Bei der Leipziger Buchmesse 2026
Vom 19.3.26 – 22.3.26 öffnete die Leipziger Messe ihre Hallen für die Frühjahrsbuchmesse. Über Bildungsangebote und Lesungen, Cos-Player, die nicht mehr auffallen, und das Messe-Gefühl in der sächsischen Metropole.
*
Dass die Leipziger Buchmesse mit über 300.000 Besuchern einen neuen Rekord aufstellen wird, lässt sich an diesem Freitag, dem 20.3.26, bereits erahnen. Morgens halb elf sind die Hallen bereits gut gefüllt, die Verbindungsgänge verstopft. Von Jahr zu Jahr scheint es mehr Menschen zu geben, die beim Sprechen oder Tippen in ihr Smartphone vergessen, dass sie nicht auch physisch von der Welt verschwunden sind. Angestrengt stierende, mit unsichtbaren Partnern kommunizierende Gestalten stehlen den bunten, fantasievoll verkleideten Cosplayern insofern die Show, als man die halb Abwesenden eben umschiffen muss. Die digitale Welt dominiert an solchen Orten nicht nur ihre browsenden Nutzer, sondern häufig auch die sie umbrausenden Mitmenschen.
Aus dem überbordenden Angebot an Veranstaltungen wähle ich drei recht unterschiedliche aus: einen Vortrag zur Selbstvermarktung als Autorin oder Autor, eine Lesung am Messestand und ein Podiumsgespräch mit performativen Elementen abseits des Messegeländes in der Stadt.
Menschentrauben vor Messeständen
An ihrem eigenen Stand vermarktet Buchcoach Yvonne ihre selbstverlegten Bücher, die Schreibenden helfen sollen, sich in der Welt des Buches zurechtzufinden, die nicht zuletzt ja auch eine Handelswelt ist. Kraus hat 2025 den „BoD-Preis“ als Buchcoach des Jahres erhalten. Die Books on Demand GmbH mit Sitz in Hamburg ist ein Dienstleistungsunternehmen, das Autorinnen und Autoren sowie Verlagen ermöglicht, Bücher und E-Books per Print-on-Demand selbst zu veröffentlichen, zu produzieren und zu vertreiben.
Kraus hält einen Vortrag zum Thema Selbstvermarktung für Schreibende. Etwas über zwanzig Leute tummeln sich in und vor ihrem Stand. Der recht große Andrang hat den Buchcoach überrascht. Eine akustische Verstärkung fehlt bzw. lässt sich nicht aktivieren. So bleibt mir manches Detail ihrer Ausführungen verschlossen. Im Wesentlichen geht es darum, dass eine erfolgreiche Buchveröffentlichung – besonders im Self-Publishing – stark von gezieltem Marketing, klarer Zielgruppenansprache und dem Aufbau von Reichweite über ausgewählte Social-Media-Kanäle abhängt. Kraus empfiehlt den Aufbau einer eigenen Community, etwa über einen Newsletter. Beim Launch spielen Werbeanzeigen sowie ein gutes Buchcover, Klappentexte, Rezensionen eine große Rolle. Autorinnen und Autoren sollten zwischen Self-Publishing und Verlag abwägen. Beide Wege erfordern unterschiedliche Strategien.
Die Firma BoD schreibt, dass sie über 4 Millionen Titel „von Verlagen und Autor*innen druckbereit“ auf ihren Servern liegen habe. Über 60.000 Schreibende seien in diesem Rahmen im Self-Publishing aktiv (Stand 2025).
Eine Halle weiter hat die tageszeitung ihren Stand. Auch hier reichen die Sitz- und Stehplätze für das andrängende Publikum nicht aus. Für Passanten bleibt nur ein schmaler Pfad offen. Auf der Bühne nehmen meine Kollegin, die Schriftstellerin Lena Gorelik, und Doris Akrap Platz. Gorelik präsentiert ihr eben erschienenes Buch Alle meine Mütter. Der vorgesehene Slot von einer halben Stunde lässt für die Lesung aus dem Buch nur etwa drei Minuten Zeit. Der Rest ist Gespräch.
