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08.04.2026, 09:02 Uhr
Tanja Dückers
Rezensionen

Der Roman „Alle meine Mütter“ von Lena Gorelik

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© Rowohlt Verlag

Mit Alle meine Mütter hat die vielfach ausgezeichnete Münchner Autorin Lena Gorelik soeben ein vielschichtiges, berührendes neues Buch vorgelegt. Zumindest für diejenigen, die sich nicht daran stören, eher einen Essay als einen Roman vor sich zu haben, meint die Schriftstellerin Tanja Dückers.

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In den vergangenen Jahren ist es seitens der Verlage sehr populär geworden, die unterschiedlichsten Texte, die sich nicht in ein Genre einordnen lassen, als „Roman“ zu deklarieren, um Leserirritation und Zweifel an der Marktfähigkeit im Buchhandel auszuräumen. Auch der Rowohlt Verlag macht hier keine Ausnahme. Dafür kann Lena Gorelik aber nichts.

Wundern kann man sich auch über das denkbar zeitlose Allerweltsthema von Goreliks neuem Buch: Mütter und Mutterschaft. Zumindest hier hat der Verlag recht: Es ist ein Thema, das uns alle angeht; wir alle haben oder hatten eine Mutter.

Kaum ein Thema ist, abgesehen von der erotischen Liebe, so in die Literatur eingegangen wie dieses. Von Medea (Euripides) über Anna Karenina (Tolstoi), Die Elenden (Victor Hugo) und Little Women von Louisa May Alcott bis hin zu Mütter und Söhne (Colm Tóibín), Das Gras auf unserer Seite (Stefanie de Velasco) und Nebenan (Kristine Bilkau): Mütter stehen oft im Zentrum des klassischen wie des gegenwärtigen literarischen Schaffens.

Kann man diesem Sujet noch neue Seiten abgewinnen? Zum einen schreibt Lena Gorelik eher über Mutterschaft als über Mütter:

„Ich möchte über Mütter und Nicht-Mütter schreiben, über Frauen*, die Mütter sein müssensollendürfenkönnenwollen, und über all jene, die nicht Mütter sein müssensollendürfenkönnenwollen; über uns, die wir Kinder von Müttern sind, selbst wenn wir es vielleicht nicht sein wollen.

Zum anderen macht der Plural in Alle meine Mütter deutlich, dass Gorelik sich der Problematik bewusst ist und das Sujet anders als üblich, nämlich universalistisch angehen will. Und das gelingt ihr: Sie versammelt viele einzelne „kleine“ Geschichten über Mütter, Mutterschaft, den Wunsch nach Mutterschaft, die Angst vor ihr, Unzufriedenheit mit der Rolle als Mutter etc. Sie geht verschiedenen Frauen nach – jungen Müttern, alten Müttern, emigrierten Müttern, „Bonusmüttern“ oder Patchworkmüttern, Müttern mit behinderten Kindern, Frauen, die keine Mütter werden können, Frauen, die Mutterschaft kritisch sehen … Das Thema, das die Einzelstimmen vereint, ist die Auseinandersetzung mit der Mutterschaft, in allen Affirmations- und Negationsformen.

In einer der Geschichten schreibt Lena Gorelik über ihre Protagonistin: „Sie könnte Olga heißen, Natascha, Irina. Sie könnte Marina heißen oder Mascha, Maschenka, Maschutka. Maschutka, so hat ihre Mutter sie früher genannt“, womit sie ihren Anspruch, für viele Frauen zu schreiben, deutlich macht.

Die Geschichten bleiben dicht an den jeweiligen Figuren. Gorelik kann schreiben, hat einen poetischen Blick auf die Welt: „Der Herbst kriecht in die Menschen, kriecht in die Tage …“. Sie gewinnt scheinbar nebensächlichen Vorkommnissen immer eine neue interessante Seite ab. Alltag in der Farbe Grau gibt es bei ihr nicht.

