratulieren einem Dichter, den ein Kollege einst einen „melancholischen Hedonisten“ nannte – ein Etikett, das er heute, mit achtzig Jahren, mit einem scherzhaften Lächeln als „guten Schluss“ eines TV-Porträts quittiert.

 

[1] „Aus dieser schnatternden Welt / Werden wir stürzen. / Lies den Wahnsinn. / Akzeptiere nichts. / Akzeptiere alles.“

Externe Links:

Die besseren Nächte