Lena Gorelik und Doris Akrap auf der taz-Lesebühne © Literaturportal Bayern
Ob zu Recht „Roman“ auf dem Buch stehe, will die Moderatorin zunächst wissen. Gorelik führt aus, dass ein Roman in ihren Augen viel mehr könne als von A nach Z zu erzählen und die Gattungsbezeichnung also gerechtfertigt sei. Im Fall von Alle meine Mütter scheint es mir ähnlich wie bei Albert Ostermaiers roman über pasolini eigentlich um einen Essay zu handeln. „Roman“ könnte aus Verlagssicht aber das bessere Verkaufsargument sein.
Lena Gorelik spricht über die Genese ihres Buches. Es handele von vielfältigen Mütterbildern, habe jedoch keinen enzyklopädischen Anspruch. Die Geschichten seien ihr zugeflogen. „Ich“ habe sie eigentlich nicht schreiben wollen, es habe sich im Laufe des Schreibens jedoch gezeigt, dass es unvermeidlich auch um ihr eigenes Tochtersein gehen musste. Von einer Mutter werde erwartet, ihr weibliches Subjekt im Moment des Mutterseins hinter die Subjekte der Kinder zurücktreten zu lassen. Auch würden Müttern weniger Fehler zugestanden als Vätern.
Die Moderatorin fragt mit einer gewissen Faszination nach dem Mutterbild der russischen Gesellschaft. Gorelik, die als Kind von dort nach Deutschland kam und in Bayern aufgewachsen ist, gibt geduldig Auskunft um Auskunft. Einen letzten interessanten Gedanken äußert sie gegen Ende der kurzen halben Stunde: Wenn man zu viel über die Mutter wisse, sei sie weg. An die Stelle der Figur der Mutter trete dann, so verstehe ich es, einfach eine in dieser Welt für sich lebende Frau.
Kombinierte Lesenacht und Party
Das Team der Messe Leipzig oder wer immer dafür verantwortlich sein mag, die Stadt, die Bahn, vielleicht alle zusammen, haben sich ordentlich ins Zeug gelegt, um die An- und Abfahrtssituation bei der Messe zu verbessern. Ein launig das Geschehen vor seinen Augen kommentierender Ordner weist die Abfahrenden zu bestimmten Türen eines Shuttle-Busses. Als der gefüllt ist, bringt er die Fahrgäste im Schritttempo, immer wieder geduldig hinter auf der Fahrbahn befindlichen Fußgängern her rollend, die wenigen hundert Meter bis zum Messe-Bahnhof. Dort steigen wir in eine nicht zu volle S-Bahn.
Der Slot zum Ausruhen ist leider auch nicht größer als dreißig Minuten. Anschließend fahre ich zusammen mit meiner Kollegin, der Autorin Heike Geißler, in der Straßenbahn zu ihrer abendlichen Lesung. Am Ende der Eisenbahnstraße im Leipziger Osten stehen ein paar angeblich besetzte Häuser, in deren Hof sich ein einstöckiges Ziegelgebäude befindet. Das ist der Ort für eine laut Google-KI „kombinierte Lesenacht und Party“. Wir mogeln uns an der Schlange der Wartenden vorbei zum Eingang, nachdem wir sehen, dass immer mehr Menschen mit enttäuschten Mienen das Gelände wieder verlassen. „Vorbeimogeln“ ist dabei nur zum Teil wahr – schließlich hat Heike Geßler als Lesende an diesem Abend jedes Recht, am Publikum vorbei ins Backstage zu gehen.
Den Auftritt des jungen Autors und Chefredakteurs der Literaturzeitschrift Edit Giorgio Ferretti verpassen wir, weil der Raum hoffnungslos überfüllt ist. Auch hier steht ein Teil des Publikums in einer Traube vor dem eigentlichen Veranstaltungsort. Die Temperatur sinkt schnell, und wir warten das Ende des ersten Teils der Lesenacht zunächst hinter der Bühne ab. Als Hartgesottene gehen wir schließlich doch in den Garten.
Zusammen mit Enrico Ippolito und Miryam Schellbach stellt Geißler die Literaturzeitschrift delfi vor. Das „Magazin für neue Literatur“ wird unter dem Dach des Ullstein Verlags seit 2023 herausgebracht. Die aktuelle Nr. 6 beschäftigt sich mit dem Thema „Hype“. Dieser Begriff verstehe sich, so Geißler und Ippolito, als Er- und Überhöhung eines Phänomens für eine kurze Zeitspanne.
