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Ein literarischer Brief zum 80. Jahrestag des Zweiten Weltkriegsendes

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von links: Annegret Liepold, Michala Čičváková, Štěpán Kučera, Lenka Hošová. ( © Literaturarchiv Sulzbach-Rosenberg

Auf Einladung des Literaturhauses Oberpfalz, des Adalbert Stifter Vereins München, und des Tschechischen Literaturzentrums Prag, (Ceske Literarní Centrum) fand vom 23.-25.9.2025 ein bayerisch-tschechisches Vernetzungstreffen zum Thema Nie wieder ist jetzt! 80 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegsstatt. Der folgende literarische Brief stammt von dem teilnehmenden tschechischen Autoren Štěpán Kučera.  

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Lieber Herr Blaschka,
 
Sie wundern sich vielleicht, warum ich ihnen heute schreibe, wenn man bedenkt, dass Sie am 1. Mai 1939 verstorben sind. Den Beginn des Zweiten Großen Krieges haben Sie nicht miterlebt und Sie wissen auch nicht, dass Bomben Ihre Heimatstadt Dresden gegen Ende dieses Krieges zerstörten und dass die ersten Glasmodelle von Seeanemonen, die Ihr Vater geschaffen hatte und die im Dresdner Naturkundemuseum aufbewahrt waren, dabei in Stücke gerissen wurden, und Sie wissen wohl auch nicht, dass eine Bombe Ihr Haus traf.
Entschuldigen Sie bitte, dass ich mir einen enzyklopädischen Abstecher erlaube. Es kann sein, dass diesen Brief Menschen lesen werden, die Sie nicht kennen; und ich vermute, so ein enzyklopädisches Schlagwort könnte auch Ihnen Freude machen. Also: Bei Ihrem Vater und Ihnen handelt es sich um die beiden Kunstglasmacher Leopold und Rudolf Blaschka. Sie schufen die weltweit besten Glasmodelle von Fauna und Flora. Ihre Modelle von wirbellosen Meerestieren –⁠⁠⁠⁠⁠⁠ Tintenfischen, Quallen, Kalmaren oder Strahlentierchen –⁠⁠⁠⁠⁠⁠ wurden in Museen auf der ganzen Welt ausgestellt, von Mexiko-Stadt und San Francisco über London und Paris bis hin zu Tokio und Melbourne (und das zu einer Zeit, als die Ausstellung von Glasmodellen die einzige Möglichkeit war, den Besuchern die Schönheit dieser Meeresbewohner zu vermitteln, deren wirbellose Körper weder ausgestopft noch anderweitig präpariert konnten).
Die komplette Sammlung Ihrer Pflanzenmodelle wird wiederum von der Harvard University in Boston aufbewahrt, wo Ihre Glass-Flowers-Kollektion bis heute zu den beliebtesten Besucherattraktionen gehört –⁠⁠⁠⁠⁠⁠ mit dem treffenden Motto „Das Wunder der Kunst in der Wissenschaft und das Wunder der Wissenschaft in der Kunst“. Ihre Werke sind von den lebenden Vorbildern nicht zu unterscheiden, und selbst heute, nach einem Jahrhundert des technologischen Fortschritts, können Glasbläser nicht ganz mit Ihren Meisterwerken mithalten.
 
Nun aber dazu, warum ich Ihnen eigentlich schreibe. Bei einem Treffen deutscher und tschechischer Schriftsteller anlässlich des 80. Jahrestags nach Ende des Zweiten Weltkrieges mit dem Motto „Nie wieder ist jetzt“ haben wir darüber diskutiert, wie man verhindern kann, dass sich die Gräuel dieses Krieges wiederholen, und ob Kunst dazu beitragen kann. Und ich musste dabei an Sie denken.
Bestimmt habe ich auch deshalb an Sie denken müssen, weil ich erst vor kurzem ein Buch über Sie und Ihren Vater fertiggeschrieben habe. Daher denke ich oft an Sie.
Auf diesem deutsch-tschechischen Schriftstellertreffen wurde auch die Frage gestellt, ob wir aus der Vergangenheit lernen können. Die Antwort darauf könnte lauten, dass wir natürlich lernen können, das Problem ist nur, dass jeder anders lernt. Die Geschichte spricht zu uns durch Erzählungen, die unterschiedlich gelesen werden können –⁠⁠⁠⁠⁠⁠ und verschiedene Menschen können sie unterschiedlich erzählen. Ich werde Ihnen nicht im Detail von einem Präsidenten aus unserer Zeit erzählen, der sich das Ziel gesetzt hat, ein Nachbarland zu „entnazifizieren”, und dort Krankenhäuser bombardiert und Kinder entführt. Sicherlich würde auch dieser Präsident den Satz „Nie wieder ist jetzt“ voll und ganz unterschreiben und zustimmen, dass sich die Gräuel des Krieges nicht wiederholen dürfen.
Sie haben den Beginn des Zweiten Großen Krieges nicht erlebt, aber Sie haben die Zeit davor miterlebt: den Ersten Großen Krieg, die Ära der Weimarer Republik, die Hyperinflation, die Weltwirtschaftskrise und die Entstehung des Dritten Reiches. Und davor auch den Höhepunkt der industriellen Revolution, die koloniale Ausbeutung von Gebieten in Übersee und die Zeit, die man damals noch nicht „Belle Époque“ nannte, da die Menschen damals noch nicht wussten, dass es sich nur um eine schöne Epoche handelte, die nicht für immer dauern wird. Und sie wussten auch vom Erstarken unterschiedlicher Nationalismen nur zu gut – als Deutschböhme, gebürtig aus Böhmisch Aicha/Český Dub und wohnhaft in Dresden –, doch bewegte Sie das nicht sonderlich. Wenn ich nach dem urteile, was ich Ihren Briefen entnehmen kann, dann fühlten Sie sich als Weltbürger.
 
