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29.04.2026, 08:46 Uhr
Redaktion
Gespräche

Interview mit Elena Riedel über das kommende Literaturhaus in Würzburg

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Das Literaturhaus Würzburg im Posthäusle © Literaturhaus Würzburg e.V.

Seit Jahren kämpft die unterfränkische Literaturszene um ein Literaturhaus. Im Herbst 2026 soll es so weit sein. Elena Riedel, Vorstandvorsitzende und Gründungsmitglied des Literaturhaus Würzburg e. V., spricht über die Herausforderungen und Möglichkeiten eines festen Ortes für die Literatur in Würzburg. Für sie ist klar: Das Literaturhaus Würzburg muss ein Ort sein, der niemanden ausschließt.

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Literaturportal Bayern: Liebe Frau Riedel, Sie setzen sich mit dem Verein „Literaturhaus Würzburg e. V.“ seit Jahren dafür ein, dass die Stadt ein Literaturhaus erhält. Warum ist das notwendig?

Elena Riedel: Ganz einfach: Weil Würzburg bisher kein Literaturhaus hat und wir überzeugt sind, dass eine solche Institution die Stadt und die Region bereichern würde. Literaturhäuser sind in Bayern rar. Würzburg ist eine Universitätsstadt und war die Heimat eines der ersten Literaten Deutschlands: Walther von der Vogelweide, viele weitere sollten folgen. Heute hat Würzburg eine sehr bunte, lebhafte und große Literaturszene, der es jedoch massiv an Sichtbarkeit fehlt – weil jeder als Einzelkämpfer unterwegs ist. Oder besser gesagt, war: Das Netzwerk, das wir aufgebaut haben, hat den Austausch und Synergien schon stark verbessert.

Elena Riedel © privat

LPB: Welche Gruppen und kulturellen Institutionen in Würzburg sind daran beteiligt?

Riedel: 2020 ist der „Literaturhaus Würzburg e. V.“ aus der Literaturszene heraus entstanden, um den Bedarf nach einem Ort für Literatur geschlossen kulturpolitisch kommunizieren zu können. Im Prinzip sind alle literarischen Akteur:innen in Würzburg mit uns verbunden – teilweise sehr eng, teilweise eher im losen Austausch, wie bei den regelmäßigen Netzwerktreffen. Ich zähle mal einige auf, ohne Anspruch auf Vollständigkeit: Kollektive Literaturzeitschrift Würzburg, Autorenkreis Würzburg, die unabhängigen Buchhandlungen, Würzburg liest ein Buch e. V., Rise – die queere Lesebühne, U21 Poetry Slam, Verlag Rotscheibe und viele Schreibende, die Austausch mit anderen Schreibenden suchen.

LPB: Wie würden Sie den Weg beschreiben, den Sie bis jetzt zurückgelegt haben?

Riedel: Wir haben viele Einzelkämpfer zusammengebracht, einen Verein gegründet und durch Netzwerkarbeit eine gemeinsame Identität als Würzburger Literaturszene geschaffen. Das war unser erster Meilenstein. Was die Finanzierung angeht, stehen wir von Beginn an im engen Austausch mit der Stadt Würzburg – und konnten 2025 von einzelnen Projektförderungen auf eine institutionelle Förderung umstellen. Das bedeutet Planbarkeit und war unser zweiter Meilenstein. Der dritte Meilenstein ist gerade in der Umsetzung: Im Herbst 2026 beziehen wir eine feste Spielstätte, das Posthäusle in der Zellerau.

LPB: Was sind die größten Herausforderungen dabei?

Riedel: Die fehlenden Ressourcen – wir alle sind komplett ehrenamtlich tätig. Und auch wenn die Szene groß ist, setzen alle Gruppen ihre Projekte weiterhin um und das Leitungsteam des Literaturhaus steht mit Programmarbeit, Netzwerkarbeit, kulturpolitischer Arbeit und Strategie relativ alleine da. Wir sind fünf Personen und dadurch stark limitiert darin, wie schnell und wie viel wir vorantreiben. Eine Professionalisierung ist definitiv der nächste wichtige Schritt, wenn wir weiter wachsen und die Vision umsetzen wollen.