Heike Geißler liest einige Passagen aus ihrem in delfi veröffentlichten „Berufsprotokoll“. Es geht darin um die Tätigkeit der „Wandlerin“. Geißler stellt sich mit dieser Art des Schreibens in eine Tradition mit u.a. Maxi Wander (Guten Morgen, du Schöne). Allerdings geht es bei Heike Geißler um Arbeitsprotokolle erfundener Personen. Sie will darin Menschen, die es nicht gibt, zum Sprechen bringen.
Von hier kommen die drei auf der Bühne Agierenden auf den Begriff der Arbeit zu sprechen. Dazu hat Heike Geißler mehrfach veröffentlicht – 2015 bereits Saisonarbeit, das sich mit den Bedingungen eines befristeten Jobs bei Amazon befasst, und 2025 einen Arbeiten betitelten Buch-Essay. Darin denkt sie über den Sinn der Arbeit nach, über ihre Allgegenwärtigkeit, über materielle und unsichtbare Arbeit, über Geben und Nehmen, Gewinner und Verlierer – so der Verlagstext – und zeigt die tiefen Gräben zwischen Überleben und Wachstum auf. Ippolito stellt die Frage in den Raum, ob Arbeit der Kitt der Gesellschaft sei. Geißler denkt ihre Antwort lieber nach vorn: Wie wäre die Welt ohne Arbeit? Schließlich sei eine Welt wie die unsere eine, in der gearbeitet wird, nichts Unveränderliches, vielmehr eine Suggestion.
Zum Abschluss lesen die Drei noch ein Interview, das Ippolito für delfi mit Maggie Nelson zum Thema „Hype und Cringe“ geführt hat. Er selbst übernimmt lesend die Rolle der amerikanischen Autorin. Mit viel Spaß und kleinen Ausschmückungen und Sottisen über die Situation bei der Videokonferenz, in der das Gespräch geführt wurde, geht dieser Teil des Abends zu Ende. Die mit der Lesenacht kombinierte Party lassen wir aus. Heike und ich fahren mit der Straßenbahn durch diesen etwas rauen Teil der Stadt zurück ins Zentrum. „Wenn du in Leipzig eine Schießerei erleben willst“, sagt Heike beiläufig zu mir, „dann kommst du am besten in diese Gegend.“ – Ich möchte lieber nicht.
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Vom 19.3.26 – 22.3.26 öffnete die Leipziger Messe ihre Hallen für die Frühjahrsbuchmesse. Über Bildungsangebote und Lesungen, Cos-Player, die nicht mehr auffallen, und das Messe-Gefühl in der sächsischen Metropole.
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Dass die Leipziger Buchmesse mit über 300.000 Besuchern einen neuen Rekord aufstellen wird, lässt sich an diesem Freitag, dem 20.3.26, bereits erahnen. Morgens halb elf sind die Hallen bereits gut gefüllt, die Verbindungsgänge verstopft. Von Jahr zu Jahr scheint es mehr Menschen zu geben, die beim Sprechen oder Tippen in ihr Smartphone vergessen, dass sie nicht auch physisch von der Welt verschwunden sind. Angestrengt stierende, mit unsichtbaren Partnern kommunizierende Gestalten stehlen den bunten, fantasievoll verkleideten Cosplayern insofern die Show, als man die halb Abwesenden eben umschiffen muss. Die digitale Welt dominiert an solchen Orten nicht nur ihre browsenden Nutzer, sondern häufig auch die sie umbrausenden Mitmenschen.
Aus dem überbordenden Angebot an Veranstaltungen wähle ich drei recht unterschiedliche aus: einen Vortrag zur Selbstvermarktung als Autorin oder Autor, eine Lesung am Messestand und ein Podiumsgespräch mit performativen Elementen abseits des Messegeländes in der Stadt.
Menschentrauben vor Messeständen
An ihrem eigenen Stand vermarktet Buchcoach Yvonne ihre selbstverlegten Bücher, die Schreibenden helfen sollen, sich in der Welt des Buches zurechtzufinden, die nicht zuletzt ja auch eine Handelswelt ist. Kraus hat 2025 den „BoD-Preis“ als Buchcoach des Jahres erhalten. Die Books on Demand GmbH mit Sitz in Hamburg ist ein Dienstleistungsunternehmen, das Autorinnen und Autoren sowie Verlagen ermöglicht, Bücher und E-Books per Print-on-Demand selbst zu veröffentlichen, zu produzieren und zu vertreiben.
