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Grußwort des Kulturreferenten zu den Literaturtagen Ingolstadt 2026

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© Literaturportal Bayern

Der Kulturreferent Marc Grandmontagne eröffnete die Ingolstädter Literaturtage mit einer so engagierten wie kritischen Rede zum Wert der Kultur und der Literatur für die Gesellschaft. Einen Auszug daraus bringt das Literaturportal Bayern.

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In Anwesenheit von Jonas Lüscher, Kurator des „Festivals im Festival“ bei den Literaturtagen Ingolstadt 2026 und Träger der Marieluise-Fleißer-Preises 2025, und der Debütautorin Raphaëlle Red (Adikou), eröffnet der Kulturreferent der Stadt Ingolstadt, Marc Grandmontagne, das diesjährige Festival im zur früheren Universität gehörenden Georgianum. Seine eigentliche Ansprache nach Begrüßung und Dankesworten beginnt er mit einem Zitat von Jonas Lüscher:

Wenn es etwas gibt, was die vier Autorinnen, die dankenswerterweise meiner Einladung nach Ingolstadt folgen, miteinander und auch mit Marieluise Fleißer verbindet, dann ist es die literarische und gesellschaftspolitische Ernsthaftigkeit … Sie wollen etwas, sie wagen etwas. Hier wird von der Welt erzählt. … Und immer wieder wird nach einer eigenen Stimme, einer Sprache die trägt, gesucht.

Dies ist der Hauptteil der Ansprache von Marc Grandmontagne im Wortlaut:

„Die aktuelle Lage der Kultur in Deutschland und insbesondere in Ingolstadt gibt zu Sorgen Anlass: Die Kassen der Stadt (wie die vieler anderer Kommunen) sind erschreckend leer, es wird an sogenannten freiwilligen Leistungen (ergo Kultur und Sport) in den Kommunen gespart, Theater, Museen, Festivals und die freie Szene kämpfen nicht nur hier ums Überleben.

Am erschreckendsten ist aber die Tatsache dabei, dass für inhaltliche Diskussionen schlichtweg kein Raum mehr bleibt. Die Gnadenlosigkeit des kommunalen Haushaltsrechts zwingt zu brutalen und kurzsichtigen Kürzungen, die rechtlich freiwilligen, aber politisch doch gebotenen Leistungen wie etwa Kultur sind nicht nur das Kernstück kommunaler Autonomie, sie sind vor allem unverzichtbar für das gesellschaftliche Zusammenleben und das, was Leben überhaupt erst ausmacht. Aber sie rechnen sich natürlich nicht, jedenfalls nicht betriebswirtschaftlich. Kulturinstitutionen sind defizitäre Institutionen nach dem Haushaltsrecht, sie erwirtschaften keine haushälterischen Gewinne. Kultur und in ihrem Kern die Künste sind vor allem eines: zweckfrei. Und sie unterliegen auch keinem Nützlichkeitsprinzip. Ihr Sinn entfaltet sich in einer ästhetischen Differenz. Und vielleicht erwirtschaften sie gesellschaftliche, ästhetische und menschenbildende Gewinne, Humanität und Empathie, aber die wiederum werden nicht eingerechnet. 

Aus alledem beziehen die Künste ihre Stärke und das macht sie gleichzeitig so fragil. Sie scheinen verzichtbar zu sein in einer Zeit, die dringendere Aufgaben hat. Und so entlarvt sich die rhetorische Kulturpolitik mal wieder als das, was sie ist: substanzloses Sonntagsgeschwätz, am liebsten von der Kultur als Kitt der Gesellschaft – was schon an sich eine Überforderung ist.

Dies ist nur ein Grußwort und daher kein Ort, um näher darauf einzugehen. Gründe für die Förderung von Kunst und Kultur gibt es viele und gerade die Literatur und Auseinandersetzung mit der Sprache, die soviel Leben ausmacht, die umgarnen oder verstören, heilen und verletzen, beschreiben und erschaffen kann, ist dabei von zentraler Bedeutung. Und wenn ich nicht an die Kraft der Sprache glauben würde, würde ich jetzt nicht zu Ihnen sprechen.

Und so möchte ich mit einem Zitat der Schriftstellerin Judith Keller zur Eröffnung der 40. Solothurner Literatur (2018) schließen, die auf wunderbare Weise beschreibt, was die Aufgabe der Literatur sein kann. Auf die Frage – so schreibt sie – wie sich das Schreiben, das Erzählen für sie, heute, im Jahr 2018 anfühle, was das Erzählen für sie bedeute, sagte sie:

Darüber musste ich lange nachdenken und muss es noch weiterhin tun. Ich bin der Meinung, dass wir, wie zu jeder anderen Zeit schon, auch im Jahr 2018 erzählt werden, und zwar nicht besonders gut. Doch nachdem ich das gesagt habe, bin ich schon nicht mehr sicher, ob es noch stimmt, was ich gesagt habe, es kommt mir bereits veraltet vor. Darum beginne ich noch einmal. Ich bin der Meinung, dass wir, und sicher geschah auch das schon lange zuvor, aber mir scheint, es ist mehr geworden, im Jahr 2018 weniger erzählt als errechnet werden, und auch das nicht besonders gut. Denn wir finden uns zwar als Resultat einer Rechnung wieder, aber wir sind darin nicht aufgegangen. Wir gehen nicht auf. Es ist darum eine Sprache vonnöten, und ich finde, eine literarische, um diese Rechnung, die nicht aufgeht und deren Resultat wir sind, ins Erzählen zu übersetzen.

Welche Rechnungen erzählen die Resultate? Stimmen die Rechnungen? Oder stimmen sie nicht, weil es darin an Stimmen fehlt?

Erst durch das Suchen nach den Bedingungen, die zu den Resultaten führten, kann in den Blick geraten, womit nicht gerechnet wurde. Und dies finde ich eine Aufgabe der Literatur: Erzählen, womit nicht gerechnet wurde. Erzählen, womit nicht gerechnet werden kann. Erzählen, was sich unter den Wörtern regt. Ich brauche meine ganze Fantasie dafür, mir vorzustellen, was das ist.“

Ich wünsche Ihnen und uns einen schönen Abend, ein erkenntnisreiches Festival und danke für Ihre Aufmerksamkeit!“

Den Bericht von der Lesung mit Raphaëlle Red lesen sie hier.