LPB: Im Sommer 2026 soll es endlich einen festen Ort für das Literaturhaus geben - ein Raum in der früheren Postfiliale in der Zellerau. Was versprechen Sie sich davon, diesen festen Ort zu haben?

Riedel: Hier entsteht ein sozio-kultureller Ort, also kein rein literarischer Ort – und das finden wir toll! Wir wollen keine Schwellenängste, wir wollen die Fehler der bestehenden Literaturhäuser nicht wiederholen, sondern ein offenes Haus sein. Durch das gemeinsame Konzept mit dem Quartiermanagement wird das gelingen.
Am Nachmittag und Abend bieten wir – aus der ganzen Literaturszene heraus - kleine Veranstaltungen, Lesungen, Lesebühnen, Lesetreffs, Buchclubs, Silent Reading, Raum für Vereinstreffen, Schreibgruppen und vieles mehr an. Ein echter Ort der Begegnung. Vor allem auch Würzburger Autor:innen, die noch keine große Leserschaft haben, können sich hier ausprobieren. Vor allem aber schaffen wir Sichtbarkeit. Denn ab dann gilt: Willst du in Würzburg Literatur erleben, geh ins Literaturhaus im Posthäusle.

LPB: Eine Immobilie ist mit Kosten verbunden. Wer unterstützt Sie dabei?

Riedel: Die Stadt Würzburg mit dem Fachbereich Kultur ist ein wichtiger strategischer Partner für uns. Durch die sozio-kulturelle Nutzung ist auch das Sozialreferat mit im Boot. Wir bekommen die Immobilie sehr kostengünstig, eventuell sogar mietfrei, zur Verfügung gestellt. Das Posthäusle ist ein zentraler Ort, der schon lange leer steht und wichtig für die Lebensqualität im Viertel ist – daher ist das eine Win-Win-Situation für alle Beteiligten. Ein wichtiger Förderer ist zudem die Vogel Stiftung Dr. Eckernkamp, die uns für diese neue Phase ein Budget zur Verfügung gestellt hat. Weitere Förderer sind die Bürgerstiftung und die Stadtbau Würzburg GmbH bei der Ausstattung, der Bezirk Unterfranken und die Sparkassenstiftung.

LPB: Welche Ziele haben Sie auf lange Sicht für das Literaturhaus Würzburg und die literarische Szene dort?

Riedel: Wir haben unsere Vision von Anfang an formuliert und bewegen uns Schritt für Schritt darauf zu: In Würzburg soll ein Haus für Gegenwartsliteratur entstehen, welches sich den Herausforderungen der Gegenwart stellt. Unterschiedliche literarische und gesellschaftliche Positionen sollen zu Wort kommen. Das heißt, wir wollen ein anspruchsvolles vielseitiges Veranstaltungsprogramm bieten und zugleich Ansprechpartner und Netzwerk für regionale Autor:innen sein. Das Haus soll als Treffpunkt für Arbeitstreffen und Proben dienen und mit einem literaturpädagogischen Programm den Nachwuchs fördern. Dabei sind uns drei Programmbereiche wichtig: Der Leseraum mit Veranstaltungen für Lesende, von der Lesung bis hin zum Lesekreis, dem Schreibraum mit Angeboten wie Textwerkstätten, Workshops, Schreibkurse und der Denkraum mit Veranstaltungen, die literarischen, gesellschaftlichen Diskussionen oder der Wissenschaft zugewandt sind. Kurzum: Wir wollen ein Haus sein für alle Literaturbegeisterten – und möglichst viele Menschen mit unserer Begeisterung anstecken.