Kraus hält einen Vortrag zum Thema Selbstvermarktung für Schreibende. Etwas über zwanzig Leute tummeln sich in und vor ihrem Stand. Der recht große Andrang hat den Buchcoach überrascht. Eine akustische Verstärkung fehlt bzw. lässt sich nicht aktivieren. So bleibt mir manches Detail ihrer Ausführungen verschlossen. Im Wesentlichen geht es darum, dass eine erfolgreiche Buchveröffentlichung – besonders im Self-Publishing – stark von gezieltem Marketing, klarer Zielgruppenansprache und dem Aufbau von Reichweite über ausgewählte Social-Media-Kanäle abhängt. Kraus empfiehlt den Aufbau einer eigenen Community, etwa über einen Newsletter. Beim Launch spielen Werbeanzeigen sowie ein gutes Buchcover, Klappentexte, Rezensionen eine große Rolle. Autorinnen und Autoren sollten zwischen Self-Publishing und Verlag abwägen. Beide Wege erfordern unterschiedliche Strategien.
Die Firma BoD schreibt, dass sie über 4 Millionen Titel „von Verlagen und Autor*innen druckbereit“ auf ihren Servern liegen habe. Über 60.000 Schreibende seien in diesem Rahmen im Self-Publishing aktiv (Stand 2025).
Eine Halle weiter hat die tageszeitung ihren Stand. Auch hier reichen die Sitz- und Stehplätze für das andrängende Publikum nicht aus. Für Passanten bleibt nur ein schmaler Pfad offen. Auf der Bühne nehmen meine Kollegin, die Schriftstellerin Lena Gorelik, und Doris Akrap Platz. Gorelik präsentiert ihr eben erschienenes Buch Alle meine Mütter. Der vorgesehene Slot von einer halben Stunde lässt für die Lesung aus dem Buch nur etwa drei Minuten Zeit. Der Rest ist Gespräch.
Lena Gorelik und Doris Akrap auf der taz-Lesebühne © Literaturportal Bayern
Ob zu Recht „Roman“ auf dem Buch stehe, will die Moderatorin zunächst wissen. Gorelik führt aus, dass ein Roman in ihren Augen viel mehr könne als von A nach Z zu erzählen und die Gattungsbezeichnung also gerechtfertigt sei. Im Fall von Alle meine Mütter scheint es mir ähnlich wie bei Albert Ostermaiers roman über pasolini eigentlich um einen Essay zu handeln. „Roman“ könnte aus Verlagssicht aber das bessere Verkaufsargument sein.
Lena Gorelik spricht über die Genese ihres Buches. Es handele von vielfältigen Mütterbildern, habe jedoch keinen enzyklopädischen Anspruch. Die Geschichten seien ihr zugeflogen. „Ich“ habe sie eigentlich nicht schreiben wollen, es habe sich im Laufe des Schreibens jedoch gezeigt, dass es unvermeidlich auch um ihr eigenes Tochtersein gehen musste. Von einer Mutter werde erwartet, ihr weibliches Subjekt im Moment des Mutterseins hinter die Subjekte der Kinder zurücktreten zu lassen. Auch würden Müttern weniger Fehler zugestanden als Vätern.
Die Moderatorin fragt mit einer gewissen Faszination nach dem Mutterbild der russischen Gesellschaft. Gorelik, die als Kind von dort nach Deutschland kam und in Bayern aufgewachsen ist, gibt geduldig Auskunft um Auskunft. Einen letzten interessanten Gedanken äußert sie gegen Ende der kurzen halben Stunde: Wenn man zu viel über die Mutter wisse, sei sie weg. An die Stelle der Figur der Mutter trete dann, so verstehe ich es, einfach eine in dieser Welt für sich lebende Frau.
Kombinierte Lesenacht und Party
Das Team der Messe Leipzig oder wer immer dafür verantwortlich sein mag, die Stadt, die Bahn, vielleicht alle zusammen, haben sich ordentlich ins Zeug gelegt, um die An- und Abfahrtssituation bei der Messe zu verbessern. Ein launig das Geschehen vor seinen Augen kommentierender Ordner weist die Abfahrenden zu bestimmten Türen eines Shuttle-Busses. Als der gefüllt ist, bringt er die Fahrgäste im Schritttempo, immer wieder geduldig hinter auf der Fahrbahn befindlichen Fußgängern her rollend, die wenigen hundert Meter bis zum Messe-Bahnhof. Dort steigen wir in eine nicht zu volle S-Bahn.