In Ihrer Jugend erlebten Sie das Aufkommen des Sozialdarwinismus und zu Ihrem Lebensende auch dessen praktische Umsetzung in Nazi-Deutschland. Sie waren mit Professor Ernst Haeckel befreundet, den sein Gespür für die Schönheit von Meerestieren zu erschreckenden Reflexionen über den Menschen führte. Haeckel widmete Ihnen und Ihrem Vater sogar ein Exemplar seiner Monographie über die Arbeitsteilung in der Natur und in der Gesellschaft, in der er, basierend auf Studien über Staatsquallen, zum Schluss kam, dass die kulturelle Entwicklung der Gesellschaft im direkten Verhältnis zur Entwicklung Ihrer Arbeitsteilung steht – und nach Haeckels Auffassung stand der Homo Mediterraneus, also der weiße Mensch, an der Spitze der Gesellschaft, da er sich als einziger durch wirkliche Geschichte auszeichne, während er Schwarze Menschen aus Übersee in seiner Ordnung ganz unten sah. Sie schätzten die biologischen Arbeiten von Professor Haeckel, doch auf sein wackeliges Konstrukt zu Gesellschaftstheorien ließen Sie sich nicht ein. Ich habe Ihre Korrespondenz mit ihren vielen hundert Seiten durchgesehen und weder einen Hinweis darauf gefunden, dass Sie die Erkenntnisse der Biologie auf die Gesellschaft übertragen wollten, noch einen Hinweis darauf, dass Sie zu Sozialdarwinismus, Eugenik oder „Rassenhygiene“ tendierten.
Sie und Ihr Vater haben die Natur nicht auseinandergenommen, Sie wollten nicht bis ins Innere vordringen. Sie wussten, dass es nicht nötig ist, etwas zu beherrschen und zu töten, und dass es bereits ausreicht, etwas zu beobachten. Ihr ganzes Leben lang haben Sie eine klare Sicht bewahrt. Sie haben nicht versucht, eine Theorie über die Zusammenhänge zwischen Nesseltierkolonien und der menschlichen Gesellschaft zu formulieren – dafür ist es Ihnen gelungen, ein Brennnesselblatt mitsamt seinen feinen Äderchen zu erfassen.
 
„Die Werke der Blaschkas haben Geist und Magie, Empfindsamkeit und Stil, sie gehen weit über die mechanische Imitation der Natur hinaus. Sie zeigen uns die Gestalt der Natur und Ihrer Seele“, schrieb eine Forscherin, die sich mit Ihrem Werk befasste. An anderer Stelle habe ich gelesen, dass unsere alte Sprache nicht ausreicht, um die neuen Herausforderungen der Welt zu beschreiben, und die Sprache der Kunst exakter sein kann. Vielleicht gilt das auch für die Kunst von Tieren und Pflanzen.
Wir Menschen brauchen Geschichten, denn sie halten unsere Gesellschaft zusammen. Aber vielleicht sollten wir auch lernen, die Welt ohne Geschichten zu betrachten. Vielleicht wären Sie an den Untersuchungen zum Sehen von Insekten interessiert. Diese haben gezeigt, dass Ameisen oder Bienen die Welt anders wahrnehmen als wir und auch Dinge sehen, die unseren Augen verborgen sind. Das macht uns bewusst, dass auch die Welt, wie wir Menschen sie sehen, nur eine Version der Wirklichkeit darstellt. Vielleicht ist das die wichtigste philosophische Erkenntnis, die uns Menschen von den Insekten zuteil wird.
Ich weiß nicht, ob man vermeiden kann, dass sich Kriegsgräuel wiederholen. Vermutlich nicht. Sie selbst schrieben am Vorabend des Ersten Großen Krieges:
 
Wir täuschen uns selbst, wenn wir glauben, dass die heutige oder vielmehr die zukünftige Menschheit zu mehr Zivilisation und sozialem Frieden tendieren wird. Nein, die verborgenen wilden Instinkte des Menschen können jederzeit wieder zum Vorschein kommen, wie bei einem gezähmten Raubtier. Es reicht, wenn Fanatismus und Bosheit den gesunden Menschenverstand und die Rücksichtnahme übertrumpfen. Schreckliche Verbrechen und blutige Kriege, wie sie vor hundert oder vor tausend Jahren stattfanden, werden sich immer wieder wiederholen, solange es Menschen gibt.
 
Ich weiß nicht, ob uns die Kunst helfen kann, aber vielleicht ja, zumindest in manchen Fällen. Das Heilbringende der Kunst bedeutet wohl, die Dinge so zu betrachten, wie Sie es taten: ohne die Geschichten in unseren Köpfen, ohne vorgefertigte Interpretationen. Keine Fahnen hissen, nicht mit der Zeit gehen, nicht das erzählen, was erwartet wird. Sondern das wahrnehmen, was wir sonst übersehen. Zum Beispiel die Schönheit von Bildern, die von einem parasitären Pilz geschaffen wurden.
Danke dafür, wie Sie sehen konnten.
 
Übersetzung aus dem Tschechischen: Julia Miesenböck