Dabei erweitert Gorelik ihre Geschichten um eine Einordnung in einen größeren soziologischen Zusammenhang. Das könnte trocken wirken oder unbeholfen in den Erzählfluss eingewoben werden, ist es aber nicht. En passant erfährt man etwa in der Geschichte über eine namenlose oder eher: vielnamige slawische Frau, dass die Sowjetunion eine Weile lang das Land mit den meisten Schwangerschaftsabbrüchen weltweit gewesen ist.

„Ich lese: vier Schwangerschaftsabbrüche auf eine Geburt. In jeder Abort-Sonderabteilung einer jeden Klinik wurden pro Tag bis zu zweihundertfünfzig Schwangerschaftsabbrüche vorgenommen. Die Eingriffe waren kostenlos und legal, das weiß ich, und dass die Umstände, unter denen die Eingriffe vorgenommen wurden, menschenunwürdige waren“.

Weiterleben der Tochter in der Mutter

Die Sowjetunion kennt Lena Gorelik aus der Nahansicht; sie wurde 1981 in Leningrad, dem heutigen Sankt Petersburg, geboren. Im Alter von elf Jahren wanderte sie mit ihren Eltern, der Großmutter und ihrem Bruder als jüdischer Kontingentflüchtling nach Deutschland aus. Die erste Station der Familie war eine Flüchtlingsunterkunft in Ludwigsburg. Dort musste Lena Gorelik anderthalb Jahre mit ihren Angehörigen in einer Baracke leben, bevor die Familie nach Stuttgart ziehen durfte. Nach dem Abitur ging Gorelik nach München, um dort eine Ausbildung an der Deutschen Journalistenschule zu absolvieren. Anschließend machte sie ihren Master in Osteuropastudien an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Zwei Jahre lang studierte sie Politik an der Hebräischen Universität von Jerusalem, lernte sowohl Hebräisch als auch Arabisch.

Ein roter Faden in Alle meine Mütter ist die eine, die eigene Mutter: Lena Gorelik begleitet die schwer Erkrankte, die sie zuvor immer als stark, fast unverwundbar wahrgenommen hat, auf ihrem letzten Weg. Die Auseinandersetzung mit dem Tod und dem Weiterleben der Mutter in der Tochter ein zentraler Aspekt des Buchs. Der Abschied von der sterbenskranken Mutter ist zugleich Leitmotiv wie auch emotionale Grundierung des Romans. Anhand ihrer Mutter beschäftigt sich die Autorin mit einer Generation von Frauen, die gelernt hat, sich zurückzunehmen: „Du brauchtest nichts und hast nicht gelernt zu genießen. Jedes Jahr fragtest du, was es überhaupt zu feiern gäbe: Alle Menschen werden geboren, und alle sterben sie irgendwann.“

Lena Gorelik spricht mit Empathie über ihre Figuren, umarmt sie aber nicht. Sie tappt nicht in die Falle, ihnen eigene Vorstellungen aufzuoktroyieren, was gerade bei Langessays naheliegt, da die zu verkörpernden Ideen gleich mitgeliefert werden. Eine noch größere Falle, nicht genug Abstand zu halten, bilden gemeinhin autobiografisch-introspektive Passagen, aber Lena Gorelik gelingt es, ihre Geschichten lesenswert zu ergänzen ohne ihr Personal mit Theorie zu erschlagen oder allzu fest zu umklammern. Auf eine unaufgeregte Weise ergreift sie für ihre (Nicht)-Mütter Partei; ein feministischer Unterton in Moll ist in Alle meine Mütter stets vorhanden, eher ruhig benennend, an die Macht der Recherche und des Worts glaubend, als agitatorisch-kämpferisch.

Man muss wissen, auf was man sich bei Alle meine Mütter einlässt, aber wenn man sich auf die thematische Umkreisung des Themas einstellt, eher in die Multitude eintaucht als eine stringente Geschichte erwartet, dann kann man mit Lena Goreliks neuem Buch auf eine melancholische Art glücklich werden.

Lena Gorelik: Alle meine Mütter. Rowohlt Verlag 2026, 272 S. ISBN: 978-3-498-00762-1

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