Der Slot zum Ausruhen ist leider auch nicht größer als dreißig Minuten. Anschließend fahre ich zusammen mit meiner Kollegin, der Autorin Heike Geißler, in der Straßenbahn zu ihrer abendlichen Lesung. Am Ende der Eisenbahnstraße im Leipziger Osten stehen ein paar angeblich besetzte Häuser, in deren Hof sich ein einstöckiges Ziegelgebäude befindet. Das ist der Ort für eine laut Google-KI „kombinierte Lesenacht und Party“. Wir mogeln uns an der Schlange der Wartenden vorbei zum Eingang, nachdem wir sehen, dass immer mehr Menschen mit enttäuschten Mienen das Gelände wieder verlassen. „Vorbeimogeln“ ist dabei nur zum Teil wahr – schließlich hat Heike Geßler als Lesende an diesem Abend jedes Recht, am Publikum vorbei ins Backstage zu gehen.
Den Auftritt des jungen Autors und Chefredakteurs der Literaturzeitschrift Edit Giorgio Ferretti verpassen wir, weil der Raum hoffnungslos überfüllt ist. Auch hier steht ein Teil des Publikums in einer Traube vor dem eigentlichen Veranstaltungsort. Die Temperatur sinkt schnell, und wir warten das Ende des ersten Teils der Lesenacht zunächst hinter der Bühne ab. Als Hartgesottene gehen wir schließlich doch in den Garten.
Zusammen mit Enrico Ippolito und Miryam Schellbach stellt Geißler die Literaturzeitschrift delfi vor. Das „Magazin für neue Literatur“ wird unter dem Dach des Ullstein Verlags seit 2023 herausgebracht. Die aktuelle Nr. 6 beschäftigt sich mit dem Thema „Hype“. Dieser Begriff verstehe sich, so Geißler und Ippolito, als Er- und Überhöhung eines Phänomens für eine kurze Zeitspanne.
Heike Geißler liest einige Passagen aus ihrem in delfi veröffentlichten „Berufsprotokoll“. Es geht darin um die Tätigkeit der „Wandlerin“. Geißler stellt sich mit dieser Art des Schreibens in eine Tradition mit u.a. Maxi Wander (Guten Morgen, du Schöne). Allerdings geht es bei Heike Geißler um Arbeitsprotokolle erfundener Personen. Sie will darin Menschen, die es nicht gibt, zum Sprechen bringen.
Von hier kommen die drei auf der Bühne Agierenden auf den Begriff der Arbeit zu sprechen. Dazu hat Heike Geißler mehrfach veröffentlicht – 2015 bereits Saisonarbeit, das sich mit den Bedingungen eines befristeten Jobs bei Amazon befasst, und 2025 einen Arbeiten betitelten Buch-Essay. Darin denkt sie über den Sinn der Arbeit nach, über ihre Allgegenwärtigkeit, über materielle und unsichtbare Arbeit, über Geben und Nehmen, Gewinner und Verlierer – so der Verlagstext – und zeigt die tiefen Gräben zwischen Überleben und Wachstum auf. Ippolito stellt die Frage in den Raum, ob Arbeit der Kitt der Gesellschaft sei. Geißler denkt ihre Antwort lieber nach vorn: Wie wäre die Welt ohne Arbeit? Schließlich sei eine Welt wie die unsere eine, in der gearbeitet wird, nichts Unveränderliches, vielmehr eine Suggestion.
Zum Abschluss lesen die Drei noch ein Interview, das Ippolito für delfi mit Maggie Nelson zum Thema „Hype und Cringe“ geführt hat. Er selbst übernimmt lesend die Rolle der amerikanischen Autorin. Mit viel Spaß und kleinen Ausschmückungen und Sottisen über die Situation bei der Videokonferenz, in der das Gespräch geführt wurde, geht dieser Teil des Abends zu Ende. Die mit der Lesenacht kombinierte Party lassen wir aus. Heike und ich fahren mit der Straßenbahn durch diesen etwas rauen Teil der Stadt zurück ins Zentrum. „Wenn du in Leipzig eine Schießerei erleben willst“, sagt Heike beiläufig zu mir, „dann kommst du am besten in diese Gegend.“ – Ich möchte lieber